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Mephisto

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Mephisto
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Da das Schweigen unertr�glich wurde, stand H�fgen auf. �Man mu� Geduld haben�, sagte er leise und zeigte dem revolution�ren Kritiker sein fahles Gouvernantengesicht. �Es ist nicht leicht, aber man mu� Geduld haben. Leben Sie wohl, lieber Freund.�

Hendrik hatte allen Grund zur Zufriedenheit: Lotte Lindenthals L�cheln wurde immer s��er, immer vielversprechender. Wenn sie eine intime Szene miteinander probierten - und die Kom�die �Das Herz� bestand fast nur aus intimen Szenen zwischen der Gattin eines gro�en Gesch�ftsmannes, die Lottens Rolle war, und dem galanten Hausfreund, den Hendrik darstellte -, dann geschah es wohl, da� sie ihren Busen seufzend an den Partner dr�ckte und feuchte Blicke warf. H�fgen seinerseits blieb von einer Zur�ckhaltung, die melancholisch-disziplinierten Charakter hatte und hinter der sich fiebernde Begehrlichkeit zu verbergen schien. Er behandelte Fr�ulein Lindenthal mit fein akzentuierter Reserviertheit, meistens nannte er sie �Gn�dige Frau�, in seltenen Augenblicken �Frau Lotte�, und nur w�hrend der Arbeit, im Eifer des gemeinsamen Probierens lie� er sich einmal zum vertraulich-kollegialen Du hinrei�en. Seine Augen aber schienen immer sagen zu wollen: Ach, wenn ich nur k�nnte, wie ich m�chte! Wie w�rde ich dich umfangen, du S��e! Wie w�rde ich dich pressen, du Holde! Zu meinem Leidwesen mu� ich mich bezwingen, aus Loyalit�t gegen einen deutschen Helden, der dich die Seine nennt� Solche zugleich br�nstigen und m�nnlich-gefa�ten Gedanken verrieten die sch�nen Augen des Schauspielers H�fgen. In Wirklichkeit dachte er nur:,Warum - um Gottes willen, warum hat sich der Ministerpr�sident, der doch jede haben k�nnte, gerade die ausgesucht?! Sie mag ja eine ganz brave Person und eine vortreffliche Hausfrau sein, aber sie ist doch schrecklich dick und dabei so l�cherlich affektiert. Eine schlechte Schauspielerin ist sie �brigens auch�'

Auf den Proben hatte er zuweilen gro�e Lust, die Lin-clenthal anzuschreien, jeder anderen Kollegin h�tte er ins Gesicht gesagt: Was Sie da machen, meine Gute, ist schlimmstes Provinztheater. Da� Sie eine feine Dame spielen, ist kein Anla�, mit einer so hohen, verstellten Stimme zu sprechen und auf so groteske Art st�ndig den kleinen Finger wegzustrecken, wie Sie das zu tun belieben. Feine Damen haben l�ngst nicht immer diese Gewohnheit. Und wo steht geschrieben, da� die Gattin eines gro�en Gesch�ftsmannes, wenn sie mit ihrem Hausfreund flirtet, die Ellenbogen vom K�rper entfernt halten mu�, als habe sie sich die Bluse mit einer stinkenden Fl�ssigkeit beschmiert und f�rchte sich nun, die �rmel mit ihr in Ber�hrung zu bringen? Lassen Sie doch bitte diese Albernheiten!

Nat�rlich h�tete sich Hendrik sehr wohl, dergleichen Lotten gegen�ber auszusprechen. Auch ohne da� sie die verdienten Grobheiten gesagt bekam, schien sie aber zu sp�ren, da� sie sich auf den Proben blamierte. �Ich f�hle mich noch so unsicher�, klagte sie und machte ihr naives Kleinm�dchengesicht. �Es ist das Berliner Milieu - das bringt mich ganz durcheinander. Ach, gewi� werde ich schrecklich durchfallen und miserable Presse bekommen!� Sie tat, als w�re sie irgendeine kleine Deb�tantin, die ernsthaft Angst vor den Berliner Kritikern haben m��te. �Oh, bitte, bitte, Hendrik, sagen Sie mir� - dabei patschte sie babyhaft in die erhobenen H�ndchen -, �wird man mich recht grausam behandeln? Wird man mich zerzausen und verrei�en?� Hendrik konnte mit dem Brustton echter �berzeugtheit erkl�ren, da� er dies f�r g�nzlich ausgeschlossen halte.

W�hrend H�fgen und die Lindenthal noch die Kom�die �Das Herz� probierten, wurde bekannt,� da� der �Faust� wieder ins Repertoire des Staatstheaters aufgenommen werden sollte. Zu seinem Entsetzen mu�te Hendrik erfahren, da� C�sar von Muck - sicherlich im Einverst�ndnis mit dem Propagandaminister - beschlossen hatte, die Rolle des Mephisto mit einem Schauspieler zu besetzen, der schon seit langen Jahren der Nationalsozialistischen Partei angeh�rte und den man, vor einigen Wochen, aus der Provinz nach Berlin berufen hatte. Dieses war die Rache des �Tannenberg�-Dichters an H�fgen, der seine St�cke abgelehnt hatte. Hendrik sp�rte: Ich hin erledigt, wenn Muck durchkommt mit seinem scheu�lichen Plan. Der Mephisto ist meine gro�e Rolle. Darf ich ihn nicht spielen, dann ist es erwiesen, da� ich in Ungnade bin. Dann ist es deutlich, da� die Lindenthal ihren Einflu� beim Ministerpr�sidenten nicht f�r mich geltend macht oder da� sie den gro�en Einflu� gar nicht besitzt, den man ihr zuschreibt. Mir bliebe dann nichts mehr �brig, als meine Koffer zu packen und nach Paris zur�ckzureisen - wo ich vielleicht �berhaupt h�tte bleiben sollen; denn hier ist es eigentlich scheu�lich. Meine Stellung ist traurig, besonders wenn man sie mit der vergleicht, die ich fr�her hatte. Alle sehen mich mi�trauisch an. Man wei�, da� der Intendant und der Propagandaminister mich hassen, und man hat noch nicht den kleinsten Beweis daf�r, da� ich beim Fliegergeneral wirklich in Gunst stehe. Eine feine Situation, in die ich da geraten bin! Der Mephisto k�nnte alles retten, von ihm h�ngt jetzt alles ab�

Vor Beginn einer Probe trat H�fgen mit festen Schritten auf Lotte Lindenthal zu, und das Beben seiner Stimme war ausnahmsweise keineswegs k�nstlich, als er sagte: �Frau Lotte - ich habe eine gro�e, gro�e Bitte an Sie.� Sie l�chelte etwas angstvolclass="underline" �Ich bin meinen Kollegen und Freunden immer gerne behilflich - wenn ich kann.� Da sprach er mit tiefem, hypnotisierendem Blick in ihre Augen hinein: �Ich mu� den Mephisto spielen. Verstehen Sie mich, Lotte? Ich mu�.�

Sein gro�er, dringlicher Ernst erschreckte sie, und �brigens f�hlte sie sich erregt durch die andr�ngende N�he seines K�rpers, der ihr l�ngst nicht mehr gleichg�ltig war. Sanft err�tend, die Augen niedergeschlagen - wie ein junges M�dchen, dem man den Antrag macht und das verhei�t, sie werde sich mit den Eltern beraten -, fl�sterte sie: �Ich will versuchen, was ich machen kann. Ich spreche noch heute mit ihm.�

Hendrik hatte ein tiefes Aufatmen der Erleichterung.

Am n�chsten Morgen rief das Sekretariat der Staatstheater-Intendanz ihn an, um mitzuteilen, er werde am Nachmittag zur Arrangierprobe der neuen �Faust�-Ein-studierung erwartet. Das war der Sieg. Der Ministerpr�sident h�tte sich f�r ihn verwendet.,Ich bin gerettet', dachte Hendrik H�fgen. - Er schickte einen gro�en Strau� gelber Rosen an Lotte Lindenthal; den sch�nen Blumen legte er einen Zettel bei, auf den er in gro�en, pathetisch eckigen Buchstaben das Wort �Danke� schrieb.

Es erschien ihm beinahe schon selbstverst�ndlich, da� der Intendant C�sar von Muck ihn, vor Beginn der Probe, in sein B�ro bitten lie�. Der nationale Dichter zeigte die einfachste Herzlichkeit - die eine viel beachtenswertere schauspielerische Leistung war als die feine Zur�ckhaltung, die Hendrik an den Tag legte.

�Ich freue mich darauf, Sie als Mephisto zu sehen�, sprach der Dramatiker, lie� die stahlblauen Augen warm aufblitzen und ergriff mit m�nnlicher Innigkeit die H�nde des Menschen, den er hatte vernichten wollen. �Wie ein Kind freue ich mich darauf, Sie in dieser ewigen, tief deutschen Rolle zu sehen.� - Es war deutlich: der Intendant hatte sich entschlossen, sein Verhalten H�fgen gegen�ber mit einem Schlage und total zu �ndern, seitdem der Ministerpr�sident sich f�r diesen Schauspieler eingesetzt hatte. Nat�rlich hatte C�sar von Muck, nach wie vor, die unerbittliche Absicht, den fatalen Burschen nicht gar zu gro� werden zu lassen und ihn, wenn irgend m�glich, recht bald vom Staatstheater zu entfernen. Es schien ihm aber geraten, seinen Kampf gegen den alten Feind von jetzt ab auf eine heimlichere und schlauere Art zu f�hren. Herr von Muck war durchaus nicht geneigt, sich H�fgens wegen mit dem m�chtigen Ministerpr�sidenten oder mit der Lindenthal zu �berwerfen. Als Intendant der Preu�ischen Staatstheater hatte man allen Grund, sich mit dem Ministerpr�sidenten ebenso gut zu stellen wie mit dem Propagandaminister�

�Unter uns gesagt�, fuhr der Intendant mit der Miene kameradschaftlicher Vertraulichkeit fort, �Sie haben es mir zu verdanken, da� Sie den Mephisto wieder spielen werden.� In seiner Aussprache machte sich der s�chsische Akzent, mit dem er vielleicht seine markige Biederkeit betonen wollte, heute stark bemerkbar. �Es gab da gewisse Bedenken�, er d�mpfte die Stimme und schnitt eine Grimasse des Bedauerns, �gewisse Bedenken in ministeriellen Kreisen - Sie verstehen, mein lieber H�fgen� Man f�rchtete, Sie k�nnten den Geist der vorigen �Faust�-Inszenierung - einen etwas kulturbolschewistischen Geist, wie man sich ausdr�ckte - in unsere neue Einstudierung tragen. Nun, es ist mir gelungen, diese Bef�rchtungen zu widerlegen und zu �berwinden!� schlo� der Intendant fr�hlich; und er schlug dem Schauspieler herzhaft auf die Schulter. -

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