Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Solche Menschen wie Stepan Gorizwetow gehören einem aussterbenden Geschlecht an. Nirgends auf der Welt gibt es unnützere Menschen als ihn und seinesgleichen.«
Jakow sagte, um ihn aufzuhetzen:
»Und doch hat einer von ihnen dir geschickt den von dir liebevoll ausgesuchten Bissen vor der Nase weggeschnappt!«
Miron antwortete, die Schultern hebend:
»Ich bin kein Romantiker.«
»Wie? Was ist das?« fragte Pjotr Artamonow, und Miron antwortete mit scharfer Betonung, wie ein Richter, der sein Urteil vorliest:
»Niemand versteht, was ein Romantiker ist, Sie werden das auch nicht verstehen, Onkel. Das dient ebenso zur Verschönerung, wie eine Perücke für eine Glatze, oder als Vorsichtsmaßregel, wie ein falscher Bart für einen Spitzbuben.«
»Aha, er hat sich die Nase eingeklemmt«, dachte Pjotr mit Vergnügen.
Diese kleinen Freuden söhnten ihn ein wenig mit den zahlreichen Kränkungen aus, die er seitens der gewandten Leute erlitt; sie bemächtigten sich mit ihren fest zupackenden Händen immer mehr des Werks und schoben ihn beiseite, in die Einsamkeit. Er fand und ersann aber auch in der Einsamkeit etwas schmerzlich Angenehmes, sie machte ihn mit etwas Neuem, wenn auch scheinbar Bekanntem vertraut, – mit einem Pjotr Artamonow von anderen Umrissen und anderer Art.
Das war ein guter Mensch, doch war er grausam gekränkt worden; das Leben behandelte ihn ungerecht, wie die Stiefmutter den Stiefsohn. Er hatte das Leben als der gehorsame, stumme Diener seines Vaters begonnen, der ihm keinerlei Freuden, sondern nur eine dumme, langweilige Frau verschaffte und das große, schwere Unternehmen auf die Schultern lud. Ja, seine Frau hatte ihn geliebt, und ihr erstes Ehejahr war nicht übel gewesen; jetzt wußte er aber, daß selbst die liederliche Spulerin Sinaïda unterhaltender und leidenschaftlicher zu lieben verstand. Von den gewandten, tollen Frauen auf der Messe in Nishni ganz zu schweigen. Seine Frau hatte sich ihr ganzes Leben lang gefürchtet, zuerst vor Alexej, dann vor den Petroleumlampen und später vor den elektrischen Glühbirnen; wenn sie aufflammten, sprang Natalia zurück und bekreuzte sich. Sie hatte ihn auf der Messe in einem Grammophongeschäft beschämt:
»Ach, laß das, kaufe es nicht!« bat sie. »Vielleicht schreit aus diesem Ding ein Verdammter, und seine Seele ist darin versteckt!«
Jetzt fürchtete sie sich vor Miron, vor dem Arzt Jakowlew und vor ihrer Tochter Tatjana. Sie wurde unwahrscheinlich dick und aß den ganzen Tag. Und ihretwegen hätte sich sein Bruder beinahe umgebracht! Die Kinder achteten sie nicht. Als sie Jakow überreden wollte zu heiraten, riet er ihr spöttisch:
»Iß lieber irgend etwas, Mama.«
Sie erwiderte gehorsam und unsicher:
»Ich glaube, ich will schon nicht mehr.«
Und aß von neuem.
Der Vater sagte zu Jakow:
»Warum verspottest du die Mutter? Es ist Zeit, daß du heiratest!«
»Es ist jetzt nicht der richtige Augenblick, um sich durch eine Familie zu binden«, antwortete Jakow sachlich.
»Warum fürchtet ihr euch alle vor der Zeit?« zürnte der Vater. Der Sohn antwortete nicht und zuckte die Achseln.
Auch er sagte:
»Sie verstehen das nicht, Papa.«
Er sagte das zwar sanft; aber es war doch nicht möglich, daß der Vater weniger verstehen sollte als der Sohn! Die Menschen leben nicht von dem morgigen, sondern von dem gestrigen Tage, alle Menschen leben so.
Der Älteste, sein Lieblingssohn, war verschwunden und verloren. Aus Liebe zu ihm hatte er etwas tun müssen, woran er nicht zurückdenken wollte.
Die älteste Tochter Jelena, eine Frau mit dicken Hüften und breitem Gesicht, durch ihren Reichtum und durch ihren betrunkenen Mann verwöhnt, hatte sich in einen ganz fremden Menschen verwandelt; sie besuchte ab und zu die Eltern und erschien reich gekleidet und mit vielen Ringen an den Fingern. Sie klirrte mit goldenen Ketten und Berloques, blickte mit satten Augen durch eine goldene Lorgnette und sagte mit müder Stimme:
»Wie schlecht es bei euch riecht! Das ganze Haus ist so muffig und faulig! Ihr solltet ein neues bauen! Wer wohnt denn heutzutage neben einer Fabrik?«
Artamonow hörte zufällig, wie sie zur Mutter sagte:
»Papa ist noch immer ebenso? Wie langweilig muß es doch mit ihm sein! Mein Mann trinkt und treibt Unfug, aber er ist lustig.«
Sie hatte eine besonders aufreizende Leidenschaft für Reinlichkeit; wenn sie sich auf einen Stuhl setzte, klopfte sie ihn mit dem Taschentuch ab, und sie roch so stark nach Parfüm, daß man niesen mußte. Ihr rücksichtsloser, beleidigender Widerwillen gegen alles im Hause rief in Artamonow den Wunsch wach, der Tochter all das zu vergelten, wodurch sie ihn reizte; in ihrer Anwesenheit ging er in Unterwäsche, im offenen Schlafrock und in Galoschen an den nackten Füßen durch das Haus und sogar über den Hof, und bei Tische schmatzte und rülpste er wie ein Baschkire. Die Tochter war empört:
»Was soll das, Papa?«
Er hatte aber eben diese Empörung angestrebt.
»Verzeihen Sie, meine Gnädige!« sagte er. »Ich bin ja nur ein Bauer.«
Und rülpste und schmatzte noch wilder.
Die Tochter war im Ausland gewesen und erzählte des Abends träge und mit schmalziger Stimme der Mutter allerhand Unsinn: in irgendeiner Stadt bürsteten die Frauen die Außenwände der Häuser mit Seife ab; in einer andern Stadt war Sommer und Winter ein derartiger Nebel, daß den ganzen Tag die Laternen brannten, und man trotzdem nichts sah; in Paris handelten alle Leute mit fertigen Kleidern, und es gab dort einen so hohen Turm, daß man von dort aus Städte jenseits des Meeres sehen konnte. Jelena stritt mit der jüngeren Schwester und beschimpfte sie sogar. Tatjana wuchs als mageres, dunkles Mädchen heran und war über ihre Unansehnlichkeit erbittert. Etwas an ihr erinnerte an einen Küster; wahrscheinlich ihr kurzer Zopf, die flache Brust und die bläuliche Nase. Sie wohnte bei ihrer Schwester, konnte aus irgendeinem Grunde das Gymnasium nicht beenden, fürchtete sich vor Mäusen, war mit Miron einverstanden, daß man die Macht des Zaren einschränken müßte, und hatte vor kurzem Zigaretten zu rauchen begonnen. Wenn sie im Sommer in das Werk kam, schrie sie die Mutter wie einen Dienstboten an, sprach mit dem Vater durch die Zähne, las den ganzen Tag Bücher und ging des Abends in die Stadt, zum Onkel, von wo der Arzt Jakowlew, mit den Goldzähnen, sie zurückbrachte. Des Nachts schlief sie vor jungfräulicher Sehnsucht nicht und schlug mit dem Pantoffel die Mücken an den Wänden tot, was wie Pistolenschüsse knallte.
Alles ringsum wurde fremd, geräuschvoll und herausfordernd dumm; alles, von Mirons frechen Reden angefangen bis zu den sinnlosen Liedern des Heizers Waska, eines lahmen Bauern mit einer verrenkten Hüfte und einem zerzausten, besenähnlichen Kopf; an Feiertagen steckte Waska, der der Köchin den Hof machte, unter dem Küchenfenster, begleitete sich auf der Harmonika und brüllte mit geschlossenen Augen:
»Du bist mein Unglück,
Bist meine Gewohnheit,
Nur dich sucht mein Blick
Und dein Schnäuzchen, o Maid!«
Olga hatte schon lange nichts mehr von Ilja erzählt; der neue Pjotr Artamonow, der gekränkte Mensch, dachte aber immer öfter an seinen älteren Sohn. Ilja hatte sicher schon die entsprechende Vergeltung für seine Widerspenstigkeit erlitten, davon zeugte das veränderte Verhalten ihm gegenüber in Alexejs Haus. Als Pjotr Artamonow eines Abends zu Alexej kam und im Flur ablegte, hörte er, wie Miron, der aus Moskau zurückgekehrt war, sagte:
»Ilja gehört zu den Menschen, die das Leben nach dem Buch betrachten und eine Kuh nicht von einem Pferd zu unterscheiden vermögen.«
»Du lügst«, dachte Artamonow, der in dem feindseligen Urteil des Neffen etwas Tröstliches fand.
Alexej fragte:
»Gehört er derselben Partei wie Gorizwetow an?«
»Er ist noch schädlicher«, antwortete Miron.