Das Werk der Artamonows
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Werk der Artamonows». Краткое содержание книги:
»Was willst du?« fragte er sich. »Willst du Unzucht treiben? Du hast eine Frau.«
In den Stunden, da ihn etwas bedrohte, fühlte er stets den gespannten Drang, möglichst rasch an der Gefahr vorbeizukommen, sie hinter sich zu lassen und sich nicht mehr umzusehen. Etwas Drohendes vor sich zu haben, ist dasselbe, wie im nächtlichen Dunkel über einem tiefen Fluß auf aufgeweichtem Frühlingseis zu stehen; er hatte dieses Entsetzen als heranwachsender Knabe erlebt und erinnerte sich noch mit dem ganzen Körper daran. Nach einigen, in einer schweren, unklaren Abgestumpftheit verbrachten Tagen ging er nach einer schlaflosen Nacht früh am Morgen auf den Hof hinaus und sah dort den Kettenhund Tulun im Blut auf dem Schnee liegen. Es war noch so dunkel, daß das Blut schwarz wie Pech erschien. Er berührte die zottige Leiche mit dem Fuß, Tulun bewegte die zähnefletschende Schnauze und sah mit dem herausgequollenen Auge auf den Fuß des Menschen. Artamonow zuckte zusammen, öffnete die niedrige Tür von Tichons Wächterhäuschen und fragte, auf der Schwelle stehen bleibend:
»Wer hat den Hund getötet?«
»Ich«, sagte Tichon, während er die Untertasse mit Tee auf den auseinandergespreizten Fingern hielt.
»Warum denn?«
»Er hat wieder einen Menschen gebissen.«
»Wen?«
»Sinaïda, Serafims Tochter.«
Pjotr sann über etwas nach und sagte nach einem Schweigen:
»Es ist schade um den Hund.«
»Ja, gewiß. Ich habe ihn aufgezogen. Er hat aber auch mich angeknurrt. Übrigens würde auch jeder Mensch toll werden, wenn man ihn an die Kette legte.«
»Das stimmt«, sagte Artamonow, schloß die Tür sehr fest hinter sich, ging und dachte:
»Manchmal spricht der auch vernünftig.«
Er blieb auf dem Hof stehen und lauschte den Geräuschen der Fabrik. In einer entfernten Ecke leuchtete ein gelber Fleck: das Licht im Fenster von Serafims Wohnung, die an die Stallwand angebaut war. Artamonow ging auf das Licht zu und blickte durch das Fenster, Sinaïda saß im bloßen Hemd am Tisch vor der Lampe und stocherte in irgendetwas mit der Nadel herum. Als er in das Zimmer trat, fragte sie, ohne den Kopf wegzuwenden:
»Warum bist du zurückgekehrt?«
Als sie aber die Augen erhob, warf sie die Näharbeit auf den Tisch, stand lächelnd auf und rief aus:
»0 Gott! Ich dachte, es wäre der Vater ...«
»Ich habe gehört, daß Tulun dich gebissen hat?«
»Ja, und wie!« sagte sie gleichsam prahlend, stellte den Fuß auf den Stuhl und hob den Hemdsaum: »Sehen Sie doch!«
Artamonow blickte flüchtig auf das weiße, unter dem Knie verbundene Bein, ging dicht an das Mädchen heran und fragte mit gedämpfter Stimme:
»Warum läufst du im Morgengrauen auf dem Hof herum? Warum, he?«
Sie blickte ihm fragend ins Gesicht, lächelte sogleich verständnisvoll, blies heftig in den Zylinder, löschte die Lampe aus und sagte:
»Wir müssen die Tür schließen.«
Nach einer halben Stunde ging Pjotr Artamonow bedächtig in die Fabrik, er war angenehm erschöpft; er zupfte sich am Ohr, spuckte aus, erinnerte sich erstaunt der schamlosen Liebkosungen der Spulerin und lächelte: ihm schien, er hätte jemanden sehr geschickt betrogen und umgangen...
Er war in das liederliche Leben der Fabrikmädchen wie der Bär in eine Imkerei eingebrochen. Zuerst hatte dieses Leben, das alles, was er davon gehört hatte, bei weitem übertraf, ihn durch die freche Nacktheit der Worte und Gefühle verblüfft; alles darin war entblößt und wurde mit einer herausfordernden Schamlosigkeit gezeigt. Von dieser Schamlosigkeit sangen und weinten die Lieder; Sinaïda und ihre Freundinnen nannten sie – Liebe, und darin war etwas Scharfes, Bitteres, das stärker als Wein berauschte.
Artamonow wußte, daß die Fabrikangestellten die an die Stallwand angelehnte Hütte Serafims »die Falle« nannten und Sinaïda den Spitznamen »die Pumpe« gaben. Der Schreiner selbst nannte seine Wohnung »das Kloster«. Er saß auf der Ofenbank, hielt stets die Gusli auf dem gestickten, über die Schulter und um den Hals gelegten Handtuch, warf keck den kleinen kraushaarigen Kopf in die Höhe, schauspielerte mit dem rosigen Gesichtchen, zwinkerte und schrie:
»Seid lustig, ihr Nonnen! Das ist doch Pjotr Iljitsch, ihr Nonnen. Was glaubst du denn? Sie sind Novizen des fröhlichen Teufels, und ich bin ihr Abt, so wie ein Pope, und lasse meine Knöchelchen tönen! Wirf ein Rubelchen für das fröhliche Leben hin!«
Wenn er das Geld erhielt, schob er es hinter den Fußlappen und sang verwegen, sich auf der Gusli begleitend:
»Sitzt die Dame in der Hölle,
Will gebratnes Eis recht schnelle,
Doch die Teufel mit dem Hacken
Werden fest die Dumme packen.«
»Du kennst viele Scherzlieder«, staunte Pjotr. Der Alte schwatzte aber prahlend:
»Ich bin ein Sieb! Ich bin wie ein Sieb, du kannst in mich jeden beliebigen Unrat schütten, ich werde dir ein Lied heraussieben. Ich bin schon einmal so ein Mensch – das reine Sieb!« Und er erzählte:
»Das haben mich die Herrschaften gelehrt; es gab eine merkwürdige Herrschaft, die Kutusows, und dann einen Herrn Japuschkin, der war auch ein Saufbold. Der Schlaue stellte sich arm und ging mit einem Korb auf dem Rücken, als ob er mit Kleinigkeiten handle, – dabei schrieb er aber alles, was er sah und hörte, auf. Er schrieb und schrieb und ging zum Zaren: ›Schau, Majestät,‹ sagte er, ›woran unsere Bauern denken!‹ Der Zar sah hin, las das Aufgeschriebene, seine Seele wurde unruhig, und er ließ den Bauern die Freiheit geben, für Japuschkin aber in Moskau ein Denkmal aus Bronze aufstellen. Ihm selbst durfte man nichts tun, man sollte ihn lebend nach Susdal schicken und ihm dort soviel Wein auf Staatskosten zu trinken geben, wie er wollte. Denn, siehst du, Japuschkin hatte noch viel Geheimes über das Volk aufgeschrieben, nur war das für den Zaren nicht vorteilhaft und mußte verheimlicht werden. Dort in Susdal trank sich Japuschkin zu Tode, und man hat ihm, natürlich, seine Schriften gestohlen.«
»Du lügst da was Rechtes zusammen«, bemerkte Artamonow.
»Außer den Mädchen habe ich nie jemanden etwas vorgelogen, das ist nicht mein Handwerk«, sagte der Alte, und es war schwer, festzustellen, ob er nicht scherze.
»Nur derjenige lügt, der die Wahrheit kennt«, schwatzte er. »Ich kann aber nicht lügen, ich kenne die Wahrheit nicht. Das heißt, wenn du willst, werde ich es dir sagen: ich habe viel Wahrheit gesehen und mein Vers klingt so: die Wahrheit ist wie ein Weib, – sie ist schön, solange sie jung ist.«
Aber obwohl er angeblich die Wahrheit nicht kannte, wußte er doch unendlich viele Geschichten von den Herrschaften, von ihren Amüsements und von ihrem Unglück, von ihrer Grausamkeit und ihrem Reichtum, und während er davon sprach, fügte er stets mit sichtlichem Bedauern hinzu:
»Und doch ist es mit ihnen aus! Sie haben jeden Halt im Leben verloren und verstehen sich selbst nicht mehr! Sie sind ins Gleiten gekommen...«
Er beschrieb mit dem Finger einen Kreis über seinem Kopf und zeichnete, die Hand rasch senkend, einen ebensolchen Kreis über den Fußboden.
»Sie haben zu lange gespielt!« sagte er zwinkernd und sang:
»Einstmals lebten Herren fein,
Aßen Kalbfleisch Jahr für Jahr
Und sie hielten dann erst ein,
Als das Erbe alle war!«
Serafim erzählte von Räubern und Hexen, von Bauernaufständen, von verhängnisvollen Liebschaften, davon, wie des Nachts zu untröstlichen Witwen Feuerdrachen herabfliegen, und er sprach von allem so spannend, daß selbst seine nicht zu bändigende Tochter diesen Märchen schweigend und mit der nachdenklichen Gier eines Kindes lauschte.