Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Ob sie verliebt ist?« fragte er zweifelnd, vermochte aber nicht daran zu glauben. Nein, wenn sie liebte, würde sie sich wohl anders verhalten.
An einem unfreundlichen Augustabend, als Klim von der Sommerfrische zurückkehrte, fand er bei sich Makarow vor. Er saß mitten im Zimmer in gebückter Haltung auf einem Stuhl, stützte die Arme auf die Knie und wühlte mit den Fingern in seinem verwilderten Haar. Zu seinen Füßen lag seine zerdrückte an der Sonne ausgeblichenen Mütze. Makarow rührte sich nicht, als Klim leise die Tür öffnete.
»Er ist betrunken«, dachte Klim und sagte vorwurfsvolclass="underline"
»Du bist ja reizend.«
Makarow hob, ohne die Finger aus dem Haar zu nehmen, schwerfällig den Kopf. Sein Gesicht war formlos zerschmolzen, die Backenknochen gleichsam geschwollen, die Augäpfel rot, doch die Augen glänzten nüchtern.
Klim erkundigte sich, wann er aus Moskau zurückgekehrt sei und ob er die Universität bezogen habe. Makarow kramte in den Hosentaschen und sagte leise:
»Vor drei Tagen. Die Universität habe ich bezogen.«
»Die medizinische Fakultät?«
»Verschone mich!«
Nachdem er so eine Minute gesessen hatte, stand er auf und ging in einer ihm fremden Art, träge die Füße nachschleifend, zur Tür.
»Zu ihr?« Klim deutete mit den Augen zur Decke. Makarow sah gleichfalls zur Decke empor, faßte den Türpfosten an und antwortete:
»Nein. Lebewohl.«
Beim Anblick seiner langsamen, unsicheren Schritte dachte Klim mit einem aus Furcht, Mitleid und Schadenfreude gemischten Gefühclass="underline"
»Hat er sich angesteckt?«
Fenja lief ins Zimmer und rief verängstigt:
»Das Fräulein bittet, auf ihn aufzupassen und ihn nirgendwo hinzulassen!«
Sinnlos glotzend, stöhnte sie:
»Was das für einen Auftritt gegeben hat!«
Klim ging nach oben. Ihm entgegen lief Lida und rief mit schallender Stimme: »Du hast ihn weggehen lassen? Warum?« Im Schein der Wandlampe, die dürftig des Mädchens Kopf erhellte, sah Klim, daß ihr Kinn zitterte, ihre Hände krampfhaft das Tuch an die Brust preßten und daß sie vornüber sank und jeden Augenblick hinfallen konnte.
Erschrocken und wie im Traum rannte Klim davon. Vor dem Tor horchte er. Es war schon dunkel und sehr still, aber ein Geräusch von Schritten war nicht vernehmbar. Klim rannte in der Richtung der Straße, in der Makarow wohnte. Bald erblickte er in der Dunkelheit Makarow unter den Linden der Kircheneinfriedigung. Mit einer Hand hielt er sich am hölzernen Stakett der Einfriedigung, die andere war zur Schläfe erhoben, und wenngleich Klim keinen Revolver darin sehen konnte, begriff er doch, daß Makarow im nächsten Augenblick abdrücken würde, und schrie:
»Unterlaß das!«
»Er war auf zwei Schritte an Makarow herangekommen, als der mit betrunkener Stimme sagte:
»Halleluja, zum Teufel mit dem Ganzen!«
Klim konnte ihm gerade noch einen Stoß geben und prallte zurück, erschreckt durch den Knall. Makarow ließ die Hand mit dem Revolver sinken und stöhnte gepreßt auf.
In der Folge, wenn Klim sich diese Szene ausmalte, erinnerte er sich, wie Makarow schwankte, als sei er unschlüssig, nach welcher Seite er hinstürzen solle, wie er langsam den Mund öffnete, aus seltsam runden Augen erschrocken um sich blickte und stammelte;
»Jetzt.. jetzt...«
Klim faßte ihn um, hielt ihn aufrecht und führte ihn weg. Es war eigenartig: Makarow hinderte ihn am Gehen, stieß, ging aber selbst rasch, er lief beinahe. Der Weg zum Hoftor war qualvoll lang. Makarow knirschte mit den Zähnen, flüsterte und pfiff:
»Laß, laß mich ...«
Auf dem Hof, an der Vortreppe, auf der drei weibliche Gestalten standen, murmelte er undeutlich:
»Ich weiß ... es war dumm ...«
Tanja Kulikow schüttelte vorwurfsvoll den glattgescheitelten Kopf und jammerte weinerlich:
»Schämen Sie sich nicht?«
»Schweig!« befahl Lida, »Fekla, hol den Arzt!«
Und Makarow stützend, sagte sie leise:
»Wohin hast du geschossen, du – Gymnasiast?«
Sie sprach es erbittert, ja, voller Verachtung aus.
In seinem Zimmer, bei Licht, sah Klim, daß Makarows Bluse auf der linken Seite dunkel war, feucht schimmerte und daß schwarze Tropfen auf den Fußboden fielen, Lida stand schweigend vor ihm und stützte seinen vornüber sinkenden Kopf, Tanja richtete eilig Klims Bett und schluchzte dabei auf.
»Zieh ihn aus«, befahl Lida. Klim näherte sich, ihn schwindelte von dem süßlichen, fetten Geruch.
»Nein, erst wollen wir ihn ins Bett legen«, kommandierte Lida, Klim schüttelte verneinend den Kopf, ging in halber Ohnmacht in den Salon und sank dort in einen Sessel.
Als er wieder zu sich kam und in sein Zimmer zurückkehrte, lag Makarow, nackt bis zum Gürtel, auf seinem Bett. Über ihn beugte sich ein fremder, grauhaariger Arzt, schürzte die Ärmel, bohrte mit einer langen, blinkenden Sonde in seiner Brust herum und sagte:
»Daß ihr jungen Leute immer Unfug treiben und knallen müßt!«
An den Schläfen und auf der Stirn Makarows glitzerte Schweiß. Seine Nase war totenhaft spitz geworden. Er biß die Lippen zusammen und schloß fest die Augen. Am Fußende des Bettes stand Fenja mit einer kupfernen Schale und die Kulikow mit Bandagen und Gaze.
»Die Puschkins und Lermontows schossen anders«, murmelte der Arzt.
Klim ging ins Eßzimmer. Am Tisch saß Lida und starrte ins Kerzenlicht. Sie hatte die Arme auf der Brust gekreuzt und die Beine von sich gestreckt.
»Ist es gefährlich?« preßte sie zwischen den Zähnen hervor?
»Weiß ich nicht.«
»Der Doktor scheint ein Grobian zu sein?«
Klim antwortete erst, nachdem er sich ein Glas Wasser vollgegossen und es geleert hatte:
»Da hast du es. Deinetwegen schießt man sich schon tot!«
Lida sagte leise, aber strenge:
»Hör auf!«
Sie verstummten und lauschten.
Klim stand am Büfett und rieb sich die Hände mit dem Taschentuch ab. Lida saß regungslos und starrte hartnäckig in das goldene Lichtbündel der Kerze. Kleinliche Gedanken nahmen von Klim Besitz. Der Arzt hatte mit Lida achtungsvoll wie mit einer Dame gesprochen. Natürlich nur, weil Warawka eine immer bedeutendere Rolle in der Stadt spielte. Wieder würde sie Stadtgespräch werden, wie nach ihrem kindischen Roman mit Turobojew. Unbegreiflich, warum sie Makarow auf sein Bett gelegt hatten! Man sollte ihn auf den Dachboden schaffen. Dort hatte er es auch ruhiger.
Diese Gedanken waren unpassend, Klim wußte das, konnte aber an nichts anderes denken.
Der Doktor kam herein und sagte, sich die Hände abtrocknend:
»Nun, alles steht so gut wie möglich. Der Revolver war miserabel. Die Kugel prallte auf die Rippe, hat sie, wie es scheint, ein wenig gequetscht, ist dann durch die linke Lunge hindurchgegangen und in der Rückenhaut steckengeblieben. Ich habe sie herausgeschnitten und dem Helden zum Andenken verehrt.«
Während er redete, sah er unverwandt mit einem Schmunzeln auf Lida. Aber sie merkte es nicht, damit beschäftigt, mit dem Stiel eines Teelöffels den Ruß von der Kerze abzukratzen. Der Doktor erteilte einige Ratschläge und verbeugte sich. Auch dies beachtete sie nicht. Als er gegangen war, sagte sie, in die Ecke starrend:
»Die Nachtwache übernehmen Tanja und ich. Du geh schlafen, Klim.«
Klim war froh, daß er gehen durfte. Er wußte nicht, wie er sich verhalten und was er sagen sollte. Er fühlte, daß seine schmerzliche Miene sich in eine Grimasse nervöser Müdigkeit verwandelt hatte.
Vier Tage verbrachte Makarow in Klims Zimmer, am fünften bat er, ihn nach Hause zu bringen. Diese Tage, voll von schweren und ängstigenden Erlebnissen, waren Klim eine Last. Gleich am ersten Tag fand er Lida am Lager des Kranken. Ihre Augen waren gerötet und glänzten unnatürlich, während sie das graue, erschöpfte Gesicht Makarows mit den eingesunkenen Augen betrachtete. Seine dunkel gewordenen Lippen gaben ein trockenes Flüstern von sich. Manchmal schrie er auf und knirschte mit entblößten Zähnen.