Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Die Tür schlug auf.
»Was habt ihr getan?«
Nill schrak aus dem Schlaf. Vor ihren Augen flimmerten Punkte, so blitzartig war sie aufgefahren.
Im Türrahmen stand der rothaarige Dieb – Fesco hieß er.
»Wer seid ihr?«, fragte er bebend. »Und was habt ihr mit Scapa gemacht?«
»Was?« Ein sehr verschlafener Mareju hatte sich aufgerichtet und wandte sich, das Gesicht unter einem struppigen Haarnest verborgen, an die Gefährten.
»Wovon, bei allen Geistern, schwafelt der Kerl?«
Fesco schnaubte. Mit drei Schritten kam er auf Mareju zu und hielt ihm eine Messerklinge an den Hals.
»Was habt ihr ihm gesagt?«, fragte Fesco drohend.
»Wo ist er hingegangen?«
Mareju starrte einen Augenblick reglos zu ihm auf.
Dann wich er flink zur Seite, sprang auf die Füße und hatte Fesco das Messer aus der Hand gedreht, ehe der wusste, wie ihm geschah. Der Elfenritter trat einen Schritt vor ihm zurück und hielt nun seinerseits das Messer an Fescos Kehle. »Vorsicht, Dieb. Richte keine Waffe gegen einen Ritter der Freien Elfen!«
Fesco zitterte am ganzen Leib, doch nicht vor Angst, sondern vor verzweifelter Wut. Plötzlich erklang ein spitzer Schrei. Alle Blicke richteten sich auf Nill.
»Nein!«, kreischte sie. »Nein, nein, nein ... Er ist weg!«
Kaveh stand auf und schloss die Zimmertür. Seine Züge waren erstarrt. Ohne Nill aus den Augen zu lassen, die verzweifelt Kissen und Decken durchsuchte, hob er sein Wams und seinen Mantel auf und zog sich an. Dann trat er neben Mareju und gebot ihm mit einem Wink, das Messer zu senken. Fesco rührte sich nicht. Er starrte durch die Bettvorhänge auf Nill.
Ihr Atmen wurde zu einem Schluchzen. »Der Steindorn«, japste sie. »Der Steindorn ... der Steindorn! Nein, nein, nein ...«
Kaveh beobachtete sie. »War Scapa letzte Nacht in diesem Zimmer? Nill – war er hier?«
Sie sank in sich zusammen. Der Steindorn. Das magische Messer. Verschwunden. Gestohlen von diesem gemeinen Dieb, diesem Halunken und Lügner ... Seine Worte kamen Nill in Erinnerung und ihre eigene Dummheit brannte ihr wie Säure im Gewissen ... Du bist schön, wenn du schläfst. Und sie – sie war darauf reingefallen!
»Ist er hier gewesen, Nill?«, wiederholte Kaveh mit bebender Stimme.
»Ja.«
»Verfluchter Dieb! Dreckiger Abschaum, dieser – Ahh!« Kaveh verpasste der Wand einen kräftigen Fußtritt. »Yen Hykaed slenj whalchaed RAH! Rah sorjanie srel – srel nôr!«
Arjas und Erijel vergruben die Gesichter in den Händen. Mareju stöhnte auf. Nur Fesco verstand kein Wort, und Nill auch nicht so recht. Fassungslos stieg sie aus dem Bett.
»Was sagst du da?«, flüsterte sie. »Kaveh ... was wisst ihr?« Ihr Blick wanderte über die Gesichter der Elfenritter. »Woher wisst ihr von ... Wer seid ihr? Beim Himmel, WER SEID IHR WIRKLICH?« Sie trat mit dem Fuß auf und spürte gleichzeitig, wie die Furcht ihr die Kehle zuschnürte.
Kaveh drückte die Hände flach gegen die Wand. Wirre Haarsträhnen hatten sich aus seinen Zöpfen gelöst. »Was wollt ihr von mir?«, flüsterte sie.
Kaveh schüttelte den Kopf, ganz langsam. »Du weißt nicht, was es bedeutet, oder?« Er stieß in einem bitteren Lächeln die Luft aus. »Das Messer befindet sich in der Hand eines Diebes. Und der mag bereits über alle Berge verschwunden sein, um es dem König von Korr zu bringen.«
»Was –?« Nills Stimme brach ab. Sie wagte sich nicht zu rühren. »Bitte«, flüsterte sie. »Erklärt mir, was hier vor sich geht ... Wer seid ihr?« Alles um Nill schien sich in wahnwitziger Geschwindigkeit zu drehen. Man hatte sie mit dem Steindorn ausgeschickt, ohne ihr ein Wort zu erklären, und nun hatte sie Gefährten, die ihr ebenso viel vorenthielten – wieso? Wieso wurde sie mit verbundenen Augen von einer Hand zur nächsten geschoben? Welche Gefahr wollte man ihr zumuten, aber nicht erklären?
Kaveh richtete sich auf. Er sah sie an, dann schluckte er schwer.
»Du hast Recht. Nun ist sowieso alles zu spät. Ich muss es dir erzählen.« Mit hängenden Schultern stand er vor ihr. Die Ritter starrten ihn an und auch Fesco wartete auf eine Erklärung.
»Wo soll ich anfangen? Ich bin kein Gesandter. Ich wurde nicht vom König geschickt. Ich bin heimlich aufgebrochen.«
»Was?« Nill starrte erst ihn fassungslos an, dann die Ritter. »Ihr alle –«
»Mareju und Arjas würden mich nie im Stich lassen, und Erijel würde mir bis ins Totenreich folgen, wenn ich ihn darum bäte. Es ist nicht das erste Mal, dass ich sie gegen den Willen des Königs anführe.«
»Und wieso seid ihr dann aufgebrochen?«
Kaveh sah sie eindringlich an. »Weil ich an Taten und nicht ans Abwarten glaube. Weil ich mein Volk liebe und eher sterben würde, als es untergehen zu sehen. Weil die Zeit drängt. Weil ...« Sein Blick durchbohrte sie. »Weil du das magische Messer gefunden hast.«
Nills Finger tasteten automatisch nach der Rocktasche, aber sie war schließlich leer. »Woher wusstet ihr das?«
»Alle wussten es. Die ganze Zeit. Die Winde haben es geheult ... die Bäume haben es geflüstert. Der Wald hat viele Augen. Und er hat viele Stimmen. Wir wussten, dass du das magische Messer hattest, seit du es in dem hohlen Baum gefunden hast.«
Ihre Finger tasteten zitternd nach ihrer Stirn. »Bei allen ... allen Göttern!«
Ja, sie hatte es gewusst. Sie hatte gewusst, dass Augen auf sie gerichtet waren und jeden ihrer Schritte verfolgten, seit sie das magische Messer besaß.
Nill war der Mittelpunkt einer großen Verschwörung gewesen, solange das Messer sich in ihrer Hand befand. Sie hatte es gewusst und war vor Furcht und Glück fast besinnungslos geworden.
»Wieso habt ihr es mir nicht gleich weggenommen?« Nill sank gegen die Bettkante. Mit angewinkelten Beinen blieb sie sitzen und schluchzte trocken.
»Hattet ihr etwa Angst, mir zu nahe zu kommen?! Habt ihr gedacht, ich würde den Steindorn verteidigen wie – wie eine Wölfin ihre Beute?!«
»Nein«, flüsterte Kaveh. Er sank vor ihr auf die Knie. »Keiner ist dazu bestimmt, das magische Messer zu tragen außer dir! Du ... Nill ... du hast es gefunden. Du hast es aus dem Baum geholt. So hat das Messer selbst entschieden, in wessen Hand es gehört. Nämlich in deine.« Seine Finger berührten ihre Faust und umschlossen sie vorsichtig.
»Wieso seid ihr mir dann gefolgt?«, flüsterte Nill.
»Warum seid ihr zu mir gekommen?«
Kaveh lächelte. »Wir sind dein Geleitschutz. Ich habe mir geschworen, dich zu beschützen, bis du den König von Korr ...«
»Bis was?«
Kaveh starrte sie an, als habe er sich längst im Grün ihrer Augen verloren.
»Bis was geschieht, Kaveh?«
»Bis das Weiße Kind seinen Turm erreicht. Und den König tötet.«
Scapa ging schnell. Er wäre gerannt, hätte er nicht gewusst, dass der Weg vor ihm zu lang war, um jetzt gleich alle Kraft aufzubrauchen. Seit der Morgendämmerung lag Kesselstadt hinter ihm. Er hatte den Fuchsbau hinter sich gelassen, er hatte den Herrn der Füchse, hatte sein ganzes Leben hinter sich gelassen.
Vor ihm zeichneten sich die kargen Gebirge ab, dahinter warteten die Marschen und seine Rache. Das magische Messer, der einstige Verlust, die Erinnerung – sie hatten ihn wie ein Schwall Eiswasser aus dem bodenlosen Traum geweckt, in dem er der Herr der Füchse gewesen war.
Nun spürte er den Dorn direkt auf der Haut. Er trug ihn unter seinem Hemd, fühlte den kalten Stein mit jedem Schritt. Bestimmt, er ging seiner Vergangenheit entgegen, die nun wieder so klar vor ihm lag, als sei in drei Jahren nur eine Stunde vergangen. Und er ging seinem Ende entgegen.
Er würde sterben. Das fühlte er ganz genau. Aber es war ihm gleich, oder, mehr noch: Eine stille, kühle Befriedigung lag in diesem Gedanken. Er würde, das erkannte er nun, nur so mit dem Vergangenen abschließen können. Und er würde den mitnehmen, der ihr Leben auf dem Gewissen hatte und Scapas Leben dazu.