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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Zu Hause meldete Klim der Mutter, daß der Onkel zurückkehrte. Sie sah fragend Warawka an. Der beugte seinen Kopf über den Teller und sagte gleichgültig:

»Ja, ja, diese Leute, denen die Geschichte befohlen hat, abzutreten, kehren allmählich von »weiten Reisen« zurück. Bei mir im Kontor sind drei von ihnen beschäftigt. Ich muß gestehen, sie arbeiten gut.«

»Aber ...?« fragte die Mutter.

Warawka erwiderte:

»Darüber – später.«

Klim begriff, daß Warawka in seiner Gegenwart nicht sprechen wollte, fand das unfein und blickte fragend die Mutter an, aber er begegnete nicht ihren Augen. Sie sah zu, wie Warawka, müde, struppig und wütend, Stücke Schinken verschlang. Rziga kam, nach ihm der Rechtsanwalt. Beinahe bis Mitternacht spielten sie und die Mutter vortrefflich. Die Musik berauschte Klim, erfüllte ihn mit nie gespürter Ergriffenheit und stimmte ihn so lyrisch, daß er, als er seiner Mutter beim Abschied die Hand küßte, der Gewalt dieser neuen Regung nachgab und flüsterte:

»Meine Teure, meine Geliebte!«

Die Mutter umarmte ihn innig, streichelte schweigend seine Wange und küßte ihn mit ihren heißen Lippen auf die Stirn.

Sowie er im Bett war, bemächtigte sich seiner jenes Unbesiegbare, das sein Leben ausmachte. Er erinnerte sich eines Gesprächs mit Makarow, das er kürzlich gehabt hatte. Als Klim ihm von Dronows Liebesroman mit der Näherin erzählte, murmelte Makarow:

»So? Das Vieh.«

Er sagte diese drei Worte ohne Ärger und Neid, ohne Abscheu oder Verwunderung und so, daß das letzte überflüssig klang. Dann lachte er spöttisch und erzählte:

»Mein Zimmerwirt, ein Briefträger, lernt bei mir Geige, weil er seine Mama liebt und sie nicht durch eine Heirat betrüben möchte. »Eine Frau ist schließlich doch ein fremder Mensch«, sagt er. »Versteht sich, heiraten werde ich, aber erst nach Mamas Tode.« Jeden Sonnabend besucht er ein öffentliches Haus und danach ein Bad. Er spielt schon das fünfte Jahr, aber nichts wie Übungen, denn er schwört darauf, wenn er nicht vorher sämtliche Etüden durchgenommen habe, würde das Spielen von Stücken seinem Gehör und seiner Hand schaden.

Makarow verstummte und wurde finster.

»Was soll das?« fragte Klim.

»Ich weiß nicht«, antwortete Makarow. während er aufmerksam den Rauch seiner Zigarette verfolgte. »Es besteht hier ein Zusammenhang mit Wanjka Dronow. Wanjka lügt zwar todsicher, er hat bestimmt keinen Liebesroman gehabt, aber daß er mit unzüchtigen Photographien gehandelt hat, ist wahr.«

Er schüttelte heftig den Kopf und fuhr fort, leise und erbost:

»Eine blöde Stimmung. Alles ist unwichtig, außer dem Einen. Ich fühle mich nicht als Mensch, sondern nur als ein Organ des Menschen. Beschämend und widerlich ist das. Als schärfe irgend so ein Inspektor dir ein: »Du bist ein Hahn, mach, daß du zu den dir zugewiesenen Hennen kommst!« Und ich will die Henne und will sie auch nicht. Ich will Übungen spielen. Du, gescheiter Kopf, fühlst du etwas derartiges?«

»Nein«, log Klim in bestimmtem Ton.

Man schwieg eine Weile. Makarow saß zusammengekrümmt, mit übereinandergeschlagenen Beinen. Klim fixierte ihn interessiert und fragte:

»Was empfindest du denn für das Weib?«

»Die Furcht Gottes!« sagte finster Makarow, stand auf und griff nach seiner Mütze.

»Ich werde irgendwohin gehen.«

Als Klim sich dieser Szene erinnert hatte, dachte er mit Ärger an Tomilin. Dieser Mensch sollte etwas Beruhigendes wissen, etwas, das von Scham und Furcht befreite, und sollte es sagen. Schon mehrmals hatten Klim und Makarow, – jener behutsam, dieser ausfallend und drängend versucht, mit dem Lehrer ein Gespräch über die Frauen in Gang zu bringen, doch Tomilin war so eigentümlich taub für dieses Thema, daß er Makarow die verärgerte Bemerkung abnötigte:

»Er verstellt sich, der rothaarige Satan!«

»Vermutlich hat er sich verbrannt«, grinste Dronow, und dieses Grinsen, das Klim an die Szene im Garten denken ließ, weckte in ihm den Verdacht: »Wirklich, sollte er gesehen haben? Weiß er?«

Nur ein einziges Mal gab der Lehrer dem ausdauernden Drängen Makarows nach. Beiläufig und ohne die jungen Leute anzublicken, sagte er:

»Über die Frau muß man in Versen reden. Ohne Würze ist diese Speise ungenießbar, und – ich liebe Verse nicht.«

Die Augen zur Decke richtend, empfahl er:

»Lest Schopenhauers »Metaphysik der Liebe«, darin findet ihr alles, was ihr wissen müßt. Als ganz passable Illustration dazu mag euch die »Kreutzersonate« von Tolstoi dienen.«

Alle drei besuchten Tomilin immer seltener. Gewöhnlich trafen sie ihn hinter einem Buch an, er stemmte beim Lesen die Ellenbogen auf den Tisch und hielt sich mit den Händen die Ohren zu. Manchmal lag er mit eingezogenen Beinen auf dem Bett, hielt das Buch auf den Knien, und zwischen seinen Zähnen steckte ein Bleistift. Das Klopfen beachtete er zuweilen nicht, dann mußte man es drei- bis viermal wiederholen.

»Ich bin keine Frau«, pflegte er zu erklären, und hinzuzufügen: »Ich bin nicht nackt.«

Nach einigem Nachdenken ergänzte er noch: »Nicht verheiratet.«

Er durchmaß das Zimmer und lehrte:

»In der Welt der Ideen hat man diejenigen Subjekte zu unterscheiden, die suchen, und solche, die sich verstecken. Jene wollen um jeden Preis den Weg zur Wahrheit finden, wohin immer er führe und sei es auch in den Abgrund, ins Verderben. Die zweiten wollen nichts als sich verkriechen, als ihre Furcht vor dem Leben, ihre Ratlosigkeit vor seinen Geheimnissen in einer bequemen Idee verstecken. Der Tolstoianer ist eine lächerliche Type, aber er vermittelt eine überaus plastische Vorstellung von den Menschen, die sich verkriechen.«

Klim sah, daß Makarow in gebückter Haltung des Lehrers Füße beobachtete, als warte er darauf, daß er stolpere, warte ungeduldig, und daß er seine Fragen aufdringlich und laut stellte, als wolle er einen Eingeschlafenen aufwecken, aber keine Antwort erhielt.

Während er der ruhigen, nachdenklichen Stimme seines Lehrers lauschte, suchte Klim zu erraten, wie die Frau sein mußte, die einen Tomilin lieben konnte. Wahrscheinlich häßlich und unbedeutend wie Tanja Kulikow oder Katins Schwägerin, die alle Hoffnung auf Liebe verloren hatte. Doch diese Grübeleien hinderten Klim nicht, beißende Paradoxe und Aphorismen aufzufangen.

»Der Weg zum wahren Glauben geht durch die Wüste des Unglaubens«, vernahm er. »Glaube als bequeme Gewohnheit ist unendlich viel schädlicher als Zweifel. Denkbar ist sogar, dass der Glaube in seinen krassesten Erscheinungsformen eine psychische Krankheit ist: Gläubige sind Hysteriker und Fanatiker wie Savanarola oder der Protopop Awakum, im günstigsten Fall Schwachsinnige, wie der heilige Franziskus von Assisi.«

Von Zeit zu Zeit unterbrach Dronow ihn mit Fragen sozialen Charakters. Aber der Lehrer blieb ihm entweder die Antwort schuldig, oder er sprach widerwillig und verschwommen.

»Es ist falsch zu glauben, wenn die Menschen zu einer Organisation, zu einer Partei vereinigt seien, müsse ihre Energie wachsen. Das Gegenteil trifft zu: indem die Menschen ihre Wünsche, Hoffnungen und Pflichten auf den Führer abwälzen, drücken sie sowohl die Temperatur als auch das Wachstum ihrer persönlichen Energie herab. Die idealste Verkörperung der Energie ist Robinson Crusoe.«

Als erster wurde Makarow dieser Offenbarungen müde.

»Wir müssen gehen«, sagte er grob. Tomilin gab ihnen seine warme und feuchte Hand, lächelte und unterließ es, sie noch einmal einzuladen. Makarow begegnete Tomilin immer respektloser, und einmal, als man, von einem gemeinsamen Besuch bei ihm kommend, die Treppe hinabstieg, sagte er absichtlich laut:

»Der Rothaarige kommt mir vor wie eine Tarantel. Ich habe dieses Insekt nie gesehen, aber in der altertümlichen Naturgeschichte von Gorisontow heißt es: »Die Taranteln sind dadurch nützlich, dass sie in Öl gesotten, als bestes Heilmittel gegen ihre eigenen Bisse dienen!«

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