Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Pjotr folgte Alexej mit aufeinander gepreßten Kiefern gehorsam zum Friseur; Alexej erklärte streng und genau, um wieviel der Bart und die Kopfhaare gestutzt werden sollten; im Schuhgeschäft wählte er selbst für Pjotr die Stiefel aus. Als Pjotr sich darauf im Spiegel betrachtete, fand er, daß er aussah wie ein Kommis, die Stiefel drückten ihm aber den Fuß im Rist. Er schwieg dazu, da er zugeben mußte, daß Alexej richtig handelte: es war notwendig, sowohl die Haare stutzen zu lassen, als andere Stiefel zu wählen. Er mußte sich überhaupt wieder in Ordnung bringen und all das Trübe und Niederdrückende vergessen, das von den Gelagen zurückgeblieben war und in wägbarer und greifbarer Weise beschwerte. Durch den Nebel im Kopf und die Müdigkeit des vergifteten, ermatteten Körpers hindurch, beobachtete er aber Alexej, und in ihm entstand ein immer komplizierteres Gefühl, eine Mischung von Neid und Achtung, von verborgenem Spott und von Feindseligkeit. Dieser luchsartige, scharfäugige, magere Mensch mit dem Stock in der Hand funkelte und dampfte vor unersättlicher geschäftlicher Spielwut. Pjotr frühstückte und speiste mit ihm in den Chambres séparées der besten Lokale der Messe, in Gesellschaft angesehener Kaufleute, zu Mittag. Dabei sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß Alexej sich gewissermaßen als Narr benahm und die reichen Leute zu belustigen und zu unterhalten bemüht war. Sie schienen das Narrenhafte jedoch nicht zu bemerken, sie liebten und achteten Alexej offenkundig und hörten aufmerksam seinem an eine Elster erinnernden Geschnatter zu.
Der riesengroße, langbärtige Textilmensch Komolow drohte ihm mit dem möhrenfarbigen Finger, sprach aber freundlich zu ihm, mit seinen Ochsenaugen glotzend und dabei saftig schmatzend:
»Du bist geschickt und schlau wie ein Fuchs, Aljoscha! Du hast mich angeführt...«
»Jermolaj Iwanowitsch!« schrie Alexej begeistert. »Es ist ein Wettstreit, nicht wahr?«
»Es stimmt. Halte keine Maulaffen feil – stolziere wie ein Trumpf Aß herum!«
»Jermolaj Iwanowitsch, – ich lerne!«
Komolow war damit einverstanden.
»Man muß lernen.«
»Meine Herren!« sagte Alexej ebenso begeistert, aber schon etwas schmeichlerisch und schwang die Gabel. »Mein Sohn Miron, ein kluger Kopf und künftiger Ingenieur, erzählte mir folgendes: In der Stadt Syrakus gab es einen weltberühmten Weisen; er machte dem König den Vorschlag: gib mir eine Stütze, und ich werde die ganze Erde umdrehen!«
»Ach, du Grauwanst!«
»Ich drehe sie dir um, sagte er! Meine Herren! Unser Stand hat eine Stütze – den Rubel! Wir brauchen keine Weisen, welche alles umdrehen können, wir sind selbst nicht von gestern; wir brauchen eines: andere Beamte! Meine Herren! Der Adel kränkelt, er ist für uns kein Hindernis, wir sollten aber eigene Beamte haben und alle Leute, die wir benötigen, müßten aus unserer Mitte, aus der Kaufmannschaft hervorgehen, damit sie unsere Angelegenheiten verstehen – das ist es!«
Die grauhaarigen, kahlköpfigen und wohlbeleibten Männer stimmten fröhlich zu.
»Richtig, Grauwanst!«
Und ein einäugiger, spitznasiger, knochiger kleiner Alter, der Escompteur Losew, sagte mit einem höflichen Kichern:
»Alexej Iljitschs Verstand ist wie eine Maus, die alles weiß: wo das Schmalz ist, das sie liebt, und wo es nichts gibt, und die nagt und nagt! Sein Wohl!«
Man hob die Gläser, Alexej stieß freudig mit allen an, während Losew mit seinem Kinderhändchen Komolow auf die hohe Schulter klopfte und sagte:
»Es kommen jetzt unter uns kluge Köpfe zum Vorschein.«
»Es gab immer welche!« erwiderte Komolow stolz.
»Mein Vater war Lastträger und hat sich doch durchgeschlagen ...«
»Dein Vater soll, wie man sagt, damit begonnen haben, daß er einen reichen Armenier erstochen hat«, sagte Losew schmunzelnd. Der langbärtige Textilmensch lachte blökend wie ein Hammel und erwiderte:
»Das ist erlogen! Die Dummen sagen bei uns: wenn man glücklich ist, ist man auch sündig! Auch über dich, Kusma, sind häßliche Gerüchte verbreitet ...«
»Ja, auch über mich«, bestätigte Losew seufzend. »Gerüchte sind wie Fliegen!«
Pjotr hörte, sich räuspernd, zu, aß viel, bemühte sich, weniger zu trinken und hatte das traurige Gefühl, unter diesen Leuten ein Tier anderer Art zu sein. Er wußte: sie alle waren Bauern von gestern; er sah in ihnen allen etwas Räuberartiges und Märchenhaftes, das Achtung einflößte und das sie mit seinem Vater gemein hatten. Der Vater hätte sicher an ihren Unternehmungen und ihren Gelagen teilgenommen, er hätte sich wohl auch denselben Ausschweifungen hingegeben und hätte das Geld wie Hobelspäne verbrannt. Ja, Geld war wie Hobelspäne für diese Menschen, die unermüdlich, aus aller, Kraft an der ganzen Erde, an einander und an der Bauernschaft herumhobelten.
Aber an Alexej war etwas, das diesen angesehenen Leuten nicht ähnlich sah, und ab und zu fühlte Pjotr bei aller Feindseligkeit, die er für ihn hegte, daß Alexej schärfer, klüger und sogar gefährlicher war.
»Meine Herren«, schrie er außer sich und wie besessen. »Denkt daran, was für einen unerschöpflichen Reichtum an Arbeitshänden wir in den ungeheuren Millionen von Bauern besitzen! Sie sind Arbeiter und Käufer zugleich. Wo gibt es so etwas in diesem Umfang? Das gibt es nirgends! Und wir brauchen keine Deutschen und keinerlei Ausländer, wir machen alles selbst!«
»Richtig«, stimmten die angeheiterten Männer laut zu.
Er sprach von der Notwendigkeit der Zollerhöhung für die Einfuhr ausländischer Waren, von den Aufkäufen von Gütern, von der Schädlichkeit der Adelsbanken; er wußte alles, und die Anwesenden stimmten allem, was er sagte, zum Staunen von Pjotr Artamonow, begeistert zu.
»Nikita hat mit Recht gesagt, daß er zu leben versteht«, dachte er voll Neid.
Ungeachtet seiner schwachen Gesundheit führte auch Alexej ein ausschweifendes Leben. Er schien schon von früher her eine ständige Geliebte zu haben, eine Moskauerin, die einen Sängerinnenchor unterhielt. Sie war eine wohlbeleibte, üppige Frau mit einer Honigstimme und mit strahlenden Augen. Es hieß, sie wäre schon vierzig Jahre alt, auf ihr mattweißes Gesicht und die rosigen Wangen hin konnte man sie aber kaum auf dreißig schätzen.
»Aljoschinka, mein Falke«, sagte sie, ihre spitzen Fuchszähne zeigend, und verbarg Alexej mit ihrem Körper, wie eine Mutter das Kind.
Sie mußte wissen, daß Alexej auch ihre Chormädchen nicht verschmähte, sie sah es sicher. Ihr Verhalten Alexej gegenüber war aber ein freundschaftliches, und Pjotr hörte mehr als einmal, daß Alexej sich mit ihr über Menschen und Geschäfte beriet. Das überraschte ihn und ließ ihn an den Vater und an Uljana Bajmakowa zurückdenken.
»Ein Teufel«, sagte er sich, Alexej betrachtend.
Selbst der Unfug, den er beging, hatte etwas besonders Kompliziertes. Ein dicker Clown, der Deutsche Mayer, führte im Zirkus ein Schwein vor; es trug einen Rock mit langen Schößen, einen Zylinder und Schaftstiefel, ging auf den Hinterbeinen und stellte einen Kaufmann dar. Das belustigte das Publikum sehr, auch die Kaufmannschaft lachte. Alexej verhielt sich indessen anders dazu, – er fühlte sich beleidigt und überredete seine Freunde, das Schwein zu stehlen. Man bestach den Stallknecht, stahl das Schwein, und die Kaufmannschaft verzehrte feierlich sein Fleisch, das mit allen möglichen Saucen von dem außerordentlich kunstfertigen Hotelkoch Barbatenko zubereitet worden war. Zu Pjotr Artamonow drang das dunkle Gerücht, der Clown hätte sich aus Kummer erhängt.Eine von P. D. Boborykin in der Zeitung »Russischer Kurier« beschriebene Tatsache, die sich in den 80er Jahren abspielte. M.G. All das, was er auf der Messe bei Alexej bemerkte, erweckte in ihm sehr beunruhigende Gedanken.
»Ein Spitzbube ist er. Ohne Gewissen. Er kann mich zum Bettler machen, ohne es selbst zu merken. Und er würde mich nicht einmal aus Gier, sondern einfach aus Spieltrieb zugrunde richten.«