Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Nun, ins Bettchen?«
In einem zärtlichen Augenblick wagte er endlich, sie nach Dronow zu fragen. Er mußte es tun, wenn er auch fühlte, daß diese Frage je länger desto mehr an Bedeutung verlor. Was ihn verlegen machte, war das gewisse Unsaubere, das in der Sache lag. Als er die Frage an sie richtete, hob Rita erstaunt die Brauen:
»Wer ist das?«
»Tu nicht so!« Klim wollte es streng sagen, konnte aber nicht, sondern lächelte.
Rita richtete sich in den Kissen auf, setzte sich, zog ihr Hemd über den Körper und sagte, sich damit das Gesicht bedeckend, mitleidig:
»Ach, das ist ja Wanja, der bei euch im Zwischenstock wohnt! Denkst du, mit einem so Garstigen habe ich mich eingelassen? Da denkst du aber schlecht von mir.«
Während sie sich die Strümpfe über ihre weißen, blaugeäderten Beine zog, fuhr sie eilig, aber bestimmt und aus irgendeinem Grunde seufzend fort:
»Er tut mir leid. Ich war doch dabei, als der Pfaffe ihn fortjagte. Ich nähte an dem Tage bei dem Popen. Wanja gab seiner Tochter Stunden und hat irgendwas ausgefressen, das Dienstmädchen gekniffen oder sowas. Er wollte auch mich anfassen. Ich drohte ihm, daß ich mich bei der Popenfrau beschweren würde, da ließ er es. Er ist komisch, obwohl er schlimm ist.«
In verändertem Ton, leiser, beendete sie:
»Man hat ihn vom Gymnasium verjagt? Hätten sie ihm tüchtig die Ohren gezaust, das hätte genügt!«
Klim wünschte, ihr zu glauben und glaubte ihr, und Dronows Schatten, der ihm im Wege gestanden hatte, verschwand.
Der Jüngling hatte längst begriffen, daß das reinliche Bett an der Wand für Margarita ein Altar war, auf dem sie unermüdlich und beinahe ehrfürchtig eine heilige Handlung zelebrierte. Nach jenem Gespräch über Dronow, das ihn beruhigte, erwachte in Klim der Wunsch, Rita Liebes zu tun, soviel er konnte. Doch Rita mochte nur Honigkuchen und Küsse, die ihn zuweilen ermüdeten. Und schon kam ein Tag, an dem ihre anfeuernde Einladung: »Nun, ins Bettchen?« eine plötzliche und dunkle Gereiztheit, eine rätselhafte Verstimmung in ihm hervorrief. Fast wütend fragte er sie, weshalb sie keine Bücher lese, nicht ins Theater gehe und gar nichts Besseres kenne als das »Bettchen«. Rita, die offensichtlich seine Stimmung nicht erriet, sagte gelassen, während sie ihre Zöpfe aufflocht:
»Ja, wohin soll man denn mit dem Leben? Denk einmal nach. Nirgends.«
Dann sagte sie, das Theater besuche sie.
»Wenn heitere Komödien oder Vaudevilles gespielt werden, Dramen mag ich nicht. In die Kirche gehe ich auch – in die Himmelfahrtskirche, der Chor ist dort schöner als in der Kathedrale.«
Zuweilen, wenn Klim müde und mit sich unzufrieden war, grübelte er ängstlich:
»Das also ist Liebe?«
Es war aus irgendeinem Grunde unmöglich, zuzugeben, daß Lida Warawka für diese Liebe geschaffen sei. Es war auch schwer, sich vorzustellen, daß einzig diese Liebe den Romanen und Gedichten, die er gelesen hatte, und den Leiden Makarows zu Grunde lag, der immer trauriger wurde, weniger trank, beharrlicher schwieg und sogar leiser pfiff.
Es folgten für ihn Tage, da er sich nach dem Zusammensein mit Margarita so verwüstet und abgestumpft fühlte, daß es ihn entsetzte. Dann zwang er sich, zum Ursprung aller Weisheit, zu Tomilin, zu wallfahren oder den Flügel aufzusuchen.
Mit Tomilin war etwas vorgegangen. Er kostümierte sich in bunte Phantasiehemden, trug statt eines Schlipses eine Kordel mit Quasten, eine graue Jacke und eine Art sehr weiter grauer Hosen. All das erschien an seinem Körper als etwas Fremdes und unterstrich noch krasser das feurige Rot seiner gestutzten Haare, die horizontal über seinen Ohren herausragten und sich über der weißen Stirn bäumten. Besonders fielen seine Manschettenknöpfe auf: große, schwere Mondsicheln. Tomilin sprach lauter, doch weniger überzeugt, machte häufig Pausen, betrachtete dabei seine Ärmel und drehte an den Manschettenknöpfen. Zugleich mit dem neuen Gewand schien Tomilin sich auch neue Gedanken zugelegt zu haben. Klim witterte, daß diese Gedanken ihn sogar durch ihre Nacktheit, die man entweder als Unerschrockenheit oder als Schamlosigkeit auslegen konnte, ängstigten. Klim stellte sich diese nackten Gedanken als Fetzen beißenden Qualms vor, die in der warmen Luft des engen Zimmers zerflossen und sich als grauer Staub auf Bücher, Wände, Fensterscheiben und auf den Denker selbst legten.
Toimilin wog einen der fünf ungeheuren Bände von Maurice Carrières »Einfluß der Kunst auf die Entwicklung der Kultur« auf der flachen Hand und sagte:
»Ein gewisser Italiener behauptet, Genialität sei eine Art Irrsinn. Möglich. Überhaupt müssen Menschen mit übermäßigen Fähigkeiten als anormal angesehen werden. Nehmen wir zum Beispiel die Gefräßigen, die Wüstlinge und... die Denker. Ja, auch die Denker. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß ein abnorm entwickeltes Gehirn eine ebensolche Mißbildung ist wie ein hypertrophierter Magen oder ein unnatürlich großer Phallos. In diesem Fall bemerken wir eine Gemeinsamkeit zwischen Gargantua, Don Juan und dem Philosophen Immanuel Kant.«
Dieser Vergleich gefiel Klim, wie ihm immer vereinfachende Gedanken gefielen. Er fand, daß Tomilin selbst über seine offenbar zufällige Entdeckung erstaunt war. Er schleuderte das schwere Buch auf das Bett, bewegte die Augenbrauen, schlang die Hände um seinen flachen Nacken und blickte zum Fenster hinaus.
»Ja...«, machte er blinzelnd. »Ich muß jetzt hinuntergehen. Tee trinken. Hm...«
Immer häufiger und merkwürdig düster äußerte Tomilin sich über die Frauen und über das Weibliche. Zuweilen in skandalöser Form. So erklärte der Rothaarige einmal in der Gesellschaft im Flügel, als der Schriftsteller Katin hitzig seine Behauptung verfocht, Schönheit und Wahrheit seien eins, in dem ihm eigenen Ton eines Menschen, der der Wahrheit tief ins Angesicht geschaut hat:
»Nein, Schönheit ist gerade Unwahrheit, von Anfang bis zu Ende vom Menschen erfunden, um ihn zu trösten, genau so wie das Mitleid und vieles andere.«
»Und die Natur? Die Schönheit der Naturformen? Nehmen Sie Häckel!« schrie triumphierend der Schriftsteller, Als Antwort klangen ihm die gleichmütigen Worte entgegen:
»Die Natur ist eine chaotische Anhäufung der verschiedensten Mißgestaltungen und Monstra.«
»Die Blumen!« beharrte Katin.
»In der Natur gibt es nicht die Rosen und Tulpen, die die Menschen in England, Frankreich und Holland gezüchtet haben.«
Der Streit wurde immer gereizter und heftiger, und je mehr die Stimmen seiner Widersacher sich hoben, desto eigensinniger verteidigte Tomilin seine Ansicht. Schließlich sagte er:
»Wir bedürfen der Schönheit am meisten, wenn wir uns dem Weibe nähern wie ein Tier dem andern. Hier ist die Schönheit aus dem Schamgefühl entstanden, aus der Abneigung des Menschen, einem Bock oder einem Rammler zu gleichen.«
Er sagte einige noch derbere Worte, die allgemeine Betretenheit, boshaftes Lächeln und ironisches Flüstern auslösten, und erdrosselte mit ihnen den Meinungsstreit. Onkel Jakow, der kränkelte und halbaufgerichtet auf dem Sofa in einem Berg von Kissen ruhte, fragte halblaut und befremdet:
»Ist er wahnsinnig?«
Der Schriftsteller flüsterte ihm höhnisch lächelnd etwas ins Ohr, aber der Onkel schüttelte sein kahles Haupt und sagte:
»Er ist ein Nachzügler. Die Nihilisten waren gescheiter.«
Der Onkel war augenscheinlich mit etwas zufrieden. Sein sonnenverbranntes Gesicht war heller und knochiger geworden, aber seine Augen blickten milder, und er lächelte gern. Klim wußte, daß er im Begriff stand, für immer nach Saratow überzusiedeln.
Im Flügel fühlte Klim sich immer mehr als ein Fremder. Alles, was dort über das Volk und über die Liebe zum Volk geredet wurde, war ihm von Kindheit an vertraut. Alle Worte tönten leer, ohne in ihm eine Saite anzuklingen. Sie bedrückten durch ihre Langeweile, und Klim machte seine Ohren unempfänglich gegen sie.