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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Die Mutter warf einen forschenden Blick auf ihn und fragte:

»Was hast du bloß auf einmal?«

»Notgedrungen«, antwortete Warawka, enterte mit der Gabel ein würfelförmiges Stück Melone und beförderte es in den Mund. »Aber«, fuhr er klangvoll und eindringlich fort, »es gibt auch eine Sorte Menschen, die ich fürchte. Das sind die guten echtrussischen Leute, die glauben, man könne mit der Logik der Worte auf die Logik der Geschichte einwirken. Ich rate dir freundschaftlich, Klim, hüte dich, einem guten russischen Menschen Glauben zu schenken! Fr ist ein reizender Mensch, gewiß! Mit ihm über die Zukunft zu plaudern ist ein Hochgenuß! Aber die Gegenwart ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln, und er sieht nicht, wie traurig diese Rolle eines Kindes ist, das verträumt in der Mitte der Straße schlendert und von den Pferden zerstampft werden wird, weil den schweren Lastwagen der Geschichte Pferde ziehen, die von erfahrenen, aber nicht zartfühlenden Kutschern gelenkt werden. Unsere guten Leute sind an dieser Arbeit völlig unbeteiligt. Im besten Fall dienen sie als Stuck auf der Fassade des zu errichtenden Gebäudes, doch da dieses Gebäude ja erst errichtet werden soll, so ...«

Die Mutter unterbrach eifrig den Redner:

»Denke aber auch daran, daß Christus ...«

»Auch eine verfrühte und folglich schädliche Erscheinung ist«, ergänzte Warawka, mit seinem dicken Finger Takt schlagend. »Die sogenannte christliche Kultur gleicht einem regenbogenfarbigen Fleck Petroleum auf einem breiten und trüben Fluß. Kultur, das ist vorerst: Bücher, Bilder, ein wenig Musik und sehr wenig Wissenschaft. Die Kultiviertheit einiger weniger Menschen, die sich das »Salz der Erde«, »Ritter des Geistes« und so weiter zu nennen belieben, äußert sich lediglich darin, daß sie nicht laut fluchen und ironisch vom Wasserklosett sprechen. Alle die »in Christo« leben, sind tief kulturfeindlich in meinem Sinne des Kulturbegriffs. Kultur, meine Teure, ist Liebe zur Arbeit, aber eine ebenso unzähmbar gierige wie die Liebe zum Weibe.«

Hastig zündete er sich eine Zigarette an und redete unermüdlich weiter, zwischendurch blauen Rauch ausstoßend. Die Saffianhaut seiner Stirn glitzerte rötlich, die scharfen Äuglein funkelten erregt, sein Fuchsbart rauchte, und ebenso rauchten auch seine Worte. Klim waren Warawkas Anfälle von Beredsamkeit längst vertraut, sie befielen ihn besonders heftig in Tagen der Müdigkeit. Die Leute grüßten Warawka immer respektvoller. Klim wußte, daß sie in ihren vier Wänden immer schlechter und böser über ihn redeten. Er nahm auch ein merkwürdiges Zusammentreffen wahr: je mehr und schlechter man in der Stadt über Warawka sprach, desto hemmungsloser und wilder philosophierte er zu Hause.

Heute war der Anfall besonders hartnäckig. Warawka knöpfte sich sogar unten die Weste auf, wie er es zuweilen bei Tisch tat In seinem Bart funkelte ein rotes Lächeln. Unter ihm ächzte der Stuhl. Die Mutter hörte ihm zu und beugte sich dabei so ungeschickt vornüber, daß ihre mädchenhaften Brüste auf der Tischkante lagen. Klim berührte dieser Anblick peinlich.

»Erlaube mal, erlaube mal«, schrie Warawka sie an, »diese Menschenliebe, die wir erfunden haben, ist unserer eigenen Natur, die nicht nach Liebe zu unserem Nächsten, sondern nach Kampf gegen ihn dürstet, zuwider. Diese unselige Liebe bedeutet nichts und ist nichts wert ohne den Haß und Ekel gegen den Schmutz, in dem dieser Nächste lebt. Endlich darf man nicht vergessen, daß das geistige Leben sich nur auf dem Boden materieller Wohlfahrt entfalten kann.«

Klim, der in sich hineinhorchte, verspürte in seiner Brust und in seinem Kopfe eine stille, nagende Schwermut, fast Schmerz. Das war ihm eine neue Empfindung. Er saß neben der Mutter, aß träge Melone und fragte sich, warum alle philosophierten. Ihm kam es so vor, als philosophierte man in der letzten Zeit mehr und heftiger. Er war erfreut, als man im Frühjahr, unter dem Vorwand, der Flügel solle renoviert werden, dem Schriftsteller Katin die Wohnung kündigte. Jetzt sah er, wenn er über den Hof kam, mit Vergnügen die geschlossenen Fensterläden des Flügels.

Oft schien ihm, er sei so unter fremden Meinungen verschüttet, daß er sich selbst nicht mehr sah. Jeder Mensch schien etwas zu befürchten und suchte in ihm einen Verbündeten, bedacht, ihm seine Meinung in die Ohren zu schreien. Alle hielten ihn für eine Abladestelle für ihre Ansichten und begruben ihn im Sand ihrer Worte. Heute befand er sich gerade in einer solchen Stimmung.

Fenja kam und meldete, der Bauunternehmer sei da.

»Aha!« rief Warawka wütend, sprang auf und entfernte sich mit dem schwerfälligen und zugleich schnellen Schritt eines Bären. Klim stand ebenfalls auf, doch die Mutter nahm seinen Arm und führte ihn in ihr Zimmer. Inzwischen fragte sie:

»Dich hat die Geschichte mit Lida wohl sehr aufgeregt?«

Während sie sich auf dem Teppich des Salons erging, wiederholte sie mit gedämpfter Stimme ermüdend und offensichtlich bestrebt, nicht mehr zu sagen, als gut war, die Klim wohlbekannten Bemerkungen über Lida und Makarow. Ihr Sohn hörte schweigend diese Rede eines Menschen, der überzeugt ist, stets das Klügste und Wichtigste auszusprechen, und dachte unvermittelt: »Worin unterscheidet sich ihre und Warawkas Liebe von der Liebe, die Margarita kennt und lehrt?«

Er begriff sogleich die ganze Schwere, den ganzen Zynismus dieses Vergleichs, fühlte sich vor der Mutter schuldig, küßte ihr die Hand und bat, ohne ihr in die Augen zu sehen:

»Beunruhige dich nicht, Mama – und verzeih, ich bin so müde.«

Auch sie küßte ihn sehr innig auf die Stirn.

»Ich verstehe, du mit deiner besonderen Innerlichkeit hast es schwer.«

Bei sich in seinem Zimmer dachte er, während er seine Jacke abstreifte, wie schön es wäre, wenn er diese ganze Innerlichkeit, diesen Wirrwarr der Empfindungen und Gedanken genau so leicht abstreifen könnte wie die Jacke und so einfach leben könnte wie die anderen, ohne sich zu scheuen, alle Dummheiten auszusprechen, die ihm auf die Zunge kamen, ohne an die profunden Weisheiten eines Tomilin oder Warawka, – ohne an einen Dronow denken zu müssen!

Er schlief schlecht, verließ früh das Bett und fühlte sich halb krank. Er ging ins Eßzimmer Kaffee trinken und fand dort Warawka, der sich für die Schlacht des Tages rüstete, Toast aß und dazu Portwein trank.

»Höre mal«, sagte er mit zusammengerückten Augenbrauen leise, ohne Klims Hand loszulassen, was Unangenehmes verhieß. »Mit Rücksicht auf Wera habe ich gestern nicht sagen wollen und aus Zeitmangel auch nicht können, daß ich schlechte Nachrichten über Dronow habe. Friedensrichter Kusmin, der nicht weiß, daß dieses Subjekt nicht mehr bei mir arbeitet, gab mir davon Kenntnis, daß Dronow sich das Sparkassenbuch eines Mädchens angeeignet habe und daß Anzeige gegen ihn erstattet sei. Obgleich der Richter »sich aneignen« sagte, ist es doch klar, daß es sich um einen Diebstahl handelt und obendrein, da er dreihundert Rubel übersteigt, um eine Sache, die nicht vor den Friedensrichter gehört. Das bedeutet also Kreisgericht. In welchen Beziehungen stehst du zu dem Burschen? Aha, du hast dich von ihm getrennt? Ich bin sehr erfreut.«

Auch Klim war erfreut. Um es zu verbergen, senkte er den Kopf. Ihm war, als sei auch das triumphierende »Aha« in seinem Innern erklungen, ein Spektrum von Gedanken flammte auf, darunter von solchen der Teilnahme für Margarita.

Warawka, der offensichtlich seine Freude als Schreck mißverstanden hatte, sagte ein paar tröstende Aphorismen:

»Nun ja, für die Anständigkeit eines Menschen kann man niemals bürgen. Wir wählen uns unsere Freunde achtloser als ein Paar Stiefel. Merke dir: ein Mensch ohne Freunde ist mehr Mensch.«

Selbstgefällig schloß er:

»Ich habe keine Freunde.«

Da trieb ein Gefühl der Dankbarkeit Klim, ihm zu verraten, daß Lida häufig bei Makarow war. Zu seinem Erstaunen wurde Warawka nicht unwillig. Er blickte nur ängstlich in die Richtung des Zimmers der Mutter und sagte mit gedämpfter Stimme:

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