Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Und worin besteht denn meine Schuld?« fragte er jemanden, und obwohl er keine Antwort fand, fühlte er, daß diese Frage nicht überflüssig war. Als es tagte, beschloß er, zu Nikita ins Kloster zu fahren; vielleicht würde er dort, bei einem Menschen, der fern von der Versuchung und der Unruhe lebte, irgendetwas Tröstendes und sogar etwas Entscheidendes finden.
Als er aber auf einem Postpferdegespann vor dem Kloster vorfuhr und von dem Schütteln auf der Dorfstraße zerschlagen war, dachte er:
»Es ist sehr leicht, in einem Winkel zu stehen. Nein, versuche einmal über die Straße zu laufen! Im Keller verdirbt die Gurke nicht, in der Sonne fault sie aber schnell.«
Er hatte Nikita schon vier Jahre nicht gesehen; die letzte Zusammenkunft mit Nikita war langweilig und wenig herzlich verlaufen: Pjotr hatte den Eindruck, als wäre der Bucklige verlegen und über seinen Besuch ärgerlich; er duckte sich, kauerte sich zusammen und versteckte sich, wie eine Schnecke in ihr Haus; er sprach mit säuerlicher Stimme nicht von Gott, nicht von sich und den Verwandten, sondern nur von den Nöten des Klosters, von den Wallfahrern und der Armut des Volkes; er erzählte ungern und mit sichtlicher Anstrengung. Als Pjotr ihm Geld anbot, sagte er leise und nachlässig:
»Gib das dem Prior, ich brauche es nicht.«
Man sah, daß alle Mönche »Vater Nikodim« mit Ehrerbietung umgaben; der übergroße, knochige, haarige und auf einem Ohr taube Prior sah aus wie ein Waldteufel in einem Priesterrock; er sah Pjotr mit einem unheimlichen Blick der schwarzen Augen ins Gesicht und sagte übertrieben laut:
»Vater Nikodim ist die Zierde unserer armen Einsiedelei.«
Das auf einem niederen Hügel, inmitten einer Einfriedung von bronzefarbenen Fichten gelegene und unter deren dichten Kronen versteckte Kloster empfing Artamonow mit dem dünnen Werktagsgeläute der Glocken, die zur Abendmesse riefen. Der Torwart, aufrecht und lang wie eine Stange, mit einem kleinen, überflüssigen Kinderköpfchen in einem verblichenen, zerdrückten Käppchen, öffnete das Tor und murmelte stotternd und sich verschluckend:
»W–wi–l–l...«
Und hauchte dann mit einemmal pfeifend:
»–K–kom–men.«
Die schillernde blaue Wolke, die den halben Himmel bedeckte, hing unbeweglich über dem Kloster und verbreitete ringsum eine bedrückende, undurchdringliche, feuchte und schwüle Wehmut, die das metallische Schreien der Glocken nicht zu erschüttern vermochte.
»Das kann ich allein nicht heben«, sagte schuldbewußt der Herbergsknecht, als er die Kiste mit den Geschenken für Nikita aus dem Wagen herauszuschleppen versuchte und klopfte mit der kleinen, schwarzen Faust auf die Kiste. Müde und staubbedeckt begab sich Pjotr langsam in den Garten zu Nikitas weißer Zelle, die anheimelnd zwischen Kirsch- und Apfelbäumen versteckt lag; er dachte im Gehen, daß er gar nicht hätte herkommen sollen, es wäre besser gewesen, nach Nishni zu fahren. Die unebene, von Wurzeln umsponnene Waldstraße hatte alle seine kummervollen Gedanken aufgewühlt und durcheinander gebracht und sie durch bedrückende Traurigkeit und die Sehnsucht nach Ruhe und Vergessen ersetzt.
»Man müßte sich einmal einen guten Tag antun.«
Er erblickte Nikita auf einer Bank im Halbkreis junger Linden; vor ihm hatten sich, wie auf irgendeinem Bilde, etwa zehn Wallfahrer gelagert: ein schwarzbärtiger Kaufmann in einem Leinenmantel und mit einem mit Lappen umwickelten, in einem Gummischuh steckenden Fuß; ein dicker Greis, der an einen Wechsler der Kastratensekte erinnerte; ein langhaariger Bursche in einem Soldatenmantel, mit breiten Backenknochen und Fischaugen; wie eine Säule oder wie ein Dieb vor dem Richter, stand der Driomower Bäcker Mursin, ein Trinker und Raufbold da, und sagte heiser:
»Das stimmt: Gott ist weit.«
Nikita zeichnete etwas mit dem weißen Stab auf die festgestampfte Erde und belehrte, ohne die Leute anzusehen:
»Und je tiefer der Mensch steht, desto höher schwebt Gott über ihm, vom Gestank unserer Verwesung im Sündenpfuhl vertrieben.«
»Er tröstet«, dachte Artamonow senior und schmunzelte im Geiste.
»Gott sieht: wir glauben tatenlos; wozu braucht er aber den Glauben ohne Taten? Wo bleibt unsere gegenseitige Hilfe, und wo bleibt die Liebe? Und was erflehen wir? Lauter kleinliche Nichtigkeiten. Man muß wohl beten, aber doch ...«
Er schlug die Augen auf und betrachtete eine Minute lang unverwandt, von unten herauf seinen Bruder. Und er hob langsam den Stab, wie eine große Last, als beabsichtigte er damit jemanden zu schlagen. Der Bucklige stand auf, ließ kraftlos den Kopf sinken, segnete die Leute mit dem Kreuz, sagte aber, statt zu beten:
»Da ist mein Bruder zu mir gekommen.«
Der bartlose Alte machte seine Messingaugen auf eine häßliche Weise rund, blickte Pjotr an und bekreuzte sich schwungvoll und mit deutlicher Absichtlichkeit.
»Geht mit Gott«, fügte Nikita hinzu.
Die Leute gingen alle durcheinander, wie eine von der Weide zurückkehrende Herde; der Alte hatte den Kaufmann mit dem kranken Fuß bei dem einen Ellbogen gepackt, der Bäcker Mursin stützte ihm den zweiten.
»Nun, guten Tag. Segne mich!«
Vater Nikodim schob mit dem langen, vom schwarzen Ärmel der Mönchskutte beflügelten Arm die sich ihm entgegenstreckenden, hohl gefalteten Hände des Bruders beiseite und sagte leise und ohne Freude:
»Ich habe dich nicht erwartet.«
Er hob den Stab in der Richtung der Zelle und schritt vor seinem Bruder her, er ging ruckweise, seine schiefen Beine spreizend und hielt die eine Hand auf der Brust am Herzen.
»Du bist gealtert«, bemerkte Pjotr verlegen.
»Dazu leben wir ja. Die Füße tun mir weh. Hier bei uns ist es feucht.«
Nikita schien noch buckliger geworden zu sein, der Winkel seines Rückens und die rechte Schulter hatten sich gehoben, sie beugten den Körper tiefer zur Erde hin und machten ihn niedriger und breiter; der Mönch erinnerte an eine Spinne, der man den Kopf abgerissen hat und die nun blind und schief über den Weg und den knisternden Kies kriecht. In der engen, sauberen Zelle wirkte »Vater Nikodim« etwas größer, aber noch schrecklicher; als er die Kapuze abnahm, glänzte sein halbnackter, gleichsam hautloser, knochiger Schädel matt wie der einer Leiche; auf den Schläfen, hinter den Ohren und auf dem Hinterkopf hingen ungleiche graue Haarsträhnen herab. Auch sein Gesicht war mager und wächsern; überall auf den Gesichtsknochen war zu wenig Fleisch; die verblichenen Augen erleuchteten es nicht, ihr Blick schien auf die Spitze der großen, aber schwammigen Nase gerichtet zu sein, unter der Nase bewegten sich lautlos die dunklen Striche der vertrockneten Lippen; der Mund war noch größer geworden und zerteilte das Gesicht durch einen tiefen Spalt, besonders unheimlich und unangenehm war aber der graue Schimmel der Haare auf der Oberlippe.
Der Mönch sagte leise, als lauschte er auf etwas, und langsam, als fände er nur mühsam die Worte, zu dem pausbackigen Klosterknecht, der wie ein Badediener aussah:
»Den Samowar! Brot! Honig!«
»Wie leise du sprichst.«
»Die Zähne bröckeln mir ab.«
Der Mönch setzte sich auf einen weiß gestrichenen Holzsessel an den Tisch.
»Lebt ihr alle noch?«
»Ja, wir leben noch.«
»Ist Tichon noch am Leben?«
»Er ist am Leben. Ihm fehlt ja nichts!«
»Er war schon lange nicht bei mir.«
Sie schwiegen. Nikita bewegte die Hand, und die Mönchskutte raschelte. Dieses an Küchenschaben erinnernde Geräusch verdichtete noch mehr Pjotrs Bedrücktheit.
»Ich habe dir Geschenke mitgebracht. Laß die Kiste herschaffen. Es ist Wein drin. Ist bei euch Wein gestattet?«
Nikita antwortete mit einem Seufzer:
»Bei uns geht es nicht streng zu. Das wäre schwierig. Es kommen sogar Trunkenbolde vor, seit das Volk so eifrig das Kloster besucht. Man trinkt. Was kann man tun? Die Welt vergiftet mit ihrem Atem. Auch Mönche sind Menschen.«