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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Ja, ja, ich weiß. Romantik, der Teufel hole sie! Wenngleich Romantik immer noch besser ist als ...«

Er machte eine unbestimmte Geste mit seiner rechten Hand, schob seine dicke Aktenmappe unter die Achsel und fragte leise:

»Du hast der Mutter nichts erzählt? Nein? Erzähl' ihr auch nichts. Sie lieben einander ohnehin nicht sehr. Nun, ich gehe.«

Kaum war er verschwunden, schwand auch Klims Freude, ausgelöscht von dem Bewußtsein, eine Schlechtigkeit begangen zu haben, als er Lida verriet. Da ging er, der sonst nicht zu raschen Entschlüssen neigte, immer zwei Stufen gleichzeitig nehmend, zu ihr hinauf.

Lida saß ungekämmt, in einem orangefarbenen Kittel und mit Schuhen an den nackten Füßen in der Sofaecke, in ein Notenheft vertieft. Ohne Hast bedeckte sie ihre nackten Beine mit dem Saum des Kittels und fragte mit unfreundlichem Blick:

»Was fehlt dir? Weshalb machst du so ein Gesicht?«

Er setzte sich auf die Sofakante und sagte erst nach einer Pause, als fürchte er, etwas Falsches zu sagen:

»Verzeih mir, ich habe mich versehentlich versprochen ...«

Lida ließ die Noten in ihren Schoß fallen und hielt ihn an:

»Ich weiß. Ich dachte mir gleich, daß du es dem Vater sagen würdest. Ich habe dich vielleicht auch nur deshalb gebeten, zu schweigen, um dich auf die Probe zu stellen. Aber ich habe es ihm gestern selbst mitgeteilt. Du bist zu spät gekommen.«

In ihrer Stimme, in ihren Augen war etwas, was Klim tief verwundete. Er schwieg und fühlte, wie die Wut ihn aufblähte. Das Mädchen jedoch fuhr zweifelnd fort:

»Ich begreife dich nicht. Du scheinst anständig zu sein und begehst doch immer wieder Schlechtigkeiten. Wie soll man sich das erklären?«

Klim fühlte in ihren Worten Abscheu, Er sprang vom Sofa auf und nun entspann sich mit unglaublicher Schnelligkeit zwischen ihnen ein Streit. Klim sagte im Ton des Älteren:

»Das ist so zu erklären, daß ich dein Betragen nicht billige.«

»Wie komisch du bist«, antwortete das Mädchen, schlug ihre Beine unter und zog sich ganz in die Sofaecke zurück.

»Dein Roman mit Makarow ...«

Das Mädchen riß erstaunt und zornig die Augen auf und sagte leise:

»Mein Betragen? Roman? Wie wagst du es, dummer Junge! Bildest du dir ein ...«

Sie erstickte, offenbar außerstande, ein bestimmtes Wort auszusprechen. Ihr dunkles Gesicht verfärbte sich und schien sogar anzuschwellen. Tränen traten ihr in die Augen. Sie warf ihren leichten Körper vor und flüsterte:

»Du glaubst ...«

Klim erschrak plötzlich vor ihrem Zorn, er faßte nicht ganz, was sie sagte, und wollte nur noch das eine: den Sturzbach ihrer immer schrofferen und verworreneren Worte anhalten. Sie stemmte ihren Finger gegen seine Stirn, zwang ihn den Kopf zu heben, blickte ihm in die Augen und sagte:

»Glaubst du im Ernst, daß ich ... daß Makarow und ich in solchen Beziehungen stehen? Verstehst du nicht, daß ich das nicht will . . . daß er sich deshalb erschießen wollte? Verstehst du nicht?«

Klim fühlte auf der Stirnhaut den spitzen Stoß von dem Finger des Mädchens und dachte, zum ersten Male in seinem Leben sei ihm eine solche Beleidigung zugefügt worden. Lida redete dumm und kindlich, aber sie benahm sich wie eine Erwachsene, eine Dame. Er sah in ihr ernstes Gesicht, in ihre traurigen Augen und wünschte ihr etwas sehr Häßliches zu sagen, aber es wollte nicht über seine Lippen. So ging er denn wortlos auf sein Zimmer. Er verspürte eine bittere Trockenheit im Munde und im Kopf wirren Lärm von Worten, trat zum Fenster und sah zu, wie der Wind das Laub von den Bäumen riß. In der Scheibe sah er sein Gesicht. Obgleich die Züge zerflossen, ähnelte es doch unverkennbar dem nüchternen, würdigen Gesicht seiner Mutter.

Mit aller Entschiedenheit, deren Klim in diesem Augenblick fähig war, prüfte er, was echt war an seinen Gefühlen für Lida. Nicht ohne Mühe und erst nach längerer Zeit entwirrte er den straffen Knäuel dieser Gefühle: die wehmütige Empfindung eines sehr schweren Verlustes, scharfe Unzufriedenheit mit sich selbst, den Wunsch sich an Lida für die Beleidigung zu rächen, erotische Neugier, daneben das angestrengte Verlangen, das Mädchen von seiner Bedeutung zu überzeugen und hinter all diesen Regungen die Gewißheit, daß er Lida schließlich doch mit der richtigen Liebe, mit jener Liebe, die in den Gedichten und Romanen vorkam und in der nichts Knabenhaftes, Lächerliches und Erklügeltes war, liebe.

Weiter grübelnd, seufzte er erleichtert auf: wenn Lida Makarow wirklich liebte, mußte sie aus Gründen der Dankbarkeit ihr hochmütiges Benehmen gegen denjenigen, der ihrem Geliebten das Leben gerettet hatte, ändern. Aber er hatte kein einziges Wort der Dankbarkeit aus ihrem Munde gehört. Das war eigentümlich. Heute hatte sie etwas Rätselhaftes gesagt: Makarow habe aus Furcht vor der Liebe, so mußte man ihre Worte verstehen, auf sich geschossen. Richtiger aber war wohl, daß diese Furcht in ihr selbst wohnte. Klim erinnerte sich rasch einer Reihe Anzeichen, die ihn von der Richtigkeit seiner Vermutung überzeugten: Lida fürchtete die Liebe, sie hatte mit ihrer Furcht Makarow angesteckt und war folglich schuldig, einen Menschen an den Rand des Selbstmords getrieben zu haben. Dieses Ergebnis war angenehm. Klim überprüfte noch einmal den Gang seiner Gedanken, erhob das Haupt und gestattete sich ein selbstgefälliges Lächeln darüber, daß er ein so starker Mensch war und so rasch mit schwierigen Situationen fertig wurde.

Er beschloß, gegen Lida Großmut zu üben, wie die seltensten und edelsten der Romanhelden, jene, die, weil sie lieben, alles verzeihen. Es war nun schon das zweite Mal, daß er diese Position beziehen mußte, doch dieses Mal erkannte er bald, daß eine solche Rolle ihn in Lidas Augen noch unansehnlicher machen mußte. Sich im Spiegel musternd, fand er, daß die lyrische, schwermütige Miene sein Gesicht unbedeutend machte. Er war überhaupt unzufrieden mit seinem Gesicht, dessen Züge er kleinlich und im Mißverständnis zur Kompliziertheit seines Seelenlebens fand. Seine Kurzsichtigkeit ließ ihn blinzeln, durch die Gläser erschienen seine Pupillen unangenehm vergrößert. Ihm mißfiel die Nase, die gerade nüchtern und nicht groß genug war, die Lippen waren zu dünn, das Kinn übertrieben spitz, der Schnurrbart sproß nur an den Mundwinkeln in zwei lichten Büscheln. Wenn er die Stirn runzelte und die dünnen Brauen zusammenrückte, wurde sein Gesicht interessanter und klüger. Auf die lyrische Note mußte er verzichten.

Er begann, Lermontow zu lesen. Die heftige Bitterkeit dieser Gedichte schien ihm brauchbar. Immer häufiger zitierte er die beißenden Verse dieses düsteren Dichters.

Er versuchte sogar, Lida zu behandeln wie ein kleines Mädchen, für dessen Verirrungen man Verständnis hat, obwohl man sie ein wenig lächerlich findet. Wenn die Mutter und Warawka dabei waren, gelang es ihm, diesen Ton einzuhalten, doch sobald er mit ihr allein blieb, entglitt er ihm.

Lida sollte nach Moskau, rüstete sich aber nur langsam und widerwillig zur Reise. Während sie Warawkas Gesprächen mit Klims Mutter zuhörte, betrachtete sie sie mit forschendem Blick wie Fremde und, offenbar nicht einverstanden mit dem, was sie hörte, schüttelte sie heftig den Kopf unter der Kappe krauser Haare.

Makarow war gleich nach seiner Genesung auf die Universität gefahren. Er hatte dabei eine verdächtige Eile an den Tag gelegt. Zum Abschied hatte er Klims Hand fest zwischen seine Finger gepreßt, aber nur zwei Worte gesagt:

»Ich danke dir, Bruder.«

Nach seiner Abreise wich Lida noch geflissentlicher einem Zusammensein unter vier Augen aus. In ihren Augen war etwas mönchisch Lebensfeindliches und Unmutiges erstarrt, doch schien sie Klim jetzt wieder kindlicher zu sein als vor einigen Wochen. Er beobachtete, daß sie für seine Mutter nicht mehr wie früher jenen trocknen und fremden Ton hatte, daß sie zuweilen das Zimmer der Mutter aufsuchte und beide dort in stillem Geplauder beieinander saßen. Einmal, es war gegen Mitternacht, nach einem langweiligen Preferancespiel mit Warawka und der Mutter, suchte Klim sein Zimmer auf. Nach einigen Minuten trat die Mutter herein, schon im violetten Nachtkleid und Pantoffeln, setzte sich auf das Kanapee und begann besorgt, während sie nervös mit den Quasten ihres Gürtels spielte:

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