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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Der wahnsinnige Paul wollte ein schöneres Denkmal bauen als das von Falkonetow, aber es ist ein Dreck daraus geworden.«

Das Mädchen holte so rasch aus, als müsse sie unbedingt müde werden, und Klim empfand den Wunsch, sich in einen trockenen, hellen Winkel zu verkriechen und dort ungestört alles zu überdenken, was, von Blei und Vergoldung glitzernd, bronze- und kupferschimmernd, an seinen Augen vorüberschwamm.

»Weshalb schweigen Sie?« fragte streng Marina, und als Klim antwortete, daß die Stadt ihm die Sprache raube, rief sie triumphierend:

»Aha!«

Ganze Tage führte sie ihn durch Museen, und Klim sah, daß es ihr Vergnügen machte, wie einer Hausfrau, die mit ihrer Wirtschaft prahlt.

Als Samgin abends seinen Bruder aufsuchte, fand er bei ihm Kutusow und Turobojew. Sie saßen einander am Tisch gegenüber in der Haltung von Damespielern. Turobojew sagte, sich eine Zigarette anbrennend:

»Und wenn sich plötzlich erweist, daß der Zufall nur ein Pseudonym des Teufels ist?«

»Ich glaube nicht an Teufel«, sagte ernst Kutusow. Er drückte Klim die Hand.

Turobojew, der die Zigarette an der soeben zu Ende gerauchten Kippe angebrannt hatte, stellte diese in eine Reihe von sechs weiteren, bereits erloschenen. Turobojew hatte getrunken, sein welliges, dünnes Haar war zerwühlt, die Schläfen feucht. Sein bleiches Gesicht war dunkel geworden, aber seine Augen, die das rauchende Mundstück beobachteten, leuchteten blendend. Kutusow sah ihn mit tadelnden Blicken an. Dmitri hockte auf dem Bett und dozierte:

»Die Anschauung von der Schädlichkeit des Einflusses der Wissenschaft auf die Sitten ist ein alter, schäbig gewordener Gedanke. Zum letztenmal wurde er im Jahre 1750 sehr geschickt von Rousseau vorgetragen in seiner Antwort an die Akademie von Dijon. Unser Tolstoi hat sie wahrscheinlich aus den »Discours« des Jean Jacques abgelesen. Und was für ein Tolstoianer sind Sie auch, Turobojew! Sie sind einfach ein spleeniger Mensch.«

Ohne ihm zu antworten, lächelte Turobojew spöttisch, während Kutusow Klim fragte:

»Was halten Sie vom Tolstoianismus?«

»Es ist der Versuch, wieder dumm zu werden«, antwortete Klim mutig, dem im Gesicht und in den Augen Turobojews eine gewisse Ähnlichkeit mit Makarow, wie er vor dem Selbstmordversuch gewesen war, auffiel.

»Wieder dumm zu werden, das ist nicht schlecht gesagt. Ich glaube, das wird sich nicht vermeiden lassen, ob wir nun von Leo Tolstoi oder Nikolai Michailowski ausgehen.«

»Und wenn wir von Marx ausgehen?« fragte heiter Kutusow.

»An die erlösende Kraft des Fabrikkessels für Rußland glaube ich nicht.«

Klim blickte Kutusow zweifelnd an. Dieser Bauer, der sich als Student herausgeputzt hatte, wollte Marxist sein? Die schöne Stimme Kutusows harmonierte nicht mit dem lesenden Tonfall, womit er langweilige Worte und Zahlen vortrug. Dmitri störte Klim beim Zuhören.

»Ich habe ein Billett für die Oper – willst du hingehen? Ich habe es für mich genommen, bin aber verhindert. Marina und Kutusow gehen hin.«

Darauf berichtete er entrüstet, daß die Zensur endgültig die Aufführung der Oper »Der Kaufmann Kalaschnikow« verboten habe.

Turobojew stand auf, preßte die Stirn an die Fensterscheibe und sah hinaus und ging dann plötzlich fort, ohne sich von jemandem zu verabschieden.

»Ein kluger Junge«, sagte Kutusow, gleichsam bedauernd, seufzte und fügte hinzu:

»Und giftig ...«

Er knipste die Reihe der Zigarettenstummel mit den Fingernägeln vom Tisch und begann Klim eingehend auszuforschen, wie man in seiner Vaterstadt lebe, erklärte aber bald, sich durch den Bart hindurch am Kinn kratzend und eine Grimasse schneidend:

»Dasselbe wie bei uns in Wologda.«

Klim merkte, je zurückhaltender er antwortete, desto freundlicher und aufmerksamer betrachtete ihn Kutusow. Er beschloß, vor dem bärtigen Marxisten ein wenig zu glänzen, und sagte bescheiden:

»Im Grunde steht uns schwerlich das Recht zu, so bestimmte Schlüsse aus dem Leben der Menschen zu ziehen. Unter zehntausend wissen wir im besten Fall, wie hundert leben, reden aber so, als hätten wir das Leben aller erforscht.«

Sein Bruder gab ihm recht.

»Ein zutreffender Gedanke.«

Aber Kutusow fragte:

»Wirklich?« Und verbreitete sich von neuem über den Prozeß der Klassenbildung und die entscheidende Rolle des ökonomischen Faktors. Er redete schon nicht mehr so langweilig wie zu Turobojew, sondern mit gewinnendem Feingefühl, womit er Klim besonders in Erstaunen setzte. Samgin hörte seine Rede aufmerksam an, flocht vorsichtige Bemerkungen ein, die Kutusows Schlüsse bestätigten, gefiel sich und fühlte, daß sich in ihm Sympathie für den Marxisten regte.

Er suchte sein Zimmer mit der Gewißheit auf, den ersten Grundstein zu dem Piedestal gelegt zu haben, auf dem er, Samgin, mit der Zeit monumental ragen werde. Im Zimmer staute sich ein schwerer Ölgeruch. Am Morgen hatte der Glaser für den Winter die Fensterrahmen verkittet. Klim schnupperte, öffnete die Luftklappe und sagte gnädig mit leiser Stimme:

»Man wird es hier vielleicht doch aushalten können.«

Nach zwei Wochen überzeugte er sich endgültig davon, daß das Leben bei den Premirows unterhaltsam sei. Hier schien jedermann ihn nach Gebühr zu schätzen, und es setzte ihn sogar in einige Verlegenheit, wie wenig Anstrengung es ihn kostete. Aus all dem Scharfen, das er den Glossen Warawkas, den Betrachtungen Tomilins entnommen hatte, flocht er wohlabgerundete Urteile, die er mit der Miene eines Menschen vortrug, der Worten nicht recht glaubt. Er bemerkte schon, daß die derbe Marina ihn mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit fixierte, während die Nechajew lieber und vertraulicher mit ihm plauderte als mit allen anderen. Es war deutlich zu sehen, daß auch Dmitri, der stets in die Lektüre umfangreicher Bücher versunken war, auf seinen klugen Bruder stolz war. Klim seinerseits war bereit, auf die kolossale Belesenheit Dmitris stolz zu sein, der als Lexikon für die verschiedensten Wissensgebiete diente. Er zeigte der alten Premirow, wie man Eier auf »Björnburger« Art zubereitete, und erklärte Spiwak den Unterschied zwischen einem echten Volkslied und den süßlichen Nachahmungen eines Zyganow, Weltmann und anderer. Sogar Kutusow fragte ihn:

»Samgin, wer war es doch, der den Grafen Jakow Tolstoi der Spionage überführte?«

Worauf Dmitri eingehend über ein niemand bekanntes Buch Iwan Golowins, erschienen im Jahre 1846, Bericht erstattete. Er liebte es, sehr ausführlich zu erzählen und im Ton eines Professors, doch immer so, als ob er es sich selbst erzähle.

Die maßgeblichste Person bei den Premirows war Kutusow, aber versteht sich, nicht weil er viel und eindringlich von Politik sprach, sondern weil er künstlerisch sang. Er besaß einen unerschöpflichen Vorrat derber Gutherzigkeit, wurde niemals unwillig während der endlosen Diskussionen mit Turobojew, und oft sah Klim, daß dieser schlecht zugeschnittene, aber fest genähte Mensch alle mit einem eigentümlich sinnenden und gleichsam bedauernden Ausdruck seiner hellgrauen Augen betrachtete. Klim befremdete sein wegwerfendes, mitunter schroffes Benehmen gegen Marina, in seinen Augen schien dieses junge Mädchen ein tiefstehendes Wesen zu sein. Einmal abends, beim Tee, sagte sie wütend:

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