Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Denn alles, was entsteht,
Ist wert, da es zugrunde geht;
Drum hesser war's, da nichts entstnde.
Nun bewegt er sich nicht mehr, der gar zu gewandte Harlekin. Nun steht er regungslos. Ist er vor Jammer erstarrt? Unter der bunten Landschaft aus Schminke haben seine Augen jetzt den tiefen Blick der Verzweiflung. Mgen die Engel frohlocken um Gottes Thron - sie wisssen nichts von den Menschen. Der 'Teufel wei von den Menschen, er ist eingeweiht in ihre argen Geheimnisse, ach, und der Schmerz ber sie lahmt seine Glieder und lt seine Miene versteinern zur Maske der Trostlosigkeit -
Nach der Faust-Premiere, die mit Ovationen endet, verschliet sich der Schauspieler Hfgen in seine Garderobe: er will niemanden sehen. Eine Besucherin aber wagt der kleine Bock nicht abzuweisen. Es kommt selten vor, da Dora Martin sich Vorstellungen ansieht, in denen sie selbst nicht beschftigt ist. Ihre Anwesenheit heute abend hat Aufsehen gemacht. Der kleine Bock verneigt sich tief vor ihr und ffnet die Tr zum Heiligtum: zu Hendrik Hfgens Garberobe.
Beide sehen beranstrengt aus, sowohl Hfgen als auch seine Kollegin und Konkurrentin: Er ist mitgenommen und erschpft von den Ekstasen des Spiels, die hinter ihm liegen; sie von Sorgen, die ihm unbekannt sind.
Es war gut, sagt die Martin leise und sachlich; sie hat sich sofort auf einen Stuhl gesetzt, ehe er ihn ihr noch anbieten konnte. Auf dem schmalen Sessel kauert sie sich zusammen, ihr Gesicht, mit der hohen Stirn, den weiten, kindlich sinnenden Augen, steckt tief im Kragen des braunen Pelzes. Es war gut, Hendrik. Ich wute, da Sie das knnen. Der Mephisto ist Ihre groe Rolle.
Hfgen, der am Schminktisch sitzend ihr den Rcken wendet, lchelt ihr durch den Spiegel zu. Sie sagen das nicht ohne Bosheit, Dora Martin.
Sie erwidert, immer noch mit dem ruhigen, sachlichen Ton: Sie irren sich, Hendrik. Ich nehme es niemandem bel, da er ist, wie er ist.
Nun wendet Hendrik ihr sein Gesicht zu, von dem er die Teufelsbrauen und die Farbenpracht auf den Lidern entfernt hat. Danke, da Sie heute abend gekommen sind, sagt er weich und lt die Augen schimmern.
Aber sie winkt ab, fast verchtlich, als wolle sie sagen: Lassen wir doch nun diese Scherze! - Er scheint ihre Geste zu bersehen und erkundigt sich zrtlich: Was sind Ihre nchsten Plne, Dora Martin?
Ich halse englisch gelernt, antwortet sie.
Er macht ein erstauntes Gesicht. Englisch? Wieso das? Warum grade englisch?
Weil ich in Amerika Theater spielen werde, sagt Dora Martin, ohne den ruhigen, prfenden Blick von ihm zu wenden.
Da er immer noch den Verstndnislosen spielt und wissen wilclass="underline" Wieso? und: Warum gerade in Amerika? - spricht sie mit einer gewissen Ungeduld: Weil hier Schlu ist, mein Lieber. Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?
Da ereifert er sich. Aber was reden Sie, Dora Martin! Fr Sie wird sich doch nichts verndern! Ihre Position ist doch unerschtterlich! Sie werden doch geliebt - wirklich geliebt von so vielen Tausenden! Keiner von uns - Sie wissen es doch -, keiner von uns empfngt so viel liebe wie Sie!
Hier wird ihr Lcheln so traurig und hhnisch, da er verstummt. Die Liebe von vielen Tausenden! macht sie, beinah tonlos vor Verachtung. Dann zuckt sie die Achseln. Und, nach einem Schweigen, an Hendrik vorbei, ins Leere: Man wird andere Lieblinge finden.
Er schwatzt aufgeregt weiter. Aber die Theater machen doch Geschfte! Das Theater wird die Leute immer interessieren, was sonst auch in Deutschland geschieht.
Was sonst auch in Deutschland geschieht, wiederholt Dora Martin leise und, steht pltzlich auf. Ja, dann wnsche ich Ihnen also alles Gute, Hendrik, sagt sie schnell. Man wird sich lange nicht sehen. Ich reise schon dieser Tage.
Schon dieser Tage? erkundigt er sich verwirrt; und sie erwidert, den dunklen Blick in die Ferne gerichtet:
Es hat keinen Sinn, noch zu warten. Ich habe hier nichts mehr zu suchen. Nach einer Pause fgt sie hinzu: Aber Ihnen wird es schon gut gehen, Hendrik Hfgen - was sonst auch in Deutschland geschieht.
Ihr Gesicht unter der rtlichen Flle des Haares - ein etwas zu groes Gesicht fr. den schmalen und kleinen Krper - hat Zge von Stolz und Gram, whrend sie langsam auf die Tre zugeht und Hendrik Hfgens Garderobe verlt.
Wehe, der Himmel ber diesem Lande ist finster geworden. Gott hat sein Antlitz weggewendet von diesem Lande, ein Strom von Blut und Trnen ergiet sich durch die Straen aller seiner Stdte.
Wehe, dieses Land ist beschmutzt, und niemand wei, wann es wieder rein werden darf - durch welche Bue und durch welch gewaltigen Beitrag zum Glck der Menschheit wird es sich entshnen knnen von so riesiger Schande? Mit dem Blut und den Trnen spritzt der Dreck von allen Straen aller seiner Stdte. Was schn gewesen ist, wurde besudelt, was wahr gewesen ist, wurde niedergeschrien von der Lge.
Die dreckige Luft mat sich die Macht an in diesem Lande. Sie brllt in den Versammlungsslen, aus den Lautsprechern, aus den Spalten der Zeitungen, von der Filmleinwand. Sie reit das Maul auf, und aus ihrem Rachen kommt ein Gestank wie von Eiter und Pestilenz: der vertreibt viele Menschen aus diesem Lande, wenn sie aber gezwungen sind zu bleiben, dann ist das Land ein Gefngnis fr sie geworden - ein Kerker, in dem es stinkt.
Der Schauspieler Hendrik Hfgen befand sich in Spanien, als, dank den Intrigen im Palais des ehrwrdigen Reichsprsidenten und Generalfeldmarschalls, jener mit der bellenden Stimme, den Hans Miklas und ihm eine groe Anzahl unwissender und verzweifelter Menschen ihren Fhrer nannten, Reichskanzler wurde. Der Schauspieler Hendrik Hfgen spielte den eleganten Hochstapler in einem Detektivfilm, zu dem die Auenaufnahmen in der Nhe von Madrid gedreht wurden. Nach einem anstrengenden 'lge kam er abends mde ins Hotel zurck, kaufte sich beim Concierge Zeitungen, und erschrak. Wie - der grosprecherische Geselle, ber den man sich so hufig lustig gemacht hatte im Kreise geistvoller und fortschrittlich gesinnter Genossen - er sollte nun pltzlich der mchtigste Mann im Staate sein?!,Das ist ja scheulich', dachte der Schauspieler Hfgen..Eine scheuliche berraschung! Und ich war fest davon berzeugt gewesen, diese Nazis brauchte man nicht ernst zu nehmen! So ein Reinfall!'
Er stand in seinem schnen, beigefarbenen Frhlingsanzug in der Halle des Hotel Ritz, wo ein internationales Publikum die unheilschwangeren deutschen Vorkommnisse und die Reaktion der Brse auf sie besprach. Dem armen Hendrik wurde es hei und kalt, wenn er bedachte, was ihm nun bevorstehen mochte. Zahlreiche Personen, denen er immer nur Bses angetan, wrden jetzt vielleicht die Mglichkeit haben, sich an ihm zu rchen.