Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Jetzt kamen zwei Personen herein: eine grauhaarige Alte mit einer Brille und ein Mann im Frack; die Alte setzte sich und entblößte gleichzeitig ihre gelben Zähne und die zweifarbigen Knöchelchen der Tasten, während der Mann im Frack zu seiner Schulter eine Geige erhob, das rötliche Auge zukniff, mit dem Bogen zielte und die Geige damit entzweischnitt, worauf in den Baßgesang der Flügelsaiten die dünne, pfeifende Geigenstimme eindrang. Die nackte Frau richtete sich mit einer wellenförmigen Bewegung auf, schüttelte den Kopf, so daß die Haare auf ihre frech in die Höhe stehenden Brüste fielen und sie bedeckten; sie wiegte sich und begann langsam, halblaut und näselnd mit einer aus der Ferne kommenden, träumerischen Stimme zu singen.
Alle blickten sie schweigend mit erhobenen Köpfen an, alle hatten die gleichen Gesichter und blinde Augen. Die Frau sang lustlos, wie im Halbschlaf, ihre grellen Lippen sprachen unverständliche Worte aus, die öligen Augen sahen starr über die Köpfe der Menschen hinweg. Artamonow hatte nie geglaubt, daß ein Frauenkörper so schlank, so erschreckend schön sein könnte. Sie streichelte sich mit den Handflächen die Brust und die Schenkel und schüttelte immerzu den Kopf, und sowohl ihre Haare als sie selbst schienen zu wachsen, immer größer und üppiger zu werden und alles zu verdecken, so daß außer ihr nichts zu sehen war, als wäre nichts mehr da. Artamonow erinnerte sich genau, daß sie in ihm auch nicht für einen Augenblick den Wunsch, sie zu besitzen, erregt hatte, sie hatte nur Furcht und einen schweren Druck in der Brust hervorgerufen, von ihr ging etwas hexenhaft Unheimliches aus. Er begriff aber, daß diese Frau nur zu befehlen brauchte, und er würde ihr folgen und alles, was sie wünschte, erfüllen. Als er die Anwesenden ansah, überzeugte er sich:
»Jeder wird ihr folgen, alle.«
Er wurde nüchtern und bekam Lust, unbemerkt fortzugehen. Er hatte endgültig beschlossen, es zu tun, als er ein lautes Flüstern vernahm:
»Das ist der Hexengrund. Ein Trugbild der Natur. Verstehst du: der Hexengrund.«
Artamonow wußte, daß der Hexengrund eine Wiese in einem sumpfigen Wald ist; das Gras darauf ist besonders schön, seidig und grün, wenn man aber drauftritt, stürzt man in grundlosen Morast. Und doch sah er die Frau an, von der unwiderstehlichen, bezwingenden Macht ihrer Nacktheit gebannt. Und wenn ihr schwerer, öliger Blick auf ihn fiel, zuckte er mit den Schultern, bog den Hals zurück und wandte die Augen zur Seite, wobei er sah, daß die häßlichen, halb betrunkenen Menschen sie mit demselben stumpfen Staunen anglotzten, mit dem die Driomower Bürger einen Maler betrachtet hatten, der vom Kirchendach abgestürzt und zerschmettert liegen geblieben war.
Der schwarze, lockige Stiopa saß mit aufgeworfenen dicken Lippen auf dem Fensterbrett, fuhr sich mit der zitternden Hand über die Stirne, und es war, als würde er sogleich herunterfallen und mit dem Kopf auf den Fußboden aufschlagen. Jetzt riß er aus irgendeinem Grunde die aufgeknöpfte Hemdmanschette los und schleuderte sie in die Ecke.
Die Bewegungen der Frau wurden rascher und krampfhafter; sie wand sich so, als wollte sie vom Flügel herabspringen und könnte es nicht; ihre unterdrückten Schreie wurden näselnder und erboster; es war besonders unheimlich zu sehen, wie wellenförmig ihre Beine sich krümmten und wie schroff ihre Kopfbewegungen wurden, während ihre dichten Haare wie Flügel über die Schultern fegten und gleich dem Vließ eines Tieres über Brust und Schultern fielen.
Plötzlich stockte die Musik, die Frau sprang auf die Erde, der schwarze Stiopa hüllte sie in einen goldfarbigen Schlafrock und lief mit ihr hinaus, während die Anwesenden schrien, heulten, in die Hände klatschten und einander packten; die weißen Bedienten, die an Leichen in Totenhemden erinnerten, begannen sich im Kreise zu drehen; Gläser und Pokale klirrten, und alle tranken gierig wie an einem glühend heißen Tage. Man aß und trank häßlich und ohne Anstand; es war beinahe widerlich, die über den Tisch geneigten Köpfe zu sehen, man wurde an Schweine über einem Trog erinnert.
Jetzt erschien ein Haufen Zigeuner, sie sangen aufreizend und tanzten, man begann sie mit Gurken und Servietten zu bewerfen, sie verschwanden; an ihrer Statt trieb Stiopa eine lärmende Frauenherde herein; eine der Frauen, eine kleine, runde, in einem roten Kleid, setzte sich zu Pjotr auf die Knie, führte einen Champagnerpokal an seine Lippen, stieß mit lautem Klingen an und schlug vor:
»Roter, wir wollen auf Mitjas Gesundheit trinken!«
Sie war leicht wie eine Motte und hieß Paschuta. Sie spielte sehr geschickt Gitarre und sang rührend:
»Ich träumte von einem azurblauen Morgen«;
und wenn ihre klangvolle Stimme mit besonderer Trauer fortfuhr:
»Ich träumte von meiner verlorenen Jugend«,
streichelte Artamonow ihr freundschaftlich und väterlich den Kopf und tröstete:
»Weine nicht! Du bist noch jung, hab' keine Angst...«
Und als er sie des Nachts umschlang, schloß er fest die Augen, um die andere, Paula Menotti, besser zu sehen. In den seltenen, nüchternen Stunden erkannte er zu seinem großen Erstaunen, daß diese liederliche Paschuta ihm lächerlich teuer zu stehen kam, und er dachte:
»So eine Motte!«
Ihn verblüffte die Kunst der Frauen auf der Messe, das Geld herauszusaugen, und ihre sinnlose Verschwendung des durch schamlose, trunkene Nächte erzielten Verdienstes. Man sagte ihm, der Mann mit dem Hundegesicht, einer der größten Pelzhändler, gebe für Paula Menotti Zehntausende aus, er zahle ihr jedesmal, wenn sie sich nackt zeige, drei Tausender. Ein anderer, der mit den lila Ohren, rauchte sich die Zigarren mit Hundertrubelscheinen an und verbrannte sie an einer Kerze, er steckte den Frauen Stöße von Geldscheinen hinter den Brustlatz.
»Nimm, Deutsche, ich habe viel davon.«
Er nannte alle Frauen »Deutsche«. Artamonow begann jedoch in einer jeden von ihnen die offene Schamlosigkeit der langhaarigen Paula zu sehen, und alle Frauen, die dummen und die schlauen, die verschlossenen und die frechen, waren ihm, seinem Gefühl nach, feindlich gesinnt; selbst wenn er sich an seine Frau erinnerte, glaubte er auch an ihr etwas heimlich Feindseliges zu bemerken.
»Motten«, sagte er, den blumigen Reigen schöner, junger Frauen prüfend, den sein Gedächtnis sehr lebendig und deutlich wieder erstehen ließ.
Er konnte nicht begreifen, wie das zu erklären war: die Menschen arbeiteten, waren an ihre Unternehmungen festgekettet und gaben sich ihnen nur zu dem Zweck hin, um möglichst viel Geld zusammenzuraffen; dann verbrannten sie aber dieses Geld und warfen es in Haufen vor die Füße liederlicher Weiber. Und das alles waren angesehene, würdig aussehende, verheiratete Männer, die Kinder hatten und ungeheure Fabriken leiteten.
»Der Vater hätte es vielleicht ebenso getrieben«, dachte er fast mit Gewißheit. Sich selbst betrachtete er nicht als an diesem Leben und diesen Gelagen mitbeteiligt, sondern nur als einen zufälligen und unfreiwilligen Zuschauer. Doch diese Gedanken berauschten ihn stärker als Wein und konnten nur durch Wein gelöscht werden. Er verbrachte drei Wochen im Fieber von Gelagen und kam erst bei Alexejs Ankunft wieder zu sich.
Pjotr Artamonow lag auf einer dünnen, harten Matratze auf dem Fußboden; neben ihm standen ein Eimer mit Eis, Flaschen mit Kwas und ein Teller Sauerkohl, der reichlich mit geriebenem Meerrettich gewürzt war. Auf dem Sofa lag mit offenem Mund Paschuta ausgestreckt, sie hob die Brauen ebenso wie Natalia und ließ den weißen, blau geäderten Fuß, dessen Nägel an Fischschuppen erinnerten, auf die Erde herabhängen. Draußen brüllte der allrussische Jahrmarkt mit Tausenden von gierigen Rachen.
Durch das katzenjämmerliche Dröhnen des Kopfes und das stumpfe Schmerzen des vergifteten Körpers hindurch, erinnerte Artamonow sich finster an die Ereignisse und Unterhaltungen der verflossenen Nacht, als plötzlich Alexej, gleichsam aus der Wand heraus, erschien. Er kam hinkend und mit dem Stock klopfend heran und überschüttete ihn mit Worten: