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Mephisto

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Mephisto
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Alles ist wieder, wie es in Hamburg war, nur in gr��erem Stil, nur in anderen Dimensionen. Sechzehn Stunden Arbeit am lag, und dazwischen interessante Ner-venkrisen. In dem eleganten Nachtlokal �Zum Wilden Reiter�, wo Hendrik zuweilen von ein Uhr bis drei Uhr morgens Bewunderer um sich versammelt, sinkt er, das Cocktailglas in der Hand, seufzend vom hohen Barstuhclass="underline" Es ist eine kleine Ohnmacht, nichts Schlimmes, aber doch schlimm genug, um alle anwesenden Damen kreischen zu lassen; Fr�ulein Bernhard ist mit st�rkenden Wohlger�chen zur Hand - immer ist eine ergebene Frauensperson in der N�he, wenn der Schauspieler H�fgen seine Zust�nde hat. Er g�nnt sie sich nun wieder recht h�ufig, die hysterischen kleinen Zusammenbr�che, die sich vom sanften Sch�ttelfrost oder der stillen Ohnmacht bis zum Schreikrampf mit konvulsivischen Zuckungen steigern k�nnen - und sie bekommen ihm gut: erfrischt wie aus heilsamen B�dern geht er aus ihnen hervor, voll neuer Kr�fte f�r seine anspruchsvolle, angreifende und genu�reiche Existenz.

�brigens mu� er seltener zu den erholsamen Krisen seine Zuflucht nehmen, seitdem er die Prinzessin Tebab wieder in der N�he hat. W�hrend des ersten Berliner Winters lie� er die drohenden Briefe der schwarzen K�nigstochter, die in einem wunderlichen, von orthographischen Fehlern wimmelnden Stil abgefa�t waren, unbeantwortet. Nun aber hat Barbara sich beinah ganz von ihm zur�ckgezogen: sie ertr�gt den Betrieh um ihren smarten Gatten nicht; immer seltener kommt sie nach Berlin, ihr Zimmer in dem feinen Appartement am Reichskanzlerplatz bleibt meistens unbewohnt; sie zieht die stilleren R�ume im Hause des Geheimrats oder in der Villa der Generalin vor. Da entschlie�t sich Hendrik, seiner Juliette das Reisegeld zu schicken - das Leben ohne sie entbehrt der W�rze, die grimmig blickenden Damen, die mit ihren hohen Stiefeln �ber die Tauent-zienstra�e stolzieren, sind kein Ersatz. Prinzessin Tebab l��t sich nicht lange bitten. Sie trifft ein.

Hendrik mietet ihr ein Zimmer in entlegener Gegend, wo er ihr w�chentlich mindestens einmal Visite macht; wie ein Verbrecher an den Ort seiner �beltat - den Schal bis �ber das Kinn gewickelt und den Hut tief in die Stirne gedr�ckt - schleicht er sich zu seiner Geliebten. �Wenn mich irgend jemand ertappen w�rde - in diesem Aufzug!� fl�stert er, w�hrend er ins Trainingssh�schen schl�pft. �Ich w�re verloren! Alles w�re aus!� Prinzessin Tebab am�siert sich �ber seine schlotternde Angst; sie lacht rauh und herzlich. Aus Vergn�gen daran, ihn zittern zu sehen, und auch, um noch mehr Geld aus ihm herauszukriegen, verhei�t sie ihm zum hundertsten Male, sie werde ins Theater kommen und wie eine wilde Katze schreien, wenn er die B�hne betritt. �Pa� nur auf, Bubi!� neckt sie ihn grausam. �Einmal tu ich es wirklich - zum Beispiel bei der gro�en Premiere n�chste Woche. Ich ziehe mir mein buntes Seidenkleid an und setze mich in die erste Reihe. Das gibt einen Skandal!� Animiert reibt sich das dunkle Fr�ulein die H�nde. Dann verlangt sie hundertf�nfzig Mark von ihm, ehe er den neuen Tanzschritt �ben darf. Mit seinem Aufstieg ist auch sie anspruchsvoller geworden. Nun benutzt sie kostspielige Parf�ms, kauft sich in erheblichen Mengen bunte Seident�cher, klirrende Armb�nder und kandierte Fr�chte, die sie aus gro�en T�ten mit ihren rauhen und gewandten Fingern zu naschen liebt. Wenn sie grinsend kaut und sich dazwischen behaglich am Hinterkopf kratzt, sieht sie einem gro�en Affen zum Verwechseln �hnlich. Hendrik mu� zahlen, und er zahlt gerne. Es bereitet ihm Lust, auf so plumpe Art ausgenutzt zu werden von der Schwarzen Venus. �Denn ich liebe dich wie am ersten lag!� sagt er ihr. �Ich liebe dich sogar mehr als am ersten 'l�ge. Wenn du weg bist, begreife ich erst ganz, was du mir bedeutest. Die strengen Damen von der Tauentzienstra�e sind unertr�glich langweilig.�

�Und deine Frau?� erkundigt sich das Urwald-m�dchen mit einem grollenden Kichern. �Und deine Barbara?�

�Ach die��, macht Hendrik, sowohl kummervoll als ver�chtlich, und wendet das fahle Gesicht dem Schatten zu.

Barbara kommt immer seltener nach Berlin; auch der Geheimrat zeigt sich beinah nie mehr in der Hauptstadt, wo er fr�her, mehrmals im Winter, Vortr�ge zu halten und an der repr�sentativen Geselligkeit teilzunehmen pflegte. Der Geheimrat sagt: �Ich bin nicht mehr gern in Berlin. Ja, ich fange an, mich vor Berlin zu f�rchten. Es bereiten sich hier Dinge vor, die mich entsetzen - und das schaurigste ist, da� die Menschen, mit denen ich Umgang habe, die Gefahren nicht zu bemerken scheinen. Man ist geschlagen mit Blindheit. Man am�siert sich, streitet sich, nimmt sich ernst; inzwischen verfinstert sich der Himmel, aber man hat keinen Blick f�r das Ungewitter, das n�her kommt - das schon beinahe da ist. Nein, ich bin nicht mehr gern in Berlin. Vielleicht meide ich es, um es nicht verachten zu m�ssen��

Er kommt doch noch einmal; aber nicht mehr, um an repr�sentativer Geselligkeit teilzunehmen oder in der Universit�t zu dozieren; vielmehr um eine gro�e kulturpolitische und tagespolitische Rede zu halten. Die Rede tr�gt den Titeclass="underline" �Die drohende Barbarei�; mit ihr will der ('eheimrat den geistigen Teil des B�rgertums noch einmal - zum letztenmal - warnen vor dem, was heraufkommt und was Verfinsterung und R�ckschlag bedeutet, wahrend es sich selber frech �Erwachen� und �nationale Revolution� zu nennen wagt. - Der alte Herr spricht anderthalb Stunden lang vor einem Publikum, welches tobt - teils vor Beifall, teils zum Widerspruch.

W�hrend seines letzten Aufenthalts in der Kapitale hat der b�rgerliche Gelehrte, der durch seinen Besuch in der Sowjetunion der Rechten verha�t und den Demokraten schon ein wenig verd�chtig ist, Besprechungen mit vielen seiner Freunde, mit Politikern, Schriftstellern, Professoren. All diese Unterredungen endigen mit der heftigsten Meinungsverschiedenheit.

Manches mu� Bruckner sich anh�ren �ber die �gesunden und aufbauwilligen Kr�fte�, die �trotz allem� im Nationalsozialismus stecken; manches �ber das edle nationale Pathos einer Jugend, der gegen�ber �wir �lteren� eben nicht l�nger verst�ndnislos ablehnend bleiben d�rfen; �ber den �politischen Instinkt des deutschen Volkes�, seinen �gesunden Menschenverstand�, der stets das Schlimmste verh�ten werde - (�Deutschland ist nicht Italien�) -: ehe er, erbittert und entt�uscht, abreist, im Herzen entschlossen, nie wiederzukehren. Der Geheimrat Bruckner entzieht sich einer Gesellschaft - in welcher Hendrik H�fgen Triumphe feiert. -

In den Berliner Salons ist jeder willkommen, der Geld hat oder dessen Namen h�ufig genannt wird von der Boulevardpresse. Auf dem Parkett der Tiergarten- und Grune-waldvillen treffen sich die Schieber mit den Rennfahrern, Boxern und ber�hmten Schauspielern. Der gro�e Bankier ist stolz darauf, Hendrik H�fgen bei sich zu empfangen; noch lieber freilich h�tte er Dora Martin in seinem Hause gesehen, aber Dora Martin kommt nicht, sie sagt ab oder zeigt sich h�chstens f�r zehn Minuten.

Nat�rlich erscheint auch H�fgen nicht vor Mitternacht. Nach der Abendvorstellung tritt er noch in einer Music-HalF' auf, wo er f�r dreihundert Mark ein Chanson singt, welches sieben Minuten dauert. Die schicke Gesellschaft, die er mit seiner Gegenwart beehrt, tr�llert ihm den Refrain' des Songs entgegen, den er ber�hmt gemacht hat:

�Es is doch nicht zu schildern -

Soll ich denn ganz verwildern?!

Mein Gott, was ist denn nur mit mir geschehn!�

Wie sch�n und fein Hendrik ist - es ist docli nicht zu schildern! Gr��end und l�chelnd, hinter sich Herrn Katz und Fr�ulein Bernhard als seine treuen Trabanten, bewegt er sich durch diese Gesellschaft von versnobten j�dischen Finanziers, von politisch radikalen und k�nstlerisch impotenten Literaten und von Sportsleuten, die noch nie ein Buch gelesen haben und, gerade deshalb, von den Literaten angehimmelt werden. �Sieht er nicht aus wie ein Lord?� fl�stern reich geschm�ckte Damen orientalischen Typs. �Er hat einen so lasterhaften Zug um den Mund - und diese herrlich blasierten Augen! Sein Frack ist von Knize, er hat zw�lfhundert Mark gekostet.� - In einer Ecke des Salons wird behauptet, H�fgen habe ein Verh�ltnis mit Dora Martin. �Aber nein - er schl�ft doch mit Fr�ulein Bernhard!� wollen noch Eingeweihtere wissen. �Und seine Frau?� erkundigt sich ein etwas naiver junger Herr, der noch nicht lange in der Berliner Gesellschaft verkehrt. Er bekommt nur ein ver�chtliches Lachen zur Antwort. Die Familie Bruckner ist nicht mehr ernst zu nehmen, seitdem sich der alte Geheimrat politisch auf eine so anst��ige und �brigens sinnlose Art exponiert hat. Gelehrte sollten sich nicht in Dinge mischen, von denen sie nichts verstehen - dar�ber sind alle sich einig -, und au�erdem empfindet man es als albernen Eigensinn, gegen den Strom zu schwimmen. F�r die zukunftstr�chtige Bewegung des Nationalsozialismus, die soviel positive Elemente enth�lt und ihre st�renden kleinen Fehler, zum Beispiel diesen l�stigen Antisemitismus, schon noch ablegen wird, bringt man als moderner Mensch Verst�ndnis auf. �Da� der Liberalismus etwas �berwundenes ist und keine Zukunft mehr hat, ist doch wohl eine Tatsache, �ber die wir nicht mehr zu diskutieren brauchen�, sagen die Literaten, und weder die Boxer noch die Bankiers widersprechen ihnen.

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