Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Seit dem Sommer bist du eigentümlich farblos. So schlaff, dir selbst gar nicht ähnlich.«
Er schwieg, zupfte an den Büscheln seiner Barthärchen und sagte sich, dies sei nur die Einleitung zu einem ernsten Gespräch. Er täuschte sich nicht. Mit beinahe grober Direktheit sagte die Mutter und blickte ihn dabei mit ihren immer ruhigen Augen an, sie sehe sein Interesse für Lida. Klim fühlte, wie er tief errötete, und fragte dabei ironisch lächelnd:
»Irrst du dich auch nicht?«
Als habe sie seine Frage nicht gehört, fuhr sie lehrhaft fort:
»Die Liebe ist in deinem Alter noch nicht jene Liebe, welche ... Es ist noch nicht Liebe, nein ...«
Sie schwieg einige Sekunden, dann seufzte sie:
»Als ich deinen Vater heiratete, war ich achtzehn Jahre alt, und schon zwei Jahre später wußte ich, daß ich mich geirrt hatte.«
Wieder verstummte sie, da sie wohl nicht das gesagt hatte, was sie wollte. Klim, der abwesend einige Sätze auffing, suchte sich klar zu werden, weshalb diese Worte seiner Mutter ihn empörten.
»Mein Verhältnis zu deinem Vater«, hörte er, während er erwog, mit welchen Worten er sie daran erinnern sollte, daß er ein erwachsener Mensch war. Plötzlich sagte er stirnrunzelnd in achtlosem Ton:
»Ich empfinde freundschaftlich für Lida, und natürlich schreckt mich ein wenig ihre Affäre mit Makarow, einem Menschen, der selbstredend ihrer unwürdig ist. Mag sein, daß ich mit ihr ein wenig zu hitzig, zu unbeherrscht über ihn gesprochen habe. Das ist, denke ich, alles und alles übrige nur Einbildung.«
Während er so sprach, war er überzeugt, nicht zu lügen, und fand, daß er gut sprach. Ihm schien, er müsse noch etwas Gewichtiges hinzufügen, und dozierte:
»Weißt du, nur der Mensch existiert, alles übrige besteht in seiner bloßen Einbildung. Ich glaube, das hat Protagoras gesagt.«
Die Mutter kniff ein wenig die Augen zu und sagte:
»Das ist nicht ganz so, aber klug gesagt. Du hast ein wunderbares Gedächtnis, Und natürlich hast du recht: die Mädchen sind immer voreilig in ihren Schlüssen, wenn sie sich mit dem Unvermeidlichen beschäftigen. Du hast mich beruhigt. Ich und Timofej legen so viel Wert auf die Beziehungen, die sich zwischen uns entwickelt haben und die immer inniger werden ...«
Klim, betreten über diesen offenherzigen Egoismus seiner Mutter, senkte den Kopf. Er verstand, daß sie in diesem Augenblick nur das Weib war, das für ihr Glück fürchtete.
Er sagte:
»Mir scheint, du bist jetzt netter zu Lida?«
»Mein Urteil kennst du, es wird sich nicht ändern«, antwortete die Mutter. Sie stand auf und küßte ihn. »Geh schlafen!«
Sie ging und ließ auf den Lippen ihres Sohnes den aufreizenden Geruch von starkem Parfüm und ein leichtes Lächeln zurück.
Die Gespräche mit ihr bestärkten ihn immer in seiner Selbstsicherheit, nicht so sehr durch ihre Worte wie durch ihren unerschütterlich überzeugten Ton. Wenn er ihr zuhörte, glaubte er, daß alles im Grunde sehr einfach war, und daß man leicht und angenehm leben konnte. Die Mutter lebte nur sich selbst und lebte dabei nicht schlecht. Sie litt nicht an Einbildungen!
Natürlich, irgend etwas mußte man sich schon einbilden, um das Leben zu würzen, wenn es zu nüchtern, um es zu versüßen, wenn es zu bitter war. Doch man mußte ein genaues Maß finden. Es gab Empfindungen, die aufzubauschen gefährlich war. So ein Gefühl war natürlich die Liebe zur Frau, aufgebauscht bis zu Schüssen aus einem schlechten Revolver. Man weiß: die Liebe ist ein Instinkt wie der Hunger, aber wer wird sich aus Hunger oder Durst, oder weil er keine Hosen anhat, töten?
In Augenblicken solcher Auseinandersetzung mit sich selbst, fühlte Klim sich klüger, stärker und origineller als alle Menschen, die er kannte. Allmählich entwickelte sich bei ihm eine herablassende Haltung gegen sie, eine Art lächelnder Ironie, die er heimlich genoß. Schon erregte zuweilen auch Warawka dieses neue Gefühl in ihm, – er war ein Tatmensch und dennoch ein wunderlicher Schwätzer.
Klim erhielt endlich das Zeugnis der Reife und sollte demnächst an die Petersburger Universität, als seinen Weg noch einmal Margarita kreuzte. Die Begegnung verwunderte ihn nicht, er wußte, daß er die Näherin einmal wiedersehen mußte, er erwartete diese zufällige Begegnung, aber seine Freude darüber verbarg er.
Sie wechselten vorsichtig nichtssagende Redensarten. Margarita erinnerte ihn an seine Unhöflichkeit gegen sie. Sie schritten langsam. Sie sah ihn scheel, mit aufgeworfenen Lippen und stirnrunzelnd an. Er bemühte sich, freundlich zu sein, blickte ihr milde in die Augen und überlegte, auf welche Weise er sie veranlassen könnte, ihn zu sich einzuladen.
Ihn zog sowohl der Wunsch, noch einmal ihre Liebkosungen zu empfangen, wie ein plötzlicher, dringender Einfall zu ihr. Als er sich teilnahmsvoll nach Dronow erkundigte, widersprach sie:
»Es ist nicht wahr, er hat das Buch nicht gestohlen.«
Und erklärte kurz und bündig:
»Er schämte sich, Geld zusammenzuscharren, und ließ es auf meinem Buch in der Sparkasse stehen. Und als wir uns mal gezankt hatten ...«
»Weswegen?«
»Na, weswegen zanken Männer mit Frauen? Wegen Männer, wegen Frauen natürlich. Er bat mich um sein Geld, aus Scherz gab ich es ihm nicht. Da hat er mir das Buch entwendet, und ich mußte es dem Friedensrichter melden. Daraufhin hat Wanjka es mir zurückgegeben. Das ist alles.«
An der Ecke eines dunklen, nebelerfüllten Gäßchens lud sie ihn ein:
»Kommst du ein wenig mit? Ich habe eine neue Wohnung. Wir trinken zusammen Tee.«
In dem engen Stübchen, das sich durch nichts von dem früheren unterschied, verbrachte er wohl vier Stunden. Sie küßte ihn, schien es, heißer und hungriger als früher, aber ihre Zärtlichkeiten vermochten Klim nicht so sehr zu berauschen, daß er vergessen hätte, was er erfahren wollte. Sich ihre Müdigkeit zunutze machend, pirschte er sich bedächtig an das Gewünschte heran und fragte sie zunächst etwas, was ihn niemals interessiert hatte:
»Wie hast du früher gelebt?«
Die Frage wunderte sie.
»Wie alle.«
Aber Klim drang beharrlich in sie. Da rückte sie ein wenig von ihm ab, gähnte und sagte:
»Ich lebte wie alle Mädchen. Erst verstand ich gar nichts. Dann begriff ich, daß man euch lieben muß, da liebte ich eben einen. Er versprach, mich zu heiraten, hat es sich aber anders überlegt ...«
Sie sagte das ruhig, ohne Erbitterung und schloß die Augen. Klim streichelte ihr Wange, Hals und Schulter. Dann richtete er seine Hauptfrage an sie:
»Wie bist du Weib geworden?«
»Auf die gleiche Weise wie alle«, antwortete die Frau und bewegte die Schultern. Sie öffnete die Augen nicht.
»Und hattest du Angst?«
»Wovor?«
»Beim ersten Mal, in der ersten Nacht?«
Margarita dachte ein wenig nach, als müsse sie sich erinnern und leckte sich die Lippen.
»Es war nicht nachts, sondern am Tage, am Tage Allerheiligen, auf dem Kirchhof ...«
Sie machte die Augen auf und warf die Haare zurück, die ihr über Ohren und Wangen gefallen waren. In ihren Gesten bemerkte Klim eine alberne Hast. Sie machte Klim wütend, weil sie ihn nicht in den eigentlichen Vorgang einweihen wollte oder konnte, obwohl Klim bei seinen Fragen kein Blatt vor den Mund nahm.
»Sehr einfach, es schwindelt einem und ade, Jungfernschaft!«
Außer diesem sagte sie nichts weiter über die Technik der Sache, dafür begann sie wohlwollend, ihn mit der Theorie bekanntzumachen. Um behaglicher sprechen zu können, richtete sie sich sogar im Bett auf: