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Mephisto

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Mephisto
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Einen argen Schrecken hatte H�fgen an diesem sonst erfolgreichen Tage noch auszustehen. Als er die Probeb�hne betrat, stie� er mit einem jungen Menschen zusammen, es war Hans Miklas. Hendrik hatte seit Wochen nicht mehr an ihn gedacht. Nat�rlich, Miklas lebte, er war sogar am Staatstheater engagiert, und er sollte in der neuen �Faust�-Inszenierung den Sch�ler spielen. Auf dieses Zusammentreffen war Hendrik nicht vorbereitet; um die Besetzung der kleineren Rollen hatte er sich, bei all den Aufregungen, die es auszustehen gab, noch nicht gek�mmert. Nun �berlegte er sich blitzschnelclass="underline" Wie verhalte ich mich? Dieser renitente Bursche ha�t mich noch - wenn es nicht selbstverst�ndlich w�re: der bleiche und b�se Blick, den er mir gerade zugeworfen hat, m��te es mir verraten. Er ha�t mich, er hat nichts vergessen, und er kann mir schaden; wenn er Lust dazu hat. Was hindert, ihn, Lotte Lindenthal zu erz�hlen, warum es damals zu dem Auftritt zwischen uns im H. K. gekommen ist. Ich w�re verloren, wenn er sich das einfallen lie�e. Aber er wagt es nicht, so weit wird er wahrscheinlich nicht gehen. Hendrik beschlo�: Ich werde ihn fast �bersehen und ihn mit meinem Hochmut einsch�chtern. Dann denkt er, ich sei schon wieder ganz obenauf, habe alle Tr�mpfe in der Hand und man k�nne nichts gegen mich ausrichten. - Er klemmte sich das Monokel vors Auge, machte ein sp�ttisches Gesicht und sprach durch die Nase: �Herr Miklas - sieh cla! Da� es Sie auch noch gibt!� Dabei betrachtete er seine Fingern�gel, l�chelte aasig, h�stelte und schlenderte weiter.

Hans Miklas hatte die Z�hne aufeinandergebissen und geschwiegen. Sein Gesicht war unbewegt geblieben, aber da Hendrik es nicht mehr beobachten konnte, verzerrte es sich vor Ha� und vor Schmerz. Niemand k�mmerte sich um den Knaben, der trotzig und einsam an einer Kulisse lehnte. Niemand sah, da� er die F�uste ballte und da� seine hellen Augen sich mit Tr�nen f�llten. Hans Miklas zitterte an seinem schmalen, mageren K�rper, der an den K�rper eines unterern�hrten Gassenbuben, zugleich an den eines �bertrainierten Akrobaten erinnerte. Warum zitterte denn Hans Miklas? Und warum weinte er denn? Begann er einzusehen, da� er betrogen worden war - betrogen in einem f�rchterlichen, riesenhaften und nie mehr gutzumachenden Ausma�? Ach, er war noch nicht an dem Punkte, dies zu begreifen. Indessen stellten vielleicht doch die ersten Ahnungen sich ein. Schon diese Ahnungen waren von der Art, da� seine H�nde sich zusammenkrampften und seine Augen sich mit Tr�nen f�llten.

Die ersten Wochen nach der Regierungs�bernahme durch die Nationalsozialisten und ihren �F�hrer� hatte dieser junge Mensch sich gef�hlt wie im Himmel. Der sch�ne und gro�e Tag, der Tag der Erf�llung, auf den man so lange und mit so viel Sehnsucht gewartet hatte, nun war er da! Was f�r ein Jubel! Der junge Miklas hatte vor Seligkeit geschluchzt und getanzt. Damals hatte sein Gesicht gestrahlt im Licht der echten Begeisterung: auf seiner Stirne war Glanz gewesen, und Glanz in seinen Augen. Als man den Reichskanzler, den F�hrer, den Erl�ser mit dem Fackelzug feierte - wie hatte er da auf der Stra�e gebr�llt und gleich einem Besessenen die Glieder geworfen, mitergi iffen von dem Taumel, in den eine Millionenstadt, in den ein ganzes Volk sich schleuderte. Nun w�rden alle Versprechungen umgesetzt werden in die Tat. Ohne Frage: ein goldenes Zeitalter war im Begriff anzubrechen. Deutschland hatte seine Ehre wieder, und bald w�rde auch seine Gesellschaft sich verwandeln und sich zur wahren Volksgemeinschaft wunderbar erneuern: denn so hatte es der F�hrer hundertmal versprochen, und die M�rtyrer der nationalsozialistischen Bewegung hatten sein Versprechen besiegelt mit ihrem Blut.

Die vierzehn Jahre der Schmach waren vor�ber. Alles bis dahin war nur Kampf und Vorbereitung gewesen, jetzt fing das Leben erst an. Nun durfte man endlich arbeiten - mitarbeiten am Wiederaufbau eines geeinigten, machtvollen Vaterlands. Hans Miklas bekam ein schlecht bezahltes Engagement am Staatstheater: ein h�herer Parteifunktion�r hatte es ihm verschafft. H�fgen sa� in Paris, H�fgen war Emigrant - und Miklas hatte eine Stellung an der Preu�ischen Staatsb�hne: der Zauber dieser Situation war so m�chtig, da� er den jungen Menschen manches �bersehen lie�, was er sonst vielleicht als entt�uschend empfunden h�tte.

War es wirklich eine neue, eine bessere Welt, in der er sich jetzt bewegte? Hatte sie nicht viele Gebrechen der alten, die man so bitter geha�t hatte, und noch manch anderen Fehler dazu, der bis dahin unbekannt gewesen war? Dergleichen wagte Hans Miklas noch nicht sich einzugestehen. Aber zuweilen bekam sein junges, angegriffenes, bleiches Antlitz, mit den zu roten Lippen und den dunklen R�ndern um die hellen Augen, doch schon wieder jenen verschlossenen, leidvollen Ausdruck des Trotzes, der ihm fr�her eigent�mlich gewesen war. Hochm�tig und b�se wandte der widerspenstige Knabe den Kopf, wenn er beobachten mu�te, wie man jetzt den Intendanten C�sar von Muck umschmeichelte, auf eine noch viel schamlosere Manier, als die es gewesen war, auf die man fr�her den �Professor� umschmeichelt hatte. Und wie C�sar von Muck seinerseits zusammenknickte und in demutsvoller Liebedienerei zerflie�en zu wollen schien, wenn der Propagandaminister das Theater betrat! Das war �u�erst peinlich anzusehen. Der Zustand, den die nationalistischen Agitatoren als �Bonzenwirtschaft� zu bezeichnen liebten, hatte also nicht aufgeh�rt, sondern nur noch schlimmere und ausschweifendere Formen angenommen. Auch unter den Schauspielern gab es noch die �Prominenten�, die herabsahen auf die Kleineren, in schweren Limousinen am B�hneneingang vorfuhren und kostbare Pelzm�ntel trugen. Die gro�e Diva hie� nicht mehr Dora Martin, sondern Lotte Lindenthal; sie war keine gute Schauspielerin mehr, sondern eine schlechte, daf�r aber die Favoritin eines m�chtigen Mannes. Miklas h�tte sich, um ihrer Ehre willen, einmal fast gepr�gelt - wie lang war das her? -, und er hatte seine Stellung f�r sie verloren. Aber das wu�te sie nicht, und er war zu stolz, um darauf anzuspielen. Er schob trotzig die Lippen vor, machte sein abweisendes Gesicht und lie� sich �bersehen von der gro�en Dame.

Deutschland hatte seine Ehre wieder, da die Kommunisten und Pazifisten nun in den Konzentrationslagern sa�en, teilweise auch schon get�tet waren, und die Welt anfing, sich sehr zu �ngstigen vor einem Volk, das einen so besorgniserregenden �F�hrer� sein eigen nannte. Die Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens hingegen lie� auf sich warten: vom Sozialismus war noch nichts zu merken.,Alles kann nicht auf einmal geschafft werden', dachte ein junger Mensch wie Hans Miklas, der zu innig geglaubt hatte, als da� er sich jetzt schon zur Entt�uschung h�tte entschlie�en m�gen.,Nicht einmal mein F�hrer bringt es fertig. Wir sollen Geduld haben. Erst mu� Deutschland sich einmal erholen von den langen Jahren der Schmach.'

So vertrauensvoll war dieser Knabe noch immer. Den entscheidenden Schock aber empfing er, als er auf dem Probezettel las, da� Hendrik H�fgen den Mephisto spielen w�rde. Der alte Feind, der h�chst Geschickte, ganz Gewissenlose - da war er wieder, der Zyniker, der �berall durchkommt, sich bei allen beliebt macht: H�fgen, der ewige Widersacher! Die Frau, um derentwillen man sich fast mit ihm gepr�gelt h�tte, sie hatte ihn selber herbeigeholt, weil sie ihn in der mond�nen Kom�die als Partner brauchte. Und nun hatte sie ihm auch noch die klassische Rolle verschafft, und mit ihr die gro�e Erfolgschance� Konnte er, Miklas, nicht hingehen und dieser Lotte Lindenthal erz�hlen, was H�fgen damals, in der Kantine, �ber sie ge�u�ert hatte?! Wer hinderte ihn daran? - Aber war es der M�he wert? W�rde man ihm denn glauben? Konnte er sich nicht auch noch l�cherlich machen? Und hatte schlie�lich H�fgen so ganz unrecht gehabt, als er diese Lindenthal eine bl�de Kuh nannte? War sie nicht eine?

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