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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Ich hörte, dein Freund hat aus einem Revolver auf sich geschossen. Wegen der Mädchen und Weiber erschießen sich viele. Die Weiber sind niederträchtig und launisch. Sie haben so einen Eigensinn, ich kann nicht sagen, wie er ist. Der Mann ist hübsch und gefällt ihr auch, aber es ist nicht der Richtige. Nicht weil er arm oder nicht schön genug wäre. Er ist wohl schön, aber nicht der Richtige.«

Während sie sich den Zopf flocht, sagte sie immer nachdenklicher:

»Wenn du heiratest, nimm dir ein Mädel mit Charakter. Die mit Charakter sind dümmer, die passen selbst auf sich auf. Vor den Stillen, Züchtigen sei auf der Hut, sie betrügen dich zweimal in einer Stunde.«

Ihr Gesicht veränderte sich plötzlich. Ihre Pupillen verengten sich wie bei einer Katze, auf die gelblichen Augäpfel legte sich der Schatten der Wimpern. Sie schien mit fremden Augen auf etwas hinzustarren, sich rachedurstig zu erinnern. Klim hatte den Eindruck, daß sie früher nicht so böse von den Frauen gesprochen hatte, sondern wie von entfernten Verwandten, von denen sie weder Gutes noch Schlechtes erwartete, die sie nicht interessierten und die sie fast vergessen hatte, und während er ihr zuhörte, dachte er nochmals ängstlich daran, daß alle Menschen, die er kannte, sich gleichsam verschworen hatten, ihm zuvorzukommen, klüger und geheimnisvoller zu sein als er und sich schlau hinter ihren Worten zu verstecken. Ja, geheimnisvoller wollten sie sein, das war es, sie fürchteten, Klim Samgin könne sie allzu rasch durchschauen.

Margarita aber sagte:

»Ich kann auch nicht glauben, daß es heilige Frauen geben soll. Wahrscheinlich werden es alte Jungfern sein, und heilig werden sie wohl nur sein, weil sie alte Jungfern sind.«

Müde, sie anzuhören, sagte Klim endlich gelangweilt:

»Du bist heute in philosophischer Stimmung.«

Margarita besah sich hastig und fragte dann:

»In was?«

Als er ihr seine Worte erklärt hatte, sagte sie:

»Oh je! und ich glaubte, du hast Blut gesehen. Ich muß meine Blutung bekommen.«

Klim zuckte angewidert zusammen und sprang vom Bett auf. Die Einfalt dieses Mädchens war von ihm auch früher zuweilen als Schamlosigkeit und Unsauberkeit empfunden worden, aber damals hatte er sich damit ausgesöhnt. Jetzt jedoch verließ er Margarita mit einem Gefühl heftiger Abneigung gegen sie, und er tadelte sich hart wegen dieses ergebnislosen Besuchs. Er war froh, daß er am nächsten Tag nach Petersburg abreiste. Warawka hatte ihn überredet, in das Ingenieurinstitut einzutreten, und alle Schritte zu Klims Aufnahme getan.

Die Nacht war naßkalt und schwarz. Die Lichter der Laternen brannten träge und trist, als hätten sie die Hoffnung, jemals die dichte, klebrige Finsternis zu besiegen, aufgegeben. Klim war qualvoll ums Herz, er konnte an nichts denken. Aber unvermittelt durchzuckte ihn der Gedanke, daß zwischen Warawka, Tomilin und Margarita etwas Gemeinsames bestand. Sie alle belehrten, warnten und schreckten ab, und hinter der Tapferkeit ihrer Reden schien Angst zu lauern. Wovor? Vor wem? Doch nicht vor ihm, dem Menschen, der einsam und furchtlos seinen Weg durch das Dunkel suchte?

Drittes Kapitel.

Von Petersburg hatte Klim sich unmerklich die für den Provinzialen typische ablehnende und sogar ein wenig feindselige Vorstellung gebildet, diese Stadt sei keine russische Stadt, sie sei eine Stadt herzloser, mißtrauischer und sehr scharfsinniger Menschen. Dieses Haupt des ungetümen Körpers Rußland sei angefüllt mit einem kalten und bösen Gehirn. Nachts im Wagen dachte Klim an Gogol und Dostojewski.

In der Hauptstadt traf er ein mit dem festen Entschluß, im Verkehr mit den Menschen Vorsicht walten zu lassen, überzeugt, daß sie ihn sogleich auf Herz und Nieren prüfen, analysieren und mit ihren Glaubensmeinungen anstecken würden.

Dichter Nebel hüllte die Stadt ein. Obwohl es nicht später als drei Uhr mittags war, strengten sich die an gigantischen Pusteblumen erinnernden regenbogenfarbigen Blasen der Laternen an, den Newski Prospekt zu erhellen. Klebrige Feuchtigkeit netzte die Gesichtshaut, bitterer Geruch von Rauch kitzelte die Nase. Klim zog den Kopf ein und blickte nach rechts und links in die nassen Scheiben der Läden, die innen so hell erleuchtet waren, als würde in ihnen mit den Sonnenstrahlen sommerlicher Tage gehandelt. Ungewohnt war der gedämpfte Lärm der Stadt, zu weich und stumpf der Schlag der Hufe auf das Holzpflaster, das Schleifen der Gummi- und Eisenreifen an den Rädern der Equipagen hatte fast den gleichen Klang, auch die Stimmen der Menschen tönten gleichförmig hohl. Seltsam berührte es, kein Klirren der Hufeisen auf dem Steinpflaster, kein Knarren und Rattern der Chaisen, keine durchdringend hellen Rufe der Händler zu hören. Auch das Läuten der Glocken fehlte.

Auf den mit flüssigem Kot beschmierten Trottoirs strebten die Menschen übertrieben eilig vorwärts, und sie waren unnatürlich farblos. Die gleichfalls farblos grauen Steinhäuser, von keinem Zaun auseinandergerückt und dicht aneinander geschmiegt, erschienen dem Auge als ein einziges, unendlich langes Gebäude, dessen hell erleuchtetes unteres Stockwerk an die Erde gedrückt war, während die oberen dunkel in einen grauen Nebel hinaufragten, hinter dem man keinen Himmel fühlte.

Inmitten dieser Häuser waren Menschen, Pferde und Polizisten kleiner und unbedeutender, sie waren stiller und gehorsamer als in der Provinz. Klim bemerkte an ihnen etwas Fischähnliches, lautlos Schnellendes, als wären sie darauf bedacht, möglichst schnell an die Oberfläche des tiefen, mit Wasserstaub und dem Geruch faulenden Holzes angefüllten Kanals emporzutauchen.

In kleinen Gruppen stauten die Leute sich sekundenlang unter den Laternen und zeigten einander unter schwarzen Hüten und Schirmen hervor die gelben Flecke ihrer Physiognomien.

Der eilige Schritt der Menschen rief in Klim einen melancholischen Gedanken hervor. Alle diese Hunderte und Tausende von kleinen Willen liefen, einander begegnend und sich trennend, ihren wahrscheinlich nichtigen, doch jedem von ihnen klaren Zielen zu. Man konnte sich vorstellen, der beißende Nebel sei der heiße Atem dieser Menschen, und alles in der Stadt sei schweißnaß nur von ihrer Hast. Furcht beschlich ihn, sich in der Masse kleiner Menschen zu verlieren, und ihm fiel eine der zahllosen Glossen Warawkas ein:

»Die meisten Menschen haben die Pflicht, sich gehorsam in ihr Los, Rohstoff der Geschichte zu sein, zu ergeben. Genau so wenig wie etwa die Hanffasern haben sie darüber nachzudenken, von welcher Stärke und Festigkeit das Seil, das man aus ihnen knüpft, und welches seine Bestimmung sein wird.«

»Ganz überflüssigerweise habe ich den Vorstellungen Mamas und Warawkas nachgegeben, ganz überflüssigerweise bin ich in diese erstickende Stadt gefahren«, dachte Klim gereizt gegen sich selbst. »Vielleicht versteckt sich hinter den Ratschlägen der Mutter der Wunsch, zu vereiteln, daß ich mit Lida in einer Stadt lebe? Wenn es so ist, dann ist es dumm. Sie haben Lida in Makarows Hände gegeben.«

Am weiteren Denken hinderten ihn die heftig zitternden, gleichsam zum Platzen bereiten opalenen Ballons um die Laternen herum. Sie bildeten sich aus Nebelstäubchen, die unaufhörlich ihre Sphäre dringend, ebenso unaufhörlich aus ihr heraussprangen, ohne ihren Umfang zu vergrößern oder zu verringern. Dieses seltsame Spiel der Regenbogenstäubchen war fast unerträglich für das Auge und löste den Wunsch aus, es mit etwas in Vergleich zu setzen, mit Worten auszulöschen und nicht weiter zu beachten.

Klim nahm die beschlagene Brille ab, die ungeheuren Kugeln flüssigen Opals wurden etwas weniger grell, verdichteten sich, trafen aber nur noch unangenehmer das Auge, während das Licht trüber wurde und immer tiefer in seinen Brennpunkt zurücktrat. Warawkas verwaschener Vergleich zwischen der Stadt und dem Bienenkorb war unbrauchbar. Mit mehr Glück konnten diese undurchsichtigen Lichter mittels der Worte des großköpfigen Verfassers populärwissenschaftlicher Broschüren gelöscht werden: er hatte einmal in Katins Flügel mit flammender Beredsamkeit bewiesen, Denken und Wille des Menschen seien elektrochemische Erscheinungen, und die Konzentration der Willen in der Idee könne Wunder wirken. Mit solchen Konzentrationen seien auch die bewegtesten Epochen der Geschichte, die Kreuzzüge, die Renaissance, die große Französische Revolution und ähnliche Ausbrüche der Willensenergie zu erklären.

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