Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Die Buchen wuchsen nach dem Willen – oder besser gesagt dem Zauber – der Elfen. So wunderte es Celdwyn nicht, dass Lorgios und Aryjen sie einen Baum empor führten, dessen Stamm so breit war, dass drei Menschen darauf nebeneinander hätten stehen können, und der sich wie eine Spirale in die Höhe schraubte. Wilder Efeu bewucherte das Holz, und ein Teppich aus Moos zog sich über die unebene Baumrinde, die wie eine Treppe nach oben führte.
Der Baum war zu einer breiten Plattform gewachsen, die ringsum vom dichten Blätterwerk überdacht wurde. Stufen aus Ranken und lebendigen Zweigen führten weiter in die Baumkrone, wo Räume zu finden waren, geschützt durch Dächer und Wände aus Moos, Ästen und Laub. Es hieß, dass kein Regentropfen in die Elfenhäuser dringen konnte. Und Celdwyn glaubte es nun.
Der Duft elfischen Räucherwerks empfing Celdwyn im großen Baumzimmer des Königs, sodass sie einen Moment stehen blieb, die Augen schloss und tief einatmete. Der Geruch hing so fein in der Luft wie Regenduft oder der Duft eines warmen Sommertages; aber er zerfiel, sobald man ihn zu riechen versuchte, so wie eine ferne Erinnerung, die man besser nur fühlt und nicht zu begreifen versucht. Oft hatte Celdwyn überlegt, dass der Duft wahrscheinlich nicht vom Räucherwerk kam, sondern in Wirklichkeit der Zauber der Elfenhaine war. Denn war nicht alles hier wie eine Illusion – oder, viel eher, etwas, das zwar da war, aber nicht wahrgenommen werden konnte?
»Setz dich doch«, forderte Lorgios die Seherin auf. Mit einem dankenden Nicken ließ Celdwyn sich auf den Fellen nieder, die auf dem glatten Holz ausgebreitet waren. Zwar gab es Stühle und Liegen, die mit Stoff und Tierhäuten bespannt waren, aber nach alter elfischer Sitte teilten sich Gäste und Gastgeber gemeinsam den Boden – das war auch ein Symbol dafür, dass die Erde, auf der man sich befand, allen gehörte.
Gegenüber von Celdwyn setzten sich Lorgios und Aryjen nieder. Angesichts der wundersamen Umgebung und des stolzen Königspaars wurde Celdwyn bewusst, wie einflussreich die Elfen noch waren. Ihre Kultur, selbst wenn sie sich hinter zahllosen Geheimnissen und Zauberschleiern verbarg, war an ihrem Höhepunkt angelangt. Schon lange, befürchtete die Seherin – denn wie bei allen Reichen der Welt würde auch dieses Hoch einmal enden. Vermutlich sehr bald, wenn nichts unternommen wurde.
»Ich danke für euren Empfang«, begann Celdwyn.
»Wahrscheinlich wisst ihr, wieso ich gekommen bin.«
Lorgios nickte ernst. Das Licht, das durch die Laubvorhänge ringsum drang, tauchte sein Gesicht in sanftes Gold und ließ ihn jungenhafter denn je erscheinen. »Die Stimmen des Waldes verschweigen uns nichts.«
Auch Celdwyn nickte. »Wer hätte gedacht, dass ein Hykadenmädchen das magische Messer finden würde? Dass der alte Zauber des Steins eine Menschin erwählt? Obwohl – in ihr fließt das Blut zweier Völker.«
»Davon haben wir gehört«, erwiderte Aryjen. »Leider weiß ich nicht, wer ihre Mutter war. Wahrscheinlich hat sie nicht einmal zu unseren Dörfern gehört.«
Celdwyn schlug verstehend die Augen nieder.
»Ich habe dafür gesorgt, dass das Mädchen auch diejenige ist, die mit dem Messer aufbricht. Es sollte schließlich nicht in falsche Hände kommen.«
»Wir haben uns ernste Sorgen gemacht«, murmelte Lorgios. »Bist du dir sicher, dass das Mädchen auch ... den richtigen Weg einschlagen wird?«
»Gewiss.« Celdwyn lächelte, sodass man einen Moment lang ihre gefärbten Zähne sah. »Sie wird sich gegen ihre Aufgabe stellen und ihrem Gewissen folgen, da bin ich sicher. Außerdem ist mir etwas zu Ohren gekommen: dass euer Sohn sich auf die Suche nach ihr begeben hat. Wenn er sie findet, wird er ihr sicher helfen, richtig zu entscheiden.«
Celdwyn bemerkte, wie die Gesichter der Elfen härter wurden.
»Er ist heimlich aufgebrochen«, knurrte Lorgios.
»Und mit ihm diese wilden Taugenichtse, diese Rabauken von Zwillingsbrüdern, die mehr ausgefressen haben als alle Kinder des Dorfes zusammen! Und Erijel ... Der Sohn meiner Schwester lässt Kaveh bei keinem Abenteuer alleine. Damit setzt Kaveh nicht nur sein eigenes Leben aufs Spiel, sondern auch das seiner Ritter. Sein Gemüt ist frei von jeder Angst, selbst wenn die für ihn mal ganz vernünftig wäre.«
Celdwyn lächelte noch immer, doch ihre Augen blickten ernst. »Ich werde zu meinen Göttern beten und auch die Geister der Elfen bitten, über eurem Sohn und seinen Rittern zu wachen. Ich hoffe jedoch, dass Kaveh und seine Gefährten nur zum Guten beitragen ... und nichts aus der Bahn bringen, was wir mit viel Mühe geplant haben.«
Die Miene des Königs wurde zusehends finsterer.
»Dieser Narr von einem Sohn! Er sucht das Weiße Kind und ist voll ungestümer Ideen. Dass Abwarten auch eine Tugend ist, dass Geduld mehr wiegt als stürmische Taten, hat er nicht verstanden.«
»Das Weiße Kind?« Celdwyn verschmälerte die Augen. »Wer soll das sein?«
Aryjens Gesicht regte sich nicht und doch schien sich wie ein dünner Schleier Sorge über ihre Züge zu legen. »Es gibt eine Prophezeiung unserer Seher. Sie erzählen von einem Kind, das dem König von Korr die Krone Elrysjar durch eine List entwenden wird, ohne Blut zu vergießen. Darum ist es das Weiße Kind, rein von Sünde. Und wie jede gute Geschichte hat auch diese, fürchte ich, unseren Sohn fasziniert. Kaveh hat sich in den Kopf gesetzt, dass er das Weiße Kind ausfindig machen wird und sicher zum König führt. Er glaubt, dass das Mädchen, das bereits das Messer fand, die Auserwählte ist.«
»Obwohl das Messer den König töten und somit doch Blut vergießen würde?«
Lorgios seufzte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn und seine hellbraunen Zöpfe. »Den Teil über das nicht vergossene Blut hat er wohl vergessen. Er passt anscheinend nicht in seinen jungen Verstand, in dem es nur Heldentum gibt und kopflosen Mut.« Lorgios presste die Lippen fest aufeinander, um sich nicht weiter in Zorn zu reden.
Celdwyn fühlte, wie verzweifelt der König der Freien Elfen war. Kinder sind in der Tat das Schlimmste, was einem Mann und einer Frau zustoßen kann, dachte Celdwyn mit einem mitleidsvollen Blick. Und kehrt der stürmische Elfenprinz gesund heim – sind Lorgios und Aryjen die glücklichsten Elfen der Erde.
Gemeinsamer Weg
Nill wusste nicht, was sie sagen sollte. Aber was erwidert man schon, wenn man erfährt, von einem Zauber erwählt zu sein, um einen unbesiegbaren König zu töten? Sie starrte Kaveh an und konnte keinen einzigen Gedanken fassen. Schließlich bekam sie ein Stottern zustande. »Ich kann den König doch nicht mit dem Messer ... Ich bin kein Mörder und schon gar kein prophezeiter Retter oder dieses Weiße Kind ...«
»Der König muss getötet werden.« In Kavehs Augen rangen Hoffnung und Verzweiflung miteinander.
»Wenn dieser Mensch weiterlebt, wird er die ganze Welt ins Verderben stürzen. Er muss aufgehalten werden. Er muss sterben! Und allein du kannst es vollbringen.«
Nill war es, als schwanke der Boden unter ihr. Das alles konnte nicht wahr sein. Sie, Nill, konnte nicht das Mädchen sein, in dem Kaveh so Großes sah. »Ich habe Anweisungen«, erwiderte sie leise. »Ich muss dem König das Messer als Friedenszeichen überbringen. Wenn nicht, dann ... dann wird womöglich sein Zorn die Dunklen Wälder treffen, und ... Ich kann niemanden töten. Der König von Korr hat doch nichts verbrochen, das –«
»Nichts verbrochen!. Du kennst den König von Korr nicht!«, rief Kaveh. »Er hat den Moorelfen ihre Krone gestohlen und ein ganzes Volk versklavt! Weißt du, was in den Marschen vor sich geht? Hat man dir das erzählt?« Kaveh hob den Zeigefinger und deutete zum Fenster hinaus. »Alle Moorelfen, die Frauen, Männer und die Kinder, sie alle arbeiten in den Minen und Steinbrüchen des Königs. In den letzten drei Jahren hat er sich einen Turm errichten lassen, der alle Bauwerke der Welt in seinen Schatten stellt. Täglich sterben Hunderte, nein Tausende in den fernen Sümpfen für diesen Bau! Und wenn dir das nicht genug ist«, setzte Kaveh hinzu, »wenn dir das als Grund nicht reicht, dann wisse auch, dass in den Marschen eine Armee heranwächst, die die Dunklen Wälder überrennen wird. Was glaubst du, wohin all das Holz aus den Dunklen Wäldern verkauft wird, seit der König von Korr die Macht in den Händen hält? Er baut Waffen damit, er rüstet sich für einen Krieg, der die ganze Welt unter seine Herrschaft zwingen wird!« Nill presste die Lippen fest aufeinander. »Aber wenn ich ihm das Messer bringe, wird er die Dunklen Wälder verschonen.«