Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
�Wie reizend, da� Sie eine Stunde Zeit f�r uns gefunden haben, Herr H�fgen!� fl�tet die Hausfrau ihrem attraktiven Gast entgegen und h�lt ihm ein Tellerchen mit Kaviar hin. �Man wei� doch, wie besch�ftigt Sie sind! Darf ich Sie mit zwei Ihrer gl�hendsten Verehrer bekannt machen? Dieses ist Herr M�ller-Andrea, der Ihnen durch seine bezaubernden Plaudereien im Jniteressan-ten Journal' gewi� bekannt ist. Und dieses ist unser Freund, der ber�hmte franz�sische Schriftsteller Pierre Larue��
Herr M�ller-Andrea ist ein eleganter, grauhaariger Mann mit stark hervortretenden wasserblauen Augen in einem roten Gesicht. Jedermann wei�, da� er von den guten Beziehungen seiner sch�nen Frau lebt, die aus aristokratischer Familie stammt. Durch sie erf�hrt er den ganzen Klatsch der Berliner Gesellschaft, aus dem er seine kleinen Artikel f�r das �Interessante Journal� zusammenstellt. In diesem verrufenen Skandalblatt plaudert Herr M�ller-Andrea w�chentlich unter dem Titeclass="underline" �Hatten Sie davon eine Ahnung?� Gerade diesen am�santen Artikeln verdankt das �Interessante Journal� seine Beliebtheit; denn in ihnen wird mitgeteilt, da� die Gattin des Industriellen X mit dem lyrischen Tenor Y eine kleine Reise nach Biarritz unternommen hat, und da� die Gr�fin Z jeden Nachmittag im Adlon zum Tanztee erscheint, und dieses nicht der guten Kapelle, sondern eines gewissen Gigolos wegen� Durch solche Er�ffnungen versteht es Herr M�ller-Andrea, die Leser zu fesseln und zu belehren. Seine ziemlich luxuri�se Lebenshaltung bestreitet er �brigens keineswegs mit seinen Einnahmen aus ver�ffentlichten Artikeln; vielmehr mit jenen Summen, die er sich f�r die Nichtver�ffentlichung von �Plaudereien� bezahlen l��t. So manche Dame hat schon schweres Geld an Herrn M�ller-Andrea �berwiesen, damit ihr Name nicht in die Rubrik �Hatten Sie davon eine Ahnung?� komme. Herr M�ller-Andrea ist ein gemeiner Erpresser, niemand bestreitet es - auch er selber nicht -; niemand macht besonderes Auflieben davon.
Der andere �gl�hende Verehrer� des Schauspielers H�fgen, Monsieur Pierre Lame, ist ein kleines M�nnchen. Er reicht Hendrik eine bleiche, spitze Hand und spricht mit einer klagenden Sopranstimme: �Sehr interessant, lieber Herr H�fgen! Darf ich mir Ihre Adresse notieren?� Dabei hat er schon, mit ge�btem Griff, ein dickes Notizbuch hervorgeholt. �Ich hoffe, Sie werden n�chstens im Esplanade bei mir speisen�, ruft er noch mit seinem jammernden und dabei sirenenhaft lockenden Stimmchen. - Monsieur Larue hat in seinem altj�ngferlich spitzen, von unz�hligen F�ltchen durchzogenen Gesicht merkw�rdig scharfe und durchdringende Augen; aus ihnen leuchtet, beinah ekstatisch, eine ungeheure Neugierde; sie funkeln von jener Sucht nach Menschen, Namen und Adressen, die der eigentlich herrschende Impuls und der einzige echte Inhalt seines Lebens ist. Monsieur Larue w�rde sterben, traurig eingehen wie ein Fischlein, dem man das Wasser entzieht, an dem Tage, der ihn keine neuen Bekanntschaften machen lie�e. Jedoch wird diese Situation, die so beklagenswert w�re, dem kleinen Menschensammler erspart bleiben, mindestens solange er sich in Berlin aufh�lt. Denn Ausl�nder haben es leicht in Berliner Salons: ein Gast, der mit schlechtem Akzent deutsch spricht, gereicht einer Gesellschaft fast ebenso zur Ehre wie ein Boxer, eine Gr�fin oder ein Filmschauspieler - und nun gar noch ein Ausl�nder, der Geld hat, interessante Diners im Hotel ksplanade arrangiert, mehreren K�nigen vorgestellt ist und sogar den Prince of Wales' kennt. Keine T�r bleibt verschlossen vor Monsieur Larue, sogar der ehrw�rdige alte Herr Reichspr�sident hat ihn empfangen. Er genie�t den Umgang der reaktion�rsten und exklusivsten Familien von Potsdam; andererseits sieht man ihn in Gesellschaft linksradikaler junger Leute, die er als �nres jeunes camarades communistes�2 in den H�usern der Bankdirektoren einzuf�hren liebt.
�Gestern habe ich Sie im Wintergarten bewundert�, sagt Pierre Larue, nachdem er sich H�fgens Telefonnummer notiert hat. Und er wiederholt scherzhaft, aber klagenden Tones, den popul�ren Refrain: �Es ist doch nicht zu schildern�� Danach hat er ein kleines Lachen, das klingt wie das Rascheln von Herbstwind in trockenem Laub. �Hahaha�, lacht Monsieur Larue; reibt die bleichen Knochenh�ndchen �ber der Brust gegeneinander und steckt sein Gesicht tief in den dicken schwarzen Wollschal, den er, trotz der warmen Temperatur in diesen R�umen, �ber dem Smoking um den Hals geschlungen tr�gt.
Es ist doch nicht zu schildern - das hat die Welt noch nicht gesehen - das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder! In Deutschland steht alles gl�nzend, besser k�nnte es gar nicht stehen, man darf sorglos und guter Dinge sein. Gibt es eine Krise? Gibt es Arbeitslose, gibt es politische K�mpfe? Gibt es eine Republik, der es nicht nur an Selbstachtung, sondern sogar am Selbsterhaltungstrieb fehlt und die sich vor der ganzen Welt verh�hnen l��t von ihrem frechsten und rohesten Feinde? Dieser wird ausgehalten und beg�nstigt von den reichen Leuten, die nur eine Angst kennen: Eine Regierung k�nnte es sich einfallen lassen, ihnen etwas Geld wegzunehmen. Gibt es Saalschlachten in Berlin und n�chtliche Stra�enk�mpfe? Gibt es schon den B�rgerkrieg, der beinah t�glich seine Opfer fordert? Wird schon Arbeitern von Burschen in brauner Uniform das Gesicht zertreten und der Kehlkopf durchgeschnitten, der gro�e Volksverf�hrer aber - Chef der �auftauwilligen Elemente�, Liebling der Schwerindustriellen und der Generale - publiziert schamlos sein Gl�ckwunschtelegramm an die viehischen M�rder? Schw�rt derselbe Hetzer, der die Nacht der langen Messer fordert und �ffentlich gelobt, es w�rden K�pfe rollen, er wolle �nur auf legalem Wege� zur Macht kommen? Darf er es sich herausnehmen., darf er es wagen, t�glich soviel Drohungen und Infamien in die Welt zu schreien mit seiner bellenden Stimme?
Es ist doch nicht zu schildern! Ministerien st�rzen, werden neu gebildet und sind nicht kl�ger als vorher. Soll man denn ganz verwildern? Im Palais des ehrw�rdigen Generalfeldmarschalls intrigieren die Gro�grundbesitzer gegen eine zitternde Republik. Die Demokraten schw�ren, der Feind steht links. Polizeipr�sidenten, die sich sozialistisch nennen, lassen auf Arbeiter schie�en. Die bellende Stimme aber darf t�glich ungest�rt dem �System� Strafgericht und blutigen Untergang verhei�en.
Das hat die Welt noch nicht gesehen! Sieht es denn nicht der hochbezahlte Spa�macher eben jenes Systems, gegen das die infame Kettenhundstimme ihre Verw�nschungen schleudert? F�llt es denn dem Schauspieler H�fgen nicht auf, da� die Veranstaltungen, deren fragw�rdiger Held er ist, im Grund makabren Charakters sind, und da� der Tanz, zu dessen beliebtesten Anf�hrern er geh�rt, die grausige Tendenz zum Abgrund hat? Hendrik H�fgen - Spezialist f�r elegante Schurken, M�rder im Frack, historische Intriganten - sieht nichts, h�rt nichts, merkt nichts. Er lebt gar nicht in der Stadt Berlin - so wenig, wie er jemals in der Stadt Hamburg gelebt hat -; er kennt nichts als B�hnen, Filmateliers, Garderoben, ein paar Nachtlokale, ein paar Fests�le und versnobte Salons. Sp�rt er, da� die Jahreszeiten wechseln? Wird es ihm bewu�t, da� die Jahre vergehen - die letzten Jahre dieser mit soviel Hoffnung begr��ten, nun s� jammervoll verscheidenden Weimarer Republik: die Jahre 1930, 1931, 1932? Der Schauspieler H�fgen lebt von einer Premiere zur n�chsten, von einem Film zum andern; er z�hlt �Aufnahmetage�, �Probentage�, aber er wei� kaum davon, da� der Schnee schmilzt, da� die B�ume und Geb�sche Knospen tragen oder Bl�tter, da� ein Wind die D�fte mit sich tr�gt, da� es Blumen gibt und Erde und flie�endes Wasser. Eingesperrt in seinen Ehrgeiz wie in ein Gef�ngnis; uners�ttlich und unerm�dlich; immer im Zustand h�chster hysterischer Spannung, genie�t und erleidet der Schauspieler H�fgen ein Schicksal, das ihm au�erordentlich scheint und das doch nichts ist als die vulg�re, schillernde Arabeske am Rande eines todgeweihten, dem Geist entfremdeten, der Katastrophe entgegentreibenden Betriebes.