Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Im Eßzimmer fand Klim die Mutter, die erfolglos versuchte, ein Fenster zu öffnen. Mitten im Zimmer aber stand ein dürftig gekleideter Mann in schmutzigen, langen, bis an die Knie hinaufreichenden Stiefeln. Er hielt den Kopf weit zurückgeworfen, hatte den Mund geöffnet und schüttete ein weißes Pulver auf seine herausgestreckte, zu einem »Boot« gefaltete Zunge.
Klim trat zu seinem Onkel, machte eine Verbeugung und reichte ihm die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. Jakow Samgin, ein Glas Wasser in der einen Hand, rollte mit den Fingern der anderen aus der Hülle des Pulvers ein Kügelchen, leckte sich die Lippen und sah in das Gesicht seines Neffen mit einem unnatürlich glänzenden Blick seiner grauen Augen, deren Lider entzündet waren. Nachdem er einen Schluck Wasser genommen hatte, stellte er das Glas hin, ließ das Papierkügelchen fallen und drückte sodann mit seiner dunklen, knochigen Hand die Hand des Neffen. Mit hohler Stimme fragte er:
»Das ist wohl der jüngere? Klim? Und Dmitri? Aha, Student? Naturwissenschaftler natürlich?«
»Sprich lauter, das Chinin macht mich allmählich taub«, verständigte Jakow Samgin Klim. Er setzte sich an den Tisch, schob das Service mit dem Ellenbogen zur Seite und zeichnete mit dem Finger einen Kreis aufs Tischtuch.
»Also einen geheimen Treffpunkt gibt es nicht? Zirkel sind nicht mehr da? Sonderbar. Was treibt man denn jetzt?«
Die Mutter zuckte die Achseln und zog die Augenbrauen in eine Linie zusammen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, sagte Samgin zu Klim:
»Du staunst? Hast solche noch nicht gesehen? Ich, mein Lieber, habe zwanzig Jahre in Taschkent, im Gebiet von Semipalatinsk zugebracht, unter Menschen, die man gut und gern Wilde nennen kann. Ja. Als ich in deinen Jahren war, nannte man mich ›L'homme qui rit‹.«
Klim bemerkte, daß sein Onkel L'homme wie »Ljom« aussprach.
»Hab Gräben ausgehoben. Bewässerungskanäle. Dort wütet das Fieber, Freund.«
Der Onkel musterte das Eßzimmer und rieb sich fest die Backe ab.
»Hm, Iwan ist reich geworden. Was macht er? Sein Geschäft geht?«
Er sandte noch einmal seinen tastenden Blick durch das Zimmer und entfärbte es in Klims Augen.
»Wie ein Bahnhofsbüfett.«
Er brachte ins Eßzimmer den Geruch dumpfigen Leders und noch einen anderen, ebenso schweren. Von seinen knochigen Schultern hing eine weite, eisengraue, vorn aufgeknöpfte Jacke herab, darunter wurde ein graues Hemd von grobem Leinen sichtbar. Um den runzligen Hals, unterhalb des spitzen Adamsapfels, schlang sich, zu einer Schnur zusammengedreht, ein seidenes Tuch, alt und rissig in den Falten. Das erdfarbene Gesicht, die greisen, spärlichen Nadeln des gestutzten Schnurrbarts, der kahle, verräucherte Schädel mit den Überresten krausen Haars im Nacken, hinter den dunklen, ledernen Ohren, – das alles machte ihn einem alten Soldaten oder einem ausgestoßenen Mönch ähnlich. Doch seine Zähne blitzten weiß und jung, und der Blick seiner grauen Augen war klar. Dieser ein wenig zerstreute, doch tiefsinnige Blick unter buschigen Brauen und tiefen Stirnfalten hervor schien einem Halbverrückten zu gehören. Der ganze Onkel hatte etwas beklemmend Fremdes. Die Möbel büßten unter seiner Gegenwart ihr solides Aussehen ein, die Bilder verblaßten, vieles andere wurde schwer, überflüssig, beengend. Des Onkels Fragen klangen wir die Fragen eines Examinators, die Mutter war erregt, antwortete trocken, kurz und schuldbewußt.
»Nun, und was für Zirkel habt ihr auf dem Gymnasium?« vernahm Klim, und da er schlecht unterrichtet war, antwortete er unsicher, doch achtungsvoll, als wäre es sein Lehrer Rziga, der fragte:
»Tolstoianer. Dann noch Ökonomisten ... ein paar.«
»Erzähle!« forderte der Onkel auf, »Die Tolstoianer sind eine Sekte? Man erzählte mir, sie gründen Kolonien in den Dörfern.«
Er schüttelte den Kopf.
»Das hat sich überlebt. Wir haben es selbst getan. Ich kenne ja die Sektierer gut, ich war Propagandist bei den Molokanen im Gouvernement Saratow. Über mich, sagt man, hat Stepniak geschrieben, – Krawtschinski, kennst du ihn? Gussew – das bin ich.«
Gut, daß er die Antworten nie abwartete. Immerhin, über die Tolstoianer wollte er Genaues wissen.
»Nun, was machen die denn? Kolonien, schön, aber sonst?«
Klim schielte zur Mutter hin, die am Fenster saß. Er hätte sie gern gefragt, warum es kein Frühstück gab. Aber die Mutter blickte zum Fenster hinaus. So teilte er denn, um nicht aus dem Konzept zu kommen, dem Onkel mit, im Flügel wohne ein Schriftsteller, der ihm besser als er über die Tolstoianer und alles Wissenswerte Auskunft geben könne, er selbst sei zu sehr mit den Wissenschaften beschäftigt.
»Für uns waren die Wissenschaften kein Hindernis«, tadelte der Onkel und schürzte seine greise Lippe. Dann fragte er ihn nach dem Schriftsteller:
»Katin? Kenne ich nicht.«
Es gefiel ihm sehr, daß der Schriftsteller unter Polizeiaufsicht stand, er lächelte:
»Ah, also einer von den Ehrlichen. Zu meiner Zeit waren ehrliche Schriftsteller – Omulewski, Nefedow, Boshin, Stanjukowitsch, Sassodimski. Lewitow war ein Schwätzer. Slepzow liebte den Klatsch. Uspenski ebenfalls Es gab zwei Uspenskis, der eine schrieb frech, der andere so so la la, mit einem ironischen Lächeln.«
Er überließ sich seinen Gedanken. Plötzlich fragte er die Mutter:
»Ich vergaß, Iwan schreibt mir, er habe sich von dir getrennt. Mit wem lebst du denn, Wera? Wohl mit einem reichen Mann? Advokat, wie? Aha, Ingenieur. Liberaler? Hm ... Und Iwan ist in Deutschland, sagst du? Warum nicht in der Schweiz? Er ist zur Kur dort, nur zur Kur? Früher war er gesund. Aber ohne feste Grundsätze. Das war allen bekannt.«
Er schrie wie ein Tauber, seine heisere Stimme klang herrisch. Auch die kargen Antworten der Mutter wurden lauter, noch einige Augenblicke, und sie würde zu schreien anfangen.
»Wie alt bist du, fünfunddreißig, siebenunddreißig, was? Jugendlich«, sagte Jakow Samgin, verstummte unvermittelt, zog ein Pulver aus seiner Jackentasche, nahm es ein, trank ein paar Schlucke Wasser nach, setzte das Glas fest auf den Tisch und befahl Klim:
»Nun denn, führe mich zu deinem Schriftsteller. Zu meiner Zeit hatten Schriftsteller etwas zu sagen.«
Über den Hof bewegte sich Onkel Jakow, indem er sich langsam umblickte wie jemand, der sich verlaufen hat und mühsam längst vergessene Einzelheiten aus seinem Gedächtnis hervorsucht.
»Das Haus gehört Iwan?«
»Dem Großvater, aber Warawka hat es ihm abgekauft.«
»Wer?«
Klim wußte nicht, wie er antworten sollte, da antwortete der Onkel, ihm ins Gesicht blickend, selbst:
»Verstehe, der Ehegenosse deiner Mutter. Warum wirst du verlegen? Eine ganz gewöhnliche Sache. Die Frauen lieben das, – Luxus und dergleichen. Was für ein Stutzer bist du, Bruder«, schloß er unvermittelt.
Katin empfing Samgin achtungsvoll wie einen Vater und überschwenglich wie ein Jüngling. Er lächelte, verbeugte sich, schüttelte mit beiden Händen die dunkle seines Gastes und sagte hastig:
»Ich sah Sie vom Fenster aus und fühlte sofort: das ist er! Sarachanow schrieb mir aus Saratow ...«
Onkel Jakow musterte lächelnd die ärmliche Behausung, und Klim bemerkte sofort, wie sein dunkles, runzliges Gesicht heller und jünger wurde.
»Na, na«, sagte er, während er auf dem verfallenen Sofa Platz nahm. »So, so. Na, in Saratow weilt noch der und jener. In Samara scheinen irgendwelche ... Ich verstehe nicht Simbirsk ist wie eine unbewohnte Hütte.«
Er zählte noch einige Wolgastädte auf und fragte schließlich:
»Nun, und was macht ihr hier? Reden Sie lauter und nicht so schnell, ich höre schlecht, das Chinin macht taub«, und als wage er nicht zu hoffen, daß man ihn verstehe, hob er die Hände und zupfte an seinen Ohrläppchen. Klim dachte, diese von der Sonne versengten, dunklen Ohren müßten bei der Berührung knistern.