Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Klim wunderte sehr Lidas Freundschaft mit Alina Telepnew, die zu einer ausgesprochenen Schönheit heranwuchs und offenkundig immer dümmer wurde, wie Klim nach dem Ausspruch seiner Mutter: »Dieses Mädel würde besser und klüger sein, wäre sie nicht so schön«, fand.
Klim erkannte sofort die Richtigkeit dieser Bemerkung. Die Schönheit des Mädchens war für sie eine Quelle unaufhörlicher Besorgnis. Alina wachte über sich wie über einen Schatz, der ihr nur für kurze Zeit gegeben war, mit der Drohung, daß er ihr genommen werde, sobald sie auch nur durch eine Kleinigkeit ihr bezauberndes Gesicht verdürbe. Schnupfen bedeutete für sie eine gefährliche Krankheit, erschrocken fragte sie:
»Ist meine Nase sehr rot? Die Augen sind trübe, nicht wahr?«
Ein einziges Pickelchen im Gesicht, eine Pustel, ein Mückenstich stürzten sie in Verzweiflung. Sie lebte in beständiger Furcht, dicker zu werden oder abzumagern, und hatte eine krankhafte Abneigung gegen den Donner.
»Mag es blitzen«, sagte sie. »Das ist ja schön. Aber ich ertrage es nicht, wenn über mir der Himmel kracht.«
Sie erfand für sich eine behutsame, gleitende Art zu gehen, und hielt sich so steif, als trüge sie ein Gefäß mit Wasser auf dem Kopf. Auf der Eisbahn schwebte sie in Ängsten, hinzufallen, und lief daher entweder allein, abseits, oder mit den erfahrensten Läufern, deren Gewandtheit und Kraft sie sicher war. Der einzige Zug an dem Mädchen, der Klim gefiel, war ihre Kunst, das Beste für sich herauszuschlagen. Sie verstand es stets, sich den vorteilhaftesten Platz an der Sonne auszuwählen. Etwas lächerlich war ihre übertriebene Reinlichkeit, ihr krankhafter Widerwille gegen Staub und Straßenschmutz. Bevor sie sich setzte, besah sie ängstlich prüfend den Stuhl oder Sessel und staubte heimlich mit ihrem Tuch die Sitzfläche ab. Hatte sie einen Gegenstand in der Hand gehalten, wischte sie sich sogleich die Finger. Sie aß so akkurat und gründlich, daß Makarow spöttelte:
»Sie essen religiös, Alinotschka! Nein, Sie essen gar nicht, wie etwa wir Sterblichen, Sie nehmen das Abendmahl.«
Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, sagte Alina ruhig:
»Der Doktor hat mir gründliches Essen verordnet.«
Zuweilen hatten Alinas Ängste um ihre Schönheit Ausbrüche von Gereiztheit, ja, von Wut, zur Folge, so wie beim Dienstmädchen einer allzu anspruchsvollen Hausfrau. Wahrscheinlich waren es auch diese Ängste, die den unwiderstehlich sanften, hellblauen Augen Alinas einen fragenden Ausdruck gaben, der durch ihre langen, zitternden Wimpern flehend wurde.
Sie war fade in der Unterhaltung, sprach von nichts als von Kostümen, Bällen und Verehrern, und auch dies ohne Feuer, wie von einer langweiligen Pflicht.
Ihr wurde bereits von einem grauhaarigen General der Artillerie, einem schlanken und schönen Witwer, und vom zweiten Staatsanwalt Ippolitow, einem lustigen und gewandten, kleinen Mann mit einem schwarzen Schnurrbart im dunklen Gesicht, heftig der Hof gemacht.
»Nein, ich heirate nicht«, sprach sie mit ihrer tiefen Bruststimme. »Ich will zur Bühne.«
Sie sprach – ziemlich gut, mit schmelzender Stimme, doch allzu wollüstig – Gedichte von Fet und Fofanow, sang träumerisch Zigeunerromanzen. Aber die Romanzen klangen unbeseelt, die Verse tot, verwischt und abgestumpft durch ihre samtene Stimme. Klim schwor darauf, daß sie den Sinn der Worte, die sie langsam absang, nicht verstand.
»Eine Puppe, die zu schade zum Spielen ist«, sagte Makarow wegwerfend, wie er immer von Mädchen sprach.
Klim sah ihn scheel an. Er empfand immer heftiger den Stachel des Neides, sooft er vernahm, wie sicher die Menschen einander charakterisierten, Makarow besonders fand oft Urteile, die den Nagel auf den Kopf trafen.
Klim wünschte, wie in allem, so auch in Alina etwas Erkünsteltes und Gemachtes zu finden. Manchmal fragte sie ihn:
»Ich bin heute blaß, nicht wahr?«
Er verstand, daß Alina nur fragte, um ein übriges Mal die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch dies erschien ihm natürlich und gerechtfertigt und weckte in ihm sogar Teilnahme für das Mädchen. Diese wuchs nach den Worten der Mutter, die ihm sagten, daß man Alinas Schönheit als eine Strafe ansehen mußte, die ihr das Leben verbitterte, sie jede fünf Minuten vor den Spiegel jagte und sie auch alle Menschen als Spiegel behandeln ließ. Manchmal ahnte er dunkel, daß zwischen ihr und ihm etwas Gemeinsames bestand. Da er in dieser Erkenntnis jedoch etwas für ihn Demütigendes sah, versuchte er nicht erst, sie bis zu Ende zu durchdenken.
Makaraw und Lida gingen in der Beurteilung Almas schroff auseinander. Lida behandelte sie schonend, ja zärtlich, eine Regung, die Klim an ihr neu war, Makarow verspottete Alina zwar nicht boshaft, aber ausdauernd, Lida erzürnte sich mit ihm. Die Somow, die sich um Privatstunden bewarb, versöhnte sie, indem sie ihnen die langen und fesselnden Briefe ihres Freundes Inokow vorlas, der den Telegraphendienst quittiert hatte und mit einer Genossenschaft Sergatscher Fischer nach dem Kaspischen Meer aufgebrochen war.
Alles in allem war das Leben zu Hause qualvoll, öde und unruhig. Die Mutter und Warawka rechneten abends besorgt und ungehalten etwas zusammen, wobei sie mit Papieren raschelten, Warawka klatschte auf den Tisch und jammerte:
»Idioten! Nicht einmal stehlen können sie richtig!«
Klim zog die Langeweile vor, die er bei Rita fand. Diese Langeweile war für ihn nicht Qual, sondern Beruhigung. Sie nahm seinem Denken die Schärfe und enthob ihn der Mühe krampfhafter Einfälle. Margarita zog ihn merkwürdig an durch die Einfalt ihrer Gedanken und Gefühle. Manchmal, wohl wenn sie argwöhnte, daß er sich langweile, sang sie mit kleiner, miauender Stimme höchst sonderbare Lieder:
Ich kann nicht einschlafen, nicht liegen,
Mich flieht der Schlummer.
Ich ginge gern zu Rita,
Doch weiß ich nicht, wo sie weilt.
Gern fragte ich einen Freund,
Der könnte mich zu ihr führen.
Doch mein Freund ist besser und schöner,
Ich fürchte, er verdrängt mich bei Rita.
»Was für ein dummes Lied«, gähnte Klim, aber die Sängerin belehrte ihn:
»Das ist eben das Schöne daran, Freundchen. Alle Lieder sind dumm, in allen kommt die Liebe vor, das ist eben das Schöne an ihnen.«
Sie liebte überhaupt, Klim Belehrungen zu erteilen, und das belustigte ihn. Das Mädchen kam ihm treusorgend wie eine Mutter entgegen, auch das war belustigend, aber auch ein wenig rührend. Klim bewunderte die Selbstlosigkeit Margaritas, er hatte sich die Meinung gebildet, alle Mädchen ihres Gewerbes seien habgierig. Doch wenn er Rita Näschereien und Geschenke mitbrachte, tadelte sie ihn:
»Närrischer kleiner Kauz! Für das Geld, das du für mich hinauswirfst, könntest du ein viel schöneres und jüngeres Mädchen finden!«
Sie sagte es so einfach und überzeugend, daß Klim nicht wagte, sie der Lüge zu verdächtigen.
Aber während sie von den Mädchen sprach, die schöner seien als sie, streichelte sie sich gleichzeitig mit den Händen Brust und Hüften und prahlte:
»Sieh, was für eine Haut ich habe! Nicht jedes Fräulein besitzt so eine.«
An der Wand, über der Kommode, war mit zwei Nägeln eine kleine Photographie ohne Rahmen, die mittendurch geknickt war, befestigt. Sie zeigte einen Mann mit glattgekämmtem Haar, dichten Brauen und starkem Schnurrbart und einem pompös geknüpften Schlips. Seine Augen waren ausgestochen.
»Wer ist das?« fragte Klim.
Einige Sekunden betrachtete Margarita forschend, mit zugekniffenen Augen und gleichsam in ihrem Gedächtnis suchend, die Photographie. Hierauf sagte sie:
»Ein Ikonenmaler.«
»Und warum sind ihm die Augen ausgestochen?«
»Weil er erblindet ist, Dummkopf«, entgegnete Rita und seufzte. Sie wünschte nicht mehr auf Klims weitere Fragen zu antworten, sondern schlug vor: