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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Was sagst du zu meinem Onkel?« fragte er und wunderte sich sehr, als er die merkwürdige Auskunft erhielt:

»Er sieht aus wie Johannes der Täufer.«

In einer Frühlingsnacht – sie und Klim hatten den Flügel verlassen und wandelten im Garten – sagte sie:

»Seltsam, daß es Menschen gibt, die nicht nur an sich denken. Mir scheint, darin liegt etwas Unsinniges. Oder – Gekünsteltes.«

Klim sah sie fast unwillig an: sie hatte gerade dem Ausdruck verliehen, was er empfand, wofür er aber noch keine Worte gefunden hatte.

»Und dann«, fuhr das Mädchen fort, »steht bei ihnen alles gewissermaßen auf dem Kopf. Mir scheint, sie sprechen von der Liebe zum Volk mit Haß und vom Haß gegen die Regierung mit Liebe. Jedenfalls höre ich es so.«

»Aber es ist natürlich nicht so«, sagte Klim, in der Hoffnung, sie würde fragen: »Wie ist es dann?« und dann würde er vor ihr glänzen, er wußte schon, womit und wie. Doch das Mädchen schwieg, schritt sinnend weiter und wickelte das Tuch fest um ihre Brust. So getraute Klim sich nicht, ihr zu sagen, was er wollte.

Er fand, Lida sprach zu ernst und zu gescheit für ihr Alter. Es berührte ihn unangenehm, immer häufiger überraschte sie ihn damit.

Einige Tage darauf sollte er abermals fühlen, daß Lida ihn bestahl. Nach dem Abendessen fragte die Mutter Lida aus, was im Flügel gesprochen wurde. Das Mädchen saß neben Wera Petrowna am offenen Fenster und antwortete gezwungen und wenig höflich. Plötzlich jedoch drehte sie sich schroff auf dem Stuhl herum und begann, schon einigermaßen gereizt, zu reden:

»Auch Vater fürchtet, diese Leute könnten mich irgendwie anstecken. Nein, ich denke, alle ihre Reden und Diskussionen sind nichts als Versteckspiel. Die Leute verstecken sich vor ihren Leidenschaften, vor der Langenweile, vielleicht vor dem Laster ...«

»Bravo, meine Tochter!« rief Warawka aus, der sich, eine Zigarre im Bart, im Sessel rekelte.

Lida fuhr leiser und ruhiger fort:

»Man muß sich selbst vergessen. Das wollen viele, glaube ich. Nicht Menschen wie Jakow Akimowitsch. Er ... ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll ... er hat sich der Idee mit einemmal und für immer als Opfer vorgeworfen ...«

»Wie ein Blinder, der in eine Grube gestürzt ist«, warf Warawka ein. Klim, der fühlte, daß er vor Verdruß blaß geworden war, grübelte darüber nach, wie es sein konnte, daß alle ihm zuvorkommen. Tomilins Ausspruch, daß die Menschen sich in den Ideen voreinander versteckten, hatte ihm besonders gefallen, und er hielt ihn für wahr.

»Tomilin sagt das«, bemerkte er ärgerlich.

»Ich habe nicht gesagt, daß ich es selbst erdacht habe«, gab Lida zurück.

»Du hast es von Makarow gehört«, beharrte Klim.

»Und wenn schon?«

»Onkel Jakow ist ein Opfer der Geschichte«, sagte Klim eilig. »Er ist nicht Jakob sondern Isaak.«

»Verstehe ich nicht«, sagte Lida und zog die Brauen hoch. Klim, der wegen dieser Worte, die niemand beachtete, auf sich selbst wütend war, stammelte ärgerlich:

»Wenn Makarow betrunken ist, redet er immer einen entsetzlichen Unsinn zusammen. Er nennt sogar die Liebe ein rudimentäres Gefühl.«

Warawka lachte schallend und schwang seine Zigarre. Wera Petrowna lächelte herablassend und bemerkte:

»Er kennt den Begriff ›rudimentär‹ nicht.«

Lida sah sie an und ging still zur Tür, Sie schien beleidigt durch das Gelächter ihres Vaters. Warawka ächzte und wischte sich Tränen aus den Augen.

»Oh, oh, ach, Kinder, Kinder!«

Klim hatte Lust, Lida zu folgen und mit ihr Streit zu suchen. Doch Warawka, der sich endlich sattgelacht hatte, wandte sich zu ihm und sagte mit einem Ausfall gegen die Schule:

»Man lehrt euch nicht das, was ihr wissen müßt. Vaterländische Geschichte, das ist das Fach, das gleich in den untersten Klassen gelehrt werden sollte, wenn wir Anspruch darauf erheben wollen, eine Nation zu sein. Das Land der Russen ist immer noch keine Nation, und ich fürchte, es wird noch einmal so heftig durcheinandergeschüttelt werden müssen wie im 17. Jahrhundert. Dann werden wir wahrscheinlich eine Nation sein.«

Mit wachsender Lebhaftigkeit sprach er davon, daß die Stände einander ironisch und feindlich gegenüberstehen wie Rassen mit ganz verschiedenartiger Kultur, daß jeder von ihnen überzeugt sei, daß alle anderen ihn nicht verstehen und sich ruhig damit abfinden, und alle zusammen glauben, die Bevölkerung dreier, aneinandergrenzender Gouvernements bestehe, ihren Bräuchen, Sitten und sogar ihrem Dialekt nach, aus anderen Menschen, schlechteren, als die Einwohner einer bestimmten Stadt.

Klim langweilte sich. Er verstand nicht, über Rußland, das Volk, die Menschheit und die Intelligenz nachzudenken. All das lag ihm fern. Von den sechzigtausend Einwohnern seiner Stadt kannte er vielleicht sechzig oder hundert und war doch überzeugt, die ganze Stadt, die staubig war und aus drei Vierteln aus Holz bestand, gut zu kennen. Vor der Stadt floß träge der trübe Fluß, über ihm, am Klosterfriedhof ging die Sonne auf, vollendete ohne Hast ihren Lauf und sank hinter den Schlachthof in die Gemüsegärten zurück. Ohne sich zu beeilen und in ihr Los ergeben, lebten Adlige, Händler, Kleinbürger und Handwerker, und die Geistlichkeit und die Beamten waren ihre Hirten, die sie schoren.

Und je schärfer er die Liebhaber der Wortgefechte und Meinungsverschiedenheiten beobachtete, desto argwöhnischer begegnete er ihnen. In ihm meldeten sich dunkle Zweifel an dem Recht dieser Menschen, die Aufgaben des Lebens zu lösen und ihm ihre Entscheidungen aufzuzwingen. Dazu bedurfte es verläßlicherer, weniger verzweifelter und in jedem Fall nicht halb wahnsinniger Menschen, wie Onkel Jakow einer war.

Tomilin wurde für Klim der einzige, der jenseits aller Zweifel stand und am meisten Mensch war. Er hatte sich dazu verurteilt, über alles nachzudenken, und konnte oder wollte selbst nichts tun. Er versuchte nicht, den Zuhörer mit seinen Gedanken aufzuzäumen, gab nur von sich, was er dachte, und kümmerte sich offenbar wenig darum, ob man ihm zuhörte. Er lebte, ohne jemand zur Last zu fallen, ohne zu verlangen, daß man ihn besuche, wie dies die familiären Liebenswürdigkeiten und lächelnden Grimassen des Schriftstellers Katin forderten. Man konnte zu ihm kommen oder es lassen. Er weckte weder Sympathie noch Antipathie, während die Leute im Flügel zwar unruhiges Interesse, aber zugleich auch dunkle Feindseligkeit gegen sich hervorriefen. Schließlich mußte man zugeben, daß Makarow recht hatte, wenn er von diesen Menschen sagte:

»Jeder von ihnen will mich abrichten wie einen Hund für die Hühnerjagd.«

Diese Absicht merkte auch Klim, und da er sie selbstsüchtig und für seine eigene Freiheit bedrohlich fand, lernte er es, jedesmal, wenn er dem Ansturm des einen oder anderen Glaubenslehrers ausgesetzt war, eine Antwort schuldig zu bleiben oder ihr geschmeidig auszuweichen.

Seine sexuellen Regungen, entzündet durch das beständige selige Lächeln Dronows, wurden immer qualvoller. Das war schon Warawka aufgefallen, den Klim, als er eines Tages durch den Korridor ging, zur Mutter sagen hörte:

»In seinem Alter war ich in meine leibliche Tante verliebt. Beunruhige dich nicht, er ist kein Romantiker und nicht dumm. Schade, daß unser Dienstmädchen ein Scheusal ist.«

Der Zynismus, womit Warawka das Dienstmädchen erwähnte, verletzte Klim, unangenehm war auch, daß sein Schmachten bemerkt wurde, doch alles in allem wirkten Warawkas gelassene Worte lösend. Zwei Tage später gingen die Mutter und Warawka ins Theater, Lida und Ljuba Somow zu Alina. Klim lag in seinem Zimmer, er hatte Kopfschmerzen. Es war still im Haus. Plötzlich drang Kichern aus dem Eßzimmer, etwas klatschte schallend wie eine Ohrfeige, ein Stuhl wurde gerückt, und zwei Frauenstimmen begannen leise zu singen. Klim stand geräuschlos auf und öffnete vorsichtig die Tür: das Mädchen tanzte mit der Weißnäherin Rita einen Walzer rund um den Tisch, auf dem gleich einem bronzener Götzen der Samowar leuchtete.

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