Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Gewiß«, nickte Kutusow mit seinem klotzigen Schädel, »es ist ein kälberhaftes Hochrecken des Schweifs zu beobachten. Andererseits muß aber zugegeben werden, daß man die jungen Leute allzu plump aufzuhetzen versucht, indem man sich bemüht, den Saft der Rebellion aus ihnen herauszupressen.«
»Der Randaliersucht!« verbesserte Turobojew.
Klim suchte eifersüchtig zu ergründen, was diese Menschen verband. Einmal saß er bei den Premirows – in Erwartung des üblichen Konzerts – neben dem Dandy auf dem Sofa; und Kutusow ermahnte ihn:
»Streifen Sie doch diese Ironie ab. Sie ist so billig.«
»Und unvorteilhaft«, gab Turobojew zu. »Ich begreife wohl, daß es vorteilhafter ist, sich auf der linken Seite des Lebens niederzulassen, aber ach! Ich bin dazu nicht imstande ...«
Mit ansteckendem Gelächter schrie Kutusow:
»Ja, aber Sie haben sich doch schon gerade auf dieser, auf der linken Seite niedergelassen!«
Am selben Abend fragte ihn Klim:
»Was gefällt Ihnen eigentlich an Turobojew?«
Der Bärtige entgegnete in väterlichem Ton:
»Eine bestimmte Dosis Säure braucht der Organismus ebenso notwendig wie Salz. Ich ziehe die Tschaadajewsche Stimmung der Allwissenheit gewisser literarischer Küster vor.«
Das wurde in Dmitris Gegenwart gesagt, der eilig erläuterte:
»Turobojew ist interessant als Vertreter einer aussterbenden Klasse.«
Kutusow, der ihm einen lächelnden Blick zuwarf, belobte:
»Brav, Mitja!«
Samgin fand dieses Lächeln wenig schmeichelhaft für den Bruder. Dieses feine, herablassende und ein wenig verschmitzte Lächeln fing er nicht selten in dem bärtigen Gesicht Kutusows auf, doch es weckte in ihm keine Zweifel an dem Studenten, sondern steigerte nur noch sein Interesse für ihn.
Auch die Nechajew gewann mit jedem Mal, doch sie genierte Klim durch den ungestümen Wunsch, in ihm den Gleichdenkenden zu finden. Sie zählte die Namen ihm unbekannter französischer Dichter auf und sprach so, als weihe sie ihn in Geheimnisse ein, die zu wissen Klim allein würdig sei.
»Haben Sie Lagores ›Illusionen‹ gelesen?« fragte sie. Der allwissende Dmitri erläuterte:
»Pseudonym des Doktors Casalez.«
»Er ist Buddhist, dieser Lagore, aber ein so boshafter, bitterer.«
Dmitri blickte zur Decke und erinnerte sich selber:
»Da ist ›Die Liebe des Satan‹.«
»Wie schade, daß Sie soviel Unnützes wissen«, sagte ihm die Nechajew mit Verdruß und wandte sich wieder an den jüngeren Samgin, dem sie Rostands »Prinzessin Traum« pries.
»Es ist ein Meisterwerk der neuen Romantik. Rostand wird in naher Zukunft als Genie verehrt werden.«
Klim merkte, daß die Unmenge von Namen und Büchern, niemand bekannt außer Dmitri, alle befangen machte, daß man die literarischen Meinungen der Nechajew mit Mißtrauen und unernst aufnahm und daß dies das Mädchen verletzte. Sie tat ihm ein wenig leid. Turobojew hingegen, der Feind der Propheten, suchte mit bewußter Grausamkeit das Feuer ihrer Begeisterung auszutreten, indem er sagte:
»Dies muß als Zeichen der Übersättigung der Spießer mit billigem Rationalismus angesehen werden. Es ist der Anfang vom Ende einer geistlosen Epoche.«
Klim begann auf die Nechajew zu sehen wie auf ein phantastisches Wesen. Sie war irgendwohin weit vorangeeilt oder von der Wirklichkeit abgeirrt und lebte in Gedanken, die Klim Kirchhofgedanken nannte. In diesem Mädchen war eine an Verzweiflung grenzende Spannung, es gab Augenblicke, wo es schien, als würde sie sogleich aus dem Fenster springen. Besonders setzte Klim die Geschlechtslosigkeit, die physiologische Unsichtbarkeit der Nechajew in Erstaunen. Sie erregte in ihm nicht eine Spur männlichen Begehrens.
Sie aß und trank so, als tue sie sich Gewalt an, beinahe mit Abscheu, und es war deutlich zu sehen, daß dies kein Spiel und keine Koketterie war. Ihre dünnen Finger hielten sogar Messer und Gabel unbeholfen. Mit Überwindung zupfte sie vom Brot kleine Stückchen ab. Ihre Vogelaugen sahen auf diese Flocken weißen Brotes mit einem Ausdruck, als denke sie: ob dieses Zeug auch nicht bitter oder giftig ist?
Immer häufiger mußte Klim anerkennen, daß die Nechajew gebildeter und klüger als ihre ganze Gesellschaft war, aber diese Erkenntnis erweckte, ohne ihm das Mädchen näherzubringen, in ihm die Befürchtung, sie könne ihrerseits ihn durchschauen und mit ihm ebenso gnädig oder ärgerlich sprechen wie mit Dmitri.
Nachts in seinem Bett lächelte Klim, wenn er bedachte, wie schnell und leicht er aller Sympathien gewonnen hatte. Er war überzeugt, daß ihm das völlig geglückt sei. Doch wenn er das Vertrauen seiner Bekannten in ihn verzeichnete, vergaß er doch nicht die Vorsicht eines Menschen, der weiß, daß er ein gefährliches Spiel spielt, und empfand ganz die Schwierigkeit seiner Rolle. Es gab Momente, wo diese Rolle ihm lästig wurde und in ihm ein dunkles Bewußtsein seiner Abhängigkeit von einer Macht wachrief, die ihm feindlich war. Dann fühlte er sich als Diener eines unbekannten Herrn. Ihm fiel einer der zahllosen Aussprüche Tomilins ein:
»Auf die meisten Menschen wirkt das Übermaß an Erleben zerrüttend, indem es ihr moralisches Empfinden verschüttet. Doch dasselbe Übermaß an Erlebnissen züchtet bisweilen hochinteressante Typen. Nehmen Sie nur die Lebensbeschreibungen berühmter Verbrecher, Abenteurer oder Dichter. Überhaupt sind alle durch Erfahrung überlasteten Menschen amoralisch.«
Diese Worte des rothaarigen Lehrers hatten für Klim etwas ebensowohl Abschreckendes wie Verführerisches. Ihm schien, daß er schon mit Erfahrungen überlastet sei, doch zuweilen ahnte er wohl auch, daß alle Eindrücke, alle Gedanken, die er gesammelt hatte, ihm nichts nützten. Sie enthielten nichts, was fest mit seinem Wesen verwachsen wäre, nichts, was er sein eigenes, persönliches Denken, sein Bekenntnis nennen konnte. Dieses Gefühl feindseliger Diskrepanz zwischen ihm, dem Gefäß, und seinem Inhalt, empfand Klim immer häufiger und mit wachsender Unruhe. Er beneidete Kutusow, der einen Glauben erlernt hatte und ruhig sein Evangelium predigte, aber er beneidete auch Turobojew: Dieser glaubte offenkundig an nichts und besaß die Kühnheit, die Glaubenswahrheiten der anderen zu verlachen. Wenn Turobojew mit Kutusow und Dmitri sprach, erinnerte sich Klim des alten Handlangers vom Bau, der so arglistig und schadenfroh den dummen Kraftprotzen anstachelte, die noch brauchbaren Ziegel zu zertrümmern.
Samgin war überzeugt, daß alle Menschen ehrgeizig waren, daß jeder Abstand von den anderen wahrte, nur um stärker aufzufallen, und daß dies die Quelle aller Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten war. Aber er begann zu argwöhnen, daß daneben noch etwas anderes in den Menschen steckte, was er nicht verstand, und es stachelte ihn der beharrliche Wunsch an, sie zu entblößen und zu ergründen, von welcher Art das Federwerk war, das sie zwang, gerade so und nicht anders zu sprechen und zu handeln. Für einen ersten Versuch wählte Klim die Nechajew. Sie schien ihm am tauglichsten, denn ihr fehlte das Fluidum des Weibes, und man konnte sie studieren, sezieren und entlarven, ohne befürchten zu müssen, in die dumme Situation jenes Greloux, des Helden von Bourgets Roman »Der Schüler«, der seinerzeit Aufsehen erregt hatte, zu geraten. Marina stieß ihn durch ihre animalische Energie ab, auch hatte sie nichts Rätselhaftes. Wenn Klim zufällig mit ihr allein im Zimmer blieb, fühlte er sich unter dem Blick ihrer vorquellenden Augen in Gefahr, und diesen Blick fand er herausfordernd und schamlos. Die Nechajew verschärfte seine Neugier, als sie beinahe hysterisch Dmitri ins Gesicht schrie: