Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Ihr Eigensinn ärgerte offensichtlich die Mutter. Klim beobachtete, daß sie die Lippen zusammenpreßte und daß ihre rot gewordene Nasenspitze zitterte.
»Die meisten Menschen suchen die Schönheit, ganz wenige schaffen sie«, begann er, »Möglich, daß der Natur die Schönheit so vollständig abgeht wie dem Leben die Wahrheit. Es ist der Mensch, der sich Wahrheit und Schönheit schafft.«
Lida fiel ihm ins Wort:
»Du bist alt geworden, ich meine – reif...«
Wera Petrowna stand auf und ging ins Haus. Auf dem Wege sagte sie unnötig laut:
»Es war eine sehr treffende Bemerkung von dir, das über die Schönheit, Klim.«
Allein mit Lida, fühlte er zu seinem Erstaunen, daß er ihr nichts zu sagen wußte. Das Mädchen wandelte auf der Veranda auf und ab. Nach dem Walde blickend, sagte sie:
»Vater ist auf die Jagd gegangen?«
»Ja.«
»Allein?«
»Mit einem Bauern. Einem von den sieben Bauern, die der Gouverneur im Frühjahr hat auspeitschen lassen.«
»So?« machte Lida. »Dort haben auch irgendwo die Bauern rebelliert. Man hat sogar auf sie geschossen. Na, ich werde jetzt gehen, ich bin müde.«
Sie schritt die Verandastufen hinab, auf das kleine Gehölz aus schlanken Birken zu, und sagte, ohne sich umzuwenden:
»Ljuba hat die Stellung einer Gesellschafterin bei einem schwindsüchtigen Mädchen angenommen.«
Sie verschwand im Birkenwäldchen und ließ Klim empört über ihre Kälte allein. Er saß im Schaukelstuhl seiner Mutter, schlug sich mit einem gelben französischen Buch, Maupassants Roman »Stark wie der Tod«, auf die Knie und tauchte in einem Strom wirrer Gedanken unter. Natürlich war sie kein Mädchen für eine Liebe wie die Ritas. Es war unmöglich, sich ihren gebrechlichen, feinen Körper im Sturm wollüstiger Zuckungen vorzustellen. Dann erinnerte er sich der rotgewordenen Nase seiner Mutter und der Reden, die sie bei seinem letzten Besuch in der Sommerfrische hier auf der Veranda mit Warawka getauscht hatte. Klim hielt sich in seinem Zimmer auf und hörte, wie die Mutter gleichsam mit Genugtuung sagte:
»Gott, du bekommst ja eine Glatze!«
Warawka erwiderte:
»Und ich, siehst du, bemerke die grauen Haare an deinen Schläfen nicht. Meine Augen sind höflicher.«
»Bist du verstimmt?«
»Nein, aber es gibt Worte, die man aus dem Munde einer Frau nicht gern hört. Noch dazu einer Frau, die so erfahren in den Regeln französischer Galanterie ist.«
»Weshalb sagtest du nicht – der geliebten Frau?«
»Und der geliebten«, ergänzte Warawka.
Klim fiel Margaritas Ausspruch über seine Mutter ein. Er ließ das Buch fallen und blickte zum Wäldchen hin. Lidas weiße, zierliche Figur war zwischen den Birken verschwunden.
»Ich bin neugierig, wie sie wohl Makarow begrüßen wird. Ob sie wohl erraten wird, daß ich das Geheimnis zwischen Mann und Weib schon erforscht habe? Und wenn sie es errät, ob mich dies in ihren Augen heben wird? Dronow will wissen, daß Mädchen und Frauen an gewissen Kennzeichen untrüglich erraten, ob ein Jüngling die Unschuld verloren hat. Die Mutter sagt von Makarow, man sehe es ihm an den Augen an, daß er ein ausschweifender Mensch sei. Die Mutter beginnt immer häufiger ihre nüchternen Bemerkungen mit der Anrufung Gottes, obgleich sie nur an Gott glaubt, weil es sich gehört..«
Im Sessel schaukelnd, fühlte Klim sich aufgewühlt und unfähig, die Unruhe, die Lidas Ankunft in ihm hervorrief, zu deuten. Dann begriff er plötzlich, daß er Furcht hatte, Lida könne vom Dienstmädchen Fenja seinen Roman mit Margarita erfahren.
»Hätte Mutter diese Dirne nicht bestochen, so würde Margarita mich abgewiesen haben«, dachte er und preßte seine Finger so heftig zusammen, daß sie knackten. »Eine seltene Mutter.«
Lida war, von niemand bemerkt, von ihrem Spaziergang zurückgekehrt. Als man sich zum Abendessen setzte, stellte es sich heraus, daß sie schon schlief. Am nächsten Morgen tauchte sie nur einmal morgens und abends für kurze Zeit auf. Wera Petrownas Fragen beantwortete sie nicht gerade höflich und so, als suche sie Streit.
Wera Petrowna reichte ihr den Maupassant. »Hast du das gelesen?« erkundigte sie sich.
»Ja, es ist recht langweilig.«
»Wirklich? Ich finde es nicht.«
»Eine komische Angewohnheit, das Lesen«, meinte Lida. »Es ist dasselbe, als ob man auf fremde Kosten lebte. Und alle fragen einander: hast du gelesen, hat er gelesen, hat sie gelesen?«
»Gott weiß, was du da redest«, bemerkte, ein wenig verletzt, Wera Petrowna; Lida aber fuhr boshaft lächelnd fort:
»Das reine Spatzengezwitscher, Außerdem stimmt es gar nicht, daß die Liebe ›stärker als der Tod‹ ist.«
Jetzt war es Wera Petrowna, die lachte:
»Was du sagst! Du hast es wohl schon erfahren'«
»Ich sehe es. Man liebt fünfmal hintereinander und lebt doch.«
Klim schwieg besorgt, er sah voraus, daß sie sich zanken würden, und fühlte, daß er Angst vor Lida hatte.
Am späten Abend fuhr er in die Stadt zurück. Das alte, verwahrloste Wägelchen der Kleinbahn rüttelte wie ein Bauernkarren. Draußen schwamm der schwarze Strom des Waldes vorüber, am Himmel funkte Wetterleuchten. Klim ängstigte die Vorahnung böser Dinge. In sein Grübeln über sich mischte sich das seltsame Mädchen und zwang ihn immer herrischer, an sie zu denken. Dies aber war mühselig. Sie entzog sich seinen Versuchen, Sinn und Richtung ihres Fühlens und Denkens zu ergründen. Doch war es notwendig, daß sie berechenbar sei wie alle anderen Menschen, wie Zahlen. Man mußte feste Schranken finden, alle künstlichen Einfälle, die einen am leichten, einfachen Leben hinderten, aufdecken und von sich werfen und sich in jene Schranken einfügen, – das war notwendig!
Am nächsten Tage trafen Lida und ihr Vater ein. Klim besichtigte mit ihnen, durch Hobelspäne und Abfälle watend, das von Bretterstapeln eingeschlossene Haus, an dem die Stuckateure arbeiteten. Das Eisen des Dachs dröhnte unter den Schlägen der Dachdecker. Warawka schüttelte zornig seinen Bart und hämmerte Klim seine immer ungewöhnlichen Urteile in den Schädeclass="underline"
»Sie arbeiten wie Sargtischler, flüchtig und unsolide.«
Lida schmiegte sich an ihren Vater, bei dem sie sich eingehakt hatte, was ein neuer Zug an ihr war, und sagte:
»Du, Papa, wärst imstande, eine ganze Stadt zu bauen.«
»Jawohl!« bestätigte Warawka. »Zehn Städte würde ich bauen. Die Stadt, liebes Kind, ist ein Bienenkorb, in der Stadt sammelt sich der Honig der Kultur. Wir müssen um jeden Preis das halbe bäuerliche Rußland in Städten aufsaugen, dann erst werden wir anfangen zu leben.«
Nachdem er mit Lida und Klim geplaudert hatte, schimpfte er mit den Arbeitern, teilte reichlich Trinkgelder aus und fuhr irgendwohin. Lida zog sich auf ihr Zimmer zurück, verkroch sich dort und neckte beim Abendessen Tanja Kulikow mit Fragen:
»Warum ist das so interessant?«
Tanja Kulikow wurde immer grauhaariger, trocknete ein und verblich, als hätte sie es eilig, zu einem Nichts zusammenzuschrumpfen.
»Wie wenig lest ihr jungen Leute, wie wenig wißt ihr!« sagte sie bekümmert. »Unsere Generation ...«
Lida zog ihre Worte ins Lächerliche.
Jene Rüdheit, die Klim in der Kindheit an ihr aufgefallen war, nahm jetzt Formen an, deren Härte Klim betreten machte. Sie hielt ihm immer die gleiche Frage entgegen:
»Weshalb soll man sich interessieren? Wozu muß man das wissen?«
Beim Tee, während des Mittagessens, immer versank sie unvermittelt in Gedanken, saß minutenlang da wie eine Taubstumme, schrak dann zusammen, wurde unnatürlich lebhaft und neckte wieder Tanja, indem sie erklärte, Katin zöge sich Bastschuhe an, wenn er Geschichten aus dem Bauernleben schreiben wolle.
»Das braucht er für die Inspiration.«
Klim, der sie scharf beobachtete, sah ihre gerunzelten Brauen, den gespannt suchenden Blick ihrer dunklen Augen, hörte die allzu stürmische Wiedergabe der zarten Musik Chopins und Tschaikowskis und ahnte, daß sie sich an etwas, was sie sehr erbitterte, festgehakt hatte, ja, festgehakt wie an einer Dornenhecke, das war es.