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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Nein, Mädchen, das ist nicht für Sie geschrieben.«

Marina und Dmitri samt seinem Krückstock nahmen mehr Raum im Zimmer ein als alle anderen. Dmitri folgte dem Mädchen wie der Kahn dem Schleppdampfer. Der unruhige Gang Marinas hatte etwas Aufreizendes, er sprach von einem Überschuß an tierischer Energie und verwirrte Klim, indem er in ihm unzüchtige, für das Mädchen wenig ehrende Gefühle erregte. Man erwartete schon aus der Entfernung, daß sie einen mit ihren prallen hohen Brüsten oder mit ihrer Hüfte streifen würde. Klim beobachtete sie feindselig und dachte sich, daß sie wahrscheinlich nach Schweiß, Küche und Bad roch. Da stand sie, stemmte sich mit ihrer Brust gegen Kutusow und sagte schreiend und, wie es schien, beleidigt:

»Na ja, ich trage Jersey, weil ich Tolstois Predigten nicht ausstehen kann.«

»Hu«, machte Kutusow und schloß die Augen so fest, daß sein ganzes Gesicht sich greisenhaft verzerrte.

Die Frau des Pianisten irrte gleichfalls im Zimmer umher, wie eine Katze, die sich in eine fremde Wohnung verlaufen hat. Ihr wiegender Gang, der zerstreute Ausdruck ihrer blauen Augen, ihre Manier, Gegenstände zu berühren, das alles zog Klims Aufmerksamkeit an. Das Lächeln ihrer straff gespannten Lippen schien gezwungen, ihre Schweigsamkeit verdächtig.

»Sie ist schlau«, dachte Klim.

Die Nechajew war unsympathisch. Sie nahm eine gekrümmte Haltung ein. Ein betäubender Geruch von starkem Parfüm ging von ihr aus. Man mochte meinen, die Schatten in ihren Augenhöhlen seien künstlich, ebenso die Röte ihrer Wangen und die unnatürliche Grellheit ihrer Lippen. Das über die Ohren gekämmte Haar machte ihr Gesicht schmal und spitz, doch Klim fand das Mädchen schon nicht mehr so garstig, wie sie ihm auf den ersten Blick erschienen war. Ihre Augen blickten traurig auf die Menschen, sie sah so aus, als fühle sie sich ernster als alle in dem Zimmer.

Unvermittelt fiel Klim ein, wie empörend Lida sich von ihm verabschiedet hatte, als sie nach Moskau reiste.

»Ich glaube daran, daß du mit dem Schild und nicht auf dem Schild heimkehren wirst«, hatte sie mit einem bösen Lächeln gesagt.

Jetzt trat sein Bruder hinzu, streckte sich neben Klim aus und nach einer Minute hörte Klim die Nechajew gleichsam die Namen der Kalenderheiligen abbeten:

»Mallarmé, Rolina, René Giles, Peladan ...«

»Max Nordau hat sie glänzend abgefertigt«, sagte Dmitri in neckendem Ton.

Kutusow zischte und drohte ihm mit dem Finger, denn Spiwak begann Mozart zu spielen. Behutsam trat Turobojew herein und hockte sich, mit einem Lächeln für Klim, auf die Sofalehne. Aus der Nähe betrachtet, erschien er zu alt für seine Jahre. Das eigentümliche Weiß seines Teints schien gepudert, unter den Augen zeichneten sich blaue Schatten ab, die Mundwinkel hingen müde herab. Als Spiwak aufgehört hatte zu spielen, sagte Turobojew:

»Sie haben sich sehr verändert, Samgin. Ich erinnere mich Ihrer als eines kleinen Pedanten, der es liebte, alle zu belehren.«

Klim biß fest die Zähne zusammen und überlegte, was er diesem Menschen antworten sollte, unter dessen beharrlichem Blick er sich beengt fühlte. Dmitri begann unpassend und viel zu laut über Konservativismus zu reden. Turobojew sah ihn mit zugekniffenen Augen an und versetzte gleichgültig:

»Mir dagegen gefällt Beständigkeit des Geschmacks und der Anschauungen.«

»Das Dorf ist noch beständiger.«

»Ich kann darin nichts Schlechtes sehen«, meinte Turobojew, der sich eine Zigarette angesteckt hatte. »Hier hingegen haben alle Erscheinungen und die Menschen selbst etwas in höherem Maße Vergängliches, ich würde sogar sagen: sie scheinen sterblicher zu sein.«

»Das ist sehr richtig«, stimmte die Nechajew zu. Turobojew lächelte ironisch. Seine Lippen waren ungleich, die untere war bedeutend dicker als die obere, die dunklen Augen schön geschnitten, aber ihr Blick unangenehm vieldeutig und unergründlich. Samgin schloß, daß es die schreienden Augen eines Menschen waren, der krank war und bemüht, seine Leiden zu verbergen, und daß Turobojew ein frühzeitig verlebter Mensch war. Der Bruder stritt mit der Nechajew über den Symbolismus. Sie wies ihn ein wenig gereizt zurecht:

»Sie bringen die Sachen durcheinander. Beim Symbolismus muß man von den Ideen Platons ausgehen.«

»Erinnern Sie sich Lida Warawkas?« fragte Klim. Turobojew antwortete nicht gleich. Er starrte auf den Rauch seiner Zigarette.

»Natürlich. So ein frisches Zigeunermädel? Was ... wie geht es ihr? Sie will Schauspielerin werden? Eine wahrhaft weibliche Wahl«, schloß er, lächelte Klim ins Gesicht und sah zur Spiwak hinüber. Sie stand, über die Schulter ihres Mannes auf die Klaviatur geneigt und fragte Marina:

»Hörst du? E, B, Moll.«

»Und das ist alles?« fragte Klim, innerlich zu Lida gewandt. Dieser Gedanke sollte schadenfroh sein, war aber ein trauriger.

Wieder begann man zu singen, und wieder mochte Klim kaum glauben, daß dieser bärtige Mensch mit dem groben Gesicht und den roten Fäusten so geschult und schön singen konnte. Marina ergoß sich stürmisch, riß aber beim Detonieren den Mund weit auf, runzelte ihre goldenen Brauen, und die Hügel ihrer Brüste spannten sich unschicklich.

Gegen Mitternacht zog Klim sich unauffällig zurück, entkleidete sich gleich und ging betäubt und müde zu Bett. Aber er hatte vergessen, die Tür abzuschließen, und einige Augenblicke später drang Dmitri ein, ließ sich auf dem Bettrand nieder und sagte mit einem seligen Lächeln:

»Das gibt es jeden Sonnabend bei ihnen. Du mußt dir Kutusow genau ansehen, ein außerordentlich kluger Mensch. Turobojew ist auch ein Original, aber in anderer Art. Er hat die Rechtsakademie mit der Universität vertauscht, hört aber keine Vorlesungen und trägt keine Uniform.«

»Trinkt er?«

»Das auch. Überhaupt leben viele hier in einer quälenden Spannung. Es ist eine seelische Krise!« fuhr Dmitri mit der gleichen Seligkeit fort. »Ich dagegen scheine Dronow nachgeraten zu sein: ich will alles wissen und schaffe nichts. Bin Naturwissenschaftler und Philologe dazu ...«

Klim fragte nach der Nechajew, obwohl er eigentlich nach der Spiwak fragen wollte.

»Die Nechajew? Sie ist komisch, übrigens auch bemerkenswert. Die französischen Decadents haben ihr den Kopf verdreht. Aber die Spiwak, mein Lieber, das ist eine Erscheinung! Sie ist schwer zu verstehen. Turobojew macht ihr den Hof und, wie es scheint, nicht ohne Hoffnung. Ich weiß übrigens nichts darüber ...«

»Ich will schlafen«, sagte Klim unliebenswürdig, und als der Bruder hinausgegangen war, erinnerte er sich noch einmaclass="underline"

»Gleich morgen suche ich mir eine andere Wohnung.«

Aber er hatte kein Glück damit, denn gleich am anderen Morgen fiel er in die festen Hände Marinas.

»Nun, kommen Sie, sehen Sie sich die Stadt an«, befahl sie mehr, als daß sie vorschlug. Klim hielt es für unhöflich, abzulehnen, und streifte drei Stunden mit ihr durch den Nebel, über schlüpfrige Trottoirs, die mit einem besonders widerwärtigen Dreck, der gar nicht dem fetten Schmutz der Kleinstadt glich, überzogen waren. Marina schritt gleichmäßig rasch und hart aus wie ein Soldat, ihr Gang war ebenso stürmisch wie ihre Worte, aber ihre Naivität nahm Klim ein wenig für sie ein.

»Petersburg hat hundert Gesichter. Sehen Sie, heute hat es ein geheimnisvolles und ängstigendes Gesicht. In den weißen Nächten ist es bezaubernd lustig. Es ist eine lebendige, tief empfindende Stadt.«

»Gestern mußte ich annehmen, daß Sie es nicht lieben.«

»Gestern hatte ich mich mit ihm gezankt. Zanken heißt nicht – nicht lieben.«

Klim fand, daß die Antwort nicht dumm war.

Durch den Nebel sah Klim den bleigrauen Glanz des Wassers, die eisernen Gitter der Kais, plumpe Kähne, die tief in das schwarze Wasser tauchten, wie Schweine in den Kot. Diese Kähne paßten empörend schlecht zu den herrlichen Bauten. Die trüben Scheiben unzähliger Fenster erweckten den seltsamen Eindruck, als seien die Häuser inwendig mit unsauberem Eis vollgepfropft. Die nassen Bäume waren unerhört mißgestaltet und jammervoll nackt, die Sperlinge unlustig, ja stumm. Stumm ragten die Glockentürme zahlreicher Kirchen, es schien, daß Glockentürme überflüssig waren in dieser Stadt. Über der Newa mischte sich der schwarze Rauch der Dampfschiffe träge mit den Nebelschwaden, Fabrikschlote durchbohrten sie mit steinernen Fingern. Trist war der gepreßte Lärm dieser seltsamen Stadt und demütigend klein in der Masse riesenhafter Häuser waren die grauen Menschen, und alles ließ die Bemerkbarkeit der eigenen Existenz angsterregend zusammenschrumpfen. Klim ließ sich willenlos, aber in einem Zustand der Selbstvergessenheit, fortziehen. Er dachte nichts und hörte nur Marinas tiefen Alt:

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