Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Pfui, wie häßlich! Früher warst du höflich!«
Lange irrte er durch die Straßen, saß dann grübelnd im Stadtpark. Was tun? Er hatte Lust, Dronow zu prügeln oder ihm ins Gesicht zu sagen, daß man Margarita mietete wie eine Prostituierte, er wollte seiner Mutter etwas sehr Rüdes sagen, das sie in Verwirrung setzte. Doch diese Wünsche glitten nur über die Oberfläche des hartnäckigen, eigensinnigen Gedankens an Margarita. Er war gewohnt, sie herablassend und ironisch zu behandeln und beschäftigte sich nun zum erstenmal mit dem ganzen Ernst, dessen er fähig war, mit dem Mädchen. Margaritas Bild spaltete sich auf unerklärliche Weise. Er gedachte ihrer unzweifelhaft ehrlichen Liebkosungen, ihrer einfachen, oft lächerlichen, doch aufrichtigen Worte, jener dummen, zärtlichen Worte der Liebe, die einen Helden Maupassants bestimmten, sich von seiner Geliebten loszusagen. Mit welchen Liebkosungen mochte sie Dronow belohnen, was für Worte mochte sie ihm zuflüstern? In stumpfer Ratlosigkeit vergegenwärtigte er sich die Sorge des Mädchens für die Wonnen seines Körpers und fragte sich, wie sie es fertigbrachte, so unauffällig und geschickt zu lügen. Als ihm ihre Äußerung über die drei umsichtigen Mütter einfiel, und er sich vorstellte, ihrer Fürsorge könnten vielleicht noch zwei solcher Menschen wie er anvertraut sein, schoß ihm ein seltsamer, bizarrer Gedanke durch den Kopf:
»Prostituierte oder barmherzige Schwester?«
Doch er verwarf diesen Gedanken, sobald er sich erinnerte, daß Rita offenbar nur den Vierten, den häßlichen, abstoßenden Dronow liebte.
Diese Betrachtungen, die ein immer heftigeres Gefühl des Ekels und des Schmerzes auslösten, wurden unerträglich quälend, aber sie abzuweisen, fehlte Klim die Kraft. Er saß auf der eisernen Bank und starrte auf den dunklen, öden Fluß. Seine Wasser schimmerten stumpf wie ein ungeheures Stück Wellblech; sie flössen träge und lautlos und scheinbar in großer Entfernung dahin. Die Nacht war dunkel, mondlos, im Wasser spiegelten sich, gelbe Tropfen Fett, die Sterne. Hinter seinem Rücken hörte Klim Schritte, Gelächter und Stimmen. Ein verschmitzter Tenor sang nach der Melodie »La donne e mobile«:
Hör' deine Stimme ich
Zärtlich verheißend,
Heißt's, für die Stimme hol'
Geld aus dem Beutel!
Vernichtende Gewöhnlichkeit schmetterte sieghaft aus dem Liedchen. Klim mußte plötzlich zusammenfahren. Er sprang auf und eilte nach Hause.
Die Mutter und Warawka fuhren in die Sommerfrische. Alina befand sich ebenfalls auf dem Lande, Lida und Ljuba Somow in der Krim. Klim war in der Stadt geblieben, um die Hausreparatur zu überwachen und mit Rziga Latein zu lernen. Allein mit sich selbst, war Klim der Notwendigkeit, seine gewohnte Rolle zu spielen, enthoben, und er erholte sich langsam vor dem Schlag, der ihn getroffen hatte. Seine Gedanken weilten immer bei Margarita, doch diese Gedanken verloren allmählich ihre Schärfe und wurden, wenn sie auch noch schmerzten, verschwommener. Sie ließen ihn das Mädchen in einem neuen Licht sehen. Klim war schon nicht mehr geneigt, anzunehmen, Margaritas Verstand sei dumpf. Die Erinnerung weckte ihre ermahnenden Reden auf und ließ ihn denken, am häufigsten seien sie von Erbitterung gegen die Frauen gefärbt gewesen. So hatte Margarita einmal, während sie aus dem Bett sprang und ihren schweißnassen Körper mit einem Schwamm abrieb, beifällig gesagt:
»Es ist sehr gut für dich, daß du nicht heiß bist. Unsereins liebt es, die Heißen zum Glühen zu bringen und sie dann zu einem Haufen Asche zu verbrennen. Durch uns gehen viele zugrunde.«
Ein anderes Mal beteuerte sie zärtlich:
»Glaub nicht an Weiberliebe. Denk daran, daß das Weib nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Körper liebt. Die Weiber sind schlau, hu! und böse. Sie lieben nicht einmal einander, sieh' einmal zu, wie erbost sie auf der Straße sich anblicken! Das macht alles die Gier: jede ist wütend, daß außer ihr noch andere auf der Welt sind.«
Sie machte sogar Anstalten, ihm eine Liebesgeschichte von sich zu erzählen, doch er nickte ein, und von dem ganzen Roman erhielten sich in seinem Gedächtnis nur die wenigen Worte:
»Und was wollte sie? Ihn mir abspenstig machen, weiter nichts. Denn sie sah, daß ich es besser verstand.«
Nun, da ihre Ermahnungen vor ihm auftauchten, wunderte er sich darüber, daß sie so zahlreich gewesen waren und einander so glichen, und war bereit zu glauben, ihr Gewissen habe sie so reden lassen, um ihn vor ihrem Betrug zu warnen.
»Will ich sie denn entschuldigen?« fragte er sich. Doch zugleich erschien Dronows plattes Gesicht, sein beständiges, prahlerisches Lächeln, seine schamlosen Erzählungen über Margarita.
»Wenn ich und sie zusammen ins Wasser fielen, würde sie mich ertränken wie Wera Somow Boris«, dachte er erbittert.
Aber mochte er auch voll Erbitterung an Margarita denken, er fühlte doch in sich den Wunsch wachsen, sie zu sehen, und das empörte ihn noch mehr. Ein Ventil für seine Wut fand er in den Arbeitern.
Schräg gegenüber dem Samginschen Haus rissen Bauarbeiter ein zweistöckiges kasernenartiges Gebäude mit kleinen trübseligen Fenstern nieder, das einmal gelb gestrichen gewesen war. Warawka hatte dieses Haus für den Kaufmannsklub erworben. Es arbeiteten ungefähr zwanzig staubige Menschen, doch unter ihnen ragten besonders zwei hervor: ein kraushaariger wulstlippiger Bursche mit runden Augen im zottigen, vom Staub graugefärbten Gesicht und ein altes Männchen in einer blauen Bluse und einem gewaltigen Schurz. Die gußeisernen Hände des Jüngeren zertrümmerten mit einer Brechstange die fest zusammengeballten Ziegel der alten Mauer. Die Kraft des Burschen war groß, er spielte und prahlte mit ihr, während das alte Männchen ihn quiekend anstachelte:
»Feste, Motja! Schlag alles kaputt, Mottja – bald ist Feierabend!«
Der Vorarbeiter, ein fuchsbärtiger, stämmiger Bauer, mahnte:
»Laß den Unsinn, Nikolaitsch! Wozu den Ziegel zerschlagen?« Der Alte witzelte:
»Bin ich's denn? Das ist doch Motja! Ach, Motja, daß du einen Ast ins Ohr kriegst! Eine Kraft bist du aber auch!« Und bemühte sich dabei selbst, mit dem Brecheisen nicht zwischen die Ziegel, auf den Mörtel, zu treffen, der sie zusammenhielt, sondern auf die heilen Steine. Der Vorarbeiter rief von neuem gewohnheitsmäßig, aber gleichgültig, alter Ziegel sei noch zu gebrauchen, er sei größer und stärker als neuer, und das alte Männchen quiekte beifällig:
»Recht so! Unsere Väter machten bessere Arbeit als wir! Ach, Motja!«
Alle Arbeiter brachen mit Wonne die Mauer nieder, doch der Alte hatte offenbar alle Grenzen überschritten, und seine Raserei war widerwärtig. Motja hingegen arbeitete blind, wie eine Maschine, drauf los, und wenn es ihm geglückt war, mehrere Backsteine auf einmal loszuhauen, ächzte er betäubend, die Arbeiter lachten, pfiffen, und das Männchen kreischte wütig und schauerlich:
»Feste!«
»Idioten!« dachte Klim. Ihm fielen die stummen Tränen seiner Großmutter angesichts der Trümmer ihres Hauses ein, Straßenszenen, Schlägereien der Handwerker, Ausschreitungen betrunkener Bauern vor den Türen der Marktschenken auf dem städtischen Platz gegenüber dem Gymnasium und Warawkas höhnische Glossen über das betrunkene, schlaue und faule Volk. Nach der Geschichte mit Margarita hatte er den lebhaften Eindruck, daß alle Menschen schlechter geworden waren, sowohl der gottesfürchtige tugendsame alte Hausmeister Stepan wie die schweigsame dicke Fenja, die unersättlich alles Süße, das sie zwischen die Finger bekam, verschlang.
»Das Volk!« dachte er amüsiert, während er sich jene hitzigen Reden über die Liebe zum Volk und über die Notwendigkeit, für seine Aufklärung zu wirken, zurückrief.
Klim begab sich zu Tomilin, um mit ihm über das Volk zu plaudern, in der heimlichen Erwartung, seine Abneigung werde gerechtfertigt werden. Doch Tomilin schüttelte sein kupferrotes Haupt und sagte: