Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Als Artamonow das Zimmer betrat, drohte er ihnen im Geiste:
»Wartet, bis er zurückkehrt, dann wird er es euch schon zeigen...«
Miron begann sogleich von Moskau zu erzählen und zornig über die Untüchtigkeit der Regierung zu klagen. Dann kam Natalia mit ihrem Sohn, und Miron erörterte die Notwendigkeit des Baues einer Papierfabrik. Er setzte ihnen schon lange damit zu.
»Bei uns liegt das Geld unnütz da, Onkel«, sagte er. Natalia errötete derart, daß sogar ihre Ohren anschwollen, und erwiderte mit kreischender Stimme:
»Wo liegt es, bei wem liegt es denn?«
Artamonow wurde plötzlich von einer Öde umfangen, ihm war, als hätte sich vor ihm eine Tür weit aufgetan, und als blickte er in ein Zimmer, in dem alles so bis zum Überdruß bekannt war, daß der Raum leer erschien. Diese plötzliche körperliche Langeweile überkam ihn wie ein Nebel von außen her; sie verstopfte die Ohren, blendete die Augen, rief die Empfindung von Müdigkeit hervor und erschreckte durch Gedanken an Krankheit und Tod.
»Ich habe euch satt,« sagte er, »wann werde ich vor euch Ruhe haben?«
Jakow brummte:
»Man hat ohnedies genug Scherereien...«
Und Natalia schrie:
»Es treiben sich hier schon so viele Arbeiter herum, daß man nirgends mehr hingehen kann! Sie betrinken sich und schimpfen unflätig...«
Artamonow trat ans Fenster, – im Garten stand Tichon Wialow mit einem Mädchen und deutete mit dem Finger auf einen Apfelbaum.
»Ach, du Adam«, dachte Pjotr Artamonow, die Verstimmtheit abschüttelnd; solch weit abliegende Gedanken huschten oft wie Mäuse an ihm vorbei, er freute sich stets über ihre Plötzlichkeit, er liebte sie sogar deshalb, weil sie nicht beunruhigten, sie tauchten auf und verschwanden, und das war alles.
Mit Tichon war das auch so eine Sache; Pjotr Artamonow war tief gekränkt, als er sah, daß Alexej ihn bei sich aufnahm, nachdem Tichon über ein Jahr verschollen und dann plötzlich wieder erschienen war, und zwar mit einer unangenehmen Nachricht: Bruder Nikita hatte sich, unbekannt wohin, aus dem Kloster entfernt. Pjotr war überzeugt, daß der Alte wußte, wo sich Nikita befand, und es nur darum nicht mitteilte, weil er gern Unannehmlichkeiten bereitete. Wegen dieses Menschen verzankte Artamonow sich ernstlich mit dem Bruder, obwohl Alexej sich triftig verteidigte:
»Überlege doch: der Mensch hat das ganze Leben für uns gearbeitet, und wir haben ihn hinausgeworfen. Ist das in Ordnung?«
Pjotr wußte, daß es nicht in Ordnung war, aber Tichons Anwesenheit im Hause war für ihn noch störender. Auch seine Frau war diesmal, wohl zum erstenmal in ihrem ganzen Leben, auf Alexejs Seite. Sie sagte mit einer bei ihr ungewohnten Festigkeit:
»Das ist nicht recht, Pjotr Iljitsch. Schlage mich meinetwegen, es ist aber doch nicht recht!«
Sie und Olga überredeten und beruhigten ihn. Der gekränkte Mensch triumphierte aber:
»Siehst du? Dein Wille ist für niemand Gesetz. Siehst du?«
Der gekränkte Mensch wurde für Pjotr Artamonow immer sichtbarer und fühlbarer. Pjotr schleppte seinen schwer gewordenen Körper vorsichtig unter die Fichte, den Hügel hinan, setzte sich auf einen Sessel und dachte mit aufrichtigem Bedauern an diesen Menschen. Es war süß und bitter zugleich, sich einen unglücklichen, unverständlichen, von niemandem geschätzten, aber guten Menschen auszudenken; er ließ sich leicht ersinnen und entstand ebenso aus dem Nichts, wie an heißen Tagen über den Sümpfen in der blauen Leere der weiße Dunst der Wolken.
Beim Anblick des Werks und des aus ihm Geborenen flößte dieser Mensch ihm den Gedanken ein:
»Man hätte auch anders, auch ohne diese Erfindungen, leben können.«
Der Fabrikant Artamonow entgegnete ihm:
»Das sind Tichons Gedanken.«
»Der Pope Gleb hat dasselbe gesagt, auch Gorizwetow und noch viele andere. Ja, die Menschen zappeln wie Fliegen im Spinngewebe.«
»Man kann nicht so einfach durchs Leben kommen«, erwiderte ungern der Fabrikant.
Manchmal entbrannte dieser stumme Streit zweier Menschen in einem einzigen besonders heftig, und der gekränkte Mensch wurde unbarmherzig und schrie beinahe:
»Weißt du noch, wie du in betrunkenem Zustand auf der Messe in Nishni den Leuten gebeichtet hast, daß du, wie Abraham den Isaak, deinen Sohn als Sühnopfer darbrachtest, und daß dir der kleine Nikonow statt des Widders untergeschoben wurde? Erinnerst du dich? Das ist wahr, das ist wahr. Und dafür, für die Wahrheit, hast du mich mit der Flasche geschlagen. Ach, du hast mich erwürgt und zugrunde gerichtet! Du hast auch mich hingeopfert. Und für wen ist dieses Opfer, für wen? Für den gehörnten Gott, von dem Nikita sprach? Für ihn? Ach, du ...«
In den Augenblicken eines so unerbittlichen Streites schloß der Fabrikant Artamonow fest die Augen, um die beschämenden, zornigen und bitteren Tränen zu verbergen. Sie flossen aber unaufhaltsam, er wischte sie mit den Händen von Wangen und Bart ab, rieb dann die Handflächen aneinander trocken, und betrachtete stumpf seine verschwollenen, blauroten Hände. Und er trank in großen Schlucken Madeira direkt aus der Flasche.
Trotz dieser kummervollen Tränen, die der gekränkte Mann ihm auspreßte, war er Pjotr Artamonow angenehm und notwendig, wie ein Badediener, wenn er mit dem weichen, nicht zu heißen, duftig eingeseiften Waschlappen die Rückenhaut an der Stelle reibt, die man sich selbst nicht kratzen kann, weil der Arm nicht so weit reicht.
... Plötzlich erhob sich irgendwo weit in Sibirien eine starke Faust und begann auf Rußland loszuschlagen.
Alexej sprang herum, schwang die Zeitung und schrie:
»Raub! Mord!« Er hob seine Vogelklaue zur Decke, bewegte wild die Finger und zischte:
»Wir werden sie ... Wir werden ihnen ...«
Der Arzt mit den Goldzähnen lehnte sich, die Hände in den Taschen, an die warmen Ofenkacheln und murmelte:
»Es könnte auch sein, daß sie es uns zeigen.«
Dieser große, kupferrote Mensch lächelte natürlich, er lächelte immer, was auch gesprochen wurde; er erzählte sogar von Krankheiten und Todesfällen mit demselben Lächeln, mit dem er von einem mißglückten Preferencespiel sprach; Pjotr Artamonow betrachtete ihn wie einen Ausländer, der vor Verlegenheit lächelt, weil er die ihm fremden Menschen nicht zu verstehen vermag; Artamonow liebte ihn nicht und vertraute ihm nicht und ließ sich vom städtischen Arzt, dem schweigsamen Deutschen Krohn, behandeln.
Miron zupfte sich besorgt das Bärtchen, verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen in der Schläfe, schritt wie ein Storch aus einer Ecke in die andere und belehrte alle:
»Man hätte die Sache im Bunde mit den Engländern beginnen sollen...«
»Ja, welche Sache denn?« forschte Pjotr Artamonow, aber weder der gewandte Bruder, noch der kluge Neffe konnten ihm in klaren Worten erzählen, weswegen dieser Krieg plötzlich ausgebrochen war. Es war ihm angenehm, die Verwirrung der allwissenden, selbstsicheren Menschen zu sehen, besonders lächerlich kam ihm Alexej vor: er benahm sich derart unverständlich, daß man glauben konnte, dieser unerwartete Krieg treffe vor allem gerade ihn, Alexej Artamonow, und hindere ihn daran, etwas sehr Wichtiges zu vollführen.
In der Stadt wurde eine Kirchenprozession veranstaltet. Die bärtige Kaufmannschaft stampfte majestätisch und gottesfürchtig mit den schweren Füßen den reichlich gefallenen Schnee fest und schritt wie eine dichte Ochsenherde hinter der stämmigen, goldenen Geistlichkeit; man trug Heiligenbilder und Kirchenfahnen; der vereinigte Chor aller Kirchen der Stadt sang laut und eindringlich:
»Herr, errette deine Knechte...«
Die Worte des Gebetes, die an eine Forderung erinnerten, flogen als weißer Dampf aus den runden Mäulern auf, froren als Reif an den Brauen und Schnurrbärten der Bässe fest und verdichteten sich in den Bärten der nicht im Takt singenden Kaufmannschaft. Besonders durchdringend, beharrlich und nicht im geringsten Einklang mit dem Chor sang der Bürgermeister Woroponow, der Sohn des Stellmachers; er war dick und rot, hatte Augen von der Farbe von Perlmutterknöpfen und hatte, zugleich mit dem Vermögen, vom Vater einen unbezähmbaren Haß gegen alle Artamonows geerbt.