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Mephisto

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Mephisto
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Die Unterhaltung zwischen dem Mchtigen und dem Komdianten wurde immer angeregter. Ohne Frage: der Ministerprsident amsierte sich. Was fr wunderbare Anekdoten erzhlte Hfgen, der es erreichte, da der Fliegergeneral geradezu trunken schien vor Wohlgelauntheit? Alle im Parkett suchten von den Worten, die Hendriks blutrot gefrbte und knstlich verlngerte Lippen sprachen, einige zu erhschen. Aber Mephisto sprach leise, nur der Mchtige vernahm seine erlesenen Scherze. Mit schner Gebrde breitete Hfgen die Arme unter dem Cape, so da es wirkte, als wchsen ihm schwarze Flgel. Der Mchtige klopfte ihm auf die Schulter: niemandem im Parkett entging es, und das respektvolle Murmeln schwoll an. Jedoch verstummte es, wie die Musik im Zirkus vor der gefhrlichsten Nummer, angesichts des Auerordentlichen, was nun geschah.

Der Ministerprsident hatte sich erhoben: da stand er in all seiner Gre und funkelnden Flle, und er streckte dem Komdianten die Hand hin. Gratulierte er ihm zu seiner schnen Leistung? Es sah aus, als wollte der Mchtige einen Bund schlieen mit dem Komdianten. Im Parkett ri man Mund und Augen auf. Man verschlang die Gesten der drei Menschen dort oben in der Loge als das auerordentliche Schauspiel, als die zauberhafte Pantomime, deren Titel lautet: Der Schauspieler verfhrt die Macht. Noch nie war Hendrik so heftig beneidet worden. Wie glcklich mute er sein!

Ahnte irgend jemand von den Neugierigen, was wirklich - vorging in Hendriks Brust, whrend er sich tief ber die fleischige und behaarte Hand des Mchtigen neigte? Waren es Glck und Stolz allein, die ihn erschauern lieen? Oder sprte er auch noch etwas anderes - zur eigenen berraschung? Und was war dieses andere? War es Angst? Es war heinah Ekel Jetzt habe ich mich beschmutzt', war Hendriks bestrztes Gefhl. Jetzt habe ich einen Flecken auf meiner Hand, den bekomme ich nie mehr weg Jetzt habe ich mich verkauft Jetzt bin ich gezeichnet!'

VIII ber Leichen

Am nchsten Morgen wute es die ganze Stadt: der Ministerprsident hatte in seiner Loge den Schauspieler Hfgen empfangen und fnfundzwanzig Minuten lang ihm geplaudert. Die Vorstellung hatte nach der Pause mit einer wesentlichen Versptung wieder begonnen, das Publikum mute warten, und brigens wartete es mit Vergngen. Die Szene, die sich ihm in der Ministerloge bot, war viel spannender als der Faust.

Hendrik Hfgen, der im Sturmvogel als Gensse aufgetreten war, den man schon beinahe aufgegeben und zum Auswurf der Nation, nmlich zu den Emigranten, gezhlt hatte: da sa er vor aller Augen, Seite an Seite mit dem gewaltigen Dicken, der in uerst animierter Stimmung schien. Mephistopheles flirtete und scherzte mit dem Mchtigen, der ihm mehrfach auf die Schulter klopfte und beim Abschied seine Hand gar nicht mehr loslie. Das Auditorium des Staatstheaters murmelte ergriffen angesichts solchen Schauspiels. Noch in derselben Nacht wurde das sensationelle Vorkommnis leidenschaftlich besprochen und kommentiert, in den Cafs, Salons und auf den Redaktionen. Den Namen Hfgens, den man whrend der letzten Monate nie ohne Skepsis - mit einem schadenfrohen Grinsen oder mit einem bedauernden Achselzucken - ausgesprochen hatte, nannte man nun mit einer neuen Ehrfurcht. Auf ihn war ein Schimmer von dem ungeheuren Glanz gefallen, der die Macht umgibt.

In Hendriks Wohnung am Reichskanzlerplatz hrte das Telefon nicht mehr auf zu luten. Der kleine Bock sa mit einem Notizbuch neben dem Apparat, um die Namen derer aufzuschreiben, die angerufen hatten. Es waren die Direktoren der Theater und Filmgesellschaften, es waren Schauspieler, Kritiker, Schneider, Autofirmen und Autogrammsammlerinnen. Hfgen lie sich nicht sprechen. Er lag im Bett und war hysterisch vor Glck. Der Ministerprsident hatte ihn zu einem intimen Abendessen ins Palais gebeten: Es werden nur ein paar Freunde da sein, hatte er gesagt. Nur ein paar Freunde! Hendrik rechnete also schon zu den Vertrauten! Er zappelte und jauchzte zwischen seinen seidenen Kissen und Decken, er besprengte sich mit Parfm, zerschmetterte eine kleine Vase, schleuderte einen Pantoffel gegen die Wand- Er jubilierte: Es ist doch nicht zu schildern! Jetzt werde ich ganz gro!! Der Dicke lt mich ganz, ganz gro werden!

Pltzlich machte er ein besorgtes Gesicht und rief Bock herbei. Bckchen - hr doch mal. Bckchen! sagte er gedehnt und warf schiefe Blicke. Bin ich eigentlich ein selir groer Schurke?

Bock hatte verstndnislose, wasserblaue Augen. Wieso ein Schurke? fragte er. Warum denn ein Schurke,

Herr Hfgen? Sie haben doch nur Erfolg.

Ich habe doch nur Erfolg, wiederholte Hendrik und schaute schillernd zur Decke. Er dehnte sich wollstig. Nur Erfolg Ich werde ihn gut verwenden. Ich werde Gutes tun. Bckchen, glaubst du mir das?

Und Bckchen glaubte es ihm.

Dieses war Hendrik Hfgens dritter Aufstieg. Der erste war.der solideste und der verdienteste gewesen; denn in der Stadt Hamburg hatte Hendrik gute Arbeit getan, das Publikum mute ihm fr manchen schnen Abend dankbar sein. - Die zweite Konjunktur, im Berlin der System-Zeit, hatte schon ein fiebrig bertriebenes Tempo und viele Zeichen des hektisch Ungesunden gehabt. - Diese dritte Konjunktur aber hatte den Charakter einer Befrderung, sie kam schlagartig wie alle Aktionen, die von der nationalsozialistischen Regierung ausgingen. Vor kurzem war Hendrik Hfgen noch ein Emigrant gewesen; gestern noch die halbverdchtige Figur, mit der man sich nicht gern ffentlich zeigte; buchstblich ber Nacht war er zum groen Mann avanciert: ein Wink des dicken Ministers hatte dies zuwege gebracht.

Der Intendant der Staatstheater machte ihm sofort ein groes Angebot. Vielleicht tat er es nicht ganz spontan, vielleicht nicht einmal gern, sondern handelte aul hheren Befehl; jedenfalls zeigte er die biederste Miene beim fatalen Spiel, streckte dem neu engagierten Knstler beide Hnde hin und sprach schsisch vor lauter Herzlichkeit. Prachtvoll, da Sie jetzt ganz in unseren Kreis gehren sollen, mein lieber Hfgen. Es liegt mir daran, Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihre Entwicklung bewundere. Sie haben sich aus einem etwas spielerischen Menschen zu einem ganz ernsten, ganz vollwertigen entwickelt.

Csar von Muck wute sehr wohl, warum er Entwicklungskurven von jener Art, die er gerade so euphemistisch beschrieben hatte, verstndnisvoll und gnstig beurteilte. Er selber hatte eine hnliche durchgemacht; freilich lag seine spielerische - das heit: politisch anstige - Vergangenheit weiter hinter ihm, als hinter Hfgen seine Snden lagen. Ehe Csar von Muck zum Freund des Fhrers und zum literarischen Star des Nationalsozialismus aufstieg, war er schon berhmt gewesen als Autor von Dramen, die voll pazifistischrevolutionrem Pathos waren.

Vielleicht dachte der Dramatiker, der sich von so tadelnswerter Gesinnung zu einem heroischen Weltbild und zu einem Intendantenposten durchgerungen hatte, an die literarischen Snden seiner schwrmerischen Jugendzeit, als er jetzt von seinem besonderen Respekt fr die Entwicklung des Hendrik Hfgen sprach. Mit warmem Blick fgte er noch hinzu: brigens werde ich heute abend eine Gelegenheit haben. Sie dem Herrn Propagandaminister vorzustellen. Er hat seinen Besuch im Theater angekndigt.

Hendrik lernte die Halbgtter kennen, und es erwies sich, da mit ihnen ebensowohl auszukommen war wie mit irgendeinem Oskar H. Kroge, und sogar entschieden besser als mit dem ehrfurchtgebietenden Professor.,Sie sind ja gar nicht so schlimm', dachte Hendrik und fhlte sich ehrlich erleichtert.

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