Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Der Schriftsteller schilderte nun das Leben der Intelligenz im Ton eines Menschen, der voraussieht, daß man ihn wegen irgendeiner Sache beschuldigen wird. Er lächelte verlegen, bewegte entschuldigend die Hände, nannte Namen von Freunden, die Klim kaum bekannt waren, und fügte regelmäßig kummervoll hinzu:
»Er hat ebenfalls einen Posten bei der Landschaftsversammlung angenommen ... als Statistiker.«
»Bei der Landschaftsversammlung, das ist gut«, billigte Onkel Jakow, schränkte aber ein: »Das genügt aber nicht.«
Dann seufzte er, seinen Adamsapfel vorschiebend:
»Verwildert seid ihr.«
»Klugwerden nennt man das jetzt«, erklärte schuldbewußt Katin. »Es gibt sogar eine Erzählung zu dem Thema Verrat an der Vergangenheit. Die heißt wörtlich so: ›Klug geworden.‹ Sie ist von Bobrykin.«
»Bobrykin ist ein Schwätzer«, verurteilte der Onkel. Er hob die Hand. »Ahmen Sie ihn nicht nach Sie sind jung. Man darf Bobrykin nicht nachahmen.«
Leise ging die Tür auf. Scheu trat die Gattin des Schriftstellers ins Zimmer. Er sprang auf und nahm sie an der Hand:
»Meine Frau. Jekaterina, Katja.«
Jakow Samgin musterte freundschaftlich die Frau und schmunzelte:
»Eine Popentochter?«
»Ja.«
»Die ganze Erscheinung! Man irrt sich nicht. Kinder?«
»Sie sterben alle.«
»Hm. Und was liest denn jetzt so die Jugend?«
Katin sprach jetzt leiser und weniger lebhaft. Ungeachtet der Freude, mit der der Schriftsteller den Onkel begrüßt hatte, schien er ihn zu fürchten wie ein Schüler seinen Lehrer, während Onkel Jakows heisere Stimme heftiger wurde und in seinen Worten zahlreiche gurrende Laute mittönten.
Klim wäre gern weggegangen, es schien ihm aber unpassend, den Onkel allein zurückzulassen. Von der Ofenecke aus beobachtete er, wie die Frau des Schriftstellers um den Tisch herumging und geräuschlos das Teeservice aufdeckte, während sie scheue Blicke auf den Gast warf.
Sie schrak sogar zusammen, als Onkel Jakow sagte:
»Die Revolution wird nicht mit Zwischenakten gemacht.«
Klim war froh, als das Mädchen ihn zum Frühstück holte. Onkel Jakow lehnte die Einladung ab.
»Ich nähre mich nur von gekochtem Reis, Tee und Brot. Und wer frühstückt auch um zwei Uhr?« tadelte er, nach einem Blick auf die Wanduhr.
Daheim im Eßzimmer lief Warawka stirnrunzelnd und sich den Bart mit einem Kamm striegelnd auf und ab. Er empfing Klim mit der Frage:
»Und der Onkel?«
»Er nährt sich nur von gekochtem Reis.«
Schweigend ging man zu Tisch. Die Mutter seufzte und fragte:
»Wie gefällt er dir?«
Klim, der die Stimmung erriet, antwortete:
»Er ist sonderbar.«
Die Mutter lehnte sich zurück, kniff die Augen zu und sagte:
»Wie ein Gespenst.«
»Ein hungernder Hindu«, bekräftigte ihr Sohn.
»Er kann nicht älter sein als fünfzig«, grübelte laut die Mutter. »Er war fröhlich, ein flotter Tänzer, ein Spaßvogel. Plötzlich ging er ins Volk, zu den Sektierern. Eine unglückliche Liebe scheint dabei mitgespielt zu haben.«
»Sie haben alle eine unglückliche Liebe mit einer ganzen Geschichte. Diese Geschichte heißt ›Messalina‹, Klim. Sie liebt den Umgang mit jungen Leuten, aber nur flüchtigen. Er hat kaum mit ihr zu spielen und zu träumen angefangen, da haben schon neue Liebhaber seinen Platz eingenommen.«
Er wischte sich sorgfältig mit der Serviette den Bart ab und begann eindringlich zu belehren, daß nicht die Herzen und die Tschernyschewskis die Geschichte machen, sondern die Stevensons und Arkwrights, und daß in einem Land, wo das Volk an Hausgeister und Zauberer glaubt und die Erde mit einem Holzpflug aufritzt, Gedichte nichts vermögen.
»Als erstes brauchen wir einen guten Pflug. Dann erst ein Parlament. Kühne Reden sind wohlfeil. Man muß Worte finden, die die Instinkte bändigen und zugleich den Verstand wecken«, krähte er immer hitziger, durch irgendwas gereizt, und sein Gesicht lief rot an. Die Mutter schwieg besorgt, und Klim verglich unwillkürlich ihr Schweigen mit der Furchtsamkeit der Schriftstellersgattin. Auch die jähe Erbitterung Warawkas hatte etwas Verwandtes mit dem erregten Ton Katins.
»Ich gedenke, ihn im Zwischenstock unterzubringen«, sagte still die Mutter.
»Aber Dronow?« wandte Warawka ein.
»Ja, ich weiß auch nicht ...«
Warawka zuckte die Schultern.
»Wie du willst.«
Aber Onkel Jakow weigerte sich im Zwischenstock zu wohnen.
»Treppensteigen ist schädlich für mich, ich habe kranke Beine«, erklärte er und zog zum Schriftsteller, in das kleine Zimmer seiner Schwägerin. Die wurde in der Kammer untergebracht. Die Mutter fand es taktlos von Onkel Jakow, nicht bei ihr zu leben. Warawka stimmte ihr darin zu:
»Es ist eine Demonstration.«
Onkel Jakow führte sich in der Tat ein wenig ungewöhnlich auf. Wenn er im Hause vorsprach, grüßte er Klim zerstreut und wie einen Fremden, schritt durch den Hof wie über eine Straße und blickte erhobenen Hauptes, den mit grauen Borsten verzierten Adamsapfel weit vorgereckt, mit den Augen eines Unbekannten in die Fenster, Er verließ den Flügel erst gegen Mittag, während der größten Hitze, und kehrte abends zurück, mit nachdenklich gesenktem Kopf, die Hände vergraben in den Taschen seiner dicken kamelhaargelben Hosen.
»Eine alte Axt«, nannte Warawka ihn. Er verhehlte nicht seine Unzufriedenheit mit Jakow Samgins Anwesenheit im Flügel. Täglich sagte er in grobem Ton etwas Herabsetzendes über ihn, was offensichtlich die Mutter bedrückte und selbst das Dienstmädchen Fenja ansteckte, die sich gegen die Bewohner des Flügels und ihre Gäste ängstlich und feindselig benahm, als hielte sie sie für imstande, das Haus anzuzünden.
Klim, vom Verlangen nach dem Weibe gepeinigt, fühlte, daß er abstumpfte, bleichsüchtig und hinfällig wurde wie Makarow, und er beneidete haßerfüllt Dronow, der zwar das Wolfsbillet erhalten, sich jedoch beruhigt hatte, und nachdem er in Warawkas Kontor eingetreten war, beharrlich fortfuhr, sich bei Tomilin für die Reifeprüfung vorzubereiten.
Klim, der nicht wußte, was er mit sich anfangen sollte, besuchte zuweilen den Schriftsteller. Dort waren neue Gestalten aufgetaucht: die langnäsige Heilgehilfin Isakson und ein kleiner Greis, dessen Augen hinter dunklen Gläsern versteckt waren. Er rieb sich jeden Augenblick die rundlichen Hände und rief:
»Das unterschreibe ich!«
Es kam ein Handwerker, nach seinen Händen zu urteilen, ein Schlosser. Seine Lieblingsredensart war:
»Das haben wir so nötig wie der Hund ein fünftes Bein.«
Die Fensterläden wurden geschlossen, die Scheiben verhängt, doch die Frau des Schriftstellers trat trotzdem von Zeit zu Zeit ans Fenster, hob die Gardine hoch und starrte auf das schwarze Quadrat. Ihre Schwester eilte auf den Hof, sandte Blicke zum Tor hinaus, und Klim hörte sie später beruhigend zu Katins Frau sagen:
»Niemand. Es ist keine Seele draußen.«
Klim achtete fast gar nicht auf die ihm allzu bekannten Reden und Streitigkeiten. Sie gingen ihn nichts an, interessierten ihn nicht. Auch der Onkel trug nichts Neues bei, er war wohl der am wenigsten Redegewandte von allen, seine Gedanken waren grobgezimmert und liefen alle auf eins hinaus: »Man muß das Volk auf eine höhere Stufe heben.«
Klim suchte den Flügel stets dann auf, wenn er vermutete oder sah, daß Lida hinging. Das bedeutete, daß auch Makarow dort sein würde. Aber seine Augen sagten ihm, daß sie noch etwas anderes als Makarow hinzog. Aus einem Winkel und – trotz der verqualmten Stickluft – fest in einen orangefarbenen Schal gehüllt, fixierte sie mit zusammengepreßten Lippen und dem strengen Blick ihrer dunklen Augen die Menschen. Klim fand, in diesem Blick und in Lidas ganzem Betragen lag etwas Neues, beinahe Komisches, ein gewisser gemachter Witwenernst.