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Mephisto

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Mephisto
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Mit wankenden Knien betritt Hendrik den Lift. Eine Verabredung, die er fr den Abend mit einigen Kollegen getroffen hatte, sagte er ab. Er lie sich das Diner auf seinem Zimmer servieren. Nachdem er eine halbe Flasche Champagner getrunken hatte, wurde seine Stimmung etwas zuversichtlicher.

Man mute khl und gefat bleiben, sich vor Panikstimmungen hten. Dieser sogenannte Fhrer war also Reichskanzler - schlimm genug. Immerhin war er noch nicht Diktator und wrde es aller Wahrscheinlichkeit nach niemals werden.,Die Leute, die ihn an die Macht geholt haben, diese Deutschnationalen, werden schon dafr sorgen, da er ihnen nicht gar zu sehr ber den Kopf wchst', dachte Hendrik. Dann fielen auch die groen Oppositionsparteien ihm ein, die doch schlielich noch existierten. Die Sozialdemokraten und die Kommunisten wrden Widerstand leisten - vielleicht bewaffneten Widerstand -: so beschlo Hendrik Hfgen in seinem Hotelzimmer und bei seiner halben Flasche Sekt, nicht ohne lustvolles Gruseln. Nein, bis zur nationalsozialistischen Diktatur war es noch weit! Vielleicht wrde die Situation sogar berraschend schnell umschlagen: der Versuch, das deutsche Volk dem Faschismus auszuliefern, konnte enden mit der sozialistischen Revolution. Dergleichen war sehr wohl mglich, und dann wrde sich herausstellen, da der Schauspieler Hfgen ungemein schlau und weitblickend spekuliert hatte. - Angenommen aber sogar, die Nazis blieben an der Regierung: was hatte er, Hfgen, schlielich von ihnen zu frchten? Er gehrte keiner Partei an, er war kein Jude. Vor allem dieser Umstand - da er kein Jude war - erschien Hendrik mit einemmal ungeheuer trstlich und bedeutungsvoll. Was fr ein unverhoffter und bedeutender Vorteil, man hatte es frher gar nicht so recht bedacht! Er war kein Jude, also konnte ihm alles verziehen werden, selbst die Tatsache, da er sich im Kabarett Sturmvogel als Gensse hatte feiern lassen. Er war ein blonder Rheinlnder. Auch sein Vater Kbes war ein blonder Rheinlnder gewesen, ehe die finanziellen Sorgen ihn grau werden lieen. Und seine Mutter Bella wie seine Schwester Josy waren einwandfrei blonde Rheinlnderinnen.

Ich bin ein blonder Rheinlnder, trllerte Hendrik Hfgen, vom Sektgenu wie vom Resultat seiner berlegungen erheitert, und er ging guter Dinge zu Bett.

Schlechtes Wetter hinderte die deutsche Schauspielertruppe mehrere Tage lang, Aufnahmen im Freien zu machen; man war gentigt, bis zum Ende des Februar in Madrid zu bleiben. Die Nachrichten, die aus der Heimat kamen, waren widerspruchsvoll und erregend. Auer jedem Zweifel schien zu sein, da Berlin sich in einem wahren Delirium der Begeisterung fr den nationalsozialistischen Reichskanzler befand. Ganz anders standen die Dinge- wenn man den Berichten der Zeitungen und den privaten Informationen glauben durfte - in Sddeutschland und besonders in Mnchen. Man wollte wissen, da die Lostrennung Bayerns vom Reich und die Ausrufung der Wittelsbacher-Monarchie zu erwarten sei. Vielleicht waren aber das nur hohle Gerchte oder doch bertreibungen tendenziser Natur. Jedenfalls tat man besser daran, sich auf sie nicht gar zu fest zu verlassen und die Sympathie mit der neuen Macht demonstrativ zu betonen. So hielten es denn auch die deutschen Schauspieler, die in Madrid versammelt waren, um einen Detektivfilm zu drehen. Der jugendliche Liebhaber - ein schner Mann mit einem langen, slawisch lautenden Namen - prahlte pltzlich damit, da er schon seit Jahren Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei sei, was er bis dahin konsequent verschwiegen hatte; seine Partnerin, deren weiche, dunkle Augen und sanft gebogene Nase zu Zweifeln an ihrer germanischen Reinrassigkeit berechtigten, gab zu verstehen, da sie mit einem hohen Funktionr derselben Partei so gut wie verlobt sei; den jdischen Komiker aber sah man immer bedrckter werden.

Hfgen seinerseits hatte sich zu der einfachsten und wirkungsvollsten Taktik entschlossen: er hllte sich in ein geheimnisvolles Schweigen. Niemand sollte ahnen, wieviel Sorgen er zu verbergen hatte. Denn die Mitteilungen, die er von Frulein Bernhard und anderen Ergebenen aus Berlin erhielt, waren niederschmetternd. Rose schrieb, man msse auf das Schlimmste gefat sein. Sie erging sich in finsteren Andeutungen ber schwarze Listen, die von den Nazis schon seit Jahren gefhrt wurden und auf denen weder Geheimrat Bruckner noch der Professor, noch Hendrik Hfgen fehlten. Der Professor befand sich in London und gedachte, vorlufig nicht nach Berlin zurckzukehren. Frulein Bernhard legte ihrem Hendrik nahe, sich auch seinerseits zunchst fernzuhalten von der deutschen Hauptstadt - ihm lief es eiskalt ber den Rcken, als er es las. Gerade noch war er einer der Feinsten gewesen, und nun sollte er pltzlich ein Verbannter sein! Es fiel ihm nicht leicht, vor den argwhnischen Kollegen eine khle Miene zu wahren und bei den Aufnahmen so Hott und aasig zu sein, wie man es von ihm erwartete.

Als die Truppe sich zur Heimreise anschickte und selbst der jdische Komiker mit besorger Miene seine Koffer packte, behauptete Hendrik, wichtige Besprechungen in Filmangelegenheiten riefen ihn nach Paris. Sein Gedanke war: Ich mu Zeit gewinnen. Es drfte kaum ratsam sein, sich gerade jetzt in Berlin zu zeigen. In einigen Wochen hat man sich wahrscheinlich beruhigt

Hingegen standen die fulminanten1 berraschungen erst bevor. Als Hfgen in Paris eintraf, war das erste, was er erfuhr, die Nachricht vom Brande des deutschen Reichstags. Hendrik, durch seine langjhrige Ttigkeit als Schurkenspieler gebt im Erraten krimineller Zusammenhnge und nicht ohne natrlichen Instinkt fr die niedrigen Kombinationen der Untenveit, begriff sofort, wer diese provokatorische Untat ersonnen und ausgefhrt hatte: die ruchlose und dabei infantile Schlauheit der Nazis hatte sich ja eben an jenen Filmen und Theaterstcken gebt und entzndet, in denen Hendrik die Hauptrollen zu spielen pflegte. Hfgen konnte sich nicht verbergen, da sich in den Schauer, den er ber den rohen Trick dieser Brandstiftung empfand, ein anderes Gefhl mischte, welches Behagen und beinahe Wollust war. Die verderbte Phantasie von Abenteurern entschlo sich zu dem frechen, leicht durchschaubaren Betrug, der nur deshalb Erfolg haben konnte, weil in Deutschland selber niemand mehr wagen durfte, die Stimme gegen ihn zu erheben, und weil die brige Welt, auf ihre eigene Ruhe mehr bedacht als auf die Sittlichkeit europischen Lebens, nicht geneigt schien, sich in die unheimlichen Affren dieses tief verdchtigen Reiches zu mischen.

,Wie stark das Bse ist!' dachte der Schauspieler Hfgen unter ehrfrchtigen Schauern.,Was es sich alles leisten und ungestraft herausnehmen darf! - Es geht in der Welt wirklich zu wie in den Filmen und Stcken, deren Held ich so hufig gewesen hin.' Dies war fr den Augenblick das Khnste, was er zu denken wagte. Aher ahnungsweise und ohne es sich noch eingestehen zu wollen, empfand er?.um ersten Male einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem eigenen Wesen und jener anrchigen, verderbten Sphre, in der vulgre Schurkenstreiche, wie diese Brandstiftung, ersonnen und ausgefhrt wurden.

Zunchst freilich war Hendrik kaum geneigt, ber die Psychologie der deutschen Missetter und ber das, was ihn etwa mit diesen Untenveit-Typen verbinden mochte, lange nachzugrbeln; er hatte Anla, sich ber die nchste Zukunft ernste Sorgen zu machen. Nach dem Reichstagsbrand waren in Berlin mehrere Personen verhaftet worden, mit denen er auf vertrautem Fue gestanden hatte, darunter auch Otto Ulrichs. Rose Bernhard hatte ihren Posten an den Kurfrstendamm-Bhnen verlassen und war berstrzt nach Wien abgereist. Von dort aus beschwor sie brieflich ihren Freund Hfgen, er solle unter keinen Umstnden deutschen Boden betreten. Dein Leben wre gefhrdet! So alarmierend schrieb Rose aus dem Hotel Bristol in Wien.

Hendrik meinte, dies drfe er fr romantische bertreibung halten. Trotzdem war er beunruhigt. Von Tag zu Tag verschob er seine Abreise. Unbeschftigt und nervs schlenderte er durch die Pariser Straen. Er kannte die Stadt nicht, war aber keineswegs in der Stimmung, sich jetzt an ihrem Zauber zu erfreuen oder ihn auch nur zu bemerken.

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