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Mephisto

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Mephisto
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Mit einem sinnenden Interesse, in dem sich eine echte Anteilnahme mit einer khlen und fremden Neugier-de mischt, beobachtet Barbara diesen neuen Elan ihres Gatten. Halb spttisch, halb bewundernd sieht sie Hendrik zu, der im wehenden Ledermantel und auf beschwingten Sandalen sich immer unterwegs, stets in Aktion und in der Nhe groer Entscheidungen zu befinden scheint. Barbara ist zu Hendrik zurckgekehrt, wie es ihr von ihrem Freund Sebastian prophezeit worden ist. Sie bereut es nicht. Der verwandelte, hchst gespannte Hendrik, mit dem sie nun zwei billige mblierte Zimmer bewohnt, gefllt ihr besser als der provinzielle Liebling, der schon Fett ansetzte, im H. K. Cercle hielt und in der gemtlichen Wohnung der Frau Konsul Mnkeberg den brgerlichen Ehemann zuspielen versuchte. Barbara fhlt sicli gar nicht so schlecht in den beiden finsteren Stuben, die sie jetzt mit ihrem Hendrik teilt. Sie liebt es, sich abends, nach der Vorstellung, mit ihm in einem trben kleinen Caf zu treffen, wo ein elektrisches Klavier durch das Halbdunkel klagt, wo die Kuchen aussehen wie aus Leim und Pappe und wo es keine Bekannten gibt.

Es fasziniert Barbara, Hendriks bebenden, gehetzten Berichten ber den Fortgang seiner Karriere zu lauschen. In solchen Augenblicken wei sie: er ist echt.

Voll fieberhaftem Eifer setzt Hendrik seine Hoffnungen, Plne, Berechnungen auseinander; da Barbara an ihnen Anteil nimmt, sich ihnen nicht mehr hochmutsvoll verschliet, steigert sein Lebensgefhl, erhht seinen Ehrgeiz. Ja, Barbara macht sich auf aktive Weise verdient um seine Laufbahn. Nicht umsonst hat sie ein so durchtriebenes Madonnengesiclit. Sie ist schlau, zieht ihr schwarzes Seidenkleid an und besucht den Professor, dem sie Gre von ihrem Vater, dem Geheimrat, bringt. Der groe Herr ber alle Theater am Kurfrstendamm- empfngt die Gattin seines jungen Schauspielers gndig, weil sie die Tochter des Geheimrats ist, dessen Namen man so oft in den Zeitungen liest und den er neulich beim Minister getroffen hat. Das Palais des Professors knnte das eines regierenden Frsten sein. Wohlgefllig schaut der Besitzer all dieser Barockmbel, Gobelins und alten Meisterbilder auf die brunlichen Arme und auf das pfiffig-nielandiolische Gesicht seiner Besucherin. Na, und Sie sind also verheiratet mit - diesem Hfgen, sagt er knarrend, als Abschlu der langen Musterung, wobei er besonders ausfhrlich mit der Zunge in den Backen spielt. Irgend etwas mu ja wohl an ihm sein

Dies alles gereicht natrlich Hendrik zu groem Vorteiclass="underline" mit den brigen Machthaber!! an den Kurfrstendamm-Bhnen, mit Herrn Katz und mit Frulein Bernhard, steht er ohnedies ausgezeichnet.

Schner Anfang fr eine Berliner Karriere - flstern die Kollegen sich zu. Seine hbsche Frau besucht denn Professor, mit Katz spielt er Karten, und Frulein Bernhard kitzelt er am Kinn. Aus dem kann was werden! Aus dem wird etwas: es ist bald soweit. Erst ist es nur eine kleine Rolle, in welcher man ihn bemerkt; aber man bemerkt ihn, die Zeitungen erwhnen schon den begabten Herrn Henrik Hfgen, und er hat in dem russischen Stck doch nur einen betrunkenen jungen Bauern spielen drfen, der auf die Bhne taumelt, um zunchst zu lallen, dann jedoch zu tanzen. Aber wie er lallt und, vor allem, wie er tanzt! Das Berliner Publikum ist hingerissen von dem gelehrigen Schler der Prinzessin Tebab: es bricht in Beifall aus, da er geendigt hat. Mit welcher Besessenheit dieser Bursche die Glieder wirft! Alle Welt ist des Lobes voll ber den ekstatischen Ausdruck, den man auf seiner Miene bemerkt haben will whrend des Tanzes. Rose Bernhard, die am Bfett Herren von der Presse und Damen aus der Gesellschaft um sich versammelt, konstatiert: Es ist etwas Bacchantisches an diesem Menschen.

Das Publikum, abgelenkt durch tausend Sorgen und Vergngungen, vergit wieder den Namen des frenetischen Tnzers. Aber die Eingeweihten - die, auf welche es ankommt - merken sich Hendriks ersten Berliner Erfolg. Und von seinem zweiten spricht die Hauptstadt.

In einem sensationellen Stck, in einer aufsehenerregenden Inszenierung, gelingt es dem Schauspieler Hfgen, vom Interesse des Publikums und der Presse auf sich den grten Teil zu versammeln. ber seine Leistung wird noch mehr gerodet als ber den Autor des erregenden Dramas Die Schuld - jenen geheimnisvollen Unbekannten, dessen rtselhafte Person in den Cafs und Theaterkanzleien, in den Salons und Redaktionsbros das beliebteste Diskussionsthema ausmacht. Wer ist der Dichter, der sich hinter dem Pseudonym Richard Loser verbirgt und der in seiner Tragdie eine so erschtternde Menge von sndigem Elend, Not und Verirrung gestaltet? Wo findet man ihn, diesen Begnadeten, der uns durch ein Labyrinth tragischer und schmutziger Komplikationen fhrt, der soviel Entartung, verderbte Leidenschaft, soviel Qual und Jammer kennt und zeigt? Keine Frage: der Autor dieses schaurig-spannenden Dramas, das die verschiedenartigsten stilistischen Elemente - symbolische wie naturalistische - auf wirkungsvolle und khne Art in sich vereinigt, mu ein Abseitiger sein; ein Einsamer, der sich fernhlt vom Betrieb des Marktes. Die Literaten - immer von Mitrauen erfllt gegen ihren eigenen Beruf- schwren: Dieser ist kein Literat. Er hat keine Routine, alles an ihm ist geniale Ursprnglichkeit. Niemals hat er eine Zeile geschrieben bis zu diesem lge. Ein junger Nervenarzt - wollen einige besonders Eingeweihte wissen, und er lebt in Spanien. Auf Briefe antwortet er nicht, die Verhandlungen mit ihm sind durch mehrere Mittelsleute zu fhren: alles dies wird ungeheuer interessant gefunden, man bespricht es fieberhaft in den Kreisen, die auf sich halten.

Ein junger Nervenarzt, und er lebt in Spanien: die Version hat viel Wahrscheinlichkeit, man glaubt sie, sie setzt sich durch. Nur ein Nervenarzt kann so bewandert sein in jenen Entartungen der Menschenseele, die zu grausigen Verbrechen fhren. Wie der sich auskennt! In seinem Drama kommen alle Snden vor. Es ist eine Gesellschaft von Verfluchten, die hier handelt und leidet. Jede Person, die auftritt, scheint ein finsteres Zeichen auf der Stirn zu tragen: darber sind die Damen aus dem Grunewald und vom Kurfrstendamm ganz entzckt.

Von allen Verkommenen der Verkommenste aber ist Hendrik Hfgen, weshalb er auch den strksten Beifall hat. Seiner fahlen, teuflischen Miene, seiner belegten und matten Stimme ist es anzumerken, da er mit allen Lastern vertraut ist und sogar noch finanziellen Vorteil aus ihnen zieht. Augenscheinlich ist er ein Erpresser groen Stils; aasig lchelnd, bringt er junge Menschen skrupellos ins Unglck, einer von ihnen begeht Selbstmord auf offener Bhne, Hendrik, die Hnde in den Hosentaschen, die Zigarette im Mund, das Monokel vorm Auge, schlendert an der Leiche vorbei. Unter Schauern empfindet das Publikum: Dieser ist die Inkarnation des Bsen. Er ist so durchaus, so vollkommen bse, wie es nur ganz selten vorkommt. Manchmal scheint er selber zu erschrecken ber seine absolute Schlechtigkeit; dann bekommt er ein starres, weies Gesicht, die fischigen Edelsteinaugen haben ein trostloses Schielen, und an den empfindlichen Schlfen vertieft sich der Leidenszug.

Hfgen spielt dem wohlhabenden Publikum des Berliner Westens die uerste Entartung vor, und er macht Sensation. Die Verworfenheit als Delikatesse fr reiche Leute: damit schafft es Hfgen. Wie er es schafft! Sein zugleich mdes und gespanntes Mienenspiel wird be-vundert, sehr bewundert werden seine nachlssig weichen, anmutig tckischen Gebrden. Er bewegt sich wie eine Katze! schwrmt Frulein Bernhard, die sich von ihm Rose nennen lt. Eine bse Katze! oh, wie himmlisch bse er ist! Seine Sprechweise - ein heiseres Flstern, aus dem zuweilen ein bezauberndes Singen wird - kopieren schon die Kollegen von den kleineren Bhnen. - Habe ich nun nicht recht gehabt? Es ist etwas los mit ihm, sagt Dora Martin zum Professor, der nicht lnger widersprechen kann. Na ja, bringt er knarrend hervor, bewegt die Zunge im Munde und blickt grblerisch. Im Grunde nimmt er diesen Hfgen noch immer nicht ernst; so wenig ernst, wie Oskar H. Kroge es je getan hat.,Ein Komdiant', denkt der Professor, wie Kroge.

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