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Mephisto

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Mephisto
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Sehen Sie, Hendrik, das habe ich nun hauptschlich Ihnen /.u verdanken, sprach die gutmtige hrenblonde. Wenn Sie nicht so energisch und so kameradschaftlich mit mir gearbeitet htten, dann wre mir dieser schne Erfolg nicht beschieden gewesen. Hendrik dachte sich, da sie ihren schnen Erfolg viel mehr dem dicken Fliegergeneral als ihm zu verdanken habe, sprach es aber nicht aus.

Er spielte die Komdie Das Herz zusammen mit Lotte auch in mehreren groen Provinzstdten, in Hamburg, Kln, Frankfurt und Mnchen: im ganzen Lande trat er auf als Partner der reprsentativen Menschen-darstellerin des neuen Reiches. Bei den Gesprchen whrend der langen Eisenbahnfahrten gewhrte ihm die hohe Frau tiefere Einblicke in ihr Innenleben, als sie es im allgemeinen zu tun fr ntzlich hielt. Sie sprach nicht nur von ihrem Glck, sondern auch von den Sorgen. Ihr Dicker war oft so heftig. Haben Sie eine Ahnung, was ich manchmal auszustehen habe, sagte Lotte; aber im Cirunde, so versicherte sie, war er ein guter Mensch. Was auch seine Feinde von ihm reden mgen - im Grunde ist er die Gte selbst! Und so romantisch! Lotte hatte Trnen in den Augen, da sie berichtete, wie ihr Ministerprsident zuweilen, um Mitternacht, im Brenfell und mit dem blanken Schwert an der Seite, eine kleine Andacht vor dem Portrt seiner verschiedenen Gattin verrichtete. Sie war doch Schwedin, sagte die Lindenthal, als ob dies alles erklrte. Eine Nordlnderin, und sie hat Manne im Auto durch ganz Italien gefahren, damals, als er bei dem Mnchener Putsch verwundet worden war. Natrlich kann ich verstehen, da er da an ihr hngt - wo er sowieso so kolossal romantisch ist. Aber schlielich hat er jetzt mich, fgte sie, nun doch ein wenig pikiert, hinzu.

Der Schauspieler Hfgen durfte Anteil nehmen am Privatleben der Gtter. Wenn er abends, nach der Vorstellung, bei Lotte in ihrem schnen Heim am Tiergarten sa und Schach oder Karten mit ihr spielte, geschah es zuweilen, da der Ministerprsident unangemeldet, laut und polternd das Zimmer betrat. Wirkte er da nicht wie der Gutmtigste? War ihm anzusehen, was fr greuliche Geschfte hinter ihm lagen und welche er fr den nchsten Tag plante? Er scherzte mit Lotte, er trank sein Glas Rotwein, streckte die enormen Beine von sich, und mit Hfgen sprach er ber ernste Dinge, am liebsten ber den Mephistopheles.

Sie haben mich diesen Kerl erst so richtig verstehen lassen, mein Lieber, sagte der General. Das ist ja ein toller Bursche! Und haben wir nicht alle was von ihm? Ich meine: steckt nicht in jedem rechten Deutschen ein Stck Mephistopheles, ein Stck Schalk und Bsewicht? Wenn wir nichts htten als die Faustische Seele - wo kmen wir denn da hin? Das knnte unseren vielen Feinden so passen! Nein, nein - der Mephisto, das ist auch ein deutscher Nationalheld: Man darf es nur den Leuten nicht sagen, schlo der Minister des Flugwesens und grunzte behaglich.

Die trauten Abendstunden im Hause der Lindenthal benutzte Hendrik dazu, um bei seinem Gnner, dem Freund der schnen Knste und der Bombengeschwader, allerlei, was ihm am Herzen lag, durchzusetzen. Er htte es sich zum Beispiel in den Kopf gesetzt, auf der Bhne des Staatstheaters als Friedrich der Groe von Preuen* zu erscheinen - das war so eine Laune von ihm. Ich will nicht immer nur Dandys und Verbrecher spielen, erklrte er schmollend dem Dicken. Das Publikum fngt ja schon an, mich mit diesen Typen zu identifizieren, wenn ich sie immer wieder darstelle. Nun brauche ich einmal eine groe patriotische Rolle. Dieses schlechte Stck ber den Alten Fritz, das unser Freund Muck da angenommen hat, kommt mir gerade recht. Das wre eine Sache fr mich! Der General mochte einwenden, da Hfgen dem berhmten Hohenzollern doch berhaupt nicht hnlich sehe. Hendrik bestand auf seiner vaterlndischen Kaprice', in der er brigens von Lotte Lindenthal untersttzt wurde. Aber ich kann doch Maske machen! rief er aus. Ich habe in meinem Leben schon ganz andere Dinge fertiggebracht, als mal ein bichen auszusehen wie der Alte Fritz! - Der Dicke hatte volles Zutrauen zu den Maskierungsknsten seines Schtzlings. Er befahl, da Hfgen den Alten Fritz spiele. Csar von Muck, der schon eine andere Besetzung angeordnet hatte, bi sich zuerst die Lippen, schttelte dann Hendrik beide Hnde und sprach schhsisch vor Herzlichkeit. Hendrik bekam seinen Preuenknig, klebte sich eine falsche Nase, ging am Krckstock und sprach mit krchzender Stimme. Doktor Radig schrieb, er entwickle sich mehr und mehr zum reprsentativen Schauspieler des neuen Reiches. Pierre Larue berichtete an eine faschistische Revue in Paris, das Berliner Theater habe jetzt eine Vollkommenheit erreicht, die es in den vierzehn Jahren der Schmach und der Vershnungspolitik niemals besessen.

Bei seinem gewaltigen Protektor setzte Hendrik noch ganz anderes durch als derlei Harmlosigkeiten. An einem besonders gemtlichen Abend - Lotte hatte eine Bowle gebraut, und der Dicke hatte Kriegserinnerungen erzhlt - entschlo sich Hfgen dazu, vllig offen zu werden und von seiner schlimmen Vergangenheit zu sprechen. Es war eine groe Beichte, und der Gewaltige nahm sie gndig auf. Ich bin ein Knstler! rief Hendrik mit glimmenden Augen, und er eilte wie ein nervser Sturmwind durchs Zimmer. Und wie jeder Knstler habe ich manche Torheit begangen. Er blieb stehen, lie den Kopi in den Nacken sinken, breitete ein wenig die Arme und erklrte pathetisch: Sie knnen mich vernichten; Herr Ministerprsident. Nun gestehe ich alles.

Er gestand, da er von den zersetzenden bolschewistischen Strmungen nicht unberhrt geblieben sei und mit der Linken kokettiert habe. Das war Knstlerlaune! erklrte er mit leidendem Stolz. Oder Knstlertorheit - wenn Sie es so nennen wollen!

Natrlich hatte der Dicke all dies, und noch viel mehr, schon seit langem gewut und sich nie darber aufgeregt. Im Lande mute eiserne Zucht herrschen, und mglichst viele sollten hingerichtet werden. Was seine engere Umgebung betraf, war der groe Mann liberal. Na ja, sagte er nur. Jeder kann sich mal in was Bldes verrennen. Es waren eben schlechte, unordentliche Zeiten.

Hendrik aber war noch keineswegs fertig. Nun ging er dazu ber, dem General auseinanderzusetzen, da andere verdienstvolle Knstler die gleichen Torheiten begangen htten wie er selbst. Diese aber ben noch fr Snden, die man mir so gromtig vergeben hat. Sehen Sie, Herr Ministerprsident, und das qult mich: Ich bitte fr einen bestimmten Menschen. Fr einen Kameraden. Ich kann versprechen, da er sich gebessert hat. Herr Ministerprsident - ich bitte fr Otto Ulrichs. Man hat schon gesagt, er sei tot. Aber er lebt. Und er verdient es, in der Freiheit zu leben. Dabei hatte er, mit unwiderstehlich schner Gebrde, seine beiden ausgestreckten Hnde, die wirkten, als waren sie spitz und gotisch, etwa in die Hhe der Nase gehoben.

Lotte Lindenthal war zusammengezuckt. Der Ministerprsident knurrte: Otto Ulrichs wer ist das? Dann fiel ihm ein, da es der Leiter des kommunistischen Kabaretts Der Sturmvogel war. Aber das ist doch wohl wirklich ein ziemlich bler Kerl, sagte er verdrossen.

Ach nein, doch kein bler Kerl! Hendrik beschwor den General, dies bitte ja nicht zu glauben. Ein wenig leichtsinnig - das wollte er zugeben -, ein bichen unbedacht war sein Freund Otto. Aber doch kein bler Kerl. Und brigens hatte er sich ja gendert. Er ist ein ganz neuer Mensch geworden, behauptete Hendrik, der seit Monaten ohne jeden Kontakt mit Ulrichs war.

Da Lotte Lindenthal selbst in dieser heiklen Sache Hendrik ihren Beistand lieh, gelang es schlielich, das Unglaubliche beim Dicken durchzusetzen: Ulrichs wurde freigelassen, und man offerierte ihm sogar ein kleines Engagement am Staatstheater - selbst dies uerste und Unwahrscheinlichste hatten Hendrik und Lotte mit vereinten Krften erreicht. Ulrichs aber sagte: Ich wei nicht, ob ich mich darauf einlassen kann. Ich ekle mich davor, von diesen Mrdern eine Gnade zu empfangen und den reuigen Snder zu spielen - und ich ekle mich berhaupt.

Mute Hendrik seinem alten Freund einen Vortrag ber revolutionre Taktik halten? Aber Otto, rief er aus, dein Verstand scheint gelitten zu haben! Wie willst du denn heute durchkommen, ohne List und Verstellung? Nimm dir ein Beispiel an mir!

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