Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Einen argen Schrecken hatte Hfgen an diesem sonst erfolgreichen Tage noch auszustehen. Als er die Probebhne betrat, stie er mit einem jungen Menschen zusammen, es war Hans Miklas. Hendrik hatte seit Wochen nicht mehr an ihn gedacht. Natrlich, Miklas lebte, er war sogar am Staatstheater engagiert, und er sollte in der neuen Faust-Inszenierung den Schler spielen. Auf dieses Zusammentreffen war Hendrik nicht vorbereitet; um die Besetzung der kleineren Rollen hatte er sich, bei all den Aufregungen, die es auszustehen gab, noch nicht gekmmert. Nun berlegte er sich blitzschnelclass="underline" Wie verhalte ich mich? Dieser renitente Bursche hat mich noch - wenn es nicht selbstverstndlich wre: der bleiche und bse Blick, den er mir gerade zugeworfen hat, mte es mir verraten. Er hat mich, er hat nichts vergessen, und er kann mir schaden; wenn er Lust dazu hat. Was hindert, ihn, Lotte Lindenthal zu erzhlen, warum es damals zu dem Auftritt zwischen uns im H. K. gekommen ist. Ich wre verloren, wenn er sich das einfallen liee. Aber er wagt es nicht, so weit wird er wahrscheinlich nicht gehen. Hendrik beschlo: Ich werde ihn fast bersehen und ihn mit meinem Hochmut einschchtern. Dann denkt er, ich sei schon wieder ganz obenauf, habe alle Trmpfe in der Hand und man knne nichts gegen mich ausrichten. - Er klemmte sich das Monokel vors Auge, machte ein spttisches Gesicht und sprach durch die Nase: Herr Miklas - sieh cla! Da es Sie auch noch gibt! Dabei betrachtete er seine Fingerngel, lchelte aasig, hstelte und schlenderte weiter.
Hans Miklas hatte die Zhne aufeinandergebissen und geschwiegen. Sein Gesicht war unbewegt geblieben, aber da Hendrik es nicht mehr beobachten konnte, verzerrte es sich vor Ha und vor Schmerz. Niemand kmmerte sich um den Knaben, der trotzig und einsam an einer Kulisse lehnte. Niemand sah, da er die Fuste ballte und da seine hellen Augen sich mit Trnen fllten. Hans Miklas zitterte an seinem schmalen, mageren Krper, der an den Krper eines unterernhrten Gassenbuben, zugleich an den eines bertrainierten Akrobaten erinnerte. Warum zitterte denn Hans Miklas? Und warum weinte er denn? Begann er einzusehen, da er betrogen worden war - betrogen in einem frchterlichen, riesenhaften und nie mehr gutzumachenden Ausma? Ach, er war noch nicht an dem Punkte, dies zu begreifen. Indessen stellten vielleicht doch die ersten Ahnungen sich ein. Schon diese Ahnungen waren von der Art, da seine Hnde sich zusammenkrampften und seine Augen sich mit Trnen fllten.
Die ersten Wochen nach der Regierungsbernahme durch die Nationalsozialisten und ihren Fhrer hatte dieser junge Mensch sich gefhlt wie im Himmel. Der schne und groe Tag, der Tag der Erfllung, auf den man so lange und mit so viel Sehnsucht gewartet hatte, nun war er da! Was fr ein Jubel! Der junge Miklas hatte vor Seligkeit geschluchzt und getanzt. Damals hatte sein Gesicht gestrahlt im Licht der echten Begeisterung: auf seiner Stirne war Glanz gewesen, und Glanz in seinen Augen. Als man den Reichskanzler, den Fhrer, den Erlser mit dem Fackelzug feierte - wie hatte er da auf der Strae gebrllt und gleich einem Besessenen die Glieder geworfen, mitergi iffen von dem Taumel, in den eine Millionenstadt, in den ein ganzes Volk sich schleuderte. Nun wrden alle Versprechungen umgesetzt werden in die Tat. Ohne Frage: ein goldenes Zeitalter war im Begriff anzubrechen. Deutschland hatte seine Ehre wieder, und bald wrde auch seine Gesellschaft sich verwandeln und sich zur wahren Volksgemeinschaft wunderbar erneuern: denn so hatte es der Fhrer hundertmal versprochen, und die Mrtyrer der nationalsozialistischen Bewegung hatten sein Versprechen besiegelt mit ihrem Blut.
Die vierzehn Jahre der Schmach waren vorber. Alles bis dahin war nur Kampf und Vorbereitung gewesen, jetzt fing das Leben erst an. Nun durfte man endlich arbeiten - mitarbeiten am Wiederaufbau eines geeinigten, machtvollen Vaterlands. Hans Miklas bekam ein schlecht bezahltes Engagement am Staatstheater: ein hherer Parteifunktionr hatte es ihm verschafft. Hfgen sa in Paris, Hfgen war Emigrant - und Miklas hatte eine Stellung an der Preuischen Staatsbhne: der Zauber dieser Situation war so mchtig, da er den jungen Menschen manches bersehen lie, was er sonst vielleicht als enttuschend empfunden htte.
War es wirklich eine neue, eine bessere Welt, in der er sich jetzt bewegte? Hatte sie nicht viele Gebrechen der alten, die man so bitter gehat hatte, und noch manch anderen Fehler dazu, der bis dahin unbekannt gewesen war? Dergleichen wagte Hans Miklas noch nicht sich einzugestehen. Aber zuweilen bekam sein junges, angegriffenes, bleiches Antlitz, mit den zu roten Lippen und den dunklen Rndern um die hellen Augen, doch schon wieder jenen verschlossenen, leidvollen Ausdruck des Trotzes, der ihm frher eigentmlich gewesen war. Hochmtig und bse wandte der widerspenstige Knabe den Kopf, wenn er beobachten mute, wie man jetzt den Intendanten Csar von Muck umschmeichelte, auf eine noch viel schamlosere Manier, als die es gewesen war, auf die man frher den Professor umschmeichelt hatte. Und wie Csar von Muck seinerseits zusammenknickte und in demutsvoller Liebedienerei zerflieen zu wollen schien, wenn der Propagandaminister das Theater betrat! Das war uerst peinlich anzusehen. Der Zustand, den die nationalistischen Agitatoren als Bonzenwirtschaft zu bezeichnen liebten, hatte also nicht aufgehrt, sondern nur noch schlimmere und ausschweifendere Formen angenommen. Auch unter den Schauspielern gab es noch die Prominenten, die herabsahen auf die Kleineren, in schweren Limousinen am Bhneneingang vorfuhren und kostbare Pelzmntel trugen. Die groe Diva hie nicht mehr Dora Martin, sondern Lotte Lindenthal; sie war keine gute Schauspielerin mehr, sondern eine schlechte, dafr aber die Favoritin eines mchtigen Mannes. Miklas htte sich, um ihrer Ehre willen, einmal fast geprgelt - wie lang war das her? -, und er hatte seine Stellung fr sie verloren. Aber das wute sie nicht, und er war zu stolz, um darauf anzuspielen. Er schob trotzig die Lippen vor, machte sein abweisendes Gesicht und lie sich bersehen von der groen Dame.
Deutschland hatte seine Ehre wieder, da die Kommunisten und Pazifisten nun in den Konzentrationslagern saen, teilweise auch schon gettet waren, und die Welt anfing, sich sehr zu ngstigen vor einem Volk, das einen so besorgniserregenden Fhrer sein eigen nannte. Die Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens hingegen lie auf sich warten: vom Sozialismus war noch nichts zu merken.,Alles kann nicht auf einmal geschafft werden', dachte ein junger Mensch wie Hans Miklas, der zu innig geglaubt hatte, als da er sich jetzt schon zur Enttuschung htte entschlieen mgen.,Nicht einmal mein Fhrer bringt es fertig. Wir sollen Geduld haben. Erst mu Deutschland sich einmal erholen von den langen Jahren der Schmach.'
So vertrauensvoll war dieser Knabe noch immer. Den entscheidenden Schock aber empfing er, als er auf dem Probezettel las, da Hendrik Hfgen den Mephisto spielen wrde. Der alte Feind, der hchst Geschickte, ganz Gewissenlose - da war er wieder, der Zyniker, der berall durchkommt, sich bei allen beliebt macht: Hfgen, der ewige Widersacher! Die Frau, um derentwillen man sich fast mit ihm geprgelt htte, sie hatte ihn selber herbeigeholt, weil sie ihn in der mondnen Komdie als Partner brauchte. Und nun hatte sie ihm auch noch die klassische Rolle verschafft, und mit ihr die groe Erfolgschance Konnte er, Miklas, nicht hingehen und dieser Lotte Lindenthal erzhlen, was Hfgen damals, in der Kantine, ber sie geuert hatte?! Wer hinderte ihn daran? - Aber war es der Mhe wert? Wrde man ihm denn glauben? Konnte er sich nicht auch noch lcherlich machen? Und hatte schlielich Hfgen so ganz unrecht gehabt, als er diese Lindenthal eine blde Kuh nannte? War sie nicht eine?