Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Ihn beschäftigten lebhaft die unverhohlen bösen Blicke, die Dronow auf den Lehrer richtete. Auch Dronow hatte sich, ganz unvermittelt, verändert. Trotz seiner Beobachtungsgabe schien es Klim immer, daß die Menschen sich unberechenbar plötzlich veränderten, in Sprüngen, wie der Minutenzeiger der scharfsinnigen Uhr, die Warawka kürzlich gekauft hatte: es gab keine Stetigkeit in der Bewegung ihres Minutenzeigers, er sprang von Strich zu Strich. So auch der Mensch: gestern noch der gleiche wie vor einem halben Jahr, zeigte er heute einen ganz neuen Zug.
Das dunkelblaue Jackett, die schwarze Hose und die stumpfen Stiefel verliehen Dronow eine komische Ehrbarkeit. Doch sein Gesicht war schmal geworden, die Augen starrer, die Pupillen trübe, und durch das Weiße der Augäpfel zogen sich die roten Äderchen eines Menschen, der an Schlaflosigkeit leidet. Er fragte nicht mehr so viel und so gierig wie früher, redete weniger und hörte abwesend zu, wobei er die Ellenbogen in die Seiten preßte, die Finger ineinander verschränkte und die Daumen nach Greisenart umeinander drehte. Er sah gleichsam von der Seite her auf die Dinge, stieß oft und müde den Atem aus und schien gar nicht das zu sagen, woran er dachte.
Nach jedem neuen Zusammensein mit Rita nahm Klim sich vor, Dronow zu entlarven, aber dies tun, hieße, sein Verhältnis mit der Näherin aufdecken, und Klim verstand nur zu gut, daß er keinen Grund hatte, sich seiner ersten Liebe zu rühmen. Überdies ereignete sich etwas, was ihn tief befremdete. Eines Abends kam Dronow ungeniert in sein Zimmer, setzte sich müde und begann mit finsterer Miene:
»Hör mal, Warawka will mich nach Rjasan versetzen, aber das paßt mir nicht, mein Lieber. Wer wird mich dort in Rjasan für die Universität vorbereiten? Und noch dazu umsonst wie Tomilin? Er nahm den Löscher vom Tisch, einen glänzenden Rhombus, hielt ihn gegen den schrägen Strahl der Sonne und fuhr fort, während er die Regenbogenflecke an der Wand und an der Decke verfolgte:
»Und dann – Margarita. Es ist nicht vorteilhaft für mich, sie zu verlassen, was ich am Leibe habe, ist von ihr. Und ich hänge auch an ihr. Ich verstehe ja, daß ich kein Honig für sie bin.«
Er schnitt eine Grimasse und lenkte den Regenbogenfleck auf das Bild von Klims Mutter, auf ihr Gesicht, was Klim wie eine Beleidigung berührte. Er saß am Tisch, sprang aber schnell und unvorsichtig auf die Füße, als er Ritas Namen hörte.
»Laß diesen Unfug«, sagte er trocken, blinzelnd, als habe der Sonnenstrahl seine Augen getroffen. Dronow ließ den Löscher achtlos auf den Tisch fallen. Klim, der sich bemühte, gelassen zu bleiben, fragte:
»Du lebst also immer noch mit ihr?«
»Warum sollte ich nicht... ?«
Klim hockte sich auf die Tischkante und musterte Dronow. In dem gleichmütigen Ton, in dem er von Margarita sprach, glaubte Klim etwas Verdächtiges zu hören. So begann er denn sehr freundschaftlich und mit verstellter Naivität Dronow über das Mädchen auszuforschen. Dronow fand seine alte Ruhmredigkeit wieder. Eine Minute später empfand Klim den Wunsch, ihn anzuschreien: »Scher dich hinaus!«
»Sie ist gut«, sagte Dronow.
Klim wandte ihm den Rücken zu. Dronow verfinsterte sich plötzlich und wechselte das Thema:
»Ich bin auf dem besten Wege, Tomilin zu hassen. Schon jetzt habe ich manchmal Lust, ihm eins hinter die Löffel zu geben. Ich brauche Wissen, und er lehrt an nichts glauben, behauptet, die Algebra sei willkürlich, der Teufel soll wissen, was er eigentlich will! Er hämmert einem in den Schädel, der Mensch müsse das Spinngewebe der von der Vernunft gemachten Begriffe zerreißen und irgendwohin, in die Grenzenlosigkeit der Freiheit entspringen. Das ist so, als ob man mir sagte: ›Lauf nackt herum!‹ Was für ein Teufel mag diese Kaffeemühle drehen?«
Klim preßte durch die Zähne:
»Ein sehr kluger Mensch.«
»Klug?« fragte sichtlich befremdet Dronow, blickte wütend auf die Uhr und erhob sich.
»Sprich mal mit Warawka.«
Ohne ihn wurde das Zimmer gleich freundlicher, Klim stand am Fenster, zupfte an den Blättern der Begonien und verzog sein Gesicht, niedergedrückt vom Zorn und von der Demütigung. Als er im Vorzimmer Warawkas Stimme vernahm, lief er sogleich zu ihm hinaus. Warawka bewunderte sich im Spiegel, kämmte seinen fuchsigen Bart und schnitt Fratzen:
»Nach Rjasan, jawohl, nach Rjasan«, antwortete er zornig auf Klims Frage. »Oder nach allen vier Windrichtungen. Laß das Bitten!«
»Ich beabsichtige auch nicht, für ihn zu bitten«, sagte Klim mit Würde.
Waranka faßte ihn um die Taille und führte ihn in sein Kabinett. Inzwischen sagte er:
»Ich bin dieses Burschen überdrüssig. Er arbeitet schlecht, ist zerstreut und frech. Und liebt es allzu sehr, mit meinen Untergebenen zu schwatzen.«
»Ja«, sagte Klim solide, »es zieht ihn zu ihnen. Er weilt so häufig bei den Katins.«
Warawka drückte ihn in den Sessel neben dem gewaltigen Schreibtisch und fuhr fort:
»Ich begreife nicht, was dich zu solchen Typen wie Dronow oder dieser Makarow hinzieht? Du studierst sie wohl, wie?«
Immer spöttisch, oft scharf, wußte Warawka dennoch sowohl einschmeichelnde wie freundschaftlich eindringliche Töne anzuschlagen. Es war nicht das erstemal, daß Klim empfand, wie leicht dieser Mensch ihn bewegen konnte, mehr zu sagen, als gut war, und er versuchte, mit dem Pflegevater ausweichend und vorsichtig zu sprechen. Doch wie stets, verstand Warawka unbemerkt aus ihm herauszulocken, daß Lida und Makarow sich zu oft sahen und ihre Beziehungen große Ähnlichkeit mit einem Liebesverhältnis hatten. Es ergab sich ganz von selbst; sehr einfach: zwei ernste, geistig ebenbürtige Männer tauschten besorgt ihre Ansichten über jugendliche, noch ungefestigte Menschen aus und gaben ihrer Unruhe bezüglich ihrer Zukunft Ausdruck. Es wäre sogar unpassend gewesen, das seltsame Verhältnis zwischen Lida und Makarow zu verschweigen.
Warawka schloß einige Sekunden seine Bärenäuglein, schob die Hand unter den Bart und faltete ihn mit einer raschen Geste fächerartig auseinander. Dann sagte er mit einem Lächeln seiner fleischigen Lippen:
»Romantik! Die Krankheit ihrer Jahre. An dir wird sie vorübergehen, davon bin ich überzeugt. Lida ist in der Krim. Im Winter geht sie an eine Theaterschule.«
»Aber Makarow wird doch im Winter in Moskau studieren?« erinnerte Klim.
Warawka antwortete nicht. Er schnitt sich die Nägel, die Splitter flogen auf den mit Papieren bedeckten Tisch. Dann zog er sein Notizbuch hervor, schrieb mit dem Blei Zeichen hinein und versuchte eine Melodie zu pfeifen, die jedoch nicht richtig herauskam.
»Bist du zuweilen drüben im Seitenflügel?« fragte er und sagte sofort, Klim freundschaftlich aufs Knie klapsend:
»Mein Rat: geh nicht hin. Natürlich, es sind unschuldige, harmlose Menschen, und ihre ganze Beredsamkeit läuft auf den Wunsch hinaus, sich zu häuten. Doch es gibt über sie auch eine andere Meinung. Wenn in einem Staat eine politische Polizei besteht, muß es auch politische Verbrecher geben. Zwar ist heute die Politik aus der Mode – so wie etwa die Reifröcke –, doch gibt es trotzdem so etwas wie zähes Festhalten am alten Glauben. Eine Revolution ist in Rußland nur möglich als Bauernaufstand, das heißt nur als kulturell fruchtlose, zerstörende Erscheinung.«
Darauf verbreitete er sich lange über den Dekabristenaufstand, er nannte ihn eine »originelle tragische Bouffonade«, über die Sache der Petraschewzen, »eine Verschwörung gewerbsmäßiger Schwätzer«, doch ehe er zu den Volkstümlern übergehen konnte, erschien hoheitsvoll die Mutter in einer fliederfarben Robe mit Spitzen und mit einer langen Perlenschnur auf der Brust.
»Es ist Zeit«, sagte sie strenge, »und du bist noch nicht angezogen.«
»Verzeih!« rief Warawka schuldbewußt aus, sprang auf und lief zur Tür, »wir hatten ein so interessantes Gespräch.«
Klim berührte es immer wohltuend, zu sehen, wie seine Mutter diesen Menschen lenkte gleich einem Geschöpf, das tiefer stand als sie, gleich einem Pferd. Sie sah Warawka nach, seufzte, glättete dann mit ihren wohlriechenden Fingern Klims Brauen und forschte: