Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Dieser kleine, agile Herr also war der Meister ber den enormen Reklameapparat des Dritten Reiches, der Mann, der sich vor den Arbeitern euer alter Doktor zu nennen liebte, der mit seiner Energie, seiner Rednergabe und seinen bewaffneten Banden die skeptische und aufgeweckte Stadt Berlin, die sich doch nicht so leicht etwas vormachen lie, dem Nationalsozialismus erobert hatte. Das also war der schlaue Kopf der Partei, der sich alles ausdachte: wann es einen Fackelzug geben sollte, wann man gegen die Juden zu schimpfen hatte und wann gegen die Katholiken. Whrend der Intendant schsisch sprach, redete der Minister mit einem rheinischen Akzent, wodurch Hendrik sich gleich angeheimelt fhlte. brigens schien der elastische Kleine, mit dem vom vielen Schwatzen gleichsam ausgefransten Mund, voll interessanter und moderner Ideen zu stecken: Er sprach von revolutionrer Dynamik, dem mystischen Lebensgesetz der Rasse, und dann einfach vom Presseball, wo Hfgen etwas vortragen sollte.
Die reprsentative Veranstaltung war die erste, bei der Hendrik sich ffentlich im Kreise der Halbgtter zeigen durfte. Er hatte die ehrenvolle Pflicht, Frulein Lindenthal in den Saal zu geleiten, da der Ministerprsident sich wieder einmal versptete. Lotte trug ein wundervolles Gewand, aus Purpur- und Silberfden gewirkt; Hendrik seinerseits sah vor Feinheit und Wrde beinah leidend aus. Im Laufe des Abends wrde er nicht nur mit dem Fliegergeneral, sondern auch im Gesprche mit dem Propagandaminister photographiert: dieser hatte selbst den Wink dazu gegeben. Er zeigte sein berhmtes, unwiderstehlich charmantes Grinsen, mit dem er auch die beschenkte, die einige Monate spter geopfert wurden. Das boshafte Funkeln der Augen freilich vermochte er nicht vllig zu unterdrcken. Denn er hate Hfgen - das Geschpf der Konkurrenz, des Ministerprsidenten. Doch war der Propagandachef nicht der Mann, seinen Gefhlen nachzugeben und seine Handlungen von ihnen bestimmen zu lassen. Vielmehr blieb er kalt und berechnend genug, um zu denken: Wenn dieser Schauspieler schon einmal zu den kulturellen Gren des Dritten Reiches gehren soll, dann wre es ein taktischer Fehler, dem Dicken ganz allein den Ruhm seiner Entdeckung zu berlassen. Man beit die Zhne zusammen und stellt sich grinsend neben ihn vor die Linse.
Wie leicht alles ging! Wie glcklich sich alles fgte: Hendrik empfand, da er ein Glckskind war.,All diese groe Gunst', so dachte er, 'sie ist mir einfach in den Scho gefallen. Htte ich so viel Glanz ausschlagen sollen? Niemand wrde das an meiner Stelle tun - wer es von sich behauptet, den nenne ich einen Schwindler und einen Heuchler. Zu mir htte es nicht gepat, in Paris als Emigrant zu leben - es htte eben einfach nicht zu mir gepat!' beschlo er mit einem trotzigen bermut. Angesichts all des Trubels, in dem er sich nun wieder befand, dachte er flchtig, aber mit intensivem Ekel an die Einsamkeit seiner trostlosen Promenaden ber die Pariser Pltze und Avenuen. Gott sei es gedankt - nun umgaben ihn wieder Menschen!
Wie hie doch dieser elegante Graukopf mit den vorquellenden blauen Augen, der da so eifrig auf ihn einredete? Richtig: es war Mller-Andrea, der berhmte Plauderer des Interessanten Journals. Ob er immer noch so viel Geld verdiente mit seiner aufschlureichen Artikelserie: Hatten Sie davon eine Ahnung? Nicht doch, das Interessante Journal ist eingegangen. Herr Mller-Andrea jedoch lebt, er ist sogar obenauf, ein flottes Haus, eine fidele Nummer. Schon im Jahre 1931 hatte er ein Buch publiziert, Die Getreuen des Fhrers - damals freilich unter einem Pseudonym. Inzwischen aber hat er sich zu diesem Werke bekannt, und die hchsten Stellen sind auf ihn aufmerksam geworden. Herr Mller-Andrea ist fein heraus, er braucht dem Interessanten Journal nicht nachzutrauern, das Propagandaministerium zahlt besser, und am Propagandaministerium ist der lustige alte Herr jetzt beschftigt. Mit Herzlichkeit schttelt er dem Schauspieler Hfgen die Hand, so sieht man sich wieder, ja ja, die Zeiten ndern sich, aber wir beide, wir haben Glck - Herr Mller-Andrea war ja immer ein Verehrer des Schauspielers Hfgen gewesen.
Und hier, der Kleine, der mit seinem Notizbchlein winkte wie mit einer Fahne, das war Pierre Lame - nun aab es keinen jeune camarade communiste mehr an seiner Seite, vielmehr nur noch schmucke und stramme Burschen in der zugleich verfhrerischen und einschchternden SS-Uniform. Monsieur Lame fand es auf den Festen und Empfngen der hohen Nazi-Funktionre noch amsanter, als er es auf den Veranstaltungen der jdischen Bankiers gefunden hatte. Er blhte auf, so viele interessante Menschen durfte er nun kennenlernen: sehr nette Mrder, die jetzt groe Stellungen ausfllten bei der Geheimen Staatspolizei; einen Oberlehrer, der, erst unlngst aus dem Irrenhaus entlassen, jetzt schon Kultusminister war; Juristen, die das Recht fr ein liberales Vorurteil, Mediziner, welche die Heilkunst fr einen jdischen Schwindel, Philosophen, welche die Rasse fr die einzig objektive Wahrheit hielten: all diese feinen lypen bat Monsieur Lame ins Esplanade zum Abendessen. Ja, die Nazis wuten seine Gastlichkeit und sein zartes Wesen zu schtzen. Er durfte sogar auf den Botschaften ein wenig fr sie intrigieren, und zum Lohne dafr lie man ihn im Sportpalast sprechen: die Leute lachten zunchst, als das bleiche Knochenbndelchen aufs Podium trat und etwas von dem tiefen Verstndnis des echten Frankreich fr das Dritte Reich zu piepsen begann; aber dann wurden sie ernster, denn ihr alter Doktor, der Propagandaminister selber, hatte zornig zur Ruhe gemahnt, und nun deklamierte Pierre Larue eine Art von amourser Hymne an Horst Wessel, den verunglckten Zuhlter und Mrtyrer des neuen Deutschland, den er als den Garanten eines ewigen Friedens zwischen den beiden groen Nationen, Deutschland und Frankreich, bezeichnete.
Monsieur Larue wre dem Schauspieler Hfgen fast um den Hals gefallen, so sehr freute er sich, ihn wiederzusehen. Oh, oh, mon trs cher ami! Enchant, charm de vous revoir!* Hndeschtteln und das herzlichste Gelchter. Ist es nicht eine Freude zu leben in diesem Deutschland? Sieht mein neuer Liebling, in seiner kleidsamen SS-Uniform, nicht viel hbscher aus, als einer von diesen schmutzigen Kommunistenjungen es je getan hat? Bon soir, mon eher, je suis tout fait ravi*, es lebe der Fhrer, noch heute abend berichte ich nach Paris, wie lustig und pazifistisch man in Berlin ist, niemand denkt an irgend etwas Bses, wie reizend Frulein Lindenthal aussieht, da kommt ja auch Doktor Radig, Prost!
Neues Hndeschtteln, denn Doktor Radig war hinzugetreten. Auch er schien trefflich gelaunt, wozu aller Anla bestand: seine Beziehungen zum nationalen Regime, so gespannt sie am Anfang gewesen waren, verbesserten sich jetzt von Tag zu Tag. Servus, Radig, wie geht's, alter Kunde! Hfgen und Radig lachten sich an wie zwei Biedermnner. Nun durften sie sich wieder ungeniert in der ffentlichkeit miteinander zeigen, sie kompromittierten sich nicht mehr gegenseitig, auch schmten sie sich nicht mehr voreinander: der Erfolg, diese sublime, unwiderlegbare Rechtfertigung jeglicher Infamie, hatte die beiden alle Scham vergessen lassen.
Strahlend und lchelnd verneigten sich alle vier - Monsieur Larue und die Herren Radig, Mller-Andrea und Hfgen -, denn der Ministerprsident, sich im Walzerschritt mit Lotte Lindenthal schwingend, war vorbergekommen, und er hatte ihnen zugewinkt.
Die Beziehungen zwischen Hendrik und Lotte Lindenthal gewannen an menschlicher Wrme. Mit der Komdie Das Herz hatten sie beide einen groen Erfolg gehabt; Lottens Befrchtungen, die Strenge der Berliner Presse betreffend, hatten sich als unbegrndet erwiesen. Im Gegenteil wren alle Kritiken des Lobes voll gewesen ber ihre frauliche Anmut, ihre herbe Schlichtheit und die echt deutsche Innigkeit ihres Spieles. Niemand hatte die heikle Frage an sie gerichtet, warum sie immer auf so komische Art den kleinen Finger von sich strecke. Hingegen hatte Dr. Radig in seiner groen Rezension der Ansicht Ausdruck verliehen, Lotte Lindenthal sei die wahrhaft reprsentative Menschendarstellerin des neuen Deutschland.