Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Sie bot Klim Tee an, Klim dankte höflich und drückte Makarow, der mit schweigendem Lächeln die Slobins ansah, die Hand:
»Komm bitte wieder«, bat Makarow. Die Slobins echoten einstimmig:
»Wir bitten!«
Klim trat auf die Straße. Ihm wurde traurig zumute. Die spaßigen Freunde Makarows mußten ihn wohl sehr lieb haben, und mit ihnen zu leben, mußte behaglich und einfach sein. Ihre Einfalt ließ ihn an Margarita denken. Das wäre der Mensch, bei dem er von den unsinnigen Aufregungen dieser Tage ausruhen könnte. Und wie er ihrer gedachte, fühlte er mit einemmal, daß dieses Mädchen in seinen Augen unmerklich gewachsen war, aber irgendwo seitab von Lida und ohne sie zu verdunkeln.
Sobald Lida in seinen Gedankengang einbrach, konnte er an nichts anderes mehr denken als an sie. Im Grunde war es gar kein Denken, er stand vor dem Mädchen und betrachtete es gedankenlos, so wie er zuweilen den Lauf der Wolken und die Strömung des Flusses betrachtete. Wolken und Wellen spülten jedes Denken fort und riefen in ihm eine ebenso gedankenleere Stimmung halber Hypnose hervor wie dieses Mädchen. Doch sobald er sie nicht geistig, sondern körperlich vor sich hatte, erwachte in ihm ein beinah feindliches Interesse für sie. Er empfand den heftigen Wunsch jeden ihrer Schritte zu überwachen, zu erfahren, was sie dachte und wovon sie mit Alina oder ihrem Vater sprach, und sie zu ertappen.
Einige Tage später fragte Lida so nebenhin, aber schnippisch, wie Klim schien:
»Warum besuchst du nicht Makarow?«
Er sagte, er sei sehr verstimmt durch das Verhalten der Lehrerkonferenz, ein Teil ihrer Mitglieder könne sich nicht entschließen, ihm das Reifezeugnis zu geben, und verlange eine nochmalige Prüfung.
»Na, Rziga wird's schon machen«, sagte achtlos Lida, dann kniff sie die Augen zu, kicherte und fügte hinzu:
»Versuch doch nicht, glauben zu machen, daß du bedauerst, deinen Kameraden am Selbstmord gehindert zu haben.«
Sie ging weg, ehe er antworten konnte. Natürlich scherzte sie, Klim sah es ihr vom Gesicht ab. Doch wenn ihre Worte auch scherzhaft gemeint waren, sie ärgerten ihn doch. Auf welche Weise und dank welchen Beobachtungen konnte ihr ein so kränkender Gedanke kommen? Klim prüfte lange und angestrengt sich selbst: hatte er jenes Mitleid empfunden, das Lida zu ahnen glaubte? Er entdeckte es nicht bei sich und beschloß, sich ihr zu erklären. Aber es vergingen zwei Tage, ohne daß er Zeit für eine Erklärung gefunden hätte, am dritten ging er zu Makarow, getrieben von einer ihm selbst nicht ganz klaren Absicht.
An der Schwelle eines der Stübchen des Puppenhauses hielt er mit einem unwillkürlichen Lächeln an: an der Wand, auf einem Sofa, lag, bis zur Brust in eine Decke verpackt, Makarow. Der aufgeknöpfte Hemdkragen entblößte seine verbundene Schulter. An einem runden Tischchen saß Lida. Auf dem Tisch stand eine mit Äpfeln gefüllte Schale. Ein schiefer Sonnenstrahl drang durch die oberen Scheiben und beleuchtete die tiefroten Früchte, Lidas Nacken und die Hälfte von Makarows höckernasigem Gesicht. Duft erfüllte das Zimmer, und es war sehr heiß. Der Kranke und das junge Mädchen aßen Äpfel.
»Eine paradiesische Beschäftigung«, murmelte Klim.
»Der Dritte im Paradiese war der Teufel«, gab Lida schlagfertig zurück und rückte mit dem Stuhl ein wenig vom Sofa ab, während Makarow, der Klim die Hand drückte, ihren Scherz aufnahm:
»Samgin gleicht mehr Faust als Mephisto.«
Beide Scherze mißfielen Klim und zwangen ihn zur Vorsicht. Makarow und Lida jedoch plänkelten witzig miteinander und verletzten ihn dabei immer häufiger. Er revanchierte sich ungeschickt und verlegen und glaubte aus ihren Worten den Verdruß von Menschen herauszuhören, die gestört worden sind. Unmut gegen sie stieg in ihm auf und noch ein anderes, wehmütiges Gefühl. Der Mensch, den er am Selbstmord verhindert hatte, war allzu aufgeräumt und noch schöner geworden. Die Blässe seines Gesichts unterstrich vorteilhaft den heißen Glanz seiner Augen, der Schatten auf der Lippe war tiefer und auffälliger geworden. Der ganze Makarow war in den wenigen Tagen auf unnatürliche Weise gereift. Er sprach sogar mit tieferer, wenn auch schwächerer Stimme. Lida benahm sich in seiner Gesellschaft unangenehm einfach, ohne jene Anmaßung und Aufgeblasenheit, die man bei ihr sonst gewohnt war, und wenn Klim auch bemerkte, daß sie zu ihm gütiger war als früher, so empfand er selbst das schmerzlich.
»Wie nett ist es hier, nicht wahr?« wandte sie sich an Samgin und zeigte mit der Hand im Kreis herum.
»Ganz gewöhnlich, so wie bei Spießbürgern.«
»Denkt mal, was für ein Aristokrat!« sagte Makarow und versteckte sein Gesicht vor der Sonne. Auch Lida lächelte, und Klim stellte sich rasch ihre Zukunft vor. Sie ist mit dem Gymnasiallehrer Makarow verheiratet. Er ist natürlich ein Säufer. Sie geht schon mit dem dritten Kind schwanger, latscht in Pantoffeln herum, die Ärmel ihrer Bluse sind bis zum Ellenbogen aufgekrämpelt, in der Hand hält sie einen schmutzigen Lappen, mit dem sie Staub wischt, wie eine Dienstmagd. Am Boden kriechen Säuglinge mit roten Hintern umher und wimmern. Dieses rasch entstandene Bild hob ein wenig seine gedrückte Stimmung. Jetzt blickte die alte Slobin ins Zimmer und lud ein:
»Bitte zum Tee! Heute gibt es Ihre Lieblingsplätzchen, Lida Timofejewna.«
Lida lief zu ihr hin, und flüsterte hastig etwas, wobei sie mit ihren dünnen Fingern die graue Haarflechte streichelte, die der Alten auf die feuerrote Backe gefallen war. Die Slobin schüttelte sich und lachte in tiefem Baß. Klim hörte nicht, was Lida sagte. Auf Makarows Frage: »Warum blickst du sie so an?« zuckte er nur die Achseln. »Also so steht es!« dachte er. »Sie kommt also seit langem und häufig hierher, sie gehört schon zur Familie? Aber weshalb wollte Makarow sich dann erschießen?«
Mit unwiderstehlicher Beharrlichkeit schoß ihm immer wieder der Gedanke durch den Kopf, daß Makarow mit Lida lebte, wie er selbst mit Margarita gelebt hatte, und während er sie von Zeit zu Zeit scheel ansah, schrie er innerlich: »Lügner! Falsche Menschen!«
Neben ihm saß Slobin, stieß ihn mit seiner knochigen Schulter an und redete davon, daß er nur die Musik und seine Mama liebe:
»Um dieser Liebe willen bin ich unverheiratet geblieben. Denn, wissen Sie, ein Dritter im Haus ist schon ein Störenfried! Und nicht jede Gattin erträgt Übungen auf der Geige. Ich übe aber jeden Tag. Meine Mama hat sich so daran gewöhnt, daß sie es nicht mehr hört.«
Klim verließ diese Leute in so niedergeschlagener Gemütsverfassung, daß er Lida nicht einmal seine Begleitung anbot. Doch sie selbst lief ihm bis vors Tor nach, hielt ihn an und bat freundlich, mit einem listigen kleinen Lächeln in den Augen:
»Sag zu Hause nichts davon, daß du mich hier gesehen hast.«
Er nickte zustimmend. Nach Hause zu gehen, hatte er keine Lust. Er trat an das Ufer des Flusses, schlenderte an ihm entlang und grübelte:
»Ich sollte rauchen, man sagt, es beruhigt.«
Hinter dem Fluß stülpte sich über die glattrasierte Erde gleich einem Becher eine rosafarbene Leere, die aus irgendeinem Grunde an das saubere Puppenhäuschen und seine Bewohner erinnerte.
»Wie dumm ist das alles!«
Zu Hause traf er Warawka und die Mutter im Eßzimmer. Der riesige Tisch war mit einer Menge Papiere überschwemmt. Warawka klapperte mit den Kugeln des Rechenbretts und brummte in seinen Bart:
»Spitzbuben!«
Die Mutter schrieb rasch Zahlen von gleichförmigen Papierblättchen auf einen großen weißen Bogen ab. Vor ihr stand eine Platte mit einer gewaltigen Wassermelone, vor Warawka eine Flasche Sherry.
»Nun, was macht dein Schütze?« fragte Warawka. Nachdem er Klims Bescheid entgegengenommen hatte, musterte er ihn mißtrauisch, goß sich sein Glas voll, leerte es andächtig zur Hälfte, leckte sich die fleischige Lippe und fing an zu reden, wobei er sich im Stuhl zurückwarf und mit dem Finger auf dem Tischrand Takt schlug.
»Die Welt zerfällt in Menschen, die klüger sind als ich. Diese kann ich nicht leiden. Und in solche, die dümmer sind als ich. Diese verachte ich.«