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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Eins, zwei, drei«, unterwies halblaut Rita. »Nicht mit den Knien schubsen ... eins, zwei!« Das Dienstmädchen neigte den Kopf vor und blickte ängstlich auf ihre Füße. Rita, die über die Schultern des Dienstmädchens hinwegblickte, sah, daß Klim in der Tür stand, stieß das Mädchen zur Seite, verbeugte sich von ihm, steckte mit beiden Händen ihr zerzaustes Haar auf und sagte munter und laut:

»Ach, entschuldigen Sie!«

»Bitte, bitte!« wehrte Klim hastig ab, während er die Hände in die Tasche steckte. »Ich kann Ihnen, wenn Sie wollen, aufspielen?«

Das verlegene Dienstmädchen ergriff den Samowar und eilte hinaus. Die Näherin machte: »Nein, weshalb denn?« und begann das Geschirr vom Tisch abzuräumen und auf ein Tablett zu stellen.

Klim erinnerte sich später nur dunkel, was dann geschah.

Er handelte im Zustand der Furcht und eines plötzlichen Rausches. Er packte Ritas Hand, schleppte sie in sein Zimmer und flehte im Flüsterton:

»Bitte ... bitte ...«

Sie kicherte in sich hinein, entriß ihm ihre weiße Hand und ging neben ihm her. Gleichfalls flüsternd wiederholte sie:

»Was tun Sie? Darf man denn das?«

Später, vom Bett aufspringend, beugte sie sich über ihn, preßte sein Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn dreimal auf die Lippen, dabei keuchte sie:

»Ach Sie, Sie, Sie!«

Als Klim wieder zu sich gekommen war, staunte er: wie war dies alles einfach! Er lag auf dem Bett und ihn schwindelte. Sein Körper, gesättigt mit wohliger Ermattung, schien gleichwohl leichter und stärker geworden zu sein. Er glaubte sich zu erinnern, daß Ritas heißes Geflüster, ihre drei letzten Küsse sowohl Lob als auch Dankbarkeit ausgedrückt hatten.

»Und doch habe ich ihr nichts dafür versprochen«, dachte er und legte sich sofort die Frage vor, womit Dronow sie wohl bezahlte.

Die Erinnerung an Dronow kühlte ihn ein wenig ab, sie hatte etwas Dunkles, Zweideutiges und doppelt Lächerliches. Als rechtfertige er sich vor jemandem, sagte Klim beinahe laut:

»Natürlich werde ich mir das nicht noch einmal mit ihr erlauben.« Aber eine Minute später beschloß er schon: »Ich werde ihr verbieten, mit Dronow ...«

Er hatte Lust, aufzustehen, die Lampe anzuzünden, sich im Spiegel zu betrachten, aber die Gedanken an Dronow fesselten ihn, bedrohten ihn mit Unannehmlichkeiten. Doch Klim unterdrückte ohne besondere Anstrengung diese Gedanken. Er erinnerte sich Makarows, seiner düsteren Ängste, der armseligen »Triumphe des Weibes«, des »rudimentären Gefühls« und all des lächerlichen Unsinns, der das Dasein dieses Menschen ausfüllte. Kein Zweifel, Makarow hatte dies alles erdichtet, um sich ein Ansehen zu geben, und führte im geheimen einen unsittlicheren Lebenswandel als die anderen. Wenn er trank, mußte er auch mit Weibern schlafen, das war klar.

Diese Betrachtungen gestatteten Klim, an Makarow mit verächtlichem Lächeln zu denken. Er schlief bald ein, und als er erwachte, fühlte er sich als ein neuer Mensch. Heiterkeit brodelte in ihm. Er hatte Lust zu singen. Die Frühlingssonne blickte gnädiger als gestern in sein Zimmer. Trotzdem zog er es vor, seine neue Stimmung vor den anderen geheim zu halten, benahm sich ehrbar wie immer und gedachte bereits freundlich dankbar der Weißnäherin.

Etwa fünf Tage später, er hatte sie in dem angenehmen Bewußtsein verbracht, einen so ernsten Schritt mit solcher Einfachheit getan zu haben, drückte das Dienstmädchen Fenja ihm heimlich ein kleines zerknülltes Kuvert mit einem gepreßten blauen Vergißmeinicht in einer Ecke in die Hand. Auf dem gleichfalls mit einem Vergißmeinicht verzierten Papier las Klim nicht ohne Stolz:

»Wenn Sie mich nicht vergessen haben, kommen Sie morgen, wenn die Abendmesse ausgeläutet wird. – Stumpfe Ecke, Haus Wessjoly. Fragen Sie nach Marg. Waganow.«

Margarita empfing ihn so, als käme er nicht zum ersten, sondern zum zehnten Mal. Als er eine Schachtel Konfekt, ein Körbchen mit Gebäck und eine Flasche Portwein auf den Tisch stellte, fragte sie mit einem schalkhaften Lächeln:

»Sie wollen also Tee trinken?«

Klim umschlang sie und sagte:

»Ich will, daß du mich liebst.«

»Ach, ich kann es ja nicht!« antwortete die Frau und lachte ein sehr gutherziges Lachen.

Wunderbar einfach war alles an ihr und rings um sie her in der kleinen, sauberen Stube, die mit einem seltsam berauschenden Geruch erfüllt war. Im Winkel, an der Wand, stand mit dem Kopfende zum Fenster das Bett, bedeckt mit einer weißen Piquedecke. Eine weiße Gardine verhängte die Scheiben, Über das Dach herab neigten sich die blaßroten Zweige blühender Kirschen und Äpfel. Eine Wespe trommelte gegen die Fensterscheibe. Auf der Kommode die mit einer gehäkelten Decke geschmückt war, stand ein Spiegel ohne Rahmen, waren Schächtelchen und Döschen adrett aufgestellt. In einer Ecke leuchtete milde der Silberornat der Ikone. Der Platz vor der Tür war mit einem hellgrauen Stück Kaliko ausgelegt. Dies alles war unendlich friedlich und still, das Summen der Wespe schien hierher zu gehören, alles war unendlich fern der Wirklichkeit und dem gewohnten Dasein Klims.

Margarita sprach mit gedämpfter Stimme leichte Worte, die sie faul dehnte, und fragte nichts. Auch Klim fand nichts, wovon man mit ihr reden konnte. Er kam sich dumm vor, war ein wenig verlegen darüber und lächelte. Margarita saß Schulter an Schulter neben ihrem Gast und verschlang ihn mit ihren Blicken. Das erregte Klim sehr. Er streichelte scheu ihre Schulter und ihre Brust und fand nicht den Mut, weiter zu gehen. Als man zwei Gläser Portwein getrunken hatte, meinte Margarita:

»Nun, ins Bettchen?«

Sie erhob sich mit diesen Worten, entkleidete sich und riet auch Klim sorglich:

»Du solltest dich auch ganz ausziehen, es ist besser ...«

Eine Stunde später saß sie auf dem Bettrand, ließ die Füße nackt baumeln und sagte vor Müdigkeit gähnend mit einem Blick auf Klims Socke:

»Das da muß gestopft werden.«

Klim nickte ein.

Nach dem fünften oder sechsten Wiedersehen fühlte er sich bei Margarita mehr zu Hause als in seinem eigenen Zimmer. Bei ihr brauchte man nicht auf sich aufzupassen, sie verlangte von ihm weder Geist noch gesittetes Benehmen, sie verlangte überhaupt nichts und bereicherte ihn unmerklich mit vielem, das er empfing wie etwas Wertvolles.

Von nun an sah er die Mädchen, die er kannte, mit anderen Augen an. Er bemerkte, daß Ljuba Somow fast ohne Hüften war, daß ihr Rock flach herabhing, dagegen hinten sich zu stark bauschte, und daß sie den hüpfenden Gang eines Sperlings hatte. Dick und plump gebaut, erzählte sie mit Vorliebe von Liebe und Romanen. Ihr Gesicht, das hübscher geworden war, rötete sich vor Erregung. In den guten grauen Augen leuchtete die stille Rührung eines alten Mütterchens, das die Wunder und den Erdenwandel der Heiligen und Märtyrer preist. Das brachte sie so naiv, ja manchmal so herzbewegend heraus, daß Klim es für nötig fand, sie auf jeden Fall durch ein freundliches Lächeln zu ermutigen, während er gleichzeitig dachte:

»Eine Schwachsinnige. Ein Schäfchen!«

Ihre Erzählungen reizten Lida fast stets, doch zuweilen erheiterten sie sie. Lida lachte zögernd, unsicher und mit schrillen Lauten. Wenn sie ein wenig gelacht hatte, blickte sie sich stirnrunzelnd um, als habe sie eine Ungehörigkeit begangen. Die Somow brachte Lida Romane. Lida las »Madame Bovary« und sagte unwillig:

»Was darin richtig ist, ist abscheulich, und was darin schön ist, ist Lüge.«

Über Anna Karenina äußerte sie sich noch härter:

»Hier sind alle Pferde, sowohl Anna wie Wronski und die übrigen.«

Die Somow empörte sich:

»Gott, wie bist du ungebildet, was für ein Monstrum! Du bist ja anormal!«

Auch Klim fand an Lida etwas Anormales. Er begann sogar ein wenig, ihren unverwandt-forschenden Blick zu fürchten, wenngleich sie nicht ihn allein, sondern auch Makarow so ansah. Doch bemerkte Klim, daß ihr Verhältnis zu Makarow freundschaftlicher wurde, und Makarow nicht mehr so ironisch und dreist mit ihr sprach.

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