Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Das Bewußtsein dieser Gefahr ernüchterte ihn und brachte ihn wieder auf die Beine. Er kehrte allein nach Hause zurück, Alexej fuhr bis Moskau durch. Es war ein windiger und nasser Septembertag, als Artamonow sich Driomow näherte. Mit den Schellen klingelnd und mit den Hufen saftig in die aufgeweichte Erde stampfend, liefen die Postpferde willig durch das niedrige Tannengehölz, das in strengen Reihen regungslos den schmalen Streifen der sumpfigen Straße bewachte. Der Himmel war dicht mit dem grauen Teig der Wolken bekleckst, ebenso grau und öde war es auch in dem von Katzenjammer umnebelten Kopf. Artamonow war es so, als hätte er jemanden begraben, der ihm sehr nahestand, dessen er aber trotzdem überdrüssig war. Es tat ihm um den Verstorbenen leid, es war aber doch angenehm zu wissen, daß man ihm nicht mehr begegnen würde; er hatte nun aufgehört, durch die Unklarheit seiner Forderungen und der stummen Vorwürfe und durch all das zu verwirren, was einen echten, lebendigen Menschen zu existieren hindert.
»Man muß seine Arbeit tun, sonst nichts!« suchte er sich zu überzeugen. »Alle Menschen leben, um zu arbeiten. Jawohl.«
Er ging unter Einsetzung seiner vollen Kraft an die Arbeit. Die klaren Altweibersommertage vergingen ruhig und wurden durch das traurige Strahlen der Mondnächte abgelöst.
Wenn Pjotr Artamonow im perlfarbenen Dunkel der herbstlichen Morgendämmerung erwachte, hörte er das beharrliche Pfeifen der Fabrik, und nach einer halben Stunde begann ihr rastloses Rascheln und Flüstern, – das dumpfe, aber mächtige und dem Ohre gewohnte Geräusch der Arbeit. Vom Morgengrauen bis zum späten Abend schrien vor den Scheunen die den Flachs abliefernden Bauern und Frauen; vor der am Ufer der Watarakscha von einem der zahllosen Morosows eröffneten Schenke erklangen die Lieder Betrunkener und das Kreischen der Harmonika. Über den Hof schritt der behäbige, wie eine Maschine genaue und zu den Menschen strenge Tichon Wialow mit einem Besen, einer Schaufel oder einer Axt in den Händen; er fegte, grub und hackte bedächtig und schrie die Bauern und Arbeiter an. Der blaue, immer reinliche Serafim huschte vorbei. Im Hause betätigte sich Natalia wie eine Maschine, sie war über die ihr vom Mann von der Messe mitgebrachten Geschenke sehr befriedigt, noch mehr aber über seine schweigsame, gleichmäßige Ruhe. Alles ging glatt und schien festgefügt zu sein; das Werk, die Menschen und selbst die Pferde – alles arbeitete, als wäre es für Jahrhunderte bestimmt. Und rasch, wie vom Wind getriebene Wolken, vergingen die Monate und formten sich zu Jahren.
Pjotr Artamonow ging wie ein Stier, mit vorgeneigtem Kopf durch die Fabrikgebäude, durchschritt, zum Schrecken der Kinder, die Siedlungsstraße und fühlte überall etwas Neues und Seltsames: er erschien in diesem großen Unternehmen beinahe überflüssig, als wäre er ein Zuschauer. Es war angenehm zu sehen, daß Jakow das Geschäft verstand und sich dafür zu begeistern schien; sein Benehmen lenkte nicht nur von den Gedanken an den älteren Sohn ab, sondern versöhnte sogar mit Ilja.
»Ich werde auch ohne dich auskommen, Gelehrter. Lerne nur!«
Der satte, rosige Jakow, mit angenehm lächelnden Augen, die wie Seifenblasen alle Farben spiegelten, bewegte behäbig seinen runden Körper, und obwohl er in der Nähe seltsam an eine Taube erinnerte, machte er aus der Ferne den Eindruck eines geschäftigen, geschickten Herrn. Die Arbeiterinnen lächelten ihm freundlich zu, er girrte mit ihnen und kniff beseligt die Augen zu, er ging seitlich um sie herum, ohne unter dem gespielten Ernst das Draufgängerische eines jungen Hahnes verbergen zu können. Der Vater zupfte sich schmunzelnd am Ohr und dachte:
»Man sollte dir Paula Menotti zeigen, kleiner Dummkopf ...«
Es gefiel ihm, daß Jakow während seiner Besuche beim Onkel sich nicht in die endlosen Debatten Mirons mit dessen Freund, dem schäbigen, unruhigen Gorizwetow, einmischte. Miron sah gar nicht mehr wie ein Kaufmannssohn aus; er war schmächtig und großnasig, trug eine Brille und ging in einem kurzen Rock mit vergoldeten Knöpfen und Schnörkeln auf den Schultern herum, so daß er an einen Friedensrichter erinnerte. Er hielt sich beim Gehen und Sitzen gerade wie ein Soldat, sprach hochmütig und mit Selbstüberhebung und mißfiel Pjotr, obwohl er wußte, daß Miron immer etwas Gescheites sagte.
»Nun, Bruder, das ist Philosophie«, sagte er belehrend, die Hände in die Seiten stemmend und sie in die Rocktaschen steckend. »Dieses Grübeln entspringt der Schwäche und dem Unvermögen.«
Pjotr Artamonow fand, daß auch Gorizwetow nicht übel und nicht dumm sprach. Er war klein und zerzaust, trug unter dem nachlässig aufgeknöpften Studentenrock ein schwarzes Hemd und hatte, wie nach schlaflosen Nächten, verschwollene Augen und ein spitzes, dunkles, mit Pusteln bedecktes Gesicht; er schrie, ohne auf jemanden zu hören, mit krampfhaften Handbewegungen und griff Miron an:
»Ihr werdet erreichen, daß die Sonne auf den Pfiff eurer Fabriken am Himmel aufgeht und daß der dunstige Tag auf den Ruf der Maschinen aus den Sümpfen und Wäldern emporsteigt. Was werdet ihr aber mit dem Menschen beginnen?«
Miron hob die Brauen, verzog das Gesicht, schob sich die Brille zurecht und dozierte trocken und gemessen:
»Das ist Philosophie, das sind Versehen! Das ist Unzucht der Zunge und Afterweisheit, mein Freund. Das Leben ist ein Kampf; Lyrik und Hysterie haben darin keinen Platz und erscheinen sogar lächerlich ...«
Die Worte der Streitenden unterschieden sich voneinander wie weiße Tauben von schillernden. Pjotr Artamonow dachte:
»Ja, da haben wir es: neue Vögel – neue Lieder.«
Er verstand nur dunkel den Kern des Streites und beobachtete mit Vergnügen, daß Jakow sich den hellen Flaum der Oberlippe glättete, um ein spöttisches Lächeln zu verbergen.
»Gut«, dachte Pjotr. »Was würde aber Ilja sagen?«
Gorizwetow schrie:
»Seit man die Erde und die Menschen in Eisen geschmiedet und den Menschen zum Sklaven der Maschine gemacht hat ...«
Miron sagte ihm, die Nase hin und her wiegend:
»Der Mensch, um den du dich sorgst, ist ein Müßiggänger. Er wird zugrunde gehen, wenn er nicht schon morgen begreift, daß seine Rettung in der Entwicklung der Industrie liegt.«
»Auf wessen Seite ist die Wahrheit? Wer ist vorzuziehen?« – suchte Pjotr Artamonow zu erraten.
Gorizwetow mißfiel ihm noch mehr als sein Neffe, er hatte etwas Schwächliches und Unzuverlässiges an sich, er fürchtete sich sichtlich vor etwas und schrie. Er machte, wie ein Betrunkener, keine Umstände, setzte sich früher als die Gastgeber an den Mittagstisch, schob krampfhaft Messer und Gabel hin und her, aß schnell und ohne Anstand, verbrühte sich und hustete; in ihm war, wie in Alexej, etwas Unstetes, Übertriebenes und anscheinend Böses. Die dunklen Pupillen seiner entzündeten Augen hatten den Blick eines Blinden. Er begrüßte Pjotr Artamonow schweigend, streckte ihm unehrerbietig die rauhe, heiße Hand hin und zog sie rasch zurück. Er war, alles in allem, ein überflüssiger Mensch, und man konnte nicht verstehen, wozu Miron ihn brauchte.
»Iß, Stiopa, und sprich nicht«, riet ihm Olga. Er antwortete jedoch bombastisch:
»Ich kann nicht. Hier wird eine verderbliche Ketzerlehre gepredigt!«
Pjotr staunte über die schweigsame Aufmerksamkeit, die Alexej dem Streit der Studenten entgegenbrachte: er stand nur ab und zu dem Sohn bei:
»Richtig! Wo die Kraft ist, dort ist die Macht; die Kraft ist aber bei der Industrie fraglich ...«
Olga hatte strahlenförmige Runzeln an den Schläfen und eine rote Spitze an der von dicken, ungefaßten Brillengläsern beschwerten Nase. Sie setzte sich nach dem Mittagessen und dem Tee mit ihrem Stickrahmen ans Fenster und stickte mit Perlen außergewöhnlich grelle Blumen. Pjotr fühlte sich bei Alexej behaglicher als zu Hause; es war interessanter und es gab dort immer guten Wein zu trinken.