Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Was hast du gesagt, Schuft?«
Ilja sprang hinter den Baumstamm:
»Kommen Sie zur Vernunft! Was haben Sie?«
Pjotr schlug auf den Stamm ein, bis der Stock zerbrach; dann schleuderte er ein Bruchstück zu den Füßen des Sohnes so hin, daß das Stück, die grüne Kugel nach oben wendend, schräg in den Sand eindrang. Er drohte:
»Ich werde dich zwingen, die Aborte zu reinigen!«
Er ging und eilte wankend davon – und fühlte, daß sein Verstand durch Worte des Kummers und Zornes irrte, wie ein Weberschiffchen durch eine verworrene Kette »Ich werde ihn fortjagen. Die Not wird ihn zurückzukehren zwingen. Dann soll er die Aborte reinigen. Mache eben keinen Unsinn!« riß er von dem sich rasch drehenden Knäuel kurze Gedanken ab und begriff zugleich dunkel, daß er sich nicht so benommen hatte, wie es sich gehörte, und daß er seine Kränkung übertrieben und angefacht hatte.
Als er das Ufer der Oka erreicht hatte, setzte er sich ermüdet auf den sandigen Abhang, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und begann auf den Fluß zu schauen. In der kleinen seichten Bucht schwamm ein Plötzenschwarm, als wären es Stahlnadeln, die das Wasser durchstocherten. Darauf erschien, würdevoll mit den Flossen ausholend, eine Brachse, schwamm herum, drehte sich auf die Seite, blickte mit dem roten Äuglein nach oben in den trüben Himmel und ließ zerfließende Ringe, wie hellen Rauch, durch das Wasser gleiten.
Artamonow drohte der Brachse mit dem Finger und sagte laut:
»Ich werde dir dein Schicksal schon zurecht zimmern!«
Und er sah sich um, da er hörte, daß die Worte unecht klangen. Das ruhige Strömen des Flusses wusch den Zorn hinweg; die trübe und warme Stille sagte Gedanken vor, die voll stumpfen Staunens waren. Das Seltsamste war, daß jetzt der Sohn, den er liebte, an den er zwanzig Jahre lang ununterbrochen voll Unruhe gedacht hatte, plötzlich, im Laufe weniger Minuten seiner Seele entglitten war und darin einen bösen Schmerz hinterlassen hatte. Artamonow war überzeugt, daß er die ganzen zwanzig Jahre täglich und unermüdlich nur an den Sohn gedacht, nur in der Hoffnung auf ihn und dank der Liebe zu ihm gelebt und von ihm etwas Außergewöhnliches erwartet hatte.
»Wie ein Streichholz, das aufflammt und verschwindet! Was ist denn das?«
Der graue Himmel rötete sich ein ganz klein wenig; an einer Stelle erschien ein heller Fleck, der an den Fettglanz von abgetragenem Tuch erinnerte. Dann sah der gestutzte Mond hervor; es wurde frisch und feucht; der Nebel schwamm als ein leichter Rauch über den Fluß hin. Artamonow kehrte nach Hause zurück, als seine Frau sich schon entkleidet hatte, den linken Fuß auf das runde rechte Knie stützte und sich, das Gesicht verziehend, die Nägel schnitt. Sie sah den Mann von der Seite an und fragte:
»Wohin hast du denn Ilja geschickt?«
»Zum Teufel«, antwortete er, sich auskleidend.
»Du bist immer so böse«, seufzte Natalia. Er antwortete nicht, schnaufte und machte sich mit irgendetwas absichtlich geräuschvoll zu schaffen. Der Regen begann die Fensterscheiben mit Tropfen zu bedecken, ein rieselndes Geflüster schwebte durch den Garten.
»Ilja wird zu stolz auf seine Gelehrsamkeit.«
»Er hat eine dumme Mutter.«
Die Mutter zog die Luft durch die Nase ein, bekreuzte sich und legte sich ins Bett, während Pjotr sich auskleidete und sie dabei mit Genuß beleidigte:
»Was verstehst du? Gar nichts. Die Kinder fürchten dich nicht. Was hast du sie gelehrt? Du kannst nur das eine: essen und schlafen. Und dir die Fratze beschmieren.«
Die Frau sprach in das Kissen hinein:
»Und wer hat sie lernen lassen ? Ich sagte ja ...«
»Schweig!«
Auch er schwieg und lauschte, wie der Regen immer heftiger auf die Blätter des von Nikita gepflanzten Faulbaums fiel. »Der Bucklige hat sich ein schönes Los erwählt. Hat weder Kinder, noch ein Unternehmen. Nur Bienen. Ich würde nicht einmal Bienen züchten, jeder soll sich, wie er will, selbst Honig verschaffen.«
Natalia drehte sich mit der Brust so behutsam nach oben, als liege sie auf Eis und berührte mit der warmen Wange die Schulter ihres Mannes.
»Hast du mit Ilja gestritten?«
Er schämte sich zu erzählen, was sich zwischen ihm und dem Sohn abgespielt hatte; er brummte:
»Mit den Kindern streitet man nicht, man schilt sie aus.«
»Er ist in die Stadt gefahren.«
»Er wird zurückkehren. Man wird nirgends umsonst gefüttert. Er wird spüren, wie die Not riecht und wird zurückkehren. Schlaf, störe mich nicht.«
Nach einer Weile sagte er:
»Jakow braucht nicht mehr zu lernen.«
Und nach einer weiteren Minute:
»Übermorgen fahre ich zur Messe nach Nishni-Nowgorod. Hörst du?«
»Ich höre.«
»Was war das bloß?« überlegte Artamonow und schloß die Augen, er sah aber das Gesicht mit der breiten Stirne vor sich und erinnerte sich des unerträglich kränkenden Glanzes in Iljas Augen.
»Er hat seinen Vater wie einen Arbeiter entlassen, der Schuft! Er hat ihn wie einen Bettler von sich gestoßen...« Die unbegreifliche Schnelligkeit des Bruches war verblüffend; es war so, als hätte Ilja schon längst beschlossen, sich loszureißen. Was hatte ihn aber zu dieser Handlung bewogen? Und Artamonow dachte, sich Iljas scharfe, verurteilende Worte vergegenwärtigend:
»Miron, dieser Windhund, hat ihn beeinflußt! Und daß die Geschäfte dem Menschen schaden, das sind Tichons Gedanken. Der Dummkopf, der Dummkopf! Auf wen hat er gehört? Und dabei hat er ja noch gelernt! Was hat er denn gelernt? Die Arbeiter tun ihm leid, aber nicht der Vater. Und er läuft davon, um in der Ferne seine Heiligkeit großzuziehen.«
Dieser Gedanke ließ die ihm von Ilja zugefügte Kränkung noch heller aufflammen.
»Nein, du irrst dich, du entrinnst mir nicht!«
Hier fiel ihm Nikita ein, der abseits, in einen stillen Winkel geflohen war:
»Alle spannen mich zur Arbeit ein und laufen selbst davon.«
Artamonow überführte sich aber sogleich: Das stimmte nicht, Alexej war ja nicht fortgelaufen, der liebte das Werk, wie der Vater es geliebt hatte. Der ist gierig, unersättlich gierig, und alles an ihm ist geschickt und einfach. Er erinnerte sich, daß er einmal nach einer Rauferei von Betrunkenen in der Fabrik zu seinem Bruder gesagt hatte:
»Das Volk wird verdorben.«
»Merklich«, stimmte Alexej bei.
»Alle sind aus irgendeinem Grunde erbost. Als ob sie alle mit einem einzigen Augenpaar sähen...«
Alexej war damit ebenfalls einverstanden und sagte lächelnd:
»Auch das stimmt. Manches Mal fällt mir ein, daß Tichon mit ebensolchen Augen den Vater betrachtete, als er auf deiner Hochzeit mit den Soldaten boxte. Dann fing er selbst zu boxen an. Weißt du es noch?«
»Nun, was liegt an Tichon? Das ist ein armseliger Kerl.«
Da begann Alexej ernst:
»Du sprichst zu oft davon, daß die Menschen verdorben werden. Das ist aber nicht unsere Sache; das ist die Sache der Popen, der Lehrer und wessen noch? Die Sache verschiedener dafür bestimmter Ärzte, und vor allem die Sache der Obrigkeit. Sie haben aufzupassen, daß das Volk nicht verdorben wird, das ist ihre Ware, wir beide sind aber die Käufer. Alles verdirbt nach und nach, Bruder. Du alterst, und ich auch. Und doch wirst du ja einem Mädel nicht sagen: lebe nicht, Mädchen, du wirst eine alte Frau werden!«
»Er ist klug, dieser Teufel«, dachte Pjotr Artamonow. »Er hat gesunden Menschenverstand.«
Und als er der gewandten, durch irgendwelche neuen Spaße ausgeschmückten Redeweise Alexejs lauschte, beneidete er ihn um seine Lebhaftigkeit und erinnerte sich wieder an Nikita; der Vater hatte den Buckligen zum Tröster bestimmt, er hatte sich aber in eine dumme Weibersache verwickelt und war nicht mehr da.
Pjotr Artamonow durchdachte vieles in dieser regnerischen Nacht.
Durch die Bitternis seiner Betrachtungen drangen wie Rauchwölkchen noch andere, fremde Gedanken, die ihm das dumpfe Geräusch des Regens zuzuflüstern schien, und die ihn daran hinderten, sich zu rechtfertigen.