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Mephisto

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Mephisto
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Dieser kleine, agile Herr also war der Meister �ber den enormen Reklameapparat des Dritten Reiches, der Mann, der sich vor den Arbeitern �euer alter Doktor� zu nennen liebte, der mit seiner Energie, seiner Rednergabe und seinen bewaffneten Banden die skeptische und aufgeweckte Stadt Berlin, die sich doch nicht so leicht etwas vormachen lie�, dem Nationalsozialismus erobert hatte. Das also war der schlaue Kopf der Partei, der sich alles ausdachte: wann es einen Fackelzug geben sollte, wann man gegen die Juden zu schimpfen hatte und wann gegen die Katholiken. W�hrend der Intendant s�chsisch sprach, redete der Minister mit einem rheinischen Akzent, wodurch Hendrik sich gleich angeheimelt f�hlte. �brigens schien der elastische Kleine, mit dem vom vielen Schwatzen gleichsam ausgefransten Mund, voll interessanter und moderner Ideen zu stecken: Er sprach von �revolution�rer Dynamik�, dem �mystischen Lebensgesetz der Rasse�, und dann einfach vom Presseball, wo H�fgen etwas vortragen sollte.

Die repr�sentative Veranstaltung war die erste, bei der Hendrik sich �ffentlich im Kreise der Halbg�tter zeigen durfte. Er hatte die ehrenvolle Pflicht, Fr�ulein Lindenthal in den Saal zu geleiten, da der Ministerpr�sident sich wieder einmal versp�tete. Lotte trug ein wundervolles Gewand, aus Purpur- und Silberf�den gewirkt; Hendrik seinerseits sah vor Feinheit und W�rde beinah leidend aus. Im Laufe des Abends w�rde er nicht nur mit dem Fliegergeneral, sondern auch im Gespr�che mit dem Propagandaminister photographiert: dieser hatte selbst den Wink dazu gegeben. Er zeigte sein ber�hmtes, unwiderstehlich charmantes Grinsen, mit dem er auch die beschenkte, die einige Monate sp�ter geopfert wurden. Das boshafte Funkeln der Augen freilich vermochte er nicht v�llig zu unterdr�cken. Denn er ha�te H�fgen - das Gesch�pf der Konkurrenz, des Ministerpr�sidenten. Doch war der Propagandachef nicht der Mann, seinen Gef�hlen nachzugeben und seine Handlungen von ihnen bestimmen zu lassen. Vielmehr blieb er kalt und berechnend genug, um zu denken: Wenn dieser Schauspieler schon einmal zu den kulturellen Gr��en des Dritten Reiches geh�ren soll, dann w�re es ein taktischer Fehler, dem Dicken ganz allein den Ruhm seiner Entdeckung zu �berlassen. Man bei�t die Z�hne zusammen und stellt sich grinsend neben ihn vor die Linse.

Wie leicht alles ging! Wie gl�cklich sich alles f�gte: Hendrik empfand, da� er ein Gl�ckskind war.,All diese gro�e Gunst', so dachte er, 'sie ist mir einfach in den Scho� gefallen. H�tte ich so viel Glanz ausschlagen sollen? Niemand w�rde das an meiner Stelle tun - wer es von sich behauptet, den nenne ich einen Schwindler und einen Heuchler. Zu mir h�tte es nicht gepa�t, in Paris als Emigrant zu leben - es h�tte eben einfach nicht zu mir gepa�t!' beschlo� er mit einem trotzigen �bermut. Angesichts all des Trubels, in dem er sich nun wieder befand, dachte er fl�chtig, aber mit intensivem Ekel an die Einsamkeit seiner trostlosen Promenaden �ber die Pariser Pl�tze und Avenuen. Gott sei es gedankt - nun umgaben ihn wieder Menschen!

Wie hie� doch dieser elegante Graukopf mit den vorquellenden blauen Augen, der da so eifrig auf ihn einredete? Richtig: es war M�ller-Andrea, der ber�hmte Plauderer des �Interessanten Journals�. Ob er immer noch so viel Geld verdiente mit seiner aufschlu�reichen Artikelserie: �Hatten Sie davon eine Ahnung?� Nicht doch, das �Interessante Journal� ist eingegangen. Herr M�ller-Andrea jedoch lebt, er ist sogar obenauf, ein flottes Haus, eine fidele Nummer. Schon im Jahre 1931 hatte er ein Buch publiziert, �Die Getreuen des F�hrers� - damals freilich unter einem Pseudonym. Inzwischen aber hat er sich zu diesem Werke bekannt, und die h�chsten Stellen sind auf ihn aufmerksam geworden. Herr M�ller-Andrea ist fein heraus, er braucht dem �Interessanten Journal� nicht nachzutrauern, das Propagandaministerium zahlt besser, und am Propagandaministerium ist der lustige alte Herr jetzt besch�ftigt. Mit Herzlichkeit sch�ttelt er dem Schauspieler H�fgen die Hand, so sieht man sich wieder, ja ja, die Zeiten �ndern sich, aber wir beide, wir haben Gl�ck - Herr M�ller-Andrea war ja immer ein Verehrer des Schauspielers H�fgen gewesen.

Und hier, der Kleine, der mit seinem Notizb�chlein winkte wie mit einer Fahne, das war Pierre Lame - nun aab es keinen �jeune camarade communiste� mehr an seiner Seite, vielmehr nur noch schmucke und stramme Burschen in der zugleich verf�hrerischen und einsch�chternden SS-Uniform. Monsieur Lame fand es auf den Festen und Empf�ngen der hohen Nazi-Funktion�re noch am�santer, als er es auf den Veranstaltungen der j�dischen Bankiers gefunden hatte. Er bl�hte auf, so viele interessante Menschen durfte er nun kennenlernen: sehr nette M�rder, die jetzt gro�e Stellungen ausf�llten bei der Geheimen Staatspolizei; einen Oberlehrer, der, erst unl�ngst aus dem Irrenhaus entlassen, jetzt schon Kultusminister war; Juristen, die das Recht f�r ein liberales Vorurteil, Mediziner, welche die Heilkunst f�r einen j�dischen Schwindel, Philosophen, welche die �Rasse� f�r die einzig objektive Wahrheit hielten: all diese feinen lypen bat Monsieur Lame ins Esplanade zum Abendessen. Ja, die Nazis wu�ten seine Gastlichkeit und sein zartes Wesen zu sch�tzen. Er durfte sogar auf den Botschaften ein wenig f�r sie intrigieren, und zum Lohne daf�r lie� man ihn im Sportpalast sprechen: die Leute lachten zun�chst, als das bleiche Knochenb�ndelchen aufs Podium trat und etwas von dem tiefen Verst�ndnis des �echten Frankreich f�r das Dritte Reich� zu piepsen begann; aber dann wurden sie ernster, denn ihr �alter Doktor�, der Propagandaminister selber, hatte zornig zur Ruhe gemahnt, und nun deklamierte Pierre Larue eine Art von amour�ser Hymne an Horst Wessel, den verungl�ckten Zuh�lter und M�rtyrer des neuen Deutschland, den er als den Garanten eines ewigen Friedens zwischen den beiden gro�en Nationen, Deutschland und Frankreich, bezeichnete.

Monsieur Larue w�re dem Schauspieler H�fgen fast um den Hals gefallen, so sehr freute er sich, ihn wiederzusehen. �Oh, oh, mon tr�s cher ami! Enchant�, charm� de vous revoir!�* H�ndesch�tteln und das herzlichste Gel�chter. Ist es nicht eine Freude zu leben in diesem Deutschland? Sieht mein neuer Liebling, in seiner kleidsamen SS-Uniform, nicht viel h�bscher aus, als einer von diesen schmutzigen Kommunistenjungen es je getan hat? Bon soir, mon eher, je suis tout � fait ravi*, es lebe der F�hrer, noch heute abend berichte ich nach Paris, wie lustig und pazifistisch man in Berlin ist, niemand denkt an irgend etwas B�ses, wie reizend Fr�ulein Lindenthal aussieht, da kommt ja auch Doktor Radig, Prost!

Neues H�ndesch�tteln, denn Doktor Radig war hinzugetreten. Auch er schien trefflich gelaunt, wozu aller Anla� bestand: seine Beziehungen zum nationalen Regime, so gespannt sie am Anfang gewesen waren, verbesserten sich jetzt von Tag zu Tag. Servus, Radig, wie geht's, alter Kunde! H�fgen und Radig lachten sich an wie zwei Biederm�nner. Nun durften sie sich wieder ungeniert in der �ffentlichkeit miteinander zeigen, sie kompromittierten sich nicht mehr gegenseitig, auch sch�mten sie sich nicht mehr voreinander: der Erfolg, diese sublime, unwiderlegbare Rechtfertigung jeglicher Infamie, hatte die beiden alle Scham vergessen lassen.

Strahlend und l�chelnd verneigten sich alle vier - Monsieur Larue und die Herren Radig, M�ller-Andrea und H�fgen -, denn der Ministerpr�sident, sich im Walzerschritt mit Lotte Lindenthal schwingend, war vor�bergekommen, und er hatte ihnen zugewinkt.

Die Beziehungen zwischen Hendrik und Lotte Lindenthal gewannen an menschlicher W�rme. Mit der Kom�die �Das Herz� hatten sie beide einen gro�en Erfolg gehabt; Lottens Bef�rchtungen, die Strenge der Berliner Presse betreffend, hatten sich als unbegr�ndet erwiesen. Im Gegenteil w�ren alle Kritiken des Lobes voll gewesen �ber ihre �frauliche Anmut�, ihre herbe Schlichtheit und die echt deutsche Innigkeit ihres Spieles. Niemand hatte die heikle Frage an sie gerichtet, warum sie immer auf so komische Art den kleinen Finger von sich strecke. Hingegen hatte Dr. Radig in seiner gro�en Rezension der Ansicht Ausdruck verliehen, Lotte Lindenthal sei die �wahrhaft repr�sentative Menschendarstellerin des neuen Deutschland�.

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