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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Diese Bosheit entlockte Dronow ein unangenehm rülpsendes Lachen.

In seine Erinnerungen verloren, hörte Klim plötzlich ein eiliges Rascheln im Salon, dann das tiefe Tönen von Saiten, als habe Rzigas Cello, ausgeruht, sich seines gestrigen Gesangs erinnert und versuche nun, ihn für sich zu wiederholen. Dieser Gedanke, der Klim fremdartig anmutete, verschwand gleich wieder, um der Angst vor dem Rätselhaften Platz zu machen. Er lauschte. Ganz klar: die Töne entstanden im Salon, nicht über ihm, wo Lida zuweilen noch spät nachts die Saiten des Flügels zu beunruhigen pflegte.

Klim zündete eine Kerze an, nahm eine Hantel in die rechte Hand und trat in den Salon. Er fühlte, dass seine Beine zitterten. Das Cello tönte jetzt lauter, das Rascheln wurde vernehmlicher. Augenblicklich erriet er, daß eine Maus im Instrument saß, legte es behutsam mit dem oberen Deckel auf den Fußboden und konnte sehen, wie eine junge Maus, winzig wie eine Küchenschabe, unter ihm hervorkugelte.

Durch die Dunkelheit des Zimmers der Mutter spannte sich ein vertikales und straffes Feuerband, das Licht aus dem Schlafzimmer.

»Sie schläft nicht. Ich werde ihr von dem Mäuschen erzählen.«

Doch als er sich der Tür genähert hatte, prallte er zurück: der Schein der Nachtlampe beleuchtete das Gesicht und den nackten Arm der Mutter, der den behaarten Nacken Warawkas umschlang. Sein struppiger Kopf schmiegte sich an die Schulter der Mutter. Sie lag auf dem Rücken. Ihr Mund stand offen. Sie mußte fest schlafen. Warawka schnarchte gaumig und schien aus irgendeinem Grunde kleiner, als er am Tage war. Dieses ganze Schauspiel hatte etwas Beschämendes, Verwirrendes und zugleich Rührendes.

Wieder in seinem Zimmer, legte Klim sich ins Bett, tief aufgewühlt. Vor seinem geistigen Blick schwebten, eine nach der anderen, die Gestalten der dicken, kleinen Ljuba Somow, der schönen Alina mit ihrer schnippisch aufgeworfenen Lippe, dem kühnen Blick ihrer blauen Augen und ihrer tiefen herrischen Stimme heran. Die Figur Lidas, vertrauter als die der anderen, verdunkelte ihre Freundinnen. Klim dachte an sie und verlor sich in einem sehr dunklen und verschwommenen Gefühl. Er wußte, daß Lida unschön, oft sogar unsympathisch war, und doch fühlte er sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Sein nächtliches Grübeln über die jungen Mädchen wurde zum Reiz, erregte in seinem Körper eine beklemmende und beinahe schmerzhafte Spannung, und ließ Klim an das abschreckende Buch des Professors Tarnowski über die verderblichen Folgen der Onanie denken, ein Buch, das seine vorausschauende Mutter ihm längst unbemerkt zugesteckt hatte. Er sprang aus dem Bett, zündete die Lampe an und ergriff Melnikows Büchlein »Über die Liebe«. Das Buch war langweilig und handelte nicht von jener Liebe, die Klim aufwühlte. Draußen schüttelte der Wind die Bäume, ihr Rauschen weckte die Vorstellung vom Flug einer zahllosen Vogelschar, vom Rascheln der Mädchenröcke beim Tanz auf den Gymnasiastenbällen, die Rziga veranstaltete.

Klim schlief erst im Morgengrauen ein und erwachte spät, zerschlagen und unwohl. Es war Sonntag, schon läuteten die Glocken den Spätgottesdienst aus. Der Aprilregen klatschte ans Fenster, eintönig summte das Blech der Regentraufe. Klim dachte beleidigt:

»Muß ich wirklich das selbe durchmachen wie Makarow?«

An Makarow zu denken, ging nicht mehr an, ohne zugleich an Lida zu denken. In Lidas Gegenwart war Makarow erregt und sprach lauter, frecher und spöttischer als gewöhnlich. Aber seine scharfen Züge wurden weicher, seine Augen blitzten fröhlicher.

»Ist es wahr, daß man Makarow wegen Betrunkenheit aus dem Gymnasium entfernen will?« fragte Lida gleichgültig. Klim verstand, daß es eine gespielte Gleichgültigkeit war.

Die Tür öffnete sich zögernd. Das neue Dienstmädchen trat ins Zimmer, dick, dumm, mit gerümpfter Nase und farblosen Augen.

»Die Mama läßt fragen, ob Sie Kaffee wünschen. Weil bald gefrühstückt wird.«

Die weiße Schürze umspannte straff ihre Brust. Klim mußte daran denken, daß ihre Brüste wohl ebenso hart und rauh waren wie ihre Waden.

»Ich will nicht«, sagte er wütend.

Plötzlich fand er, daß Lidas Liebesroman mit Makarow dümmer sei als alle anderen Romane der Gymnasiasten mit den Gymnasiastinnen, und fragte sich:

»Vielleicht bin ich überhaupt nicht verliebt, sondern erliege nur allmählich der Atmosphäre allgemeiner Verliebtheit und bilde mir alles ein, was ich empfinde?«

Doch diese Überlegung, weit entfernt, ihn zu beruhigen, rief ihm nur das halbverrückte Geschwätz des angeheiterten Makarow in Erinnerung. Auf seinem Stuhl schaukelnd und sich abmühend, mit den Fingern die widerspenstigen, zweifarbigen Haarsträhnen zu kämmen, hatte er mit schwerer, betrunkener Zunge gesagt:

»Die Physiologie lehrt, daß nur neun von unseren Organen sich in progressiver Entwicklung befinden, und daß wir absterbende, rudimentäre besitzen – verstehst du? Vielleicht lügt die Physiologie, vielleicht aber haben wir tatsächlich absterbende Sinne. Jetzt stell dir vor, der Trieb zum Weibe sei so ein agonisierendes Gefühl. Daher ist es dann wohl so quälend, so ausdauernd, wie? Stell dir vor, der Mensch begehre nach Tomilins Theorie zu leben, he? Das Hirn, der Sitz des forschenden schöpferischen Verstandes, der Teufel hol ihn, beginnt schon, die Liebe als ein Vorurteil aufzufassen, nicht wahr? Und vielleicht sind Onanie und Homosexualität ihrem Wesen nach Bestrebungen, sich vom Weibe zu befreien? Wie denkst du?«

Diese Fragen richtete er an Klim, als sie ihn noch nicht ängstigten, und die betrunkenen Reden seines Kameraden flößten Klim damals nur Widerwillen ein. Doch jetzt erschien ihm das Wort »Befreiung vom Weibe« nicht gar so dumm, und es war beinahe wohltuend, sich zu vergegenwärtigen, daß Makarow immer mehr dem Trunk verfiel, wenngleich es den Anschein hatte, als würde er ruhiger und zuweilen so nachdenklich, daß man glauben konnte, er sei unversehens mit Blindheit und Taubheit geschlagen. Klim fiel auf, daß Makarow, wenn er sich eine Zigarette anzündete, das Streichholz nicht auslöschte, sondern es im Aschenbecher sorgsam zu Ende brennen ließ oder es solange zwischen seinen Fingern hielt, bis es heruntergebrannt war. Die stets aufs neue versengte Haut an seinen beiden Fingerspitzen war dunkel geworden und schwielig wie bei einem Schlosser.

Klim unterdrückte die Frage, weshalb er das tue. Er zog überhaupt vor, stillschweigend zu beobachten, ohne auf Erklärungen zu drängen, eingedenk der unglücklichen Versuche Dronows und Warawkas schlagenden Ausspruchs:

»Dumme fragen mehr als Wißbegierige.«

Neuerdings trug sich Makarow mit dem Buch eines anonymen Autors, »Triumphe des Weibes«. Er pries es so flammend und beredt, daß Klim sich das dicke Buch von ihm auslieh. Er las es aufmerksam durch, fand aber darin nichts der Begeisterung Würdiges. Der Verfasser schilderte in ledernem Stil die Liebe Ovids und Korinnas, Petrarcas und Lauras, Dantes und Beatrices, Bocaccios und der Fiametta. Das Buch war angefüllt mit prosaischen Übersetzungen der Elegien und Sonette. Lange und argwöhnisch grübelte Klim darüber nach, was in aller Welt seinen Kameraden daran so bezaubert haben konnte. Da er es nicht entdecken konnte, fragte er Makarow selbst.

»Du hast es nicht verstanden?« staunte der, schlug das Buch auf und las den ersten besten Satz aus dem Vorwort des Verfassers:

»›Der Sieg über den Idealismus war gleichzeitig der Sieg über das Weib.‹ Da hast du die Wahrheit. Die Höhe der Kultur wird durch das Verhältnis zur Frau bestimmt, verstehst du?«

Klim nickte zustimmend, tat einen Blick in Makarows scharfes Gesicht, in seine frechen Augen und begriff sogleich, daß Makarow die »Triumphe des Weibes« wegen der zynischen Geständnisse Ovids und Bocaccios, keineswegs aber wegen der Dantes und Petrarcas brauchte. Ohne Zweifel diente ihm das Buch lediglich dazu, Lida in eine geeignete Gemütsverfassung zu bringen.

»Wie einfach ist alles im Grunde«, dachte er mit einem scheelen Blick auf Makarow, der mit Wärme von Troubadours, Turnieren und Duellen sprach.

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