Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Auf dem Senatsplatz beleuchteten ebensolche opalene Ballons das dunkle ölig gleißende Standbild des tollen Zaren. Mit seiner Bronzehand wies der Zar den Weg nach Westen, jenseits des breiten Flusses. Über dem Fluß war der Nebel noch dicker und kälter. Klim fühlte sich verpflichtet, an die Verse aus dem »Bronzenen Reiter« zu denken. Statt dessen fielen ihm die aus dem Gedicht »Poltawa« ein:
Und mit drohendem Wink der Hand
Gegen die Schweden rückt er seine Völker.
Darauf inspirierte sein Gedächtnis ihm merkwürdigerweise Goethes Erlkönig;
»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind ...«
Die Hufe der Pferde pochten gegen das Holz der Brücke über dem schwarzen, ruhelosen Fluß. Endlich brachte der Kutscher das Pferd, das sich heiß galoppiert hatte, vor einem ausdruckslosen Haus in einer der »Linien« der Wassiliinsel zum Stehen und sagte in rauhem Ton:
»Sie müssen zulegen, kleiner Herr.«
»Weshalb kleiner Herr?« dachte Klim und legte nicht zu.
Ein alter Portier mit einem chinesischen Schnurrbart, Medaillen auf der eingefallenen Brust und einem schwarzen Käppchen auf dem nackten Schädel, sagte dienstmäßig:
»Die Wohnung der Frau Premirow zweiter Stock, vierte Tür.«
Er wackelte mit seinen roten Ohren und wies mit dem Finger heftig in eine Ecke. Die Steintreppe herab, die rot gemalt und mit einem grauen rotgesäumten Läufer belegt war, flatterte hauchleicht ein kleines Stubenmädchen in einer weißen Schürze. Die Treppe erinnerte Klim an das Gymnasium, das Dienstmädchen an die Porzellanschäferin aus Andersens Märchen.
Mit feiner Stimme sagte sie:
»Ihr Zimmer ist im Korridor rechts die erste Tür, das Zimmer ihres Bruders rechts das Eckzimmer.«
»Meines Bruders?« fragte Klim befremdet.
»Dmitri Iwanowitschs«, sagte gleichsam sich entschuldigend das Dienstmädchen, nahm in jede Hand einen Koffer und reckte sich zwischen ihnen auf. »Sie sind doch Herr Samgin?«
»Ja«, antwortet Klim mürrisch. Er dachte darüber nach, weshalb seine Mutter ihm verschwiegen hatte, daß er mit seinem Bruder die Wohnung teilen würde.
Bevor er sein Zimmer aufsuchte, klopfte er wütend und herausfordernd an Dmitris Tür. Hinter der Tür wurde fröhlich: »Bitte!« gerufen.
Dmitri lag auf dem Bett. Sein linker Fuß war bandagiert. In blauer Hose und gesticktem Hemd, sah er wie ein Mitglied einer kleinrussischen Schauspielertruppe aus. Er hob den Kopf, wobei er sich mit dem Arm auf das Bett stützte, verzog das Gesicht und stammelte:
»Das ... das ist Klim? Du?«
Und dem Bruder beide Hände hinstreckend, rief er fröhlich aus:
»Aha, das also war die Überraschung!«
Samgin sah sich einem Unbekannten gegenüber: nur Dmitris Augen erinnerten an den Jüngling, der er vor vier Jahren gewesen war, sie strahlten noch immer in demselben Lächeln, das Klim weibisch zu nennen pflegte. Dmitris rundes, weiches Gesicht umrahmte ein lichter Bart, seine langen Haare kräuselten sich an den Spitzen, Lustig und rasch erzählte er, daß er vor fünf Tagen hierher gezogen sei, weil er sich den Fuß zerschlagen und Marina ihn hergebracht hatte.
»Sie hat mir seit langem schon einen Schreck eingejagt: »Machen Sie sich auf eine Überraschung gefaßt!« Wer Marina ist? Frau Premirows Nichte. Ihre Tante ist auch sehr lieb. Eine Liberale. Sie ist eine entfernte Verwandte Warawkas.«
Dmitris Gehobenheit verschwand, als er sich nach der Mutter, nach Warawka und Lida erkundigte. Klim spürte einen bitteren Geschmack im Munde, Schwere im Kopf. Es war ermüdend und langweilig, die respektvoll gleichgültigen Fragen des Bruders zu beantworten. Der gelbliche Nebel vor dem Fenster, von Telegraphendrähten liniiert, erinnerte an altes Notenpapier. Aus dem Nebel zeichnete sich die rostfarbene Wand eines dreistöckigen Hauses ab, dicht besetzt mit den Flicken zahlreicher Aushängeschilder.
»Nun, wie geht es Onkel Jakow? Krank? Hm. Neulich, in einer Abendgesellschaft, erzählte ein Schriftsteller, ein Narodnik, sehr fesselnd von ihm. Ein solches Dasein, weißt du. Eben Dasein, nicht Leben. Du weißt natürlich, daß sie ihn in Saratow wieder verhaftet haben?«
Klim wußte es nicht, aber er nickte bejahend.
»Die Volkstümler rühren sich wieder«, sagte Dmitri so beifällig, daß Klim ein Lächeln anwandelte. Er musterte den Bruder gleichgültig wie einen Fremden, während sein Bruder seinerseits vom Vater wie von einem fremden, aber spaßigen Menschen redete.
»Du würdest ihn nicht wiedererkennen. Er ist jetzt gesetzt und versucht sogar, im Bariton zu sprechen. Er verkauft Faßdauben an die Franzosen und Spanier, bummelt in Europa herum und ißt schrecklich viel. Im Frühling war er hier, jetzt hält er sich in Dijon auf.«
Er hüpfte auf einem Bein im Zimmer umher, wobei er sich an den Stuhllehnen festhielt, schüttelte heftig sein Haar, und seine weichen, dicken Lippen lächelten. Die Krücke unter die Achsel schiebend, sagte er:
»Wir wollen Tee trinken. Du willst dich umziehen? Nicht nötig, du bist auch so gut lackiert.«
Trotzdem ging Klim in sein Zimmer. Der Bruder begleitete ihn, er stieß mit dem Krückstock auf und redete mit einer Freude drauf los, die Klim nicht verstand und die ihn verwirrte:
»Na, fertig. Du bist bezaubernd. Gehen wir!«
In der warmen, wohligen Dämmerung eines kleinen Zimmers, am Tisch vor dem Samowar saß eine kleine alte Dame mit glattgekämmtem Haar und einer goldgefaßten Brille auf dem spitzen, rosigen Näschen. Sie streckte Klim ein graues, am Knöchel von einem roten Pulswärmer umhülltes Affenpfötchen hin und sagte, nach Art kleiner Mädchen das »r« vermeidend:
»Seh efheut.«
Als Klim ihr die Hand drückte, stöhnte sie leise auf und erklärte ihm, daß sie an Rheumatismus leide. Eilig, mit hastigen Worten, schickte sie sich an, ihn über Warawka auszufragen, als ein üppiges junges Mädchen, das sich das Gesicht mit dem Ende ihres dicken goldblonden Zopfs fächelte, ins Zimmer trat und mit tiefer Altstimme sagte:
»Marina Premirow.«
Sie setzte sich an Dmitris Seite und meldete:
»Auf der Straße liegt allerdurchlauchtigster und mächtigster Dreck!«
Wie es Klim schien, wurde es eng im Zimmer. Marina nahm mit schroffer Geste unter seiner Nase vorbei einen Zwieback von einem Teller, bestrich ihn dick mit Butter und Konfitüre und knabberte, wobei sie den Mund weit aufriß, um ihre prallen Himbeerlippen nicht zu beflecken. Aus ihrem Mund glänzten grimmig große, dicht aneinandergereihte Zähne. Sie war so erhitzt und rot im Gesicht, als käme sie nicht von der Straße, sondern aus einem heißen Bad, und beinahe unnatürlich üppig. Klim fühlte sich erdrückt von dieser Fleischmasse, die straff von gelbem Jersey umspannt war, der ihn an Tolstois »Kreutzersonate« erinnerte. Innerhalb von fünf Minuten wußte Klim, daß Marina ein ganzes Jahr an einem Hebammenkursus teilgenommen hatte, gegenwärtig aber singen lernte, daß ihr Vater, ein Botaniker, nach den Kanarischen Inseln entsandt worden und dort verstorben war und daß es eine sehr komische Operette »Die Geheimnisse der Kanarischen Inseln« gab, die aber leider nicht gespielt wurde.
»Darin kommen spaßige Generäle vor – Pataquez, Bombardos ...«
Sie brach ihren Satz in der Mitte ab und sagte Dmitri:
»Heute kommt Kutusow und mit ihm dieser ...«
Sie zeigte mit den Augen auf die Decke. Ihre Augen waren groß, gewölbt und bernsteingelb. Ihr Blick unangenehm direkt und zurückstoßend.