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Mephisto

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Mephisto
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Hendrik hatte es gewut, ehe er noch in Berlin angekommen war: Ohne die Protektion der Lindenthal war er verloren. Die kleine Angelika, die ihn an der Bahn abholte, htte ihn nicht noch eigens darauf hinweisen mssen, ihm war die Situation ohnedies klar. Er hatte furchtbare Feinde, unter ihnen so einflureiche wie den Dichter Gsar von Muck, den der Propagandaminister zum Intendanten des Staatstheaters gemacht hatte. Der Dramatiker hatte Hfgen, von dem seine Stcke immer abgelehnt waren, einen eisigen Empfang bereitet. Sein Gesicht mit den Stahlaugen und dem verkniffenen Mund hatte den Ausdruck unnahbarer Strenge und Wrde gehabt, whrend er sagte: Ich wei nicht, ob Sie sich wieder bei uns einleben werden, Herr Hfgen. Hier herrscht nun ein anderer Geist als der, den Sie in diesem Hause gewhnt waren. Mit dem Kulturbolschewismus ist Schlu. Hierbei reckte der Dichter des Tannenberg-Dramas sich drohend. In den Stcken Ihres Freundes Marder oder in den bei Ihnen so beliebten franzsischen Farcen werden Sie nicht mehr Gelegenheit haben aufzutreten. Jetzt wird hier weder semitische noch gallische, sondern deutsche Kunst gemacht. Sie werden zu beweisen haben, Herr Hfgen, ob Sie dazu imstande sind, uns bei so erhabener Arbeit behilflich zu sein. Mir schien, offen gesagt, kein besonderer Anla zu bestehen. Sie aus Paris wieder hierherzurufen. Bei dem Wort Paris lie Gsar von Muck die Augen erschreckend blitzen. Aber Frulein Linclenthal wnscht Sie als Partner in dem kleinen Lustspiel, mit dem sie hier debtiert. Dies sagte Muck etwas wegwerfend. Ich wollte nicht ungefllig gegen die Dame sein, fuhr er mit einer falschen Biederkeit fort und schlo hochmtig: brigens bin ich davon berzeugt, da Ihnen die Rolle des eleganten Hausfreundes und Verfhrers keinerlei Schwierigkeiten bereiten wird. Mit einer militrisch knappen Geste schlo der Intendant die Unterredung.

Dies war ein bengstigender Anfang - um so bengstigender fr Hendrik, wenn er bedachte, da hinter dem rachschtigen und arrivierten Poeten die Person des Propagandaministers stand. Dieser war in kulturellen Dingen beinah allmchtig, und er wre es ganz gewesen, htte es sich der zum Preuischen Ministerprsidenten avancierte Fliegeroffizier nicht in den Kopf gesetzt, auch sein Wrtchen mitzureden, was die Staatstheater betraf. An diesen war der Dicke, schon Lottens wegen, stark interessiert. So kam es zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen den zwei Gewaltigen - dem Herrn der Propaganda und dem Herrn der Flugzeuge. Hendrik hatte noch keinen von den beiden Halbgttern mit Augen gesehen; aber er wute, da er die Feindschaft des einen nur dann eine Zeitlang wrde aushaken knnen, wenn er der Protektion des anderen sicher war. Der Weg zum Ministerprsidenten ging ber die Schauspielerin. Hendrik mute Lotte Lindenthal gewinnen.

In den ersten Wochen seines neuen Berliner Aufenthalts hatte er keinen anderen Gedanken im Kopf als nur diesen: Lotte Lindenthal mu mich lieben. Juwelenaugen und aasigem Lcheln hat noch keine widerstehen knnen, und schlielich ist auch sie nur ein Mensch. Diesmal geht es ums Ganze, ich mu alle meine Knste spielen lassen - Lotte soll erobert werden wie eine Festung. Mag sie hochbusig und kuhugig sein, mag sie noch so provinziell und hausbacken aussehen mit ihrem Doppelkinn und ihren blonden Dauerwellen: fr mich ist sie begehrenswerter als eine Gttin.

Und Hendrik kmpfte. Er war blind und taub fr alles, was um ihn herum geschah, sein Wille, seine Intelligenz waren konzentriert auf das eine Zieclass="underline" die Kaptivie-rung der blonden Lotte. Nur fr sie hatte er Augen, alle anderen bersah er. Die kleine Angelika war grndlich im Irrtum gewesen, wenn sie geglaubt hatte. Hfgen wrde sie nun, aus Dankbarkeit, einer gewissen Aufmerksamkeit wrdigen. Nur in den ersten Stunden nach seiner Ankunft war er nett zu ihr. Kaum aber, da sie ihn der Linclenthal vorgestellt hatte, schien Angelika nicht mehr fr ihn zu existieren. Sie mute sich ausweinen bei ihrem Filmregisseur, Hendrik aber ging aufsein Ziel los, es hie Lotte.

Bemerkte er, wie die Straen von Berlin sich verndert hatten? Sah er die braunen und die schwarzen Uniformen, die Hakenkreuzfahnen, die marschierende Jugend? Hrte er die kriegerischen Lieder, die auf den Straen, aus den Radioapparaten, von der Filmleinwand klangen? Achtete er auf die Fhrerreden mit ihren Drohungen und Prahlereien? Las er die Zeitungen, die beschnigten, verschwiegen, logen und doch noch genug des Entsetzlichen verrieten? Kmmerte er sich um das Schicksal der Menschen, die er frher seine Freunde genannt hatte? Er wute nicht einmal, wo sie sich befanden. Vielleicht saen sie an irgendeinem Cafhaustisch in Prag, Zrich oder Paris, vielleicht wurden sie in einem Konzentrationslager geschunden, vielleicht hielten sie sich in einer Berliner Dachkammer oder in einem Keller versteckt. Hendrik legte keinen Wert darauf, ber diese dsteren Einzelheiten unterrichtet zu sein.,Ich kann ihnen doch nicht helfen' - dies war die Formel, mit der er jeden Gedanken an die Leidenden von sich wies.,Ich bin selbst in stndiger Gefahr - wer wei, ob nicht Csar von Muck morgen schon meine Verhaftung durchsetzen wird. Erst wenn ich meinerseits definitiv gerettet bin, werde ich anderen vielleicht ntzlich sein knnen!'

Nur widerwillig und mit einem Ohr hrte Hendrik zu, als man ihm von den Gerchten Mitteilung machte, die ber das Schicksal Otto Ulrichs' im Umlauf waren. Der kommunistische Schauspieler und Agitator, der sofort nach dem Reichstagsbrand verhaftet worden war, habe mehrere jener grauenhaften Prozeduren, die man Verhre nannte und die in Wahrheit unbarmherzige Folterungenwaren, auszustehen gehabt: Das hat mir jemand erzhlt, der im Columbiahaus in der Zelle neben Ulrichs untergebracht war. So berichtete, mit angstvoll gedmpfter Stimme, der Theaterkritiker Radig, der bis zum 30. Januar 1933 zur radikalen Linken gehrt hatte und aggressiver Vorkmpfer einer streng marxistischen, nur dem Klassenkampf dienenden Literatur gewesen war. Nun stand er im Begriff, seinen Frieden mit dem neuen Regime zu machen.

Scheulich, diese Geschichte mit Otto, sagte der wackere Doktor Radig und sah kummervoll aus. Er hatte das revolutionre Kabarett Sturmvogel in vielen Artikeln als das einzige theatralische Unternehmen der Hauptstadt, das Zukunft habe und berhaupt der Beachtung wert sei, bezeichnet. Ulrichs hatte zum intimsten Kreise des berhmten Kritikers gehrt. Scheulich, scheulich, murmelte der Doktor und nahm nervs seine Hornbrille ab, um ihre Glser zu putzen.

Auch Hfgen war der Ansicht, da es scheulich sei. Sonst hatten sich die beiden Herren nicht viel zu sagen. Sie fhlten sich nicht recht wohl, der eine in der Gesellschaft des andern. Als Ort ihres Zusammentreffens hatten sie ein abgelegenes, wenig besuchtes Caf gewhlt. Sie waren beide kompromittiert durch ihre Vergangenheit, beide standen vielleicht immer noch im Verdacht einer oppositionellen Gesinnung, und es knnte fast wie eine Verschwrung wirken, she man sie zusammen.

Sie schwiegen und schauten sinnend ins Leere, der eine durch seine Hornbrille, der andere durch sein Monokel. Ich kann natrlich im Augenblick gar nichts fr den armen Kerl tun, lie Hof gen sich endlich vernehmen. Radig, der dasselbe hatte sagen wollen, nickte. Dann schwiegen sie wieder. Hfgen spielte mit seiner Zigarettenspitze. Radig rusperte sich. Vielleicht schmten sie sich voreinander. Der eine wute, was der andere dachte. Hfgen dachte von Radig wie Radig von Hfgen: Jaja, mein Lieber, du bist ein genauso groer Schuft wie ich selber.' Diesen Gedanken errieten sie, einer aus den Augen des andern. Deshalb schmten sie sich.

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