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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Er spricht im Fieber«, hauchte sie, Klim winkend. »Geh hinaus.«

Doch Klim säumte einen Augenblick auf der Schwelle und vernahm eine erstickende, heisere Stimme;

»Ich bin nicht schuld, ich kann nicht...«

Lida wiederholte in befehlendem Ton:

»Geh hinaus!«

Gegen Abend trat eine Besserung ein, und am dritten Tag sagte er lächelnd zu Klim:

»Entschuldige, Bruder! Ich hab dir hier alles verschmiert.«

Er war befangen und sah Klim mit tief umränderten Augen unangenehm durchdringend an, als erinnere er sich an etwas, was er nicht glauben könne. Lida benahm sich affektiert und schien es selbst zu empfinden. Sie redete Nichtigkeiten, lachte, wo es nicht am Platze war, befremdete durch eine an ihr ungewohnte Ungezwungenheit und neckte, dann plötzlich wieder gereizt, Klim:

»Du hast den Geschmack eines alten Mannes. Nur Greise und alte Weiber hängen sich so viele Photographien hin.«

Makarow schwieg, sah auf die Decke und erschien neu, fremd. Auch das Hemd, das er trug, war ein fremdes – es gehörte Klim.

Als Wera Petrowna und Warawka, von der Sommerfrische zurückgekehrt, Klims eingehenden Bericht entgegengenommen hatten, fingen sie sofort leise zu streiten an. Warawka stand vorm Fenster und wandte der Mutter sein Profil zu. Er umschloß seinen Bart in der Faust und schnitt eine Grimasse, als habe er Zahnschmerzen. Die Mutter kämmte vor dem Trumeau ihr üppiges Haar aus und schüttelte den Kopf.

»Lida ist zu kokett«, sagte sie.

»Nun, das ist eine Einbildung von dir! Nicht ein Schatten von Koketterie!«

»Die Mittel der Koketterie sind verschieden.«

»Weiß ich, aber...«

»Makarow ist ein sittenloser Jüngling, Klim weiß es.«

»Du bist ungerecht gegen Lida!«

Klim hörte wortlos zu. Die Mutter sprach immer rechthaberischer, Warawka geriet in Zorn, kläffte, brüllte und ging fort. Dann sagte die Mutter zu Klim:

»Lida ist arglistig. Ich wittere in ihr etwas von einem Raubtier. Aus solchen kalten Mädchen entwickeln sich die Abenteurerinnen. Sei auf der Hut vor ihr!«

Klim wußte längst, daß seine Mutter Lida nicht liebte, aber in so bestimmtem Ton sprach sie es zum erstenmal aus.

»Ich würdige natürlich deine kameradschaftlichen Gefühle, aber es wäre wirklich vernünftiger, diesen Menschen ins Krankenhaus zu schaffen. Ein Skandal, bei unserer Stellung in der Gesellschaft, du verstehst natürlich... O du mein Gott!«

Über ihnen stampfte Warawka wie ein Elefant, und man vernahm sein dumpfes Schreien:

»Ich verbiete es. Unsinn!«

Dann hörte man Lida die innere Treppe hinabrennen und Klim sah vom Fenster aus, daß sie in den Garten stürmte. Nachdem Klim geduldig noch einige Bemerkungen über sich ergehen lassen hatte, ging er ebenfalls in den Garten, überzeugt, Lida dort beleidigt und in Tränen aufgelöst zu finden und sie trösten zu müssen.

Aber sie saß mit übergeschlagenen Beinen auf der Bank vor der Laube und empfing Klim mit der Frage:

»Du wirst dich aus Liebe nicht totschießen, nicht wahr?«

Sie fragte ihn so gelassen und unhöflich, daß Klim dachte:

»Sollte die Mutter recht haben?«

»Es kommt darauf an«, antwortete er achselzuckend.

»Nein, du tust das nicht!« sagte sie überzeugt, und, wie in den Kindertagen, lud sie ihn ein:

»Komm, sitzen wir ein wenig!«

Dann sah sie ihn von der Seite an und sagte nachdenklich:

»Du wirst wohl einmal unsittlich leben. Ich glaube, schon jetzt, nicht wahr?«

Der verblüffte Klim kam nicht dazu, zu antworten. Lidas Gesicht zuckte, verzerrte sich, sie warf den Kopf heftig in den Nacken, umschlang ihn mit den Händen und flüsterte voller Verzweiflung:

»Wie ist das furchtbar! Und wozu? Du bist geboren, ich bin geboren und wozu? Was denkst du darüber?«

Klim setzte eine würdige Miene auf und schickte sich an, eine gescheite und lange Rede zu halten, aber sie sprang auf, sagte: »Laß nur. Schweig!« und ging weg.

Es trieb Klim, der Verschwundenen nachzulaufen, aber nicht mehr, um Weisheiten von sich zu geben, sondern bloß, um an ihrer Seite zu gehen. Der Trieb war so mächtig, daß Klim aufsprang und ihr nachlief, doch vom Hof her ertönte der leise, aber klangvolle Ausruf Almas:

»Wirklich? Aha, ich habe dir ja gesagt!«

Klim zögerte eine Weile, setzte sich dann wieder und überlegte: Ja, Lida und vielleicht auch Makarow kannten eine andere Liebe. Diese Liebe weckte in der Mutter und in Warawka offenbar sehr eifersüchtige und mißgünstige Gefühle. Weder er noch sie haben auch nur einmal den Kranken besucht. Warawka rief den Wagen des Roten Kreuzes herbei, und als die Sanitäter, die wie Köche aussahen, Makarow über den Hof trugen, stand er am Fenster und hielt sich an seinem Bart fest. Er erlaubte Lida nicht, Makarow zu begleiten. Die Mutter war anscheinend demonstrativ ausgegangen.

Auf dem Hof erhellte sich Makarows Gesicht augenblicklich, er wurde lebhaft und sagte, während er in den durchsichtigen, kühlen Himmel blickte, leise:

»Wunderbar!«

Im Wagen krümmte er sich unter den heftigen Stößen der Räder und streichelte mit der rechten Hand Klims Knie.

»Nun, Bruder, habe Dank. Vielleicht war der Aderlaß heilsam. Er beruhigt.«

Er lächelte matt, als er hinzufügte:

»Aber du versuch es nicht, es tut weh, und obendrein muß man sich schämen.«

Er schloß die Augen, die in den dunklen Höhlen versanken und sein Gesicht auf unheimlichere Weise blind erscheinen ließen, als es bei Blinden von Geburt zu sein pflegt. Auf dem kleinen grasbewachsenen Hof eines Puppenhauses, das seine drei Fensterchen kokett hinter einer Palisade versteckte, empfing Makarow ein unnatürlich langer, hagerer Mensch mit dem Gesicht eines Clowns. Er hielt einen Besen in der Hand. Den Besen warf er fort, lief an die Tragbahre heran, beugte sich über sie, wobei er gleichsam in zwei Hälften einknickte, und fing, während er die Sanitäter anstieß, an, mit komischer Stimme zu sprechen:

»Ei Kostja, ei, ei, ei! Als Lida Timofejewna es uns sagte, da sind wir nur so erstarrt! Dann hat sie uns froh gemacht, es ist keine Gefahr, sagte sie. Na, Gott sei Dank! Sofort haben wir alles blank gescheuert und aufgeräumt. Mama!« rief er, faßte mit langen Fingern Klims Ellenbogen und stellte sich vor:

»Globin Pjotr! Post- und Telegrafenbeamter. Sehr erfreut.«

Aus der Tür eines kleinen Schuppens kletterte eine starke, rotbäckige Alte in einem grauen Kleid, das wie eine Kutte aussah, bückte sich mit Anstrengung hinab, küßte Makarow auf die Stirn und brummte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen:

»Du bist mir ein Dummchen!«

Klim empfand Rührung. Es war ergötzlich zu sehen, wie ein so langer Mensch und eine so riesenhafte Alte in einem Puppenhause lebten, in sauberen Stübchen, in denen es viel Blumen gab und wo an der Wand auf einem kleinen ovalen Tisch feierlich eine Geige in ihrem Kasten ruhte. Makarow wurde in einem freundlichen sonnigen Zimmer gebettet. Slobin setzte sich linkisch auf einen Stuhl und sagte:

»Weißt du auch, daß ich mir eigens zu diesem Anlaß erlaubt habe, eine kleine Pièce »Souvenir de Vilna« einzuüben? Sie ist ganz reizend. Drei Abende habe ich geschwitzt.«

Stumpfnasig, blauäugig, igelhaarig und schon graumeliert, erschien er Klim einem Clown immer ähnlicher. Seine massige Mama stapfte, sich in den Hüften wiegend, wie eine Kuh von Zimmer zu Zimmer und trug auf dem Tisch vor Makarows Bett alle möglichen Karaffen und Gläser zusammen, wobei sie brummte:

»Nun und was kommt dabei Gutes heraus? Ihr verhöhnt euch selbst, junge Leute, und hinterher trauert ihr!«

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