Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Wovon habt ihr denn gesprochen?«
»Ich glaube, ich habe taktlos gehandelt«, gestand Klim, der Dronow meinte, aber von Lida und Makarow zu sprechen schien.
»Wie hättest du anders handeln sollen?« wunderte sich ein wenig die Mutter. »Es war deine Pflicht, ihren Vater zu warnen.«
»Fertig«, sagte Warawka, der in der Tür erschien. Im Gehrock sah er besonders grobschlächtig aus.
Sie gingen. Klim blieb in der Stimmung eines Menschen zurück, der Zweifel hat, ob er eine plötzlich vor ihm aufgetauchte Aufgabe lösen soll oder nicht. Er öffnete ein Fenster. Die ölige Luft des Abends schlug ins Zimmer. Eine schmächtige blaue Wolke umhüllte die Mondsichel. Klim beschloß:
»Ich gehe zu ihr.«
Nachdem er so beschlossen hatte, zögerte er. Dem drängenden Wunsch, Margarita zu besuchen, stand ein Gefühl der Unsicherheit und die Befürchtung entgegen, er würde sich nicht beherrschen können, sie nach Dronow fragen, und plötzlich könne es sich erweisen, daß Dronow die Wahrheit sagte. Diese Wahrheit wünschte er nicht zu hören.
Aus dem Flügel traten, einer hinter dem anderen, dunkle Menschen, die Bündel und Koffer trugen. Der Schriftsteller führte Onkel Jakow am Arm. Klim wollte in den Hof laufen, ihm Lebewohl sagen, aber er blieb an seinem Fenster, da er sich erinnerte, daß sein Onkel ihn unter den Leuten längst nicht mehr bemerkte. Der Schriftsteller setzte den Onkel sorglich in eine Equipage. Der Onkel rief:
»Wo ist das Paket?«
»Bei mir«, antwortete laut der Schriftsteller.
Die Equipage rollte schwerfällig hinaus in den Straßennebel.
Der Onkel zog die Mütze über die Ohren. Er blickte nicht zum Tor zurück, wo die Frau des Schriftstellers, ihre Schwester und noch zwei Fremde Tücher und Hüte schwenkten und freudig riefen:
»Leben Sie wohl!«
Die ganze Szene und der Nebel erinnerten Klim an eine Episode in einem langweiligen Roman, an das Abschiedgeleit für ein junges Mädchen, das den Entschluß gefaßt hat, eine Stellung als Gouvernante anzunehmen, um seine verarmten Angehörigen zu ernähren.
Klim seufzte, hörte zu, wie die Stille das Rollen der Equipage verschluckte und zwang sich, an seinen Onkel zu denken, ihn in den Rahmen sehr bedeutender Worte einzufügen, doch im Kopf summte wie eine Mücke die schmerzliche Frage:
»Wie, wenn Dronow doch die Wahrheit gesagt hätte?«
Diese Frage, die ihn nicht zu Margarita ließ, erlaubte ihm gleichzeitig nicht, an etwas anderes als an sie zu denken. Nachdem er eine öde Stunde im Dunkeln zugebracht hatte, ging er auf sein Zimmer, zündete die Lampe an und betrachtete sich im Spiegel. Er zeigte ihm ein beinahe fremdes Gesicht, es sah beleidigt aus und war zerfurcht von Ratlosigkeit. Er löschte sofort das Licht, entkleidete sich im Finstern, legte sich ins Bett und zog das Laken über die Ohren. Doch nach wenigen Minuten redete er sich ein, er müsse gleich heute, sofort Margarita der Lüge überführen. Ohne Licht zu machen, warf er sich in die Kleider und ging zu ihr, kriegerisch gestimmt und fest auftretend. Wie immer begrüßte Margarita ihn mit dem vertrauten Ausruf:
»Aha, du bist gekommen!«
Schon lange bedrückten ihn diese Worte, nie hörte er in ihnen Freude oder Vergnügen. Und immer beschämender wurden ihre gleichförmigen Liebkosungen, die sie wahrscheinlich fürs ganze Leben eingeübt hatte. Das Bedürfnis nach diesen Zärtlichkeiten quälte Klim zeitweilig bereits ein wenig, es erschütterte sogar seine Selbstachtung.
Doch dieses Mal klangen die bekannten Worte auf eine neue Weise farblos. Margarita kam eben aus dem Bade. Sie saß an der Kommode, vor dem Spiegel und kämmte ihr feuchtes, dunkel gewordenes Haar. Ihr gerötetes Gesicht schien zornig.
Ausholend, ein Grinsen auf den Lippen, doch mit wutzitternder Hand schlug Klim sie leicht auf die heiße, dampfende Schulter. Aber sie sagte abwehrend und ungehalten:
»Das tut weh, was fällt dir ein?«
Und sprach sofort in nüchternem Ton:
»Eine Neuigkeit: ich trete eine gute Stelle an, in einem Kloster, in der Schule, ich werde den Mädchen dort Unterricht im Nähen erteilen. Eine Wohnung erhalte ich auch. In der Schule. Also, leb wohl. Männerbesuch ist dort untersagt.«
Sie ließ ihr Hemd bis zu den Knien herab, trocknete mit dem Handtuch Hals und Brust ab und bat nicht, sondern befahclass="underline"
»Reib mir den Rücken ab!«
Als der Jüngling sie nackt sah, fühlte er seinen Vorrat an kriegerischem Geist schwinden. Doch der Befehl des Mädchens befremdete und empörte ihn. Niemals hatte sie sich an ihn mit der Bitte um derartige Dienste gewandt, und er entsann sich nicht eines Falls, wo die Höflichkeit ihn hatte Rita einen solchen Dienst erweisen lassen. Er saß und schwieg. Das Mädchen fragte:
»Bist du faul?«
Da gab er der aufflammenden Wut nach und sagte leise und verächtlich: »Du hast mich belogen. Dronow ist dein Geliebter.«
Sofort erkannte er, daß er nicht die richtigen Worte gewählt hatte. Margarita, die ihre neuen Stiefel anprobierte, wandte ihm den Rücken zu. Sie antwortete nach einer Weile gelassen:
»Wie gut sich das trifft!«
Und fragte darauf:
»Hat Fenjka es dir gesagt?«
Klim fühlte sich durch diese Frage wie vor die Brust gestoßen. Er trommelte krampfhaft mit den Fingern auf seiner Gürtelschnalle und wartete auf das, was sie noch sagen würde. Doch Margarita, die jetzt mit einem Haken die Stiefel zuknöpfte, sagte weiter nichts.
»Dronow hat es mir selbst erzählt«, sagte Klim grob.
Sie stand auf, schürzte ein wenig den Rock und besah kritisch ihre Füße. Setzte sich dann wieder auf den Stuhl, seufzte erleichtert auf und wiederholte:
»Wie gut sich das trifft! Seit einer Woche denke ich darüber nach, wie ich es dir sagen soll, daß ich nicht mehr mit dir zusammen sein kann.«
Klim fühlte, daß sie ihn um den klaren Verstand brachte. Beinahe zerstreut fragte er:
»Warum hast du gelogen?«
Das Mädchen blickte aus dem Fenster, als sie mit fester Stimme und so, wie wenn ihre Gedanken wo anders weilten, sagte:
»Deine Mama hat mir nicht dazu Geld bezahlt, daß ich dir die Wahrheit sagen sollte, sondern damit du dich nicht mit Straßenmädchen herumtreibst und bei ihnen womöglich ansteckst.«
Klim, der die Empfindung hatte, geröstet zu werden, schrie:
»Du lügst, meine Mutter konnte das nicht tun!«
»Er drückt«, sagte leise Rita, ihren Fuß unter dem Rocksaum vorstreckend, und nachdem sie irgendjemand »Lump« geschimpft hatte, fuhr sie gleichgültig und belehrend fort:
»Der Mama solltest du nicht zürnen, sie sorgt sich um dich. In der ganzen Stadt weiß ich nur drei Mütter, die sich so um ihre Söhne sorgen.«
Klim vernahm ihre unsinnigen Worte durch ein Sausen im Kopf hindurch. Seine Beine zitterten. Hätte Rita nicht so gelassen gesprochen, würde er geglaubt haben, sie mache sich über ihn lustig.
»Also hat Mutter sie gemietet«, überlegte er. »Hat sie bezahlt. Darum war dieses elende Weib auch so selbstlos.«
»Sie ist zwar hochmütig und hat mich beleidigt, aber trotz alledem sage ich, sie ist eine seltene Mutter. Jetzt, nachdem sie mir meine Bitte, Wanja nicht nach Rjasan zu schicken, abgeschlagen hat, brauchst du nicht mehr zu mir kommen. Ich werde auch bei euch nicht mehr nähen.«
Das letztere sprach sie wie eine Drohung aus, als glaube sie, daß ohne ihre Arbeit die Samgins und die Warawkas die unglücklichsten aller Sterblichen würden.
Klim verspürte eine Anwandlung, seinen Gurt abzuschnallen und dem Mädchen damit in das immer noch rote und schwitzende Gesicht zu schlagen. Doch er fühlte sich entkräftet durch diese alberne Szene und war von den Ohren bis zu den Schultern rot vor Scham und Kränkung. Ohne einen Blick, ohne ein Wort für Margarita ging er hinaus. Ihn begleitete ihr vorwurfsvoller Ausruf: