Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Du wirst einem Bekannten begegnen«, unterrichtete ihn zwinkernd Dmitri.
»Wem?«
»Das verrate ich nicht.«
Über den Tisch huschten die Affenpfötchen der alten Dame, die sicher und behende die Schüsseln hin und her rückten. Ohne zu verstummen, raschelten ihre flinken gaumigen Worte, die niemand beachtete. In mausgraues Tuch gekleidet, erinnerte sie doppelt stark an einen Affen. Die Falten ihres dunklen Gesichtchens entlang huschte jeden Augenblick ein feines Lächeln, Klim fand dieses Lächeln verschmitzt und die ganze Alte unnatürlich. Ihr Stimmchen ertrank in der groben und dummen Dmitris:
»Die Eigenschaften der Rasse werden durch das Blut der Frau bestimmt, das steht fest. So haben die Autochthonen Chiles und Boliviens ...«
Fräulein Premirow wurde plötzlich zornig.
»Was heißt das – Autochthone? Wozu gebrauchen Sie unverständliche Ausdrücke?«
Neben der gewaltigen Marina erschien der plumpe, aus breiten Knochen und schlecht anliegenden Muskeln zusammengesetzte Dmitri klein und unglücklich. Er war offensichtlich beglückt, Schulter an Schulter mit Marina sitzen zu dürfen, während sie Klim unaufhörlich mit ihren zurückstoßenden Blicken musterte und in der Tiefe ihrer Pupillen grellrote Funken sprühten.
»Verzogen und launenhaft«, konstatierte Klim.
»Die Tante hat recht«, sagte Marina mit ihrer saftigen Stimme, laut und im singenden Tonfall eines Bauernmädchens. »Die Stadt ist faul und ihre Menschen nüchtern. Und geizig! Sie schneiden die Zitrone zum Tee in zwölf Scheiben!«
Klim wählte einen günstigen Augenblick, um Müdigkeit vorzuschützen und fortzugehen. Sein Bruder, der ihn begleitete, setzte ihm zu:
»Nette Leute, was?«
»Ja.«
»Na, ruh dich nur aus.«
Klim warf wütend Jacke und Stiefel ab, streckte sich auf dem Bett aus und schlief ein, entschlossen, auf keinen Fall hier zu bleiben, sondern aus Höflichkeit eine oder zwei Wochen auszuhalten und sich dann nach einer neuen Wohnung umzusehen.
Drei Stunden später wurde er von seinem Bruder geweckt, der ihn nötigte, sich zu waschen, und ihn abermals zu den Premirows führte. Klim folgte willenlos, nur damit beschäftigt, seine Gereiztheit zu verbergen. Im Eßzimmer war es eng. Die Akkorde eines Flügels erklangen. Marina schrie dazu, mit dem Fuß aufstampfend:
»Das arme Schlachtroß fiel im Feld ...«
Ein Student der Universität mit grauen Augen und einem faltigen bäurischen Bart, in einem langen kaftanähnlichen Rock, stand mitten im Zimmer einem geckenhaft in elegantes Schwarz gekleideten Mann mit bleichem Gesicht gegenüber. Dieser Mensch sprach, während er die Stuhllehne, an der er sich festhielte, hin und her schaukelte, mit betonter Liebenswürdigkeit, hinter der Klim sofort die Ironie heraushörte:
»Ich kann mir keinen freien Menschen vorstellen, ohne das Recht und den Wunsch, Macht über andere auszuüben.«
»Ja, wozu denn noch Macht, wenn das persönliche Eigentum abgeschafft ist?« rief mit einer schönen Baritonstimme der bärtige Student, blickte flüchtig zu Klim hin, hielt ihm eine breite Hand hin und nannte mit unverhohlenem Verdruß seinen Namen:
»Kutusow.«
Der schwarzgekleidete Mann fragte lächelnd:
»Erkennen Sie mich nicht, Samgin?«
Dmitri brach in ein albernes Lachen aus:
»Das ist doch Turobojew! Staunst du?«
Zum Staunen hatte Klim nicht mehr Zeit, denn Marina wirbelte ihn im Zimmer umher, wobei sie ihn wie einen kleinen Jungen gängelte.
»Noch ein Samgin, er ist furchtbar ernst«, sagte sie zu einer hochgewachsenen Dame mit einem Katzengesicht. »Das ist Jelisaweta Lwowna, und dies ist ihr Mann.«
Am Flügel saß, mit dem Ordnen von Noten beschäftigt, ein kleines, stark gebücktes Männchen mit einem Helm krauser schwarzer Haare, die blau schillerten. Auf den Backenknochen seines fahlen Gesichts schimmerten hektische Flecke.
»Spiwak«, sagte er mit hohler Stimme. »Sie singen?«
Die verneinende Antwort wunderte ihn. Er nahm den rauchgrauen Kneifer von der melancholischen Nase und sah hüstelnd und mit seinen entzündeten. Augen zwinkernd in Klims Gesicht, als frage er:
»Ja, was wollen Sie dann hier?«
»Gehen wir, er versteht nichts außer Noten!«
Auf dem Sofa ruhte in halbliegender Pose ein mageres Mädchen in einem dunklen Reformkleid, das wie eine Mönchskutte aussah. Über sie neigte sich Dmitri und summte:
»Ergilla, ein Freund des Cervantes, Verfasser des Poems ›Araucana‹.«
»Genug mit den Spaniern!« schrie Marina. »Samgin – Serafima Nechajew. Das sind alle.«
Sie ließ Klim stehen und stürzte zum Flügel. Die Nechajew nickte lässig, zog ihre schmächtigen Füßchen an sich und verhüllte sie mit dem Saum ihres Kleides. Klim faßte dies als Einladung auf, sich neben sie zu setzen.
Er ärgerte sich. Ihn irritierte Marinas geräuschvolle Lebhaftigkeit, und die Begegnung mit Turobojew war ihm peinlich. Es war schwer, gerade in diesem Menschen mit dem blutleeren Gesicht und den schreienden Augen jenen Knaben wiederzuerkennen, der einst vor Warawka gestanden und mit heller Stimme seine Liebe zu Lida bekannt hatte. Unangenehm war auch der bärtige Student.
Dieser sang mit Jelisaweta Spiwak ein Duett, das Klim nicht kannte. Der kleine Musiker begleitete vortrefflich. Musik übte immer eine beruhigende Wirkung auf Klim aus, genauer, sie machte ihn leer, indem sie alle Gedanken und Empfindungen vertrieb. Beim Anhören der Musik fühlte er nichts als eine milde Trauer. Die Dame sang seelenvoll. Sie hatte einen kleinen, aber geschulten Sopran. Ihr Gesicht verlor die Ähnlichkeit mit einer Katze, es wurde geadelt durch Trauer. Ihre schlanke Gestalt erschien noch größer und feiner. Kutusow hatte einen sehr schönen Bariton, er sang leicht und sicher. Besonders ergreifend sangen sie das Finale:
»O Nacht, hülle rascher in deinen
Durchsichtigen Schleier,
In deine Vergessen spendende Schale
Die sehnsuchtgequälte Seele
Stille sie, wie die Mutter ihr Kind.«
Klim schien, daß die Sehnsucht, von der hier gesungen wurde, ihm längst bekannt sei. Doch jetzt erst fühlte er sich bis zum Ersticken und bis zu Tränen mit ihr angefüllt.
Als der Gesang zu Ende war, ging die Dame an den Tisch, nahm aus einer Vase einen Apfel, streichelte ihn sinnend mit ihrer kleinen Hand und legte ihn dann in die Vase zurück.
»Haben Sie es bemerkt?« fragte seine Nachbarin Klim.
»Was?« fragte er zurück und warf einen Blick auf ihren glatten Dohlenkopf und ihr Vogelgesicht, das winzig wie das eines halbwüchsigen Mädchens war.
»Haben Sie bemerkt, wie sie den Apfel genommen hat?«
»Na ja, ich hab's gesehen.«
»Welche Anmut, nicht wahr?«
Klim nickte zustimmend, dachte aber:
»Ein Institutsmädel vermutlich.«
In seinem Gedächtnis erhielt sich der sonderbare, gleichsam fehlende Ausdruck ihrer schmalen Augen, die von unbestimmter grünlich-grauer Tönung waren.
Dmitri, mit seiner Krücke bewaffnet, machte sich umständlich zu schaffen. Neckend sagte er:
»Ihr Verlaine ist doch schlechter als Fofanow.«
Vom Flügel her klang Kutusows angenehme Stimme:
»Schon Gallin wußte, daß das Gehirn der Sitz der Seele ist.«
»Singen Sie mit dem Gehirn so beseelt?« witzelte Turobojew.
»Wie überall«, dachte Klim. »Es gibt nichts, worüber sie nicht streiten würden.«
Marina ergriff Kutusow beim Ärmel, schleppte ihn zum Flügel, und beide sangen »Versuche mich nicht!« Klim fand den Gesang des Bärtigen allzu gefühlvoll, was mit seiner knorrigen Gestalt und seinem derben Bauerngesicht schlecht harmonierte, ja, ein wenig lächerlich wirkte. Marinas starke und reiche Stimme betäubte. Sie hatte sie schlecht in der Gewalt, in den höheren Lagen klang sie schrill, kreischend. Klim war sehr zufrieden, als Kutusow ihr nach dem Duett rücksichtslos sagte: