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Mephisto

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Mephisto
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So bewegende Erlebnisse in den proletarischen Auenbezirken beschwichtigen ein Gewissen, das sonst dagegen rebellieren knnte, da man im Westen nur mondne Albernheiten inszeniert und spielt. Man gehrt doch zur Avantgarde: nicht nur das eigene Bewutsein sagte es einem; vielmehr besttigen es auch die Literaten, die es wissen mssen - zum Beispiel Radig -, und die Angriffe, mit denen so lcherliche Figuren wie Csar von Muck einen bedenken. Man gehrt doch zur geistigen Vorhut! Die Neuinszenierungen der Wagner-Opern sind khne Experimente - sehr verstndlich, da sie die ewig Rckstndigen in Harnisch bringen. Auch von einem literarischen Studio, einer Serie modernster Kammerspiel-Auffhrungen ist wieder die Rede; zwar realisiert Hendrik den schnen Plan ebensowenig, wie er das Revolutionre Theater in Hamburg realisiert hat; aber er spricht doch hufig und verlockend von ihm, so da viele junge Schauspieler und Dichter sich jahrelang auf das Unternehmen herzlich freuen drfen. - Man gehrt zur revolutionren Elite, und man lt es sich etwas kosten: Durch Vermittlung des Otto Ulrichs leitet Hfgen Summen, die nicht erheblich sind, aber doch freudig akzeptiert werden, an gewisse Organisationen der Kommunistischen Partei.

Wer wagt zu behaupten, er lebe ahnungslos und eitel in den lag hinein? Seine intensive Anteilnahme an den groen Zielen und Problemen der Zeit ist bewiesen. Sehr mit Recht schaut Hendrik, seiner tadellos radikalen Gesinnung sich froh bewut, verchtlich auf so unentschiedene Naturen, wie etwa Barbara eine ist - Barbara, die im Hause des Geheimrats oder auf dem Gute der Generalin ein miges und egoistisches Leben fhrt, eingesponnen in ihre abseitigen intellektuellen Spiele und Sorgen.

Was wei Hendrik von den Sorgen oder Spielen Barbaras? Was wei Hendrik berhaupt von Menschen? Ist er, was ihre Schicksale angeht, nicht ebenso ahnungslos wie in den Dingen ffentlichen Lebens? Hat er sich mit denen, die er so gern das Zentrum seines Lebens nennt, grndlicher und liebevoller beschftigt als etwa mit dem kleinen Bock, der nun wirklich sein Diener ist, oder mit Monsieur Pierre Lame, der im Hotel Esplanade feine Abendessen fr mes jeunes camarades communistes veranstaltet?

Kmmert Hendrik sich etwa um das innere Leben seiner Freundin Juliette? Er envartet von ihr, da sie immer grausam und guter Dinge sei. Sie bekommt reichlich Geld und darf die Peitsche schwingen: hat sie nicht allen Anla zur Zufriedenheit? Niemals denkt Hfgen darber nach, was die dunklen Blicke meinen knnten, die das schwarze Mdchen jetzt so oft auf ihn richtet. Hat das fremde Kind vielleicht Heimweh nach den Ksten, aus deren schnerer Landschaft ein launisches Schicksal sie in eine fragwrdige Zivilisation verschlug? Beginnt sie vielleicht, in ihrem rtselvollen Herzen den fahlen, leidensschtigen Freund zu lieben, oder fngt sie an, ihn zu hassen? Hendrik wei nichts davon. Fr ihn ist Prinzessin Tebab die verfhrerische Barbarin, die schne Wilde, an deren ungebrochener Kraft er sich erfrischt, indem er sich vor ihr erniedrigt.

Er ahnt von Juliette so wenig, wie er von Barbara wei oder von seiner Mutter Bella. Nur flchtig liest er die Briefe der armen Mama, der ihr Gatte Kbes und ihre Tochter Josy - zwei muntere und bedenklich leichtsinn-nige Geschpfe - viel Sorgen bereiten. Vater Kbes ist geschftlich nun total ruiniert: Die Krise! jammert brieflich Frau Bella. Dein guter Vater gehrt zu den zahlreichen Opfern der Krise. All sein Hab und Gut wre verpfndet worden, und bittere Schande htte die Familie heimgesucht, wre nicht Hendrik gewesen, der in allerletzter Stunde eine grere Summe telegrafisch berwiesen hat. Schwester Josy verlobt sich mindestens einmal jedes halbe Jahr; Frau Bella atmet erleichtert auf, wenn die Verbindungen, die stets irgendwie unglckseligen Charakters sind, wieder gelst werden.

Einmal erscheint Nicoletta in Berlin; aber sie reist bald wieder ab, zurckgerufen von einem drohenden und klagenden Telegramm ihres Gatten Marder. Ich bin sehr glcklich mit ihm, erklrt Nicoletta und bemht sich, die schnen Augen funkeln zu lassen wie einst. Aber dann stellt sich heraus, da Marder seit zwei Jahren in einem Sanatorium lebt; Nicoletta hat ihre Zeit damit verbracht, ihn zu pflegen - sie lchelt sanft und innig, wenn sie von der kindlichen Dankbarkeit spricht, die der geniale Mann fr sie hat. Nun geht es ihm schon viel besser, sagt sie hoffnungsvoll. Wir knnen bald in den Sden ziehen, er braucht Sonne

Das Lebenszentrum, mit dem Hendrik prahlt: Nicoletta, die Liebende, besitzt es. Auch andere drfen es ihr eigen nennen; so Ulrichs, der, kmpferisch und geduldig, auf den Tag wartet. Er wird kommen! verspricht der Glubige sich und seinen glubigen Freunden. - Er wird kommen, der Tag! verheit auch dem jungen Hans Miklas die innere Stimme freudiger Gewiheit. Er meint den schnen Tag, da der Fhrer endlich an der Herrschaft sein wird: seine Feinde aber sind dann alle vernichtet. Vernichtet ist dann vor allem der rgste und abscheulichste Feind - Hfgen. Der Sturz des Verhaten, dessen Laufbahn Miklas aus der Ferne mit machtlosem Ingrimm verfolgt, soll das beglckendste Ereignis des groen Tages sein und ein Teil seines Sinnes.

Hans Miklas ist - wie Otto Ulrichs, sein politischer Feind - Schauspieler nur noch im Dienste der groen Sache, des umfassenden Ziels. Er arbeitet lngst nicht mehr an Theatern, sondern nur noch mit den Jugendorganisationen der nationalsozialistischen Bewegung; seine Ttigkeit ist es, fr Freilichtbhnen und Versamm-hmgssle Fest- und Werbespiele mit dem Jungvolk seines Fhrers einzustudieren: solche Beschftigung befriedigt sein unwissendes und enthusiastisches Herz. Im Sprechchor brllen die Burschen, da sie siegreich die Franzosen schlagen und ihrem Fhrer stets die Treue | wahren wollen: Dies haben sie eingebt unter der Regie des jungen Miklas, der jetzt viel gesnder und frischer aussieht als in der Hamburger Zeit - die schwarzen Lcher in seinen Wangen sind fast verschwunden.

Der Tag ist nahe: schwrmerischer Gedanke, der Hans Miklas und Otto Ulrichs beherrscht, ausfllt, begeistert wie Millionen anderer junger Menschen. Aul welchen Tag aber wartet Hendrik Hfgen? Er wartet immer nur auf die neue Rolle.

Seine groe Rolle in der Saison 1932/33 wird der Mephisto sein: Hendrik spielt ihn in der neuen Faust-Inszenierung, die das Staatstheater zu Goethes 100. Todestag herausbringt.

Mephistopheles, des Chaos wunderlicher Sohn: groe Rolle des Schauspielers Hfgen - fr keine andere hat er jemals so viel Eifer aufgebracht. Der Mephisto soll sein Meisterstck werden. Schon die Maske ist sensationelclass="underline" Hendrik macht aus dem Hllenfrsten den Schalk - eben jenen Schalk, als den der Herr der Himmel in Seiner unermelichen Gte den Bsen begreift und ab und zu Seines Umgangs wrdigt, da er Ihm am wenigsten zur Last ist von allen Geistern, die verneinen. Er spielt ihn als den tragischen Clown, als den diabolischen Pierrot. Der kahlgeschorene Schdel ist wei gepudert wie das Gesicht; die Augenbrauen sind grotesk in die Hhe gezogen, der blutrote Mund zu einem starren Lcheln verlngert. Die breite Partie zwischen den Augen und den knstlich erhhten Brauen schillert in hundert verschiedenen Farben; hier haben Fachleute die Gelegenheit, eine kosmetische Leistung von auergewhnlichem Rang zu bewundern. Alle Tne des Regenbogens vermischen sich auf den Augenlidern Mephistos und auf den Bgen unter seinen Brauen: das Schwarz spielt ins Rot, das Rot ins Orangefarbene, ins Violette und Blaue; silberne Punkte leuchten dazwischen, ein wenig Gold ist klug und sinnig verteilt.

Was fr eine bewegte Farbenlandschaft ber den verlockenden Edelsteinaugen dieses Satans!

Mit der Anmut des Tnzers gleitet Hendrik-Mephisto im eng anliegenden Kostm aus schwarzer Seide ber die Szene; mit einer spielerischen Akkuratesse1, die verwirrt und verfhrt, kommen die verfnglichen Weisheiten, die dialektischen Scherze von seinem blutig gefrbten Munde, der immer lchelt. Wer zweifelt daran, da der schaurig elegante Spamacher sich in einen Pudel zu verwandeln vermag, Wein aus dem Holz des Tisches zaubern kann und auf seinem gespreiteten Mantel durch die Lfte fhrt, wenn er irgend Lust dazu sprt? Diesem Mephisto wre das uerste zuzutrauen. Alle im Saale fhlen: Er ist stark - strker selbst als Gott der Herr, den er von Zeit zu Zeit gerne sieht und mit einer gewissen verchtlichen Courtoisie2 behandelt. Hat er nicht Grund genug, ein wenig auf Ihn herabzusehen? Er ist viel witziger, viel wissender, jedenfalls ist er sehr viel unglcklicher als Jener - und vielleicht ist er strker eben darum: weil er unglcklicher ist. Der riesenhafte Optimismus des erhabenen Alten, der von den Engeln Sich Selbst und die Schnheit Seiner Schpfung im deklamatorischen Wettgesang lobpreisen lt - die euphorische Gutmtigkeit des Allvaters wirkt beinahe naiv und ehrwrdig-senil neben der furchtbaren Melancholie, der eisigen Traurigkeit, in welche der satanisch gewordene Lieblingsengel, der Verfluchte und zum Abgrund Gefahrene zuweilen, zwischen all seinen fragwrdigen Munterkeiten, pltzlich verfllt. Welch ein Schauer geht durch das Auditorium des Berliner Staatstheaters, da Hfgen-Mephistopheles mit seinen grellen Lippen, die Worte formt:

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