Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Ich hörte, daß zu dir viele Leute kommen?«
»Das geschieht aus Unverstand«, sagte der Mönch. »Ja, sie kommen. Sie drehen sich im Kreise. Sie suchen nach Heiligkeit und nach einem Heiligen. Nach einem Hinweis, wie man leben soll. Wir lebten und lebten, und auf einmal... Wir kennen uns nicht aus. Wir haben keine Geduld.«
Pjotr Artamonow fühlte, daß die Worte des Mönches ihn beunruhigten, und er brummte:
»Das ist Übermut. Sie haben die Leibeigenschaft ertragen und ertragen die Freiheit nicht! Man hält sie nicht genügend im Zaum.«
Nikita schwieg dazu.
»Unter den Herrschaften strichen sie nicht herum und vagabundierten nicht.«
Der Bucklige streifte ihn mit einem Blick und senkte die Augen.
Sie fanden mit Mühe die nötigen Worte, unterbrachen die Unterhaltung durch lange Pausen und sprachen miteinander so lange, bis der Klosterdiener den Samowar, Lindenblütenhonig und warmes Brot brachte, dem noch gährender Dampf entströmte. Sie sahen aufmerksam dem blonden Diener zu, der sich auf dem Fußboden mit dem Öffnen des Kistendeckels ungeschickt zu schaffen machte. Pjotr stellte eine Büchse mit frischem Kaviar und zwei Flaschen auf den Tisch.
»Portwein«, las Nikita. »Der Prior liebt diesen Wein. Er ist ein kluger Mensch. Er versteht viel.«
»Und ich verstehe wenig«, gestand Pjotr herausfordernd.
»Auch du verstehst das, was nötig ist. Wozu braucht man mehr? Es ist schädlich, mehr zu verstehen, als nötig ist«.
Der Mönch seufzte behutsam. Pjotr hörte aus seinen Worten etwas Bitteres heraus. Die Mönchskutte glänzte schmutzig und ölig im Dunkel, das durch das ewige Licht in der Ecke und den Schein der billigen gelben Glaslampe auf dem Tisch spärlich beleuchtet wurde. Als Pjotr bemerkte, mit welcher Gier sein Bruder ein Glas Wein aussaugte, dachte er spöttisch:
»Er weiß Bescheid.«
Nach jedem Glas zupfte Nikita mit den dürren und sehr weißen Fingern Brotkrumen ab, tauchte sie in Honig und kaute bedächtig daran; sein graues, gleichsam ausgerupftes Bärtchen zitterte. Es war nicht zu merken, daß der Wein den Mönch berauschte, aber die trüben Augen wurden heller und blieben noch immer auf die Nasenspitze gerichtet. Pjotr trank vorsichtig, da er dem Bruder nicht betrunken erscheinen wollte; er dachte dabei:
»Er fragt nicht nach Natalia. Er hat auch voriges Mal nicht gefragt. Er schämt sich. Er fragt nach niemandem. Das sind Weltmenschen. Er ist aber ein Heiliger. Ihn suchen die Leute auf...«
Er strich erbost mit dem Bart über die Weste und sagte, sich am Ohr zupfend:
»Du hast dich hier geschickt versteckt. Das hast du gut gemacht.«
»Früher war es schön, jetzt wird es schlechter, es gibt zu viele Wallfahrer. Und diese Empfänge ...«
»Die Empfänge?« Pjotr lächelte. »Wie bei einem Zahnarzt.«
»Ich will mich irgendwohin versetzen lassen, wo es einsamer ist«, sagte der Mönch, vorsichtig Wein in die Gläser einschenkend.
»Wo es ruhiger ist«^ fügte Pjotr hinzu und lächelte; wieder. Der Mönch saugte den Wein aus, benetzte sich mit der dunklen, an einen Lappen, erinnernden Zunge die Lippen und sagte, den knochigen Kopf wiegend:
»Die Zahl der beunruhigten Menschen wächst sehr merklich. Sie verstecken sich und wollen der Sorge entgehen...«
»Ich merke es nicht«, erwiderte Pjotr und wußte, daß er die Unwahrheit sprach. »Du hast dich versteckt«, wollte er sagen.
»Doch die Unruhe folgt ihnen wie ein Schatten...«
Auf Pjotrs Zunge schwollen von selbst Worte des Vorwurfs an; er wollte streiten und seinen Bruder sogar anschreien, und er sagte, an den Sohn denkend, mit zorniger Stimme:
»Der Mensch sucht selbst nach Unruhe und will selbst seine Not! Tue deine Arbeit, prahle nicht mit dem Verstand und du wirst ruhig leben!«
Nikita schien seihe Worte aber nicht zu hören, als wäre er von den eigenen Gedanken betäubt; er schüttelte plötzlich seinen eckigen Körper, als erwachte er; die Mönchskutte umfloß ihn in schwarzen Wogen, er verzog die Lippen und sagte mit Nachdruck und scheinbar ebenfalls erzürnt:
»Sie kommen und bitten: lehre uns! Was weiß ich aber, was kann ich sie lehren? Ich bin kein Weiser. Mich hat der Prior auserwählt. Ich weiß selbst nichts und bin ein unschuldig Verurteilter. Man hat mich zu lehren verurteilt! Wofür hat man mich aber so bestraft?«
»Er macht Andeutungen«, erriet Pjotr Artamonow. »Er will sich beklagen.«
Er begriff, daß Nikita Ursache hatte, sich über sein Schicksal zu beklagen, er hatte schon bei seinen früheren Besuchen diese Klagen erwartet. Er zupfte sich am Ohr und warnte eindringlich den Bruder:
»Viele beklagen sich über das Schicksal, das führt aber zu nichts.«
»Jawohl; man sieht keine Zufriedenen«, sagte der Bucklige und richtete die Augen in die Ecke auf das Licht des Lämpchens.
»Der selige Vater hat dir schon eingeschärft: tröste! Sei also ein Tröster!«
Nikita verzog den Mund zu einem Lächeln, umfaßte sein graues Bärtchen mit der Hand, verbarg sein Schmunzeln und ließ wieder in das Dunkel Worte hinströmen, die Pjotr aufrüttelten und seine Neugierde und die ängstliche Erwartung einer Gefahr erregten.
»Sie flößen hier mir und den Leuten ein, ich wäre weise; das geschieht natürlich zum Nutzen der Einsiedelei und zur Anlockung der Besucher. Für mich ist das aber ein schwieriges Amt. Da heißt es streng sein, Bruder! Womit soll man denn trösten? Leidet nur, sage ich. Ich sehe aber: Alle haben es satt, zu leiden. Hofft! – sage ich. Worauf soll man aber hoffen? Gott ist für sie kein Trost. Es kommt ein Bäcker her ...«
»Das ist unser Mitbürger Mursin, ein Trunkenbold«, sagte Pjotr Artamonow, in dem Bestreben, etwas abzuwenden und von sich zu stoßen.
»Er dünkt sich schon Richter über Gott zu sein, für ihn ist Gott nicht mehr der Herr der Welt. Jetzt gibt es viele solche Frechlinge. Und dann ist noch ein Bartloser da, hast du ihn bemerkt? Das ist ein böser Mensch, ein Feind der ganzen Welt. Sie kommen und forschen aus. Was soll man ihnen sagen? Sie kommen zu dem Zwecke, um in Versuchung zu führen.«
Der Mönch sprach immer lebhafter. Pjotr erinnerte sich noch daran, wie er seinen Bruder bei früheren Besuchen angetroffen hatte, und es fiel ihm auf, daß Nikitas Augen nicht mehr so schuldbewußt blinzelten wie früher. Damals hatte das Schuldgefühl des Buckligen beruhigend gewirkt – es ziemt einem Schuldigen nicht, zu klagen ... Jetzt klagte er aber und erklärte, er wäre unschuldig verurteilt. Und Pjotr Artamonow fürchtete, sein Bruder würde sagen:
»Du hast mich verurteilt!«
Er spielte, die Stirn runzelnd, mit der Uhrkette und suchte nach Worten der Selbstverteidigung.
»Ja«, sagte der Bucklige und schien im Geheimen mit dem, worüber er klagte, ganz zufrieden zu sein. »Die Menschen werden immer zudringlicher und haben freche Gedanken. Kürzlich verbrachte bei uns ein Gelehrter etwa zwei Wochen, er war noch jung, schien aber nicht ganz bei Sinnen zu sein, wie ein heftig erschrockener Mensch. Der Prior schärft mir ein: festige ihn durch deine Einfalt, erkläre ihm, was und wie alles ist. Ich merke mir aber fremde Gedanken schlecht. Dieser Gelehrte hat mir stundenlang das Herz aus dem Leibe gerissen; er spricht und spricht, und ich verstehe nicht einmal seine Worte, geschweige denn die Gedanken. Man kann den Teufel nicht als den Beherrscher unseres Fleisches anerkennen, sagt er, dann wären ja zwei Götter da, und es wäre eine Schändung des Leibes Christi, den wir beim Abendmahl genießen: ›empfanget den Leib Christi, eßt von der Quelle der Unsterblichkeit‹. Er lästert Gott: es soll nur einen Gott mit Hörnern geben, sagt er, aber einen einzigen, sonst ist es unmöglich zu leben. Er quälte mich zu Tode, ich vergaß alle Belehrungen von Vater Feodor und schrie: ›Dein Fleisch ist ein Zerrbild und deine Seele ist die Vernichtung‹. Der Prior schimpfte dann über mich: ›Was fällt dir ein,‹ sagte er, ›welchen gotteslächerlichen Unsinn hast du dir entschlüpfen lassen?‹ Ja, so ist es...«