Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
Er konnte nicht schlafen, die Mücken stachen, hinter der Wand murmelten dreistimmig irgendwelche Leute, es fiel Pjotr ein, es könnten dies der Bäcker Mursin, der Kaufmann mit dem kranken Fuß und der Mensch mit dem Kastratengesicht sein.
»Sie betrinken sich gewiß.«
Der Klosterwächter schlug ab und zu mit dem Klopfer auf ein Eisenbrett; dann wurde plötzlich sehr eilig, als hätte man sich verspätet und wäre erschrocken, zur Morgenmesse geläutet, und bei diesem Geläute schlummerte Pjotr ein.
Nikita kam zu ihm, er war ebenso, wie er gestern im Garten gewesen war und hatte denselben übelwollenden Blick von der Seite und von unten herauf. Pjotr Artamonow wusch und kleidete sich eilig an und befahl dem Diener, ihm ein Pferd bis zur nächsten Poststation zu verschaffen.
»Warum so eilig?« fragte der Mönch, ohne zu staunen. »Ich dachte, du würdest hier eine Weile bleiben.«
»Die Arbeit erlaubt es nicht.«
Man trank Tee. Pjotr überlegte lange, was er seinen Bruder fragen sollte? Und es fiel ihm ein:
»Du willst also von hier fortgehen?«
»Ich glaube wohl. Man läßt mich aber nicht fort.«
»Aus welchem Grunde?«
»Ich bin für sie von Vorteil. Ich bin ihnen nützlich.«
»So. Wohin willst du denn?«
»Vielleicht werde ich wandern.«
»Mit den kranken Füßen?«
»Auch die Fußlosen bewegen sich.«
»Es stimmt, sie bewegen sich«, gab Pjotr zu.
Man schwieg. Dann sagte Nikita:
»Grüße Tichon!«
»Und wen noch?«
»Alle.«
»Gut. Warum fragst du denn nicht, wie Alexej lebt?«
»Was soll ich fragen? Ich weiß, er versteht es. Ich werde vielleicht bald von hier fortgehen.«
»Du wirst doch im Winter nicht fortgehen?«
»Warum? Man geht auch im Winter.«
»Es ist wahr, man geht«, stimmte Pjotr wieder bei und bot dem Bruder Geld an.
»Gib her, es wird für die Reparatur der Mühle verwendet werden. Wirst du nicht beim Prior vorsprechen?«
»Es ist keine Zeit mehr, das Pferd wartet schon.«
Die Brüder umarmten einander zum Abschied. Es war unbequem, Nikita zu umarmen. Er segnete den Bruder nicht, seine rechte Hand hatte sich im Kuttenärmel verwickelt, und Pjotr glaubte, daß das mit Absicht geschehen sei. Nikita stemmte sich mit dem Buckel gegen seinen Bauch und bat mit dumpfer Stimme:
»Verzeih, wenn ich gestern etwas Überflüssiges gesagt habe.«
»Nun, was soll das! Wir sind Brüder.«
»Man denkt und denkt die Nacht durch...«
»Ja, ja! Nun, leb wohl...«
Als Pjotr aus dem Klostertor heraus war, sah er sich um und erblickte an der weißen Gasthofmauer die an einen Stein erinnernde Gestalt seines Bruders.
»Leb' wohl!« murmelte er, die Mütze ziehend, worauf sein Kopf durch den feinen Regen reichlich benetzt wurde. Sie fuhren durch einen Fichtenwald. Es war sehr still, nur die Fichtennadeln erklangen gläsern unter den Regenperlen. Auf dem Bock der Kalesche hopste ein Mönch herum, das Pferd war ein Fuchs und hatte kahle Ohren.
»Worüber man so spricht!« dachte Pjotr. »Gott schickt den Regen zur unrechten Zeit! – Das geschieht alles aus Bosheit, aus Neid und Scheußlichkeit. Aus Faulheit. Es fehlt die Sorge. Ohne Sorge ist der Mensch wie ein herrenloser Hund.«
Pjotr sah sich um, kauerte sich zusammen und stellte fest, daß es tatsächlich zur unrechten Zeit regnete; und wieder umfingen ihn, gleich einer grauen Wolke, unerfreuliche Gedanken. Um sie los zu werden, trank er auf jeder Station Schnaps.
Als am Abend die in Rauch gehüllte Stadt in der Ferne auftauchte, überquerte die Straße ein schwer keuchender Zug, er pfiff, hüllte alles in Dampf ein, wühlte sich dann in die Erde und verschwand in einem halbrunden Loch.
Dritter Teil
An die auf der Messe in Nishni verlebten, bewegten Tage bang zurückdenkend empfand Pjotr Artamonow Verblüfftheit, beinahe Angst; es war nicht zu glauben, er hatte alles, was das Gedächtnis wieder auferstehen ließ, in wachem Zustand gesehen und war selbst in dem ungeheuren Steinkessel mitgekocht worden, der vom Dröhnen und Brüllen der Musik und der Lieder, vom Kreischen, vom trunkenen Entzücken und von dem die Seele verzehrenden sehnsüchtigen Geheul wahnsinniger Menschen erfüllt war. Das alles wurde von einem großen, kraushaarigen Mann im Zylinder und Gehrock zusammengebraut und durcheinander gerührt; in sein bläuliches, rasiertes Gesicht waren vorstehende Eulenaugen eingefügt; dieser Mann schmatzte mit den dicken Lippen und schrie, Artamonow umarmend und schüttelnd:
»Dummkopf, schweig! Es ist die Taufe Rußlands, verstehst du? Die alljährliche Taufe an der Wolga und an der Oka!«
Sein Gesicht erinnerte an das eines Kochs und seine Kleidung an die jener Fackelträger, die engagiert werden, um reiche Verstorbene zu Grabe zu geleiten. Pjotr erinnerte sich dunkel, daß er mit diesem Menschen gerauft und dann Kognak getrunken hatte, der mit Gefrorenem gemischt war. Der Mann hatte schluchzend gesagt:
»Verstehe das Brüllen der russischen Seele! Mein Vater war Geistlicher, und ich bin ein nichtsnutziger Kerl!«
Seine Stimme war tief, trompetenartig, aber weich; er überschüttete alle Menschen mit einem Strom nie gehörter Worte, die in unwiderstehlicher Weise erregten:
»Die Vernichtung des Fleisches!« schrie er. »Der Kampf mit dem Teufel! Werft ihm, diesem Schwein, seinen schmutzigen Tribut hin! Bändige den Aufruhr des Körpers, Petja! Ohne zu sündigen, tut man nicht Buße, und ohne Buße gibt es keine Rettung. Wasche die Seele rein! Wir gehen ins Bad und waschen den Körper! Und die Seele? Die Seele verlangt nach einem Bade. Freie Bahn der russischen Seele, der singenden, heiligen, großen Seele!«
Auch Pjotr weinte gerührt und murmelte:
»Die Seele ist eine Waise, ein angenommenes Kind, – das stimmt! Man hat sie vergessen. Wir bemitleiden sie nicht.«
Und alle Leute schrien:
»Es stimmt! Es ist wahr!«
Und ein kahlköpfiger, rotbärtiger, runder und flinker Mensch mit einem glühenden Gesicht und lila Ohren drehte sich wie ein Kreisel und kreischte außer sich auf Weiberart:
»Stiopa – das ist wahr! Ich vergöttere dich. Ich bin in dich sterblich verliebt. Ich bin in drei Dinge sterblich verliebt: in dich, in etwas Saures und in die Wahrheit. In die Wahrheit von der Seele!«
Und auch er weinte und sang:
»Den Tod durch den Tod überwindend ...«
Pjotr sang dazu die Worte des Narren Anton:
»Der Reisewagen hat ein Rad verloren.«
Auch ihm schien es, daß er den schwarzen Stiopa liebte, er lauschte bezaubert seinem Schreien, und wenn ihn die ungewöhnlichen Worte auch manchmal erschreckten, gab es doch mehr solche, welche ihn süß und tief aufwühlten und ihm in dem dunklen, lauten Chaos gleichsam eine Tür in irgendein helles Gemach öffneten. Besonders gefielen ihm aber die Worte »Die singende Seele«, sie enthielten etwas sehr Richtiges und Klagendes, und sie verschmolzen mit folgendem Bilde: an einem glühenden Wochentag steht auf einer mit Kehricht bedeckten Straße von Driomow ein großer, graubärtiger und wie der Tod knochiger Greis, er dreht müde den Griff des Leierkastens, und vor ihm singt ein etwa zwölfjähriges Mädchen in einem verknitterten blauen Kleid, den Kopf hochhebend und die Augen schließend, mit angestrengter, versagender Stimme:
»Ich erwarte gar nichts mehr vom Leben...
Nur was Ruhe und die Freiheit mir kann geben...«
Als dieses Mädchen Artamonow einfiel, murmelte er dem Mann mit den lila Ohren zu:
»Die singende Seele! Er hat recht!«
»Stiopa?« fragte der Rotbärtige mit schriller Stimme.
»Stiopa weiß alles! Er besitzt die Schlüssel zu jeder Seele!«
Und der Rotbärtige glühte immer mehr und kreischte: