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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Wenn Sie singen, Kutusow, mochte man glauben, daß Sie Gefühl haben, aber ...«

Kutusow ließ sie nicht zu Ende reden.

»Wenn ich singe, kann ich mich nicht verstellen. Wenn ich aber mit jungen Damen spreche, fürchte ich, daß das alles bei mir zu einfach herauskommt, und nehme aus Furcht falsche Noten. So wollten Sie doch sagen?«

Schweigend wandte Marina sich von ihm ab.

Mit Jelisaweta sprach Kutusow selten und wenig, verkehrte aber in freundschaftlichem Ton mit ihr. Er duzte sie und nannte sie manchmal Tante Lisa, obwohl sie höchstens zwei oder drei Jahre älter war als er. Die Nechajew übersah er, lauschte aber aufmerksam und stets aus der Ferne ihrem Streit mit Dmitri, der das Mädchen unermüdlich aufzog.

Kutusows Derbheit faßte Klim als die Gutmütigkeit eines wenig kultivierten Menschen auf und entschuldigte sie, da er in ihr nichts Erklügeltes sah. Es war ihm angenehm, die Nachdenklichkeit auf dem bärtigen Gesicht des Studenten zu sehen, wenn Kutusow Musik hörte. Angenehm war das mitleidige Lächeln, der traurige auf einen Punkt gerichtete, die Menschen und die Wand durchdringende Blick. Dmitri erzählte ihm, daß Kutusow der Sohn eines kleinen, zugrunde gerichteten Dorfmüllers war. Er war zwei Jahre Dorflehrer gewesen und hatte sich während dieser Zeit für die Universität vorbereitet, von der man ihn ein Jahr später wegen seiner Teilnahme an Studentenunruhen entfernte. Doch nach einem weiteren Jahr gelang es ihm mit Hilfe des Vaters von Jelisaweta Spiwak, des Adelsmarschalls seines Distrikts, von neuem die Universität zu beziehen.

Turobojew begegnete man in unbestimmter Weise. Bald betreute man ihn wie einen Kranken, bald äußerte man für ihn eine Art ärgerliche Furcht. Klim begriff nicht, wozu Turobojew überhaupt bei den Premirows verkehrte. Marina behandelte ihn mit ehrlicher Feindseligkeit, die Nechajew pflichtete nur unwirsch seinen Urteilen bei, während die Spiwak selten und immer mit gedämpfter Stimme mit ihm plauderte. Alles in allem war dieser Kreis recht interessant und regte an, zu ergründen, was diese so verschiedenartigen Menschen einte, wozu die derbe und allzu fleischliche Marina die beinahe körperlose Nechajew brauchte und warum Marina ihr so offenkundig und komisch den Hof machte.

»Iß! Du mußt mehr essen!« predigte sie ihr. »Wenn du auch nicht magst, iß trotzdem! Deine schwarzen Gedanken kommen davon, daß du dich schlecht nährst. Samgin Senior, wie heißt es auf Latein? In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist ...?«

Marinas Fürsorge, die die Nechajew verlegen lächeln machte, rührte sie, was Klim am dankbaren Aufleuchten der Augen dieses mageren und dürftigen Mädchens sah. Mit durchsichtiger Hand streichelte die Nechajew die blühende Wange ihrer Freundin, und auf ihrem blaßen Handrücken verschwanden die blutunterlaufenen Äderchen.

Klim fand, daß die Nechajew und Turobojew unter allen am wenigsten in diese Umgebung paßten, wohl überhaupt in jedem Haus und zwischen allen Leuten den Eindruck von Menschen erwecken mußten, die sich verirrt haben. Er fühlte seine Abneigung gegen Turobojew ständig wachsen. Dieser Mensch hatte etwas Verdächtiges, eisig Kaltes, der durchdringende Blick seiner schreienden Augen war der Blick eines Spions, der Verborgenes ans Licht bringen will. Zuweilen blickten seine Augen boshaft. Klim ertappte ihn häufig dabei, daß er gerade ihn mit diesem aufreizenden und unverschämten Blick fixierte. Turobojews Worte bestärkten Klim in seinem Argwohn: kein Zweifel, dieser Mensch war durch irgend etwas erbittert, verbarg seine Wut hinter ironischer Blasiertheit und sprach nur, um seinen Partner zu ärgern. Manchmal schien Turobojew Klim unausstehlich, das geschah immer mehr während seiner Gespräche mit Kutusow und Dmitri, Es war Klim unfaßbar, wie Kutusow gutmütig lachen konnte, wenn er die blasierten Meinungen dieses Gecken hörte.

»Sie prophezeien, Kutusow. Nach meiner Ansicht reden die Propheten nur zu dem Zweck von der Zukunft, um die Gegenwart abzulehnen.«

Kutusow lachte saftig, während Dmitri Turobojew auf alle jene Fälle hinwies, wo soziale Prophezeiungen eingetroffen waren.

Was Marina betraf, so pflegte Turobojew sie offenkundig zu hänseln.

»Das ist nicht wahr!« schrie sie, über etwas aufgebracht, und er entgegnete ernsthaft:

»Möglich. Aber ich bin kein Souffleur, und nur Souffleure sind verpflichtet, die Wahrheit zu sagen.«

»Warum die Souffleure?« fragte Marina und riß ihre ohnehin großen Augen auf.

»Nun ja, wenn der Souffleur lügt, verdirbt er Ihnen das Spiel.«

»Was für ein Unsinn!« sagte das Mädchen voll Verdruß und entfernte sich von ihm.

Ja, alles war fesselnd, und Klim fühlte, daß in ihm die Begierde, die Menschen zu ergründen, wuchs.

Die Universität ließ Klim völlig kalt. Die einführenden Vorlesungen des Historikers erinnerten ihn an den ersten Tag im Gymnasium. Große Ansammlungen von Menschen drückten ihn stets nieder. In der Menge zog er sich innerlich zusammen und büßte die Fähigkeit ein, seinen eigenen Gedanken zu folgen. Unter den uniform gekleideten und gewissermaßen ihrer individuellen Gesichter beraubten Studenten fühlte auch er sich als Larve.

Unten, über dem Katheder, erhob sich unter monotonen Armbewegungen der Oberkörper des dürren Professors, schwankte sein kahler, bärtiger Kopf, funkelten die Gläser und die goldene Fassung seiner Brille. Laut und mit Emphase sprach er tönende Worte.

»Vaterland. Volk. Kultur. Ruhm«, vernahm Klim. »Die Errungenschaften der Wissenschaft. Das Heer der Arbeiter, die im Kampf mit der Natur günstigere Lebensbedingungen schaffen. Der Triumph der Humanität.«

Klims Nachbar, ein magerer Student mit einer großen Nase in einem von Blattern zerfressenen Gesicht, stotterte:

»Z... zahm ...«

Dann sah er lange und aufmerksam mit stark gewölbten, trüben Augen auf das Zifferblatt der Wanduhr. Als der Professor, nachdem er die Luft mit dem Kopf aufgerührt hatte, verschwand, hob der Stotterer dreimal die langen Arme und klatschte gemessen in die Hände, wobei er jedoch wiederholte:

»N... nein, z...ahm. Und man erzählt von ihm, er sei ein R... radikaler. Sind Sie nicht aus Nowgorod Kollege? Nicht? Na, egal, lassen Sie uns Bekanntschaft schließen. Popow Nikolai.«

Er schüttelte Samgin heftig die Hand und rannte davon.

Die Wissenschaften interessierten Klim nicht besonders, er wünschte die Menschen kennenzulernen, und fand, daß ein Roman ihm über sie weit mehr Wissen vermittelte als ein wissenschaftliches Werk oder eine Vorlesung. Er äußerte sogar gegen Marina, die Kunst wisse vom Menschen mehr als die Wissenschaft.

»Na selbstredend«, stimmte Marina zu. »Man fängt jetzt an, das einzusehen. Sie sollten nur die Nechajew hören.«

Spät abends erschien Dmitri, durchnäßt und müde. Heiser fragte er:

»Nun? Dein Eindruck?«

Als Klim bekannte, daß er im Tempel der Wissenschaft keinerlei ehrfürchtigen Schauder verspürt habe, sagte sein Bruder unter Räuspern:

»Ich fühlte mich von der ersten Vorlesung aufgewühlt.«

Augenscheinlich mit etwas anderem beschäftigt, fügte er hinzu:

»Aber heute sehe ich, daß Kutusow recht hat. Die Studentenunruhen sind wahrhaft eine sinnlose Kraftvergeudung.«

Klim lächelte spöttisch, schwieg aber. Es war ihm schon aufgefallen, daß alle Studenten, die zum Bekanntenkreis seines Bruders und Kutusows gehörten, von den Professoren und der Universität ebenso feindselig sprachen wie die Gymnasiasten von den Lehrern und dem Gymnasium. Auf der Suche nach den Gründen eines solchen Verhaltens fand er, daß so ungleiche Menschen wie Turbojew und Kutusow den Ton angaben. Mit der ihm eigenen Ironie sagte Turobojew:

»An der Universität arbeiten nur die Deutschen, Polen und Juden und von den Russen bloß die Popensöhne. Alle übrigen Russen ziehen es vor, sich der Poesie unverantwortlicher Streiche hinzugeben, und leiden unter überraschenden Anfällen von spanischem Hochmut. Noch gestern wurde so einer von Väterchen an den Haaren gebeutelt, und heute hält der Bursche eine achtlose Antwort oder den schiefen Blick eines Professors für einen hinreichenden Grund für ein Duell. Wenn man will, kann man in einem so anmaßenden Benehmen auch ein unerklärlich rasches Wachstum der Persönlichkeit sehen, ich meinerseits bin jedoch geneigt, anders darüber zu denken.«

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