Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Ein aufrichtiges Interesse für das Volk mögen Industrielle, Ehrgeizige und Sozialisten hegen. Das Volk ist kein Thema, das mich angeht.«
Tomilin wurde augenscheinlich wohlhabend. Er kleidete sich nicht nur reinlicher, auch die Wände seines Zimmers bedeckten sich rasch mit neuen Büchern in deutscher, französischer und englischer Sprache.
»Es gibt nichts Russisches zum Lesen«, erläuterte er. Auf russisch wird zwar interessant empfunden, aber unscharf, unselbständig und unoriginell gedacht. Das russische Denken ist tief gefühlsmäßig, daher roh. Denken ist nur dann fruchtbar, wenn es vom Zweifel bewegt wird. Dem russischen Verstand ist aber Skepsis ebenso fremd, wie dem Geist der Hindu oder der Chinesen. Bei uns strebt alles zum Glauben, gleichgültig woran, sei es an die erlösende Kraft des Unglaubens oder an Christus, an die Chemie oder an das Volk. Wir haben keine Menschen, die sich zur Ruhelosigkeit eigenen Denkens verdammt haben.«
Nicht alle diese Urteile behagten Klim. Viele von ihnen konnte er seiner ganzen Natur nach nicht anerkennen. Aber er versuchte redlich, alles aufzubewahren, was Tomilin im Takt seiner schlurrenden Filzpantoffeln oder bloßen Füße von sich gab.
»Es gibt bei uns niemand, der der Wahrheit um ihrer selbst willen, um der Seligkeit, die sie gewährt, bedürfte. Ich wiederhole: der Mensch begehrt die Wahrheit, weil er nach Frieden dürstet. Dieses Bedürfnis wird vollauf befriedigt durch die sogenannten wissenschaftlichen Wahrheiten, deren praktische Bedeutung ich nicht leugne.«
Als er eines Tages wieder einmal den Lehrer aufsuchte, wurde er von der Witwe des Hauswirts – der Koch war an Lungenentzündung gestorben – angehalten. Sie saß auf dem Söller und scheuchte mit einem Akazienzweig die Fliegen aus ihrem ölig gleißenden Gesicht. Sie zählte bereits vierzig Jahre, massig, mit dem Busen einer Amme, vertrat sie Klim den Weg, deckte die Tür mit ihrem breiten Rücken und sagte mit einem Lächeln ihrer Schafsaugen:
»Entschuldigen Sie, er schreibt gerade und hat befohlen, niemand vorzulassen. Selbst Vater Innokenti hat er abgewiesen. Zu ihm kommen nämlich jetzt die Priester. Aus dem Seminar und aus der Himmelfahrtskirche.«
Sie sprach mit gedämpfter Stimme, verschluckte die Worte, und ihre Schafsaugen leuchteten vor Freude. Klim sah, daß sie sich anschickte, lange über Tomilin zu sprechen. Aus Anstand hörte er sie drei Minuten an und verabschiedete sich, als sie seufzend sagte:
»Anfangs hatte ich Mitleid mit ihm, jetzt fürchte ich ihn.«
Häufig und stets zur unrechten Stunde stellte sich Makarow ein, staubig, in einer von einem breiten Riemen umgürteten Segeltuchbluse, sein zweifarbiges Haar war verwildert und hing in dichten Strähnen herab, was ihm das Aussehen eines Klosterbruders gab. Sein verwittertes Gesicht war von der Sonne verbrannt, von Ohren und Nase schälte sich, gleich Fischschuppen, die Haut, und in den Augen staute sich Trauer. Doch von Zeit zu Zeit flammten sie in einer Weise auf, die Klim fremdartig berührte und ihn mit einer unbestimmten Vorahnung erfüllte. Er begegnete Makarow zurückhaltend und verheimlichte seinen Verdruß über die strolchmäßige Liederlichkeit seines Anzugs und seinen mitleidigen Spott über seine langweilig gewordenen Reden. Makarow pilgerte durch Dörfer und Klöster und erzählte davon wie von Reisen in fernen Ländern, doch was immer er erzählen mochte, Klim hörte immer das Weib und die Liebe hindurch.
»Du studierst wohl das Volk?«
»Mich selbst natürlich. Mich selbst, nach dem Gebot der alten Weisen«, entgegnete Makarow. »Was heißt das: das Volk studieren? Lieder aufzeichnen? Die Bauerndirnen plärren den schimpflichsten Blödsinn. Die Greise singen Totenmessen. Nein, mein Lieber, auch ohne Lieder ist es traurig genug auf der Welt«, schloß er und strich mit den Fingern die zerknüllte Zigarette, die mit Staub gestopft zu sein schien, glatt. Dann sagte er noch:
»Manchmal dünkt mich, die Tolstoianer haben recht: das Klügste, was man tun kann, ist, wie Warawka das ausdrückt, wieder dumm werden. Vielleicht ist wahre Weisheit hundemäßig einfältig, und wir verrennen uns ganz vergebens in unendliche Fernen?«
Klim konnte auf diese Fragen nur mit Tomilins Worten entgegnen, die Makarow ohnehin bekannt waren. Er schwieg und dachte, wenn Makarow es über sich brächte, mit einem Mädchen wie Rita zu verkehren, würden alle seine Ängste im Nu verschwinden. Noch besser wäre es, wenn dieser wildhaarige Adonis Dronow die Näherin fortnahm und aufhörte, bei Lida zu scharwenzeln. Makarow erkundigte sich nie nach ihr, aber Klim bemerkte, daß er manchmal, während er erzählte, seinen Kopf horchend gegen die Zimmerdecke richtete.
»Er denkt, sie ist zurück«, erriet Klim amüsiert, wenn auch mit leichtem Verdruß. Makarow murmelte gedankenvolclass="underline"
»Manchmal scheint einem, Verstehen sei etwas Dummes. Ich habe wiederholt auf freiem Feld übernachtet. Man liegt schlaflos auf dem Rücken, starrt in die Sterne, denkt an Bücher und plötzlich, verstehst du, durchzuckt es einen wie ein elektrischer Schlag: wie wenn die Erhabenheit und Grenzenlosigkeit des Weltenraums nur Dummheit wäre, irgend jemandes Unfähigkeit, die Welt vernünftiger, einfacher einzurichten.
»Das hast du, scheint's, von Tomilin«, erinnerte Klim.
Makarow dachte nach und stieß Rauchwolken aus seiner Zigarette:
»Ganz gleich, woher. Jedenfalls läuft es darauf hinaus, daß der Mensch seinem eigenen Verstand unzugänglich bleibt.«
Makarows Mißvergnügen über die Welt reizte Klim, erschien ihm als abgeschmackter Versuch, den Philosophen herauszukehren, Tomilin nachzuäffen. Er sagte unwillig, ohne seinen Freund anzusehen:
»Noch ein, zwei Jahre, und wir denken überhaupt nicht mehr an diese ...«
Er wollte sagen »Albernheiten« oder »Bagatellen«, beherrschte sich aber und ergänzte:
»So naiv.«
Makarow drückte die Zigarette an seiner Sandale aus und fragte:
»Werden Trottel, wie?«
Darauf lieh er sich von Klim drei Rubel und verschwand. Klim, der von seinem Fenster aus sah, wie leichtfüßig und beschwingt er über den Hof eilte, verspürte eine Anwandlung, ihm die Faust zu zeigen.
Am Sonnabend fuhr Klim in die Sommerfrische hinaus. Schon von fern sah er auf der Veranda in einem Schaukelstuhl am Säulchen die Mutter und Lida in einem weißen Kleid, einen himbeerroten Schal um die Schultern. Unwillkürlich schrak er zusammen, reckte sich und sagte, obwohl der Gaul ganz bedächtig trabte:
»Nicht so laut.«
Er empfand sogar etwas wie Schüchternheit, als Lida ihm ohne ein Lächeln die Hand drückte und einen schnellen, unfreundlichen Blick in sein Gesicht warf. Seit den letzten zwei Monaten hatte sie sich auffallend verändert. Ihr braunes Gesicht war noch dunkler geworden, ihre hohe, ein wenig spröde Stimme klang voller.
»Das Meer ist ganz anders, als ich dachte«, sagte sie der Mutter. »Einfach eine große, flüssige Langeweile, Die Berge sind eine steinerne Langeweile, vom Himmel begrenzt. Nachts denkt man, die Berge kriechen auf die Häuser und drängen sie ins Wasser und die See ist schon auf dem Sprunge, sie zu fassen.«
Wera Petrowna warf einen Blick auf den Waldsaum, aus dem die Straße herauskam, und gab zu bedenken:
»Nachts denkt man nicht, sondern schläft.«
»Dort schläft es sich schlecht, die Brandung stört, die Steine knirschen wie Zähne. Das Meer schmatzt wie eine Million Schweine.«
»Du bist noch immer so.... nervös«, sagte Wera Petrowna. Am Stocken erriet Klim, daß sie etwas anderes sagen wollte. Er bemerkte, daß Lida ein ganz erwachsenes Mädchen geworden war, ihr Blick war starr, man mußte denken, daß sie angestrengt auf etwas warte. Sie sprach in einer ihr sonst nicht eigenen hastigen Art, als wünsche sie sich alles recht schnell von der Seele zu reden.
»Ich verstehe nicht, weshalb man übereingekommen ist, die Krim schön zu finden.«